Chapter 7

„Hast du nicht auch den Eindruck?“ sagte Lola nachher zu Mai. „Wenn wir jetzt abreisen wollten, würde man ihn holen und uns vorher gar nicht fortlassen.“

„Eigentlich ist es ganz hübsch hier,“ antwortete Mai; und Lola dachte, klarer als Mai: „Einmal nicht allein über sich bestimmen; nicht mehr gar so frei sein und überall hingehen dürfen, ohne daß etwas darauf ankommt: beinahe tut es wohl . . .“

Dennoch geriet sie noch vor der Weiterfahrt mit Pardi aneinander. Sie mußte aus einem Coupé wieder aussteigen; ein Paar hatte darin gesessen, dessen gesetzliche Zusammengehörigkeit Pardi leugnete.

„Aber Sie werden jetzt schrecklich!“

„Ich bin für Sie verantwortlich! Sie kompromittieren mich!“

Lola war fassungslos. Mai äußerte schüchtern:

„Auch ich habe dir so etwas schon manchmal verweisen wollen, Lola.“

Plötzlich fuhr Lola auf, als habe sie nun verstanden.

„Wie kann ich denn Sie —“

Aber sie nahm sich zusammen und sah lächelnd und mit Kopfschütteln zum Fenster hinaus.

Bei der Ankunft wollte sie zu Fuß gehen, mußte aber, denn ein Auftritt drohte, in den Omnibus steigen. Die Hotelzimmer, die Pardi seinen Damen zugedacht hatte, waren am Abend vergeben. Lola sah ihn bei der Gelegenheit zum erstenmal in Wut; sie dachte: „Gut, daß ich ihn kennen lerne.“ Der Wirt war trostlos, die Kellner traten mit den Zehen auf. Mai und Lola saßen, von neugierigen Badegästen umringt, im Salon, wie feindliche Fürstinnen, denen ihr Marschall die Unterwerfung der Völker erzwang, und die ihm mit ebensoviel Angst wie Stolz dabei zusahen.

Er erreichte, daß die Fremden die Zimmer räumten. Dafür wurden Mai und Lola beim Lunch mißbilligend gemustert. Pardi sah den Männern nacheinander in die Augen, die auf einmal unbeteiligt dreinblickten. Er erklärte, man habe die Leute nicht nötig, und bestellte die Gedecke künftig an eigenem Tischchen.

Dann führte er seine Damen in ihre Zimmer, mit einer anmutigen Größe, als vertrete er eroberte Provinzen. Die weißen Vorhänge flatterten von Stößen blauer Luft. Die großen eisernen Betten sahen kühl aus unter ihren Musselinzelten. In dem kleinen Salon standen die Theaterstühle in zwei Reihen anden Wänden. Überall Spiegel: und wenn sie schräge hingen, rollten Wellen darin und sprang Schaum.

„Mit Verlaub“ — in vier Stimmen; und vier Herren ließen sich vorstellen, hatten schlechterdings nicht länger warten können, machten Pardi Vorwürfe, daß er ihnen die Damen drei Tage vorenthalten habe, und fingen gleich an:

„Du weißt nicht, daß die kleine Miß Edith . . .“

Mai und Lola wurden auf das Laufende gebracht. Die ganze Gesellschaft zog an ihnen vorbei, jedem war eine Bosheit angeheftet. Ihnen wurden alle geopfert; sie brauchten nur fragend einen Namen nachzusprechen, und sogleich beleuchteten ihn Geschichten. Die einzigen Unanfechtbaren blieben sie selbst; und eine Ergebenheit ohne Grenzen, die rückhaltloseste Zutraulichkeit und eine spontane Verehrung drangen in knabenhaft ehrlichen Lauten und Gesten von vier Seiten auf sie ein. Nutini zog gleich seine leeren Taschen ans Licht: alles verspielt. Der Leutnant Cavà handhabte seinen Säbel mit so glücklichem Gesicht, als habe er ihn soeben geschenkt bekommen; und seine Ballhandschuhe, errötend mußte er’s gestehen, trug er schon aus Vorfreude auf heute abend. Deneris sprach mit etwas schwächerer Stimme als die andern; aber Botta wippte beim Reden mit den Absätzen und schlug sich auf die fette, straff bekleidete Brust. Allen saßen die Anzüge nach der Mode vom nächsten Jahr und ohne eine Falte, wie auf guten Bühnen.

Sobald Nutini zu Lola ein unbemerktes Wort sprechen konnte:

„Er hat Sie nicht früher herbringen wollen, wie? Und er hat recht gehabt: denn die Damen Arletti sind erst heute früh fort.“

„Was machen uns die Damen Arletti?“

„O — Ihnen, nichts. Aber ihm!“

Und Nutinis Miene stellte so viele Enthüllungen in Aussicht, daß Lola etwas wie Schrecken kam.

„Sind Sie nicht sein Freund?“ fragte sie.

„Versteht sich . . . Und weil ich sein Freund bin, freut mich’s, daß die Arletti fort sind. Ich glaube, es waren Abenteurerinnen. Er läßt sich zu leicht ein. Sein Temperament ist sein Unglück. Ah, bitte, so viel Geld als er nötig hätte, kann ihm auch der beste Freund nicht geben. Darum habe ich vorhin meine Taschen sehen lassen.“

Lola lachte mit; aber indes sie Nutinis Augen funkeln sah in seinem eingefallenen Gesicht, nahm sie sich, unter einer Wallung von Freundschaft, vor, Pardi über diesen Feind aufzuklären. Pardi spähte schon herüber. Noch bevor er da war, zeigte Nutini vom Balkon nach Badenden. Cavà rief über Lolas Schultern, unaufhaltsam:

„Ist sie schön, die Mistreß Nicholson!“

„Bravo!“ machte Pardi. „Sicher ist sie die längste der gelben Stangen.“

Nutini klopfte Cavà auf die Schulter.

„Mich hat er einmal mit meiner sechzigjährigen Sprachlehrerin gehen sehen, und dann fragte er mich: Du, sag, wer war die wunderschöne Amerikanerin?“

Lola wandte sich lächelnd nach dem Leutnant um.Er lachte wehrlos. Seine Augen in ihren sorgfältigen Wimpernhecken blickten aus seinem rosigen Gesicht, wie aus einem Öldruck. Lola erinnerte sich, daß er vorhin nur den harmlosen Klatsch mitgemacht habe.

„Sie haben alle in Italien diese Vorliebe für die Amerikanerinnen, und über Ihre eigenen Damen wissen Sie nur Unvorteilhaftes. Wie kommt das?“

„Ja, sie sind nicht so schön,“ erklärte Cavà. „Sie sind nicht blond.“ Botta wußte mehr.

„Wenn wir uns mit einem unserer jungen Mädchen sehen lassen, heißt es sofort; wir sind verlobt.“

„Mit jungen Mädchen ist hier nicht zu verkehren,“ bestätigte Nutini; und Botta setzte hinzu:

„Auch haben andere mehr Herz.“

„Schon wieder deine Olimpia? Dieser Gigi hat nämlich hier im Walde an einem Teich einen halben Sommer mit einer Balletteuse verbracht.“

„Ach ja,“ seufzte Botta und schlug sich auf die Brust, daß sein fetter Tenor ins Zittern kam. Nutini störte ihn: schließlich sei sie ihm doch davongelaufen; und Botta fuhr verwundet gegen ihn los.

Deneris seufzte laut. Er lehnte rückwärts auf den Balkon und schmachtete von unten Mai an. Seit seinem Eintritt hatte er sich keinen Augenblick von Mai getrennt. Es gäbe wertvollere Frauen, versicherte er in gezogenem Ton, als die Balletteuse Olimpia.

„Wenn die Mühe, die man sich ihretwegen gibt, ihren Wert bestimmt —“ meinte Pardi. Nutini klopfte nun Deneris.

„Ja, du hast das Talent, unglücklich zu lieben.“

„Könnten Sie das?“ sagte Cavà kindlich zu Lola. Sie mußte lächeln.

„Ich habe in der Liebe keine Erfahrung.“

Sogleich begann Botta, um Lola die Liebe zu erläutern, wieder von seiner Olimpia. Und auf Lolas ungläubiges Lächeln:

„Denken Sie nur an die Lieblingspuppe, die Sie gewiß gehabt haben, und wenn Sie sich die Arme Ihres kleinen Lieblings um den Hals legten. Auch wir jungen Leute spielen gern mit Puppen, aber ach! nicht selten werden sie uns gefährlich.“

„Wirklich?“ machte Lola, dankbar. Botta sprach mit dicker Zunge, schmatzend, und rollte in seinem massigen Gesicht selbstzufriedene Kuhaugen. Aber Deneris wartete nur, daß er fertig sei. Er hatte sich aufgerichtet, das Monokel eingesetzt und trachtete mit Gesten, die beiden Damen um sich zu versammeln. Auf seinem kleinen blassen Kopf lagen die kanariengelben Härchen seiden wie Kinderhaare. Seine blauen Augen starrten ängstlich.

„Wissen Sie wohl, daß ich um die, die ich liebte, zu sehen: jawohl, nur um sie zu sehen, täglich sechs Stunden mit der Bahn gefahren bin? So ist es: dreiundeinenhalben Monat täglich nach Pisa und unter ihrem Fenster vorbei. Selten ließ sie sich sehen; aber im Salon eines Photographen stand ihr lebensgroßes Porträt, — vor dem ich mich eines Tages fast erschossen hätte. Wäre nicht gerade der Photograph gekommen —“

„Er spricht wahr,“ sagte Cavà, mit Achtung. „Der Photograph hat es überall erzählt.“

„Dein Tod, mein Lieber,“ sagte Nutini und klopfte Deneris, „wäre zu öffentlich gewesen. Viel zartfühlender handelte doch die Contessa Gavazzo, als sie um meinetwillen Gift nahm. Eigens reiste sie nach der Schweiz.“

„Sie war eine Morphinistin, mein Lieber,“ wandte Botta ein.

„Mein Lieber —“ und Nutini nickte dringlich, „ich weiß wie jene Frau mich liebte.“

„Ich aber weiß,“ entgegnete Botta, von sich erfüllt, „wie es war, als ich die Olimpia liebte; und ich werde es Ihnen erklären, mein Fräulein.“

Pardi unterbrach ihn:

„Ich könnte Liebe nicht erklären: ich vergesse jedesmal wieder, wie es war. Ist sie aber da, weiß ich’s, und handle!“

Als er der Wirkung ein wenig Zeit gelassen hatte:

„Wir holen die Damen ab, nachdem sie sich angezogen haben.“

Von der Schwelle mußte er noch mahnen:

„Marchese, komm!“

Denn Deneris konnte sich von Mai nicht trennen. Sie strahlte.

„Ist das nicht ein reizender Mensch? Sage, Lola! Es scheint, daß er mich liebt?“

Und Lola, voll Freude:

„Gewiß, Mai! Das muß jeder sehen!“

Die Dazwischenkunft all dieser Männer hatte ihreSpannung unterbrochen. Zum erstenmal konnten sie einander wieder unbefangen und mit Wohlwollen ins Gesicht sehen.

„Ich freue mich eigentlich auf das Ausgehen. Es ist doch schön, daß wir hergekommen sind!“ sagte Lola. Und Mai:

„Heute abend werden wir also tanzen! Was soll ich nur anziehen?“

Lola ging mit in Mais Zimmer. Wie sie zurückkehrte, stieß sie im Korridor auf Nutini. Sie blieb unschlüssig auf der Schwelle des Salons.

„Dieser Botta macht mich lachen,“ sagte Nutini. „Wissen Sie wohl, daß er von seiner Olimpia ganz einfach ausgehalten worden ist?“

„Nicht möglich —“ und Lola brach ab. Sie hatte sagen wollen, Botta mache ihr gerade den Eindruck des vollkommenen Liebhabers. Nutini zuckte die Achseln.

„Aber nicht dies führt mich her. Sondern ich möchte Sie bitten, mir doch gleich jetzt Ihre Noten zu geben. Im Augenblick habe ich Zeit, die Begleitung zu üben. Denn das Geschwätz der andern zieht mich nicht an.“

„Wohin sind die andern gegangen?“

„Ich weiß es nicht einmal.“

„Aber die Noten sind unten im Koffer, und er steht in meinem Zimmer.“

„Mein Fräulein! Ein guter Freund spricht mit Ihnen, — wenn er’s auch erst seit kurzem ist. Wären Sie eins unserer Püppchen, ich würde mich Ihnenzum Auspacken Ihres Koffers nicht anbieten. Aber Sie sind eine Amerikanerin . . .“

Lola erinnerte sich, daß nicht sie, sondern Germaine die Sachen hineingelegt habe: sie lagen sicher sehr ordentlich. Sie öffnete Nutini ihr Zimmer.

Er schob zuerst die Jalousietür weg, half ihr dann geschickt und diskret und trat mit den Noten ans Licht, auf den Balkon. Er schien sich in die Musik zu vertiefen und stieß nur seltene Worte der Bewunderung aus. Lola mußte auf die Stimmen hören, die aus der Nähe kamen. Zuerst war’s die kindliche des Leutnants Cavà; Lola wollte es nicht glauben, daß sie diese Dinge sagte; dann, bevor Lola sich gefaßt hatte, die schmatzende Bottas und Deneris’ näselnde. Eins seiner Worte ward von Gelächter zugedeckt. Dann beglückwünschten sie Pardi. Er antwortete:

„Mich reizte es, sie einem Deutschen wegzunehmen.“

Bei seinem verächtlichen Auflachen errötete Lola und erblaßte wieder. Sie hielt sich am Pfosten, begriff nicht, daß sie noch dastand, und starrte angstvoll auf Nutini, der über die Noten geneigt blieb und manchmal entzückt den Hals bewegte. Lola dachte in einem Atem und im Wechsel ihres Errötens und Erblassens: „Wenn er hört!“ und „Er hat mich herausgeholt, damit ich hören sollte!“

„Was ist Ihnen?“ fragte plötzlich Nutini und warf alles hin. Sie brachte nichts hervor; und deutlich kamen Bottas Worte herauf:

„Wenn ich wählen sollte: Teufel. Vielleicht beide — auf einmal.“

„Prahlhans!“ rief Pardi scharf. „Handeln ist alles!“

„Wovon redet man? Mein Gott! Doch nicht —“

Nutini schlug sich vor die Stirn.

„Ich Unseliger! Konnte ich aber ahnen, daß diese Leute drunten bei offenem Fenster solche Abscheulichkeiten von sich geben würden? Halte ich selbst mich doch meist von ihnen zurück. Aber dieser Art Menschen ist nie zu trauen . . .“

Und drinnen, flüsternd:

„Dem Pardi noch weniger als den anderen. Wenn ich Ihnen erzählen wollte, wie er’s mit den Damen Arletti getrieben hat . . .“

„Lassen Sie’s!“ stieß Lola aus. Sie warf die Balkontür zu.

„Sie haben gehört, wie er über Sie und Ihre Frau Mutter spricht. Denn so ungeheuerlich es mir vorkommt, er meinte offenbar Sie! Ich kann nur wiederholen, wie schmerzlich ich bedauere —“

„Ich vermute,“ sagte Lola kalt, „daß so über alle gesprochen wird.“

„In der Tat, es gibt Männer: die Mehrzahl sogar, kann man sagen, ändert, kaum daß sie die Damen verlassen hat, durchaus den Ton. Die Damen, die all die Achtung und Rücksicht um sich sehen, ahnen nicht —“

„Es ist auch nicht nötig.“

Unvermittelt kam ihr Wut auf sich selbst, daßsie diesen Menschen nicht hinauswies. Vorgebeugt, ihre dicke Falte zwischen den Brauen, sagte sie in unheimlich hellem Frageton:

„Wollen Sie mich jetzt nicht allein lassen? Ich habe etwas Kopfschmerzen.“

„Tatsächlich sind Sie sehr blaß,“ stammelte Nutini, und sein eingefallenes Gesicht erblaßte selbst noch mehr. Er verbeugte sich. Lola sah, immer in derselben Haltung, seinen weichlich geschweiften Rücken sich dem Ausgang zuwiegen. Als sein Händchen in dem nach vorne weibisch erweiterten Ärmel die Tür geöffnet und geschlossen hatte, fiel Lola auf einen Stuhl, gelähmt von Ekel. So war nun hier die Welt! Weil sie gerade aus einer anderen kam, hatte sie sich eine Stunde lang täuschen lassen können. Sonnig, elegant und herzlich hatte es sich ausgenommen: alles gerade entgegengesetzt den schlecht gekleideten, geistig hochmütigen Menschen dort hinten in ihrem Nebel. Aber wäre jener Arnold fähig gewesen, mit allen Leuten und zum offenen Fenster hinaus über ihren Körper zu verhandeln? Die Frage demütigte sie so, daß sie das Gesicht in die gerungenen Hände drückte . . . Auch Gugigl hätte das nicht fertig gebracht, und nicht einmal Gwinner! So aber war man hier. So war der Mann, den sie vielleicht lieben wollte. Ach! es hatte keinen Sinn, sich ihm befreundet zu fühlen, ihn vor diesem Nutini zu warnen. Der Intrigant und der Brutale waren einander wert.

Mai wußte schon durch Germaine, Lola sei schlechter Laune. Zögernd kam sie herein.

„Bist du fertig? Mein Gott, hast du mit den Sachen herumgeworfen! Die letzten Haare wirst du dir noch abbrennen!“

„Mach mich nicht ganz verrückt, ich bitte dich, Mai!“

„Dort liegen diese dummen Bücher! Du hast gewiß wieder gelesen, und dann kommen die Kopfschmerzen.“

„Ja, ich habe gelesen.“

„Sie liest, Pardi! Kommen Sie doch herein und schelten sie! Sie ist ein wahres Kind.“

„Sie sind schlecht angezogen,“ sagte Pardi sofort. „Sie müssen sich noch einmal umziehen.“

Lola fuhr auf.

„Was fällt Ihnen ein!“

„Wenigstens müssen Sie das Halsband anders stecken, es liegt in Falten. Auf den Schultern haben Sie übrigens zu viel Puder.“

„Das ist nicht Ihre Sache. Erwarten Sie mich im Salon! Hätten Sie sich früher vielleicht erlaubt, mein Zimmer zu betreten?“

„Hier ist es etwas anderes. Ich bin für Sie verantwortlich.“

„Ach ja, ich kompromittiere Sie! Warum aber sagen Sie Mai niemals etwas?“

„Ihre Mama ist tadellos angezogen.“

Mai konnte ihren frohlockenden Blick nicht mehr zurückholen. Lola hatte ihn aufgefangen und wandte sich stumm weg.

Beim Aufbruch hatte sie noch etwas gefunden, was ihn treffen sollte.

„Jetzt sagen Sie mir, was Sie auf der Reise ausgelegt haben!“

„Das hat Zeit, gehen wir!“

„Ich will Ihnen nichts schuldig sein.“

„Gehen wir! Die Herren warten.“

„Ich soll gehen, ich? Weil die Herren warten?“

„Aber Lola!“ sagte Mai, ganz erschrocken über so viel heftigen Widerstand. Pardi nickte ihr zu.

„Ihre Tochter ist tatsächlich noch ein Kind.“

Aber er rechnete zusammen. Lola gab ihm das Geld, mit vielem Geklapper der Münzen. Pardi schloß kaltblütig:

„Ehrlich sind Sie.“

Lola war sprachlos. „Hat er das nicht erwartet?“ dachte sie. „Er tut, als wäre ich eine Kokotte . . . Das stimmt mit dem Gespräch beim offenen Fenster. Wenigstens ist er konsequent.“

Und mochte sie’s noch zu leugnen versuchen, seine Art, sie zu nehmen, ohne Rücksicht auf ihre Stimmungen, ohne Verzärtelung: seine Art besiegte sie und erleichterte sie. Auf der Treppe bemerkte sie, daß sie sich hätte weigern sollen, mitzukommen, und ärgerte sich, weil sie keine Lust hatte, umzukehren.

Den ganzen Abend unterhielt sie sich, und nicht schlechter am nächsten. Die Tage vergingen mit Baden und Nichtstun. Das Bad dauerte Stunden. Man lebte in diesem durchsonnten, blauen und weichen Wasser. Mai lachte vor Glück, wenn sie ihre Hand hineintauchte,und sagte, es sei, wie wenn sie durch den Stoff eines Ballkleides gleite. Man schwamm, so weit man mochte; und ermüdete man, waren immer Herren mit einem Boot da. Man kletterte hinein; — und indes man recht unbeteiligt und träumerisch die Augen schloß, gewahrte man durch ihren Spalt doch die hungrigen und diskreten Blicke des halbnackten Ruderers. Sie prickelten einem auf der Haut. Pardi verbot ihnen diese Rast im Boot; Lola hatte, in aller Beisein, einen Auftritt mit ihm. Er hielt ihr Mai als Beispiel vor.

„Ihre Mama ist noch eine der wirklich weiblichen Frauen, die gehorchen können. In Ihnen ist etwas Feindliches.“

„Glücklicherweise,“ sagte Lola höhnisch.

Denn dies Feindliche reizte ihn! Lola sah immer deutlicher: „Mai gefällt ihm. Zu mir zieht ihn seine Herrschsucht.“

„Eines Tages,“ verhieß er, „werden wir uns auseinandersetzen müssen: ich sage es Ihnen voraus.“

„Ich glaube, wir haben uns gar nichts zu sagen.“

„Zu sagen vielleicht nicht viel.“

Er lachte, und sie drehte ihm den Rücken. In dieser Minute hätte sie keine heftige Antwort gewußt. Sie war erschlafft und einem weichen Weinen nahe. Manchmal spürte sie so, inmitten seiner Unverschämtheiten, eine begehrliche Wärme von ihm her, etwas wie einen jähen Stoß Südwind, daß einem der Atem stockt; oder wie den heißen Brodem aus einem Tigerrachen, die Sekunde, bevor er zuschnappt.

Tags darauf schwamm sie wie gewöhnlich hinaus.

Mai hatte ihr zugerufen, sie dürfe nicht weiter. Wie sie ins Boot wollte, war keins zu sehen. „Diese Feiglinge!“ Lola kehrte um. In immer kürzeren Pausen mußte sie sich auf dem Rücken ausruhen. Solange sie noch einen Überschuß an Kraft fühlte, dachte sie mit befriedigter Rachsucht daran, daß sie nun vielleicht umkommen werde. In dem Augenblick, als es ihr ängstlich ward, tauchte neben ihr Pardis Kopf auf. Wie lange war er denn unter Wasser geschwommen?

„Rühren Sie mich nicht an!“

Auf der Stelle hatte sie ihre Kraft zurück und schoß in großen Zügen dem Strande zu. Mai winkte mit dem Sonnenschirm.

„Kind, mein Kind! Hat er dich gerettet?“

Und sie fiel Lola um den Hals. Lola mußte erst zu Luft kommen. Sobald sie’s hervorbringen konnte:

„Wie käme ich dazu, mich von diesem Herrn retten zu lassen?“

Aber sie fühlte sich dennoch von Pardi überrumpelt und in ihrer Niederlage glücklicher als Mai. Auch Mai mußte es fühlen. Sie sah von Lola zu Pardi, der stumm blieb und ruhig atmete. Darauf betrachtete sie besorgt ihr eigenes Kleid und dann die beiden in ihren triefenden, um die Körperformen geklatschten Kostümen. Plötzlich wandte sie sich ab.

„Ich bin nicht schuld, wenn sie sich schlecht benimmt. Man hat mit nicht erlaubt, sie zu erziehen.“

„Wir werden es nachholen,“ sagte Pardi, — indes Lola schon von dannen war.

Und es ward Mittag, und man flüchtete auf die Hotelveranda, an den Frühstückstisch. Sah man hinaus, ward das Auge verbrannt von Sand und See; von dem frechen Wirrwarr der roten, grünen, gelben Karren vor dem wütenden Meerblau; von den weißen Flammen der Zelte, der Anzüge. Die Gäste traten aufatmend in den Schatten, oder sie schlichen an seiner Grenze vorbei, die Häuserreihe hin, in deren grausame Helle die Balkone scharf, dünn und schwarz hineinschnitten. Ermattete, schöne Frauen, die sich rückwärts bogen, willenlos und doch in einer Linie, als hätten sie Ballett tanzen gelernt, riefen mit sehr häßlicher Stimme einen Namen, streckten, ohne umzublicken, einen Arm nach hinten, — und eins dieser Kinder hängte sich daran, die nie ganz Kinder waren, die schon kokett waren, keine Ungeschicklichkeit begingen, und deren schmelzend blasse Gesichter manchmal, wie von Strapazen, die erst noch auszuhalten waren, unter den Augen bräunlich dunkelten. Matronen flankierten, mit erfahrenem Lächeln, Töchter, deren weißes Gesicht wie ein schmales Stück aus dem der Mutter aussah. Näherten sie sich, lagen beide, das der Mutter und das der Tochter, unter einem Teig von Schminke. Die alternden Männer bekamen Säcke unter die gewölbten Augen; den sehr alten entleerte sich das Gesicht von Blut; — aber sie blieben schlank, behielten denaufrechten, raschen Gang des Jünglings und trugen, wie er, ihre silbernen und goldenen Stockgriffe, über den Arm gehängt, spazieren. Die aristokratische Gruppe auffallender, lauter Damen und verlebter Herren in großgewürfelten Anzügen streifte an eine Bande von Lastträgern und Schiffern; und beide sprachen mit schleierlosen Stimmen und Gebärden von Liebe und von Geld. Alle waren aus einem Blut; und wie sie gleichmäßig schritten und sich kleideten, war sicher, meinte Lola, auch die Art, zu denken und zu lieben, bei allen dieselbe. Lola gedachte der Menschen im Norden, die sie verlassen hatte, wie an Sonderlinge, von denen jeder seinen kleinen verrückten Kreis lief. Der alte Baron Utting übertrieb nur ein wenig die Sucht der übrigen. Hier ließ sich keiner aus der Masse reißen: er wäre verloren und sinnlos gewesen. Die Amerikanerinnen allein kreuzten dazwischen in gelben Winkeln, zu scharf von Umriß, um von der Sonne gedämpft zu werden. Die anderen alle schwammen ohne Mühe und jeder für sich fast unbemerkt, in dieser Atmosphäre, die sie getönt hatte und ineinander mischte.

Die Sonne tränkte gleichmäßig alles, berauschte, erschlaffte und verzauberte alles und einen selbst. Hohe, dünne Gerten mit Blumen, die nicht daran gewachsen waren, umstanden einen als Hecken, man lehnte sich in grell lackierte Sessel, hörte springenden oder schmachtenden Noten zu, fühlte sich, in seiner gewagteren Strandkleidung, freier und dreister als sonst, trank mehr, lachte mehr, ließ losere Worte zu, glaubte halb, man träume, und empfand bei allem,was geschah und was man tat, daß nichts darauf ankomme. Mit Cavà hatte Lola Freundschaft geschlossen. Seine rohen Worte von neulich deuchten ihr kaum noch wirklich, wenn sie seine Knabenaugen ansah. „Man vergißt hier so rasch. Übrigens würde man mit niemand leben können, wollte man daran denken, was die Leute sagen und tun, wenn man nicht dabei ist.“

An Mais und Lolas Tisch war ein Hin und Her von Herren: Nutini, Botta und Deneris führten Freunde ein. Der Dichter Merluzzo war dabei, mit den Puppenaugen in seinem Modellkopf, auf seinem langen, nackten Halse. Er huldigte Lola mit seiner Altweiberstimme und versprach ihr, vorzulesen, wenn sie singe. Sie sang, ohne ihn um das Seine zu bitten: sang leichtfertig darauf los und freute sich des Beifalls, ob er verdient oder unverdient war. Sie lachte.

„Klatschen Sie! Sie klatschen doch auch, wenn der kleine Beppo aus Neapel uns in seinem weiten Frack und seinem Riesenzylinder Späße vormacht. Fragt man das Kind, ob es auch in Rom auftreten werde, schneidet es eine betretene Fratze und sagt: ‚O nein, so stolz sind wir nicht.‘ Auch ich bin nicht so stolz . . .“

In aller Ausgelassenheit fühlte sie sich eifersüchtig bewacht von Pardi. Mai, harmloser, vergaß; einmal hörte sie Deneris zu lange an. In seiner schwermütigen Schwärmerei war er eben dahin gelangt, daß er nach Afrika wollte, um sich von der Schlaffliegeden rätselhaften Tod geben zu lassen. Da erklärte ihm Pardi, daß diese Dame unter seinem Schutze stehe! — und verblüfft, des Widerstandes unfähig wich unter seinem Ansturm Deneris vom Tisch. Nur noch heimlich wagte er sich, dem Verbot zum Trotz, an Mai. Sie ergab sich dann zum voraus in das Geschick, die Seufzer des einen mit der barschen Rüge des anderen zu büßen. Lola versuchte umsonst, sie aufzuhetzen.

„Du kennst das nicht: so sind sie. Auch dein Vater war so.“

Pardi faltete die Brauen, und Mai senkte die Stirn.

Den und jenen schloß er von der Vorstellung aus: sie hatten sich mit einer zweifelhaften Person gezeigt!

„Und sie sind wohl nicht langweilig genug?“ fragte Lola, kampfbegierig. Dann:

„Warum machen Sie uns mit keiner Dame bekannt? Fürchten Sie, daß uns Geschichten über Sie zu Ohren kommen? Wie sind die beiden puppenhaften Blonden mit den rotgeschminkten Lidern?“

Cavà antwortete statt Pardis:

„Die Contessa Bernabei und ihre Schwester.“

„Eher die hätte ich für zweifelhaft gehalten.“

„Bedenken Sie, was Sie sagen!“ heischte Pardi.

„Ach! Sie sind sehr befreundet mit ihnen?“

Lola lag nichts an Frauen. Dennoch warf sie es Pardi immer wieder vor, daß er gleich bei der Ankunft durch seine rücksichtslose Eroberung der Zimmer alle Damen des Hotels zu ihren Feindinnengemacht habe. Einmal, im Wasser, hoffte sie eine für sich gewonnen zu haben, eine noch Unbekannte. Als nachher Pardi ihnen entgegenkam, ward die neue Freundin verlegen, Pardi verhielt sich unleidlich abweisend und Lola brach, als die Fremde sich ängstlich entschuldigt hatte, in ernste Wut aus. Er wartete mit steinernem Gesicht, bis sie ihn sprechen ließ.

„Sie ist eine Chanteuse.“

Erst als Lola sich durch diese Enthüllung nicht geschlagen zeigte: was das schade, im Wasser habe die Dame keine schlüpfrigen Lieder gesungen, — da verfiel auch er in Sturm. Lola habe haarsträubende Begriffe; er werde sich von ihr trennen oder sie einschließen müssen. Er verstieg sich zu der Frage:

„Warum sind Sie hergekommen, wenn Sie eine Wilde bleiben wollen?“

„Ich werde abreisen, um Sie nicht länger zu kompromittieren,“ entschied sie mit Leidenschaft. Statt dessen hielt sie sich bei Tische heftig über Pardis Lächerlichkeit auf; denn er habe ein hübsches Mädchen nur darum vom Blumenkorso ausgeschlossen, weil sie eine Schneiderstochter sei. Woher sie’s wisse, fragte er; und kaum, daß sie einen Namen genannt hatte, stand er auf. Man sah dort hinten ihn und den andern gegeneinander fuchteln. Pardi verlangte, daß ein Gericht sich bilde und sofort über seine Handlungsweise entscheide. Als er recht bekommen hatte, forderte er seinen Kritiker. Mit Mühe besänftigte man ihn; — und wie er dann, entladen, heiter, bezaubernd, unter lauter bewundernden Blicken an den Tisch zurückkehrte,begann Lolas Herz nachträglich zu klopfen. Was sie nun fast angerichtet hätte! Sie kannte ihn doch: er verlor mitunter die Besinnung. Einen Engländer hatte er aus dem Spielzimmer weisen wollen, weil ihm sein Tabak nicht gut roch. Der Engländer aber hatte Humor gehabt, und jetzt spielte Pardi mit ihm und rauchte aus seinem Beutel. Lola bemerkte erstaunt, daß er, der sich mit hundert Dummheiten aufhielt, sich an die Leitung von hundert Festen verzettelte, hundert Ehrenhändel erregte, bei alledem nicht kleinlich wirkte. Denn er trat für jede Nichtigkeit mit ganzer Persönlichkeit ein: immer bereit zur Verantwortung, immer im Begriff, sich zu verfinstern, sich mit dem Zweifler zu messen. Lola dachte an seine Erzählungen aus Afrika. Im Großen, das ihm bekannt war, blieb er derselbe, wie hier im Flüchtigsten. Er war das Kind, das das Meer vor sich hat, und doch darauf besteht, aus einem Sandloch, worin das Wasser versickert, ein zweites Meer zu machen.

Sie ging umher und sann ihm nach. So war er. Er war etwas Ganzes, — und dies Ganze war vielleicht nicht weit von einem Helden. Die Frau, die ihn geliebt hätte, wäre beinahe gerechtfertigt gewesen. Und eigentlich war’s von einer weniger starken Natur unnütze, peinliche Streitsucht, sich ihm zu widersetzen . . . Da schrak sie auf. Lieben? Diesen Abenteurer, der nur nach außen und nach allen Seiten lebte? Der sich nie hätte zusammenhalten können für eine? Diesen unzuverlässigen Spieler, für den kein Gewinn, nichts in Spiel oder Leben endgültig war?Diesen immer von seinen Launen gequälten Mann aller Frauen?

„Mai will er gerade so sehr wie mich! Mehr vielleicht!“

Das war das Schlimmste. Darüber hätte man die Augen schließen mögen und gar nicht mehr aufstehen. Aber Lola wollte alles wegwerfen. „Sollen sie tun, was sie wollen!“ Und sie kam nicht zu Tisch; war gleich nach dem Bade in den Pinienwald gelaufen und durchstrich ihn weiter und weiter. Er nahm kein Ende. Man konnte sich verirren: wie das kitzelte! Sie drehte sich mit geschlossenen Augen mehrmals um und wußte nun die Richtung nicht mehr. Das weiße Schloß lag tief, tief in den Bäumen: so gedämpft blaß, als hätte nie Sonne es beschienen. Daß nun der Wald sich wie mit Schleiern füllte! War das Dämmerung? Schon? Man konnte hier sitzen und sich in den fremden, gelben Geruch all dieses Gestrüpps hineindenken, bis man weit fort war und die Zeit vergaß. Zwar hatte man den ganzen Tag nichts gegessen, — und dort, auf der Lichtung, packten Holzfäller ihr Gerät zusammen und legten Brote auf den Baumstamm . . . Nein, noch weiter: jetzt gerade, nun man schon sehr, sehr müde war und die Nacht kam . . . Da sah mit Eulenaugen das Meer zwischen die Stämme; die Richtung war wiedergefunden, die Stelle erkannt. „Eine halbe Stunde höchstens nach Haus! War ich dumm!“

Sie kam zurück und fühlte sich ganz fremd und verachtend. Sie brauchte von dem hellen, lauten Tischnur wegzublicken, — und ins Dunkel, jenseits der Terrasse, waren friedevolle Bäume gezeichnet und Waldwege, die stumm verrannen. Ganz erfüllt war sie noch von ihrem schönen Tag in Einsamkeit, und das zwischen Menschen galt ihr gleich.

Erst Tags darauf fühlte sie, daß ihre Abwesenheit Mai und Pardi einander irgendwie näher gebracht habe. Mai hatte ihr nur laue, etwas künstliche Besorgnis gezeigt, Pardi ihr keinen Auftritt gemacht. Als die andern von einer gestrigen Ruderpartie anfingen, schwiegen sie. Waren sie allein geblieben? Mai sah an Lola, die sie prüfte, vorbei. Lola tat keine Frage. Sie sprach mit vom Rudern. Pardi fiel ein:

„Sie wären gern dabei gewesen? Dann gehen Sie also heute mit! Ihre Mama verträgt die See nicht, ich leiste ihr Gesellschaft.“

Lola sah von ihm zu Mai. Sie suchte nach einer spöttischen Ablehnung. Plötzlich aber stieß sie hervor:

„Gut denn!“

Sie hatte sich geschämt! Als sie ins Boot stieg, bereute sie’s. Mai gab den Herren lauter Empfehlungen mit, zu Lolas Wohl. „Wie sie heuchelt!“ Lola dachte weiter: „Warum erlaube ich ihr, daß sie ihn mir wegnimmt! Gebe ich mich denn auf? Ich habe doch mein Recht aufs Glück!“ Sie beschloß: „Ich werde mich nicht mehr fortdrängen lassen! Ich kann ihn gerade so gut haben wie Mai. Er hat mir sogar gesagt, daß er Mai nur meinetwegen den Hofmacht.“ Sie verlangte nach einer Bucht weit dort hinten; und wie eingewendet ward, ihr Vormund werde böse sein:

„Meinen Vormund nennen Sie ihn? Es fehlte noch, daß er’s wäre! Finden Sie ihn nicht, im Ernst, ziemlich anmaßend?“

„Wenn man einen unverschämten Menschen sucht,“ sagte Cavà frisch, „da hat man ihn.“

„Er geht so weit, daß er mir manchmal unsympathisch wird,“ sagte Botta.

„Das ist recht!“ — und Lolas üble Laune hob sich — „schimpfen wir ein bißchen auf ihn! Was wissen Sie von ihm, Marchese?“

Deneris antwortete:

„Als junger Mann hat er sich einmal selbstmorden wollen.“

„Das — wollten Sie doch selbst schon.“

Deneris, tief erstaunt:

„Das ist doch etwas anderes. Übrigens hatte er keine unglückliche Liebe. Höchstens Schulden.“

„Die sind ihm treu geblieben,“ begann Nutini. „Trotz seinem großen Familienbesitz kann man den Zeitpunkt seines Ruins schon berechnen. Leute wie er, enden immer schlimm.“

„Tatsächlich hat er zusammengewachsene Brauen,“ bemerkte Cavà. Botta bedauerte das Haus Pardi.

„So altadelig!“

Deneris widersprach:

„Alt wohl, aber nicht lange adelig. Diese florentiner Bürgerhäuser sind spät geadelt.“

Nutini wollte auf die Geldsachen zurückkommen, aber Lola verlangte:

„Lassen wir ihn gehen!“

Sie ertrug es auf einmal nicht mehr, hier draußen, abgesondert von ihm, gemeinsame Sache zu machen mit seinen Feinden, von denen keiner sich an ihn wagte. Auf einmal fühlte sie sich voll Angst: beklommen und gereizt durch all das feindliche, leere Blau um sie her, durch die Gesichter, die sie ansahen. Er liebte Mai: man mußte schnell ans Land, — liebte Mai. Und Mai ihn.

Sie begann Mai neu zu beobachten, mit Blicken, die sie selbst schmerzten, und unter denen Mai sich verwandelte. Ihre liebenswürdigen kleinen Torheiten bekamen etwas Untergeordnetes, ihre Kindlichkeit ward albern. Bei jeder von Mais Äußerungen sah Lola in den Schoß, schämte sich und empfand Genugtuung in einem. „Wie kann man so dumm sein!“ Diese verbrauchten Listen! Daß eine Mutter die Tochter, die sie fürchtete, als Kind behandelte: es war so alt, so alt. Nur ein wenig Geschmack, und man ließ es. Aber Mai wäre, in ihrer Eifersucht, nicht einmal davor zurückgeschreckt, Lola schlecht anzuziehen! Mais Ratschläge empfing Lola nur noch mit Mißtrauen. Einmal machte sie die Probe: frisierte sich absichtlich sehr unvorteilhaft und fragte Mai, wie es ihr stehe. Mai war entzückt: Lola wußte nun Bescheid. Zum Schein ging sie ein Stück mit; — aber unten aufder Treppe blieb Mai stehen, ihr Gesicht war verwirrt und errötet, und sie sagte:

„Laß dich noch einmal ansehen: nein, ich glaube, es geht doch nicht.“

Mais Kampf rührte Lola nicht. Es verdroß sie, daß sie nun weniger harte Gedanken hegen mußte. Sie wollte jetzt wirklich, wie sie war, unter die Leute. Aber Mai flehte und jammerte, bis sie Lola wieder oben im Zimmer hatte und sie eigenhändig, mit eifrigen, reuigen Händen, von neuem frisieren konnte. „Ist es Verstellung? Was hat sie vor?“ dachte Lola und haßte sich selbst dafür. Aber sie konnte nicht dagegen, daß Mais Hände auf ihrem Kopf ihr widerstrebten. Sie konnte nicht hindern, daß Mais Art mit den Männern sie erbitterte, ihr schließlich übel machte. Dieses Schnurren und Schmachten, diese singende, lispelnde Sprechweise, diese seitwärts geneigten Köpfe, unenthaltsamen Blicke, und dies ironische Lächeln einer gedämpften Wollust, womit ein Mann und eine Frau sich verständigten! Und der Mann war irgendeiner, — nicht bloß Pardi: früher auch Deneris, neuerdings auch Botta; und die Frau, das lockende Weibchen, war Lolas Mutter, ihre eigene Mutter! Die Kokotten nebenan mochten dasselbe treiben, und die Aristokratinnen; Lola mochte umringt sein von unreiner Weiblichkeit; — erst in Mai aber bekam sie etwas Groteskes und etwas, das Grauen machte. Eine Mutter hatte nicht das Recht, noch Weib zu sein!

Je länger sie sich hineindachte, um so überwältigenderdeuchte ihr das Unrecht, das sie von Mai erfuhr. „Als ich sie damals für gefallen hielt, war’s weniger schlimm. Es war wirr wie ein Weltuntergang; es peinigte nicht, denn alles war auf einmal aus; — und es war eigentlich nur, weil ich Romane gelesen hatte. Ich wußte nichts, ich stand draußen. Jetzt sehe ich von innen, wie alles geschieht. Ich liebe einen der Männer, mit dem sie kokettiert: denn so würde sie es nennen, und doch ist es entsetzlicher, als wenn sie ihn mir einfach wegnähme. Dann würde ich mich vielleicht töten! So aber äfft sie, mit allen und ihm, die Liebe nach, die ich fühle, zeigt mir, namenlos verzerrt, was eine Frau ist, macht mir Grauen, daß ich eine bin. Ich liebe einen, mit dem meine Mutter solche Blicke wechselt! Bin ich nicht beschimpft und ganz beschmutzt durch das, was ich in mir trage? Ich will nicht Frau sein! Ich will nicht lieben!“

Sie machte sich jungfräulich steif, hörte von den Reden weg, die auf allen Wegen zur Liebe glitten, und verlangte, daß man in ihrem Dabeisein von ernsten Dingen spreche.

„Ich begreife nicht, daß man hier in einer Gesellschaft von Männern und Frauen sich immer nur miteinander, nie mit unpersönlichen Fragen beschäftigen kann.“

„Ja, Sie sind eine Amerikanerin,“ sagte Cavà . . . Lola sah von allen Seiten Komplimente für die Amerikanerinnen kommen, fiel nervös ein und erklärte die Stellung der Frau in Italien für unwürdig und vollkommen veraltet.

„Glücklicherweise wollen Ihre Minister endlich die Ehescheidung einführen.“

Botta bat:

„Nur das nicht. Wenn die Scheidung, was Gott verhüte, Gesetz wird, sind wir verloren.“

„Sie machen wirklich ein ganz betretenes Gesicht. Solche Angst haben Sie vor den Frauen?“

„Im Gegenteil,“ versicherte Botta. „Ich habe Angst für sie. Denn sie zuerst werden unter dem Gesetz leiden: haben sie doch wenig Urteil, die Armen. Sie werden, kaum daß etwas sie ärgert, aus der Ehe laufen. Dann meiden alle sie, und sie verkommen.“

„Schon jetzt,“ begann Deneris, „sitzt die Caputi allein in den Konditoreien, und sie ist nur getrennt. Was werden erst die Geschiedenen tun!“

Nutini bemerkte:

„Ein Sodom und Gomorra wird entstehen. Wir jungen Leute werden uns nicht darüber zu beklagen haben.“

Deneris aber klagte:

„Uns wird die poetischste Sache verloren gehen, nämlich unsere unbedingte Ehrfurcht vor der Frau, die in der Ehe unantastbar und die Erste ist.“

„Ich hätte meine Mutter nicht achten können, wenn mein Vater sie hätte entlassen dürfen!“ rief Botta.

„Gut, Advokat!“ machte Nutini.

„Die Frau, die geschieden werden kann, wird man vielleicht nicht einmal mehr zuerst grüßen,“ fürchtete Deneris. Cavà rief entschlossen:

„Ich werde sie grüßen!“

„Genug,“ folgerte Botta, „wir haben die Pflicht, die Frauen vor sich selbst zu schützen.“

Lola hätte gern erwidert: „Und wie schützt ihr sie jetzt? Indem ihr möglichst viele von ihnen zum Ehebruch verführt?“ Aber Pardi kam über den Sand herbei.

„Und Sie? Sie sind natürlich für die Scheidung?“ fragte Lola ihn. Er antwortete:

„Ich bin der unversöhnliche Gegner jeder Regierung, die sie uns aufzwingen will!“

Cavà bedeutete Lola mit einem Blick, daß sie auf ihn sich verlassen könne.

„Warum soll unser Land das letzte von allen sein?“ rief er hell. „Die Amerikanerinnen sind meistens geschieden, und sie sind reizend . . .“

Botta unterbrach.

„Der Fortschritt! Das ist euer Wort. Wenn es nun aber bewiesen ist, daß die Scheidung geschichtlich und etnographisch eine tiefstehende Einrichtung ist und sich in direkter Verbindung mit allen Entartungserscheinungen der menschlichen Psyche befindet, als da sind Verbrechen, Selbstmord, Wahnsinn und — noch mit einer, die ich vor Damen nicht nennen kann?“

„Gut, Advokat,“ sagte Nutini. Cavà behauptete frisch:

„Die Ehe ist das Grab der Liebe!“

Seine drei Widersacher fielen zugleich über ihn her. Pardi verschränkte die Arme und wartete. Als er sprechen konnte:

„Die Ehe ist das Grab der Liebe, wenn man von Liebe einen falschen Begriff hat, wenn man fürLiebe hält, was nichts weiter ist als tierische Fleischlichkeit, nichts als die Berührung zweier Epidermen. Die echte Liebe aber, die in der Seele wohnt und gereinigt, vergeistigt und von den Launen der Sinne unabhängig ist, kann nur eine einzige Person angehen und nirgends vorkommen als in der unlösbaren Ehe! Nur sie ist der ganz reine Herd dieser Liebe!“

Lola betrachtete ihn: da stand er, der Idealist, und glaubte an sich! Unter denen, die ihm so leidenschaftlich zustimmten, hätten vielleicht noch einige Ehefrauen sein sollen, deren reiner Herd dank ihm etwas weniger rein war, und ein paar Gatten, die er halbtot gestochen hatte.

„O!“ machte sie. „Was Sie da sagen, ist die Logik eines Dichters. Wenn nun die Wirklichkeit nicht immer so logisch wäre? Dann würde man, Ihrer Poesie zuliebe, unglücklich!“

Er merkte gar nicht ihren Spott. Mit Strenge entgegnete er:

„Auf diese oder jene, vielleicht vorschnell geschlossene Ehe kann nicht Rücksicht genommen werden, wo es sich um die Ehe als Grundstein des gesamten gesellschaftlichen Gebäudes handelt.“

„Sehr richtig!“ bemerkte Botta. „In der Ehe befiehlt der Staat.“

„Besteht der Staat nicht aus Menschen?“ fragte Lola. Pardi erklärte:

„Sie haben sich zu opfern. Nicht ihr Glück ist das Wesentliche. Das Wohl der Kinder geht ihm vor, der Bestand der Gesellschaft. Wer mit seinem freienWillen gewisse Pflichten eingegangen ist, hat, was nachkommt, nur sich zuzuschreiben und kein Recht, sich zu beklagen. Ich würde mich nicht beklagen,“ schloß er, durchdrungen.

„Und er ist ein Mensch,“ dachte Lola, „der noch keine Handlung mit ruhigem Blut und Voraussicht der Folgen begangen hat!“ Sie äußerte:

„Wie Sie von Pflicht zu sprechen wissen! Sie sind förmlich ehrwürdig!“

„Tatsache ist,“ sagte Botta, „daß Sie einen ausgezeichneten Verteidiger der guten Sache geben würden; — und Gott weiß, daß sie Verteidiger braucht . . .“

Er wartete, ob man nicht ihn selbst auffordern werde. Dann beschied er sich:

„Stellen Sie doch Ihre Kandidatur auf!“

Deneris und Cavà stimmten ein. Lola bestätigte:

„Sie müssen ins Parlament und die Ehe retten.“

Er sah ihr spähend in die Augen. „Sein Tigergesicht,“ dachte sie.

„Von diesem Augenblick bin ich entschlossen, — und Sie werden sehen, wer recht behält!“

„Also wetten wir: für und gegen die unlösbare Ehe?“ schlug Lola vor.

„Nein! Dafür ist es zu ernst. Aber Sie können schreiben, Nutini, daß ich kandidiere. Bereiten wir doch gleich das Nötige vor . . .“

Schon ward er umringt, im voraus beglückwünscht und begann einem Kreise Neugieriger sein Programm zu entwickeln. Die Hotelgäste kamen die Terrasseherunter, und von weither sah man laufen. Die aristokratische Gesellschaft mit ihren gewürfelten Anzügen und riesigen Schleiern drängte sich, warf skeptische Bravos in die Rede, fächelte, plapperte; und während der Kopf nach der andern Seite lächelte, betasteten unten sich irgendwelche Hände.

Pardi ließ keinen einzigen Scheidungsgrund zu, nicht Zuchthausstrafe, nicht Wahnsinn.

„Wenn erst Bresche gelegt ist, gibt’s kein Halten, und man endet dabei, daß der Wunsch des einen Gatten genügt! Eher bin ich dafür, daß das Band noch fester geknüpft wird, daß wir, meine Herren, die Verantwortung für unsere Frauen übernehmen und sogar ihre Verbrechen büßen!“

„Welch wilder Romantiker!“ dachte Lola, auf ihrem Sesselchen im Schatten des Badekarrens.

„Dafür muß unsere Herrschaft nicht lockerer, sondern noch fester werden. Meine Herren, es haben sich Richter gefunden, die entgegen dem Gesetz eine Frau der Verpflichtung enthoben haben, ihren Mann zu begleiten, wohin immer er befiehlt . . .“

Eine der beiden puppenhaften Blonden mit den rot geschminkten Lidern, die Contessa Bernabei, wandte sich Lola zu, machte einen Schritt aus der Masse, daß ihr Schatten darauf fiel, und hob, mit angeregter Miene, nochmals den Fuß. Als Lola gleichgültig sitzen blieb, trat sie ärgerlich zurück, sprach nach links und nach rechts, als rührte sie in einem Sandhaufen, — und auf einmal waren drei, vier Lorgnons auf Lola gerichtet.

Aber eine Stimme, Deneris’ Stimme, zog die Aufmerksamkeit ins Innere des Kreises zurück.

„Die Furcht vor der Scheidung würde keine Frau vom Ehebruch abhalten und keinen Liebhaber. Denn in der Leidenschaft fürchten wir nichts.“

„Meine Meinung!“ rief Pardi; und die beiden streckten einander die Hände hin.

„Mag der Gatte aufpassen!“ höhnte Cavà, knabenhaft hell; und der Chor erklärte sich fürs Aufpassen.

Die Versammlung bröckelte ab; auch Mai löste sich heraus, mit Deneris hinter sich.

„Hat er reizend für die Scheidung gesprochen, und auch Sie, Marchese! O! ich schwärme für die Scheidung. Meine Tochter übrigens auch: Nicht wahr, Lola?“ — und Mai lief trippelnd herbei, ganz unbefangen, wie immer, wenn Leute dabei waren. Deneris hielt sie zurück; er hatte ihr etwas zuzuflüstern. Mai schüttelte auf alles den Kopf. Schließlich sagte sie:

„Gut, daß Sie mit Pardi versöhnt sind; jetzt können Sie wieder mit uns reden. Sonst aber: lieber Marchese, Sie dürfen es nicht übelnehmen, eine glückliche Liebe würde Ihnen nicht stehen. Ihnen steht eine unglückliche. Als Sie täglich sechs Stunden gereist sind und sich bei einem Photographen haben erschießen wollen, da müssen Sie schön gewesen sein . . . Sollen wir jetzt nicht baden, Lola?“ — und Mai ließ Deneris zurück.

Lola dachte: „Sie ist so dumm, daß sie keine zwei Worte versteht, die etwas Allgemeines sagen. Gleich darauf aber, wenn es sich um ihren Körperhandelt und um die Sinne eines Mannes, wird sie beinahe geistreich. Muß man als Frau so sein? Dann bin ich ein verfehlter Mann. Wenn ich hätte auftreten dürfen: wie ich denen dort die Wahrheit gesagt hätte! Was für eine Gesellschaft! Sie sind schlaff und unmenschlich zugleich; frivol und philisterhaft, alles beides. Pardi ist das alles auch: nur heftiger als die anderen. Ich kenne ihn: sich würde er alle Freiheiten nehmen und seine Frau würde er einsperren. Draußen würde er wie ein wildes Tier herumstreichen oder wie ein Narr, und in seinem Hause würde er alles abgezirkelt und niedlich wie in einem Vogelbauer wollen. Kann man so abscheulich ungerecht sein! Nein, ich möchte kein Mann sein. Oder ich wäre einer wie Arnold . . .“

Zornig riß sie sich die Bluse auf, — da erschien um die Ecke des Karrens auf nacktem Hals der Modellkopf des Dichters Merluzzo. Seine Puppenaugen spähten hinein.

„Was wollen Sie, mein Gott!“

Mai, schon halb entkleidet, schrie und stürzte umher.

„Endlich treffe ich Sie allein. Erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihnen eine Novelle vorlesen wollte?“

Es mußte sofort sein. Lola ließ ihn sich auf die Karrentreppe setzen und versprach, hinter dem Vorhang genau zuzuhören. Aber die weichliche Stimme reizte sie noch mehr. Zum Schluß sagte sie:

„Recht hübsch. Aber den Gedanken, daß an der Untreue der Frau auch der Gatte schuld haben kann, finde ich sehr kühn.“

„Nicht wahr?“ — ganz stolz. „Das sagten mir schon andere: die Idee sei neu und vielleicht zu kühn. Auch der Conte Pardi sagte es.“

„Das dachte ich mir,“ — Lola schlug den Vorhang zurück und ging in ihrem Mantel an Merluzzo vorbei. Im Wasser erklärte Mai:

„Ich mag diese Dichter nicht. Dieser ähnelt wieder dem vorigen, dem in Deutschland.“

Lola antwortete:

„Liebe Mai, solche Leute wie Deneris verstehst du sehr gut;“ — und dann schwamm sie unter Wasser davon.

Mai sprach sie nicht wieder an. Am Abend ward Lola von Pardi zur Rede gestellt. Sie sei so unartig, daß ihre Mutter geweint habe, und dabei verschwende sie das Geld ihrer Mutter. Wie sie dazu komme, die ganze Familie des Stubenmädchens zu unterhalten. Ob sie nicht sehe, daß der Mann ein Lump sei, der nicht arbeiten wolle und sie belüge. Sie wisse es, sagte Lola; da er aber einmal so sei und die Familie Not leide —

„Das ist unmoralisch!“ behauptete Pardi.

„Wenn ich fragen wollte, wem ich helfe, käme ich nie zum Helfen. Glauben Sie, daß der betrunkene Bauer in Deutschland, den Sie ins Dorf trugen und so reich beschenkten, würdiger war?“

„Er war ein sehr guter Mann, ich habe mit den Leuten gesprochen.“

„Ich auch. Und er hatte die Messerstiche, weil er gestohlen hatte. Aber Ihr Geld verdiente er darum, meine ich, nicht weniger.“

Da Pardi nur fuchtelte:

„Sehen Sie, Sie waren in Afrika, haben so vieles hinter sich: ich aber, die ich nichts erlebt habe, bin enttäuschter als Sie. Sie brauchten mich wirklich nicht so oft zu belehren.“

Das war ein Triumph! Auch daß er Merluzzos Albernheiten kühn gefunden hatte, war einer; und daß die süßlichen Bilder im Saal ihn entzückten. Für alles, was süßlich und veraltet war, für jeden Kitsch war er zu haben. Er mußte als Held in älteren Romanen vorkommen. Seine Abenteuer, sein Ehrbegriff, seine Ideen, seine Lebensanschauung und sein Urteil über Menschen rührten von solchem Helden her. Für ihn gab es natürlich nur Gute und Böse, Ehrenmänner und Schufte, und wer das Fechten verstand, erhielt sich stets auf der Seite der Ehrenmänner. Eine Welt, so einfach in ihrer Wildheit, daß es nicht zu glauben war. Eine Naivität, die manchmal rührte, manchmal empörte: nur Achtung konnte sie nicht eingeben.

Ihre Beobachtungen rieben sie auf, sie erschrak bei jeder neuen Waffe, die sie gegen ihn in die Hand bekam, denn mit allen traf sie sich selbst. Sie schlief nicht mehr, verbarg mit Mühe ihre ständige Gereiztheit, und von früh bis spät war sie in der Angst, einen Zug an ihm zu bemerken, der ihn entstellte, der ihn vervollständigte. Nutini war ihr Schrecken; bei jeder Begegnung lüftete er, feixend oder unter Freundschaftsbeteuerungen, wieder ein Stück von Pardis Vergangenheit.Pardi hatte die Chiarini, als sie von ihm in anderen Umständen war, mit dem Wagen umgeworfen, wobei sie umkam . . . Nutini verhehlte nie, Lola auf den Mut hinzuweisen, womit er sie über den gefürchteten Duellanten aufkläre. Sie hielt trotzdem das meiste für Verleumdung; aber ein ruheloses Mißtrauen und eine verzweifelte Lust an seinem Gezischel trieben sie zu Nutini. Sie standen zusammen abseits, wiesen nach dem Horizont, lachten laut, und dabei sagte Nutini:

„Sie wissen wohl nicht, warum die Bernabei Sie so viel durchs Lorgnon ansieht?“

„Die mit dem zusammengedrückten Gesicht und den roten Lidern? Nein.“

„Weil sie Pardis Geliebte ist . . . Ja, man spricht seit zwei Tagen davon, aber ich habe mich erst überzeugen wollen . . .“

Lola hörte gierig die Einzelheiten von Nutinis Entdeckung an.

„Sie begreifen nun, die Bernabei ist auf Sie eifersüchtig.“

„Aber neulich, als Pardi seine Rede gegen die Scheidung hielt, schien sie sich mir ganz freundlich nähern zu wollen.“

„Das glaub ich!“ — und Nutini lachte auf, mit großen Falten neben dem Munde; „Sie wissen wohl, was Eifersucht ist: man muß die Gegnerin kennen lernen!“

„Nein, ich weiß das nicht. Und ich bin nicht die Gegnerin der Frau Bernabei.“

„Im Ernst? . . . Ich will aufrichtig sein. Die Gräfin hat mich beauftragt, zu machen, daß Sie beide sich kennen lernen.“

„Mich verlangt nicht nach der Bekanntschaft.“

„O! Sie sind nicht eifersüchtig. Sie sind ein bewundernswertes Geschöpf, in das auch ein ernster Mann sich verlieben könnte. Unglaublich, wie viel Seele in den Augen dieses Mädchens ist . . .“

Lola dachte: „Für alles andere habe ich Blick, nur nicht für Liebessachen . . . Jetzt begrüßen sie sich: ja, es ist wahr. Daß ich das nicht früher gesehen habe! Und doch war sie mir unsympathisch vom ersten Augenblick, und ich habe mich ihretwegen mit ihm gestritten! Also hat er eine Geliebte: hier gleich neben mir, die er doch behandelt, als ob ich ihm gehörte . . .“

Gegen die Liebe in ihr vermochte das alles nichts; nur die Last dieser Liebe konnte es vermehren. Ihr Wachstum war nicht mehr aufzuhalten. Kein Tag, der ihr nicht Nahrung gab. Noch mit der Verachtung des Geliebten nährte sie sich!

Und ihr Dasein glich jetzt ganz jenem Spaziergang, die letzte Nacht in Deutschland, als sie in die Luft schlug, aus blinder Angst vor seiner Berührung. Immer war sie in Angst, sich zu verraten: mochten ihre Worte noch so gehalten sein, sich mit Blicken zu verraten, wie die Bernabei, mit einer Betonung, die ihr, sie merkte es, ausglitt, mit einer Bewegung, die entschlüpfte. Stand ihr nicht der Traum der vergangenen Nacht noch in den Augen, als sie sich, einen steilen Weg hinab, fest auf ihn gestützt und sich abgespannt undgenesen gefühlt hatte? Konnte er nicht in sie hineinsehen? Drang nicht ihre Leidenschaft ihr durch die Haut? Sie drang doch bei allen durch, so lang die Terrasse war, so viele Menschen hier gehäuft saßen, so viele Gesichter sich aufeinander zuneigten, so viele Hände nacheinander tasteten. Lola sah jetzt dies alles und fühlte es, ohne hinzusehen. Ein neuer Sinn war ihr gekommen für den Strom, der um diese Tische und durch diese Menschen lief und von dem der Blick jedes Mannes und jeder Frau, die sich ansahen, dieses ironisch gedämpfte Einverständnis empfing. Sie fragte nicht mehr, warum hier zwischen Frauen und Männern kein Gespräch über irgend eine draußen liegende Sache aufkam. Sie selbst konnte nur noch darauflos schwatzen, schlaff lachen und, nun Nutini ihr den Hof machte, sinnlos herausfordernd an seinen Augen haften. Dazwischen empörte sie sich gegen ihren Zustand, begriff nicht, wie er hereingebrochen sei, schrieb ihn dem Scirocco zu, der einem den Atem nahm, einen gedankenlos, matt und nach Schauern gierig machte. Man zog die Mahlzeiten hin, trank, rauchte, — und wenn man die heiße, schlaffe Hand über das Geländer hängte, traf Regen sie, der nicht kühlte. Die Gerüche dieser eleganten Menge standen still in der Luft. Das Meer sandte bleierne Reflexe. Die Blicke erschienen fiebrig, die Gesichter fahl, gedunsen und von aufstachelnder Zerrüttung.

Lola fand jetzt viele beneidenswert schön. Manche dieser Frauen schminkten sich Masken wie Kokotten. Man mußte das herausbekommen. Man mußte ihrenlauten Chic erlernen. Sie probierte des Nachts. Mai, sah sie, hatte täglich breitere Kohleränder. Wenn sie zusammen die Terrasse betraten und von der Bernabei und den anderen gemessen wurden, spürte Lola von weitem den Erfolg. Mais dunkle, weiche Schönheit und Lolas herbere blonde Eleganz hoben einander. Sie sprachen unter sich kaum ein Wort, sie hielten beim Ankleiden die Tür zwischen sich geschlossen, gaben sich keinen Rat mehr: — am Fuß der Treppe aber blieb Mai stehen, um Lola an ihre Seite zu nehmen; und am Strande legten sie einander die Hand in den Arm und lachten sich zu.

„Wir sind eigentlich wie ein Paar Abenteurerinnen,“ dachte Lola. „Wer uns nicht kennt —.“ Mit der Wucht des Schreckens vertiefte sie sich dahinein. „Wir sind immer, ohne irgendwo hinzugehören, durch Europa gezogen, haben nur an Plätzen gelebt, wo sich Abenteuer finden lassen, — und haben wir keine gefunden? Womit habe ich, wenn ich die Branzilla abziehe, meine Zeit verbracht? Auch hatten wir nur unregelmäßig Geld . . .“ Und da hatte sie ihr Dasein umgesehen, verstand sich, sehr befremdet, auf einmal ganz anders. „Ich bin es! Ich bin eine Abenteurerin! . . . Die anderen, die es sind, wissen es vielleicht auch nicht. Man merkt das wohl selbst erst, wenn die Leute es schon längst sehen . . .“

Sie wehrte sich: „Ich habe doch so viel gelesen; durch meinen Kopf, der jetzt wohl leer ist, sind doch Gedanken gegangen, wie gewiß niemals durch diese Köpfe hier. Wenn ich jetzt in diese Gesellschaft gehöre,— noch vor kurzem war ich doch mit ganz anderen Menschen fast verwandt. Wie war mir zumut, als ich mit Arnold war? Alles war anders. Frauen, wie diese, die ich jetzt nachahme, hätten mich gedemütigt durch ihre bloße Gegenwart.“ Dann: „Aber vorher war ich mit Da Silva. Auch das habe ich in mir. Und das bricht jedesmal mehr durch. Jetzt bin ich hier und bin so.“

Einen halben Tag lag sie gelähmt von ihren Entdeckungen; und als sie aufstand, hatte ihre Rolle einen tragischen Sinn bekommen. Wie Mai, die nichts ahnte, es kläglich gut hatte! Für sie war, sobald Paolo einmal wieder ein paar tausend Francs schickte, alles in Ordnung. Man mußte sanfter mit ihr sein . . . Beim Anblick der Bernabei schnellte in ihr ein Stolz auf, der sie erschütterte. „Diese Frau,“ dachte sie, „wird sich mir vorstellen! Sie wird in das Palais der Contessa Pardi kommen und sich ihr vorstellen!“ Sie ließ kein Erstaunen über den Einfall in sich aufkommen. „Ah! Diese Leute halten mich für eine Abenteurerin. Der Geliebte solcher Weltdame hat nebenher noch eine etwas verdächtige Bekanntschaft, die er in die Gesellschaft nicht einführen kann. Denn er hält mich von ihnen getrennt, er behandelt mich wie eine Kokotte. Aber sie sollen sehen! Er soll sehen!“

Sie verachtete diese Menschen! Und dabei gab die Aufgabe, sich unter ihnen Platz zu machen, ihr Begeisterung. Nun wußte sie sich wieder unangreifbar, suchte keinen Schutz mehr vor Pardi, nahm ihn sogar mit auf ihre einsamen Spazierwege.

„Nicht in den langweiligen Wald, bitte: nach den Bergen zu.“

„Es wird sehr heiß sein — und weit.“

„Sie sehen ganz nahe aus, und droben geht gewiß Wind.“

„Wie Sie meinen . . . Übrigens wiederhole ich Ihnen, daß Sie verschwenden. Ihre Mama weiß nicht mehr, wie sie die Kleider bezahlen soll, die jetzt wieder für Sie da sind.“

„Möchten Sie, daß ich hinter der Bernabei zurückstehe?“

„Warum vergleichen Sie sich der Bernabei?“

Lola hörte, wie er stammelte. Sie fühlte sich, da sie den Namen seiner Geliebten nannte, im Genuß einer Überlegenheit; fühlte, daß ihr kühles Lächeln ihm unheimlich sei, wie gewissen Wilden eine Jungfrau.

„Ich kenne Sie schon,“ sagte sie. „Sie gehören zu den Männern, die ihrer Freundin etwas Festes im Monat geben und von ihr verlangen, daß sie darüber abrechnet. Man kann, denke ich mir, ganz gut eine Menge Geld verspielen und dann in Kleinigkeiten geizig sein. Nicht?“

„Was Sie sagen, schickt sich nicht für Sie!“

„Nehmen wir an, es wäre eine Frau, eine ältere Frau, die es Ihnen sagte.“

„Sie sind viel zu klug für eine Frau! Übrigens: wozu reden wir. Lange genug haben wir getan, als ob nichts wäre zwischen uns, als ob wir nicht wüßten, daß ich Sie besitzen werde, und daß Sie darauf warten. Ihre Klugheit ändert daran nichts. Was Sie reden,sind bloß Worte; und im stillen wissen wir mehr. Ist es nicht so?“

Seine Stimme fühlte sich an, wie eine Hand, die im Würgen noch schmeichelt.

„Was Sie sagen, schickt sich nicht für Sie,“ erklärte Lola.

„Sie bringen mich zum äußersten!“

Halb ihr zugewendet, hielt er seine beiden, bebenden Fäuste vor sie hin. Sie ging weiter, ohne hinzusehen.

„Was hindert mich: was? Wenn Sie die Contessa Dingsda wären oder auch das Stubenmädchen —“

Er zischte nur noch; aber sie verstand ganz gut: man behandelte sie nicht wie eins jener Weibchen. Eine Scheu benachrichtigte selbst diesen, daß das nicht ging. Sehr hochgemut, mit Auflachen:

„Ich nehme an, daß dies alles einen Heiratsantrag bedeutet.“

„Nein!“ — ganz brutal. Lola duckte den Nacken, sie konnte nicht anders. Sie versuchte zu trotzen:

„Einen Gegner der Ehescheidung könnte ich auch nicht brauchen.“

Aber sie dachte in Panik: „Soll ich sagen: wenn es keinen Antrag bedeutete, war’s Unverschämtheit? . . . Darf ich das noch? Ich hatte mich ihm gleichgestellt! Plötzlich schlägt der Mann dann zu: so ist es immer. Dies Nein werde ich nie vergessen.“ Sie setzte sich hin.

„Gehen Sie, bitte, allein weiter. Ich will hier bleiben.“

„Auf der Mauer, in der Sonne? Ich warte natürlich, bis Sie sich ausgeruht haben.“

Lola sah nach den Bergen und dachte: „In was für einer Lage! Mai wäre nie in solcher: sie, die ich so oft dumm finde.“ Sie lachte gewaltsam:

„Wissen Sie wohl, daß Sie ziemlich grob waren? Aber ich verzeihe Ihnen. Für die dummen Frauen hat man die Galanterie; aber was tut man mit den Klugen. Da ist man ratlos.“

Dann:

„Die Berge kommen aber gar nicht näher. Kehren wir also um.“

„Sehen Sie, daß Sie nachzugeben verstehen?“ sagte Pardi.

Er trällernd im Tenor, Lola mit Kopfschmerzen: so kamen sie zurück. In ihrem Zimmer schloß sie sich ein, fand aber keine Ruhe.

„Wenn er mich nicht heiratet, — ich muß mich erschießen! Dies geht nicht einfach vorüber, das weiß ich. O! wie ich ihn hasse.“

Im Umherirren gab sie ein leises Wimmern von sich. Plötzlich, stehen bleibend:

„Oder — ist das Haß? . . . Was tut er jetzt? Ist er bei der Bernabei?“

Sie horchte an Mais Tür, öffnete leise: Mai war nicht da.

„Und was tut Mai?“

Fieberhaft trieb es sie nach allen Seiten. KeinenAugenblick konnte sie länger allein bleiben. Da kam Mai, und hatte wieder dies verdächtig Unsichere.

„Woher kommst du?“ fragte Lola hastig. Mai stutzte, und ihr Blick, der um Teilnahme gebeten hatte, verschloß sich. Lola mußte sich erst sanft machen; dann erfuhr sie, Mai habe wieder einmal Pai erblickt, vorhin, während ihrer Nachmittagsruhe, — aber noch seien ihre Augen offen gewesen; Pai sei von links gekommen und habe ein schrecklich ernstes Gesicht gehabt.

Mais sklavische Angst entrüstete Lola auch diesmal. Sie wollte sagen: „Wenn du mit vollem Magen schläfst —“ Aber sie sagte:

„Pai ist offenbar nicht zufrieden mit dir. Wundert dich das?“

Mai sah vor sich hin. Ihre Brust ging immer heftiger. Da fiel sie Lola, ohne ihr in die Augen zu sehen, um den Hals.

„Willst du Pardi? Ich lasse ihn dir. Ich begnüge mich mit Botta.“

Lola vermochte nichts gegen die eigene Gereiztheit. Sie erwehrte sich Mais.

„Du weinst mir das ganze Gesicht naß, und ich hatte mich eben gepudert . . . Wie willst du mir Pardi lassen? Gehört er dir?“

Und Mai, enttäuscht, aus der Stimmung gerissen und auf einmal voll Feindschaft:

„Also dann wirst du’s sehen!“

„Was werde ich sehen, Mai?“

Sie maßen sich; — und wie Lola dies haltlos und kindlich böse Gesicht dringend betrachtete, brachein Schauer von Mitleid über sie herein. „Das ist doch Mai,“ dachte sie. Da umfaßte sie Mai, drückte sie auf den Stuhl nieder, legte, vor sie hingekniet, Stirn und Augen in ihren Schoß. Dunkelheit: die tat wohl. Was sich noch eben so wild angefühlt hatte, war nun abgeschafft. „Es ist doch gar nicht nötig,“ dachte Lola.

„Ich brauche ihn gar nicht,“ sagte sie und hielt die Augen geschlossen; „ich liebe ihn gar nicht.“

Mai legte ihr die kleinen weichen Hände um das Gesicht.

„Das kennen wir,“ flüsterte sie nur. Und wie Lola die Lider öffnete:

„Sagte ich’s nicht?“

„Was sieht sie in meinen Augen?“ dachte Lola und ging zum Spiegel.

„Ich habe wohl etwas Fieber, Mai. Meinst du, daß ich heute abend zu Hause bleiben soll?“

„Ich meine, daß wir jetzt keine Zeit mehr verlieren, sondern dich verheiraten müssen,“ antwortete Mai wichtig. „Ich muß für dich handeln, sonst kommen wir zu nichts. Du bist so klug, aber ich sagte dir’s schon oft, eine Negerin weiß die Männer geschickter zu nehmen als du. Auch betest du zu keinem Heiligen. An welchen Gott glaubst du eigentlich?“

„Wie willst du handeln, Mai? Daß du ihm kein Wort sagst, du würdest mich sehr böse machen.“

„Ich habe das Recht, ihm zu verbieten, daß er meine Tochter noch länger kompromittiert. Manbleibt nicht mit einem jungen Mädchen drei Stunden vom Hause fort. Laß mich nur machen, ich bin erfahrener.“


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