Lola wendete sich hin und her.
„Warum muß ich denn heiraten?“
„Damit du einmal zur Ruhe kommst. Weißt du das nicht? Und die Geldsachen aufhören. Seit Paolo all unser Geld in dieses Ansiedelungsunternehmen gesteckt hat, kriegen wir immer weniger.“
Mai war ganz Gesetztheit, ganz Vernunft.
„Aber wenn das Geschäft gelingt, sind wir reich.“
„Du selbst hast noch gestern gezweifelt. Besser, wir versorgen dich gleich.“
„Mir widerstrebt es, Mai. Ich werde Pardi nur heiraten, wenn unser Geschäft gelungen ist. Jetzt mußt du dich wohl anziehen,“ setzte sie rasch hinzu.
„Nein,“ sagte Mai ebenso rasch, und als habe sie darauf gewartet. „Ich werde mich gar nicht anziehen. Ich bin gut genug, wie ich bin. Aber ich werde dir helfen.“
„Was fällt dir jetzt ein? Irgend etwas mußt du doch anhaben.“
„Dann ziehe ich das grüne Kleid an.“
„Das die Schneiderin ganz verdorben hat? Und Grün steht dir nie!“
Mai wiederholte mit einer Festigkeit, unter der es zitterte:
„Ich ziehe das grüne Kleid an.“
„Du bist schrecklich!“ — und Lola sah sich verzweifelt nach allen Seiten um. Daß Mai sich häßlichmachen wollte, war ein peinlicheres Opfer, als wenn sie ihr Pardi freiließ.
„Zu dem grünen mußt du wenigstens Rot auflegen, hörst du?“
„Ich werde mich überhaupt nicht schminken: nur Eau végétale.“
Und Mai ging, von sich selbst erschüttert, hinaus.
An diesem Abend schickte Mai alle Tänzer fort, machte Bekanntschaften unter den Müttern einiger kleinen Provinzlerinnen und führte sorgenvolle Gespräche über die Kinder. Dafür ließ sie sich das nächste Mal zu ihrer silberbestickten weißen Empirerobe überreden; und jedesmal, wenn sie in Pardis Arm an den Wänden hinglitt, trieb es Lola ihr nach. Sie gab dem eigenen Begleiter keine Antwort, hing nur an Mais und Pardis Mienen, die zu süß, zu vertieft waren, quälte sich um die Worte, die er in Mais Corsage sprach, litt unter dem weichen Seidenfluß um Mais Gestalt, unter den blaßbunten Palmen darauf aus altem Kaschmir, unter Mais Flimmern und üppigen Gleiten und der nie gestörten Weiße ihres Gesichts in den breiten schwarzen Haarwellen. Sie selbst erhitzte sich, ihren Fächer bewegte sie nicht so melodisch, und nie würde sie es verstehen, solche Hingebung zu spielen! „Diese Männer hier wollen nichts, als daß man ihren Augen schmeichelt, und allen ihren Sinnen. Das ist alles, was sie kennen.“ Sie ließ sich ins Freie führen, ans Buffet, von einemRaum zum andern; in aller Hitze klapperten ihr plötzlich die Zähne; und sie begann wahllos zu schwatzen. „Wie ich mich schäme!“ dachte sie dazwischen.
„Was haben Sie mit Mai gesprochen?“ fragte sie Pardi und lachte.
„Wir haben uns gestritten. Ihre Mama will nicht, daß ich mit Ihnen spazieren gehe. Sie wissen, daß ich darauf nicht verzichte: eher auf alles andere,“ sagte er mit dieser sengenden Süße. Sie lachte schwächer, schloß eine Sekunde die Augen; — und in der Sekunde war alles gut.
Beim Hinaufgehen verhielt Mai sich kleinlaut. Am Morgen sah sie verweint aus, hatte eine Stimme voll Mitleid mit sich selbst, war einfach angezogen und wollte, nur mit Botta, an den unbelebten Strand unter der Pineta. „Bis zum nächsten Mal,“ dachte Lola. Denn sie wußte jetzt: Mai opferte sich stückweise. Immer noch blieb ein Rest Selbstsucht zu bezwingen. Aber ihre unerklärten Abwesenheiten mit Pardi wurden seltener, und nach ihnen war’s, als flüchtete sie sich, verstört, zu Lola, als wollte sie nie mehr von ihrer Seite, mit Blicken und Bewegungen, wie um Schutz und um Verzeihung . . . Lola erinnerte sich seines furchtbaren „Was hindert mich —“ Vielleicht daß ihn bei Mai nichts hinderte? Nicht die Scheu, die sie selbst umgab? Nein! Bei Mai nichts. Und Bilder brachen herein . . .
Kein Mittel gab es, ruhig zu atmen, als wenn man aus jeder Stunde wußte, was sie getan hatten, sie und er. Lola verbündete sich enger mit Nutini.
„Wir betragen uns zu sehr als Amerikanerinnen, nicht? Mai ist wieder mit jemand allein fort, ich glaube mit Pardi. Gestern auch, glaube ich.“
„Nein, gestern mit Botta. Sie haben droben an der Düne gelegen. Aber jemand lag auf der andern Seite und hat sie belauscht. Botta hat zuerst von seiner Balleteuse geseufzt, dann hat er Ihrer Mama einen Antrag gemacht, und nachdem er abgelehnt war, hat er sie um Geld gebeten. Es scheint, er steckt, von der Balleteuse her, noch immer in Schulden.“
„Wie man hier, bei allem Gefühl, praktisch ist. Das gefällt mir. Also Geld sucht man bei uns? Aber hält man uns denn nicht für Abenteurerinnen? Sagen Sie’s nur!“
„Mein Gott, manche geben vor, es zu glauben. Wer Ihnen schadet, ist Pardi. Hat er nicht geprahlt, er werde Sie beide zu seinen Geliebten machen? Ihre Mama und Sie?“
Lola sah ihm in die Augen: sie waren lügnerisch. „Und doch könnte Pardi das sagen!“ mußte sie denken.
„Wo und wann hat er das geäußert?“
„Vor aller Welt, noch gestern. Sie und Ihre Mama brauchen nur den Rücken zu wenden.“
Lola bebte vor Zorn.
„Das lassen Sie ihn sagen? Und Sie behaupten manchmal, Sie lieben mich.“
„Ich liebe Sie,“ wiederholte Nutini, durchdrungen. Gleich darauf nahm sein Gesicht einen anderen Faltenwurf an.
„Was den Herrn Pardi betrifft, verachte ich ihnzu tief, um seine Prahlereien wichtig zu nehmen. Niemand nimmt sie wichtig. Übrigens macht er mich nicht eifersüchtig, denn ich habe die Überzeugung, daß er es viel mehr auf Ihre Mama absieht.“
Lola zuckte zusammen. Vergebens hielt sie sich vor: „Nur aus Feigheit spricht er so.“ Sie fühlte sich tief niedergeschlagen und rätselhaft gefangen, wie mit Stricken aus Luft. Nutinis Ränke, Pardis Unzuverlässigkeit, Mais Schwäche und Lolas eigene Ängste würden immer so weiter gehen. Eine atemlose Ungeduld quälte sie auf einmal. Keinen Augenblick länger durfte dies alles dauern. Sie machte eine Bewegung, als risse sie sich los.
„Daß ihr Männer, kaum daß ihr unter euch seid, von uns Frauen so redet, das ist mir nichts Neues. Sie erinnern sich, was ich einmal, auf meinem Balkon, von euch zu hören bekam.“
Nutini legte die Hand aufs Herz.
„Ich war nicht dabei: vergessen Sie das nicht.“
„Auch Sie hätten dabei sein können. Was würde das ändern. Nur von Pardi glaube ich nichts.“
„Damals haben Sie seine Stimme wohl erkannt; und was seine Worte von gestern betrifft —“
„Nichts glaube ich, und dürfte es auch nicht; denn —“
Laut:
„Ich liebe ihn!“
Aufatmend, mit Stolz:
„Ja: ich liebe ihn. So ist es. Was wollen Sie dabei tun.“
Sie grüßte und ging. Das tat wohl: etwas Unwiderrufliches war geschehen. Zurück ging’s nun nicht mehr. Nutini würde dies herumschwatzen. Pardi erfuhr es . . . Er konnte sie auslachen — oder sie heiraten. „Wenn nicht, erschieße ich mich.“ Das Mitwissen aller konnte auch einen Druck auf ihn bewirken, konnte ihn nötigen, sie zu heiraten. „Wie ich berechne! Ich werde wirklich zur Abenteurerin.“ Gleichviel: wer alles wagte, hatte Rechte auf alles. „Werde ich mich nicht erschießen?“
Pardi holte sie ein; er war ganz in Flammen.
„Wissen Sie, daß ich den Nutini zur Rede stellen werde? Ihre Duos mit ihm gefallen mir nicht mehr.“
„Wenn sie aber mir gefallen?“
„Das genügt nicht —“ und sie zankten schon wieder, vorgeneigt, mit leidenden Gesichtern, aufeinander ein. Lola verfiel in die Furcht, er möchte schon wissen, was sie erst eben gesagt hatte; der Lauscher, der hier hinter jedem Baume stand, hatte wohl schon gesprochen! Und jetzt, da sie ihm in die Augen sah, begriff sie nicht mehr, daß sie’s hatte sagen können. „Ich habe mich aufgegeben, ich habe ihn zu meinem Herrn gemacht!“ In Verzweiflung:
„Was geht Sie’s an: ich liebe Nutini!“
Pardi war plötzlich still. Lola sah verstört beiseite. Er erholte sich.
„Das ist natürlich wieder eine Lüge.“
„Wie kommen Sie dazu —“
„Sonst würde es ihm schlecht ergehen. Aber Sie werden ihn nicht wiedersehen. Sie werden ihn wegschicken, wenn er Sie anredet!“
„Sie sind verrückt. Sie vielmehr: Sie werde ich besser einige Tage nicht sehen. Heute Abend fahren wir nach dem Hause, wo Botta die Balleteuse geliebt hat. Ich bitte Sie, hierzubleiben.“
„Heute Abend überreiche ich dem Kommandanten der ‚Savoia‘ im Namen des Komitees die Fahne. Sie werden mit mir auf das Schiff kommen.“
„Ich werde im Hause der Balleteuse dinieren.“
„Sie werden mit mir auf das Schiff kommen!“
„Gute Unterhaltung!“
„Ich befehle Ihnen . . .“
„Bitte?“
„Sie werden nicht mit Nutini gehen! Sie werden ihn nicht lieben!“
„Ich liebe, wen ich will.“
„Hüten Sie sich!“
„Morgen reise ich, und er folgt mir.“
„Schweigen Sie! Ich befehle es!“
„Sie befehlen mir? Gehen Sie!“
Die lange Halskette, die von ihren vorgestreckten Schultern herabschaukelte, knirschte unter Lolas Fingern: sie hatten eine Perle zerrieben. Die andern rannen auf den Teppich, ein dünner, bunter Regen. Pardi sah zuerst ihn, dann Lolas dicke Falte, die bewußtlose Wut ihrer Augen, die ganz leise und ohne die seinen loszulassen, hin und herrückten. Und da gewahrte Lola, wie er rückwärts ging. Kein Wort mehr sagteer, tastete hinter sich nach dem Türgriff und verschwand. Lola erstaunte; aber im Begriff, sich aufzurichten, erkannte sie im Spiegel den ganzen irren Schwung des Hasses, den ihr Körper ausdrückte. Sie setzte sich, strich sich über die Stirn. „Er hat wohl geglaubt, ich würde ihm in die Augen springen?“ Die Wonne der Freiheit begann plötzlich in ihr zu strömen. „Ich bin ihn los! Er ist vor mir davongelaufen! Ich kann tun, was ich will!“
Sie stellte sich mit einer Zigarette auf den Balkon. Dann:
„Mai! Mai! Heute abend wird an den See gefahren, den Kanal hinauf. Wir wollen uns furchtbar amüsieren!“
Und als Mai die Fahne und Pardi einwendete:
„Er ist vor mir davongelaufen! Wir sind ihn los! Mai! wir wollen tanzen!“
Ohne Mai Fragen zu erlauben, drehte sie sie herum. Als Mai endlich, atemlos, zu Wort kam:
„Ich muß aber hier bleiben.“
Dabei verharrte sie, weinerlich und feindlich.
„Mai! du kannst mir nicht in die Augen sehen. Das ist nicht recht. Das ist nicht recht.“
Und Lola ging aufgebracht durch das Zimmer. Mai klagte:
„Was soll ich denn tun?“
„Wählen!“ antwortete Lola, den Türgriff in der Hand.
„Also . . . fahren wir an . . . diesen dummen See?“
„Und inzwischen packt Germaine! Und wir werden Pardi nie wiedersehen!“
„Das glaubst du selbst nicht,“ sagte Mai.
Sie behandelte den Ausflug mit Verachtung, lehnte es ab, sich dafür anzuziehen und fragte schon wie man ins Boot stieg, ob es lange dauere. Lola erklärte sich zu allem aufgelegt. Sie warf den Kindern, die am Ufer des Kanals mitliefen, Süßigkeiten zu. Nutini hatte eine Gitarre, Cavà setzte sich, seiner Uniform ungeachtet, eine künstliche Nase auf. Die kreischenden Kleinen blieben allmählich zurück. Mai nahm die Hände von den Ohren und sagte „Gott sei Dank“. Die große Stille der leeren Wiesen, der grenzenlos umblauten Kornfelder ward fühlbar. Mochte Botta ihn verhöhnen: Deneris seufzte ergriffen. Als Lola zu singen begann, nahm Cavà seine Nase wieder ab. Ihr Lied galt der rosigen Wasserbahn, die man, ohne je zu landen, ohne je mit Menschen Gemeinschaft zu wollen, einsam entlang gleite. Nur fremd und gleich wieder entrückt, konnte man die Menschen lieben, konnte von ihrer Liebe träumen, wie die blauen Pfade dem Walde entgegenträumen.
Sie sang dies am Boden ausgestreckt, den Kopf im Arm, der sich auf die Bank stützte. Mai fragte, widerspenstig:
„Riechst du denn nicht die Füße des Ruderers? Was für eine ekle Hitze! Während wir in unserm kühlen Salon liegen könnten!“
Aber Lola verlangte ein kleines Mädchen ins Boot zu nehmen, das im dünnen Schatten der seltenen Pappeln ein Lamm vor sich hertrieb. Sofort flüchtete Mai vor dem Lamm an das Ende des Bootes. Die Herren bewunderten es. Unter Lolas Augen überboten sie sich mit Zärtlichkeiten an die Kleine. Deneris küßte sie, Cavà schenkte ihr seine Nase, Botta gab ihr, im fetten Tenor, väterliche Ratschläge, Nutini schnitt ihr Fratzen. Dann sahen alle sie mit wehmütigen Köpfen an, wie Lola sie in den Armen hielt.
„Ich dachte, Ihr würdet viel lustiger sein,“ bemerkte Mai boshaft.
Und Lola gestand sich, daß sie Komödie spiele; daß der schöne Abend ihr verloren sei; daß nicht auf der rosigsten Bahn das Glück mitfahre, wenn sie abgewendet sei von ihm. Leere und Verlassenheit ängsteten Lola. Das Kind fing an zu weinen: es war an seinem Hause vorüber und glaubte, es solle entführt werden. Es ward ausgesetzt; — und nun glitt das Boot in den lang vorgeschobenen Schatten des Waldes. Der dunkle Wasserweg blinkte tief drinnen auf. Das nasse alte Grün duftete wild und einsam; die Ruderschläge hörten sich an wie ein Wagnis.
„Ihr habt alle fahlgrüne Gesichter,“ sagte Botta.
„Die Fahrt zur Unterwelt!“ sagte Cavà.
Mai klagte, sie werde sich erkälten. Da wichen die Laubmauern zurück; und unbewegt, dreieckig, und voll abgründiger Schatten, öffnete sich der See. Das Haus drüben im letzten Licht sah, über sein Spiegelbildhinweg, weiß und sehnsüchtig her, wie eine Gefangene, deren Kleid im Wasser schleppte.
„Ich kann nicht glauben, daß sie fort ist,“ sagte Botta, durchdrungen, indes er die Tür aufschloß.
„Olimpia!“ rief Cavà, unter ein Sofa und schlug sich dabei lockend aufs Knie.
„Zeige uns die Küche!“ verlangte Deneris. „Die gnädige Frau will die Güte haben, uns eine süße Speise zu bereiten.“
Er sah, die Hand am Herzen, in Mais schmollendes Gesicht.
Dann kehrte Botta mit Lola vor eine noch verschlossene Tür zurück. Er sperrte auf.
„Das Schlafzimmer!“ — und er seufzte, aus fetter Brust. Lola lächelte trübselig. Sie gingen hindurch, traten auf den Balkon und lehnten sich über das Wasser. Botta seufzte nochmals: „Wie oft habe ich hier mit ihr gebadet!“ — und er spuckte hinab. Aus jener Bucht kam mit Nutinis Geklimper Cavàs frische Stimme gesprungen.
„Da nun Succi bewiesen hat, daß man ohne Essen leben kann, liebe Nina, will ich dich heiraten: dann können wir zusammen fasten.“
„Was ist der Mensch,“ sagte Botta. „Ein wenig Gesang, einen Sommerabend am Wasser, — und ein Herz, das sich alt glaubte, wird wieder ungestüm. Fräulein Lola, haben Sie Mitleid mit einem, der leidet: holen Sie Deneris aus der Küche, ich muß mit Ihrer Mama sprechen. Alles hängt davon ab!“
„Ich glaube,“ sagte Lola, „Deneris spricht schon mit ihr: er tut es, so oft er kann.“
„Ein hochherziges Geschöpf wie Sie kann nicht den gemeinen Eitelkeiten des Weibes verfallen: ich weiß, Sie sind nicht eifersüchtig auf Ihre Mama. Auch werden Sie es angenehm finden, wenn ein ehrenhafter Mann Ihre Mama heiratet. Die Sorge um sie, die von Ihnen beiden das Kind ist, nimmt er Ihnen ab . . .“
Lola dachte: „Er hat recht: ich würde sie nicht mehr vor all den Männern behüten müssen.“ Aber darunter, insgeheim: „Sie würde mir nicht mehr ihn wegnehmen!“
„Sind Sie meine Bundesgenossin?“ fragte Botta vertraulich. „O, natürlich erwarten Sie auch Ihren Nutzen davon.“
Da sie errötete:
„Das ist billig . . . Seien wir offen. Mag das dumme Volk hier glauben, was es will: ich habe mich nach Ihnen erkundigt und weiß, daß Ihr Herr Bruder sehr aussichtsreiche Geschäfte in Händen hat. Sie werden einmal reich sein. Aber Ihnen persönlich nützt dies nichts, bevor Sie heiraten, und (ich kenne die Sitten Ihres Landes) nur wenig, bis zum Tode Ihrer Mama. Machen wir einen Pakt: Sie begünstigen meine Werbung um Ihre Mama; und im Fall, daß ich sie bekomme, verpflichte ich mich Ihnen zur Abzahlung eines noch zu bestimmenden Kapitals . . .“
Lola dachte, ohne sich zu regen: „O mein Gott,und eben wünsche ich mir, Mai möchte ihn nehmen!“ Sie wandte ihm das Gesicht zu.
„Aber ich habe meine Mutter nicht zu verkaufen.“
Botta sagte im selben väterlich vertraulichen Ton, wie das übrige:
„Sie sind noch sehr jung.“
„Dann warten wir also, bis ich älter bin.“
Sie richtete sich auf. Drinnen war’s nun ganz finster. Cavà und Nutini riefen nach Licht. Wie man die Speisekörbe auf den Tisch leerte, trat Mai ein, lächelnd, als brächte sie ein Versöhnungsgeschenk, — und Deneris trug hinter ihr das süße Gericht. Es ward bestaunt; jeder verlangte gleich eine Probe.
„Du tust ja, als wäre es dein!“ sagte Botta zu Deneris.
„Wer weiß,“ machte er, bedeutsam, und starrte glücklich auf Mai, die an ihm vorbeilächelte.
„Wie du heute gesund aussiehst!“ bemerkte Cavà.
„Und ich?“ fragte Nutini an Lolas Ohr. „Werden Sie den gesund machen, dem ihretwegen die Wangen einfallen?“
Bei Tisch, neben ihr:
„Ich kann Ihnen versichern, daß Sie heute ungewöhnlich schön sind. Der andere schadet Ihnen. Sie haben förmlich etwas Beruhigtes. Eine Frau mit Ihren Nerven braucht einen bequemen Gatten. Ich würde einer sein: Sie dürfen es glauben. Ich liebe Sie so sehr, so sehr, daß ich sogar bereit wäre, wegzusehen, wenn einmal eine Laune Sie ankäme . . .“
„Das ist mehr, als ich erwartete,“ sagte Lola.
„Nein,“ dachte sie, „Pardi würde nicht wegsehen. Weder Bottas Vorschlag wäre ihm eingefallen, noch das, was ich nun gehört habe . . .“
Cavà sah mit knabenhaftem Spott herüber, indes er seinen Uniformrock aufknöpfte und ihm eine Photographie entnahm. Er stellte sie vor Lola hin: Pardi!
Alle lachten: da ging die Haustür. „Nun?“ Jemand tastete die Treppe herauf. Noch rührte sich keiner; man sah einander in die Augen. Cavà lachte laut auf:
„Er wird uns doch nicht alle umbringen!“
Und auf einmal sprangen alle Männer an die Tür. Lola erschauerte vor Grauen und Stolz. „Welche Furcht haben sie alle vor ihm!“ Sie leuchteten in den Gang; und auf die Schwelle trat in dürftiger Eleganz ein blasser Kellner aus dem Hotel und hielt einen Brief hin. „Wer? Wer? . . . Nutini!“ Die andern zogen sich ein wenig von ihm zurück, wie von einem, den’s getroffen hatte. Er hatte gelesen und sah erbleicht umher.
„Er fordert mich. Pah!“
„Gratuliere,“ sagte Cavà.
„Endlich!“ — und Nutini schielte hastig nach den Damen. In die Brust geworfen, fuchtelnd: „Ich habe ihn erwartet! O! ich triumphiere. Zu spät wird er erkennen, daß er diesmal an den Rechten kam.“
Er schrie den Kellner an:
„Sage dem, der dich schickt, daß er’s bereuen wird! Daß dies sein letztes Duell sein wird!“
„Beachte die Formen!“ sagte Botta. „Du sprichst mit Pardis Sekundanten.“
„Er sieht verhungert aus, der Sekundant. Er soll essen!“
Nutini drückte ihm, gewaltsam lachend, die Schüssel mit Mais süßer Speise in die Hand und schob ihn zur Tür hinaus. Mai griff nicht ein; sie hielt eine angstvoll geballte Faust an den Mund und wimmerte. Lola saß reglos da, mit erweiterten Augen und ineinander gepreßten Fingern. Nutini nahm den Brief vom Boden auf, schien ihn nochmals lesen zu wollen. Plötzlich zerriß er ihn in zackige Fetzen und stampfte darauf. Dann fiel er gegen den Türpfosten, griff sich, rasch atmend, ans Herz und zerdrückte, unter krampfigen Grimassen, Tränen zwischen den Lidern. Stockend murmelte er:
„Was will er übrigens von mir . . .“
Sogleich, wie gehetzt, fuhr er wieder auf, schielte wild nach den Damen, gab sich verzweifelt Haltung.
„Laß nur!“ — und Cavà reichte ihm ein Glas Champagner. „Das würde jedem passieren. Im ersten Augenblick macht solche Forderung uns stolz, im zweiten besinnen wir uns. Der Pardi ist ja wirklich ein furchtbarer Gegner. Wer aber seinen Schrecken sehen läßt —“
Cavà, wandte sich den Damen zu.
„— schlägt sich nachher oft am besten.“
Botta bemerkte:
„Aber schön siehst du nicht aus.“
„Schweige!“ schrie Nutini. „Oder ich fordere auch dich und schone dich ebensowenig!“
„Armer Kerl,seineForderung geht ja vor; und nachher, wo bist du dann?“
„Sst!“ machte Cavà; — und zu Mai und Lola:
„Die Damen begreifen, daß es in diesem Augenblick unter uns Männern einiges zu besprechen gibt. Da Sie leider Zeuginnen der peinlichen Sache geworden sind, darf ich Ihnen sagen, daß sie wohl schon bei Tagesanbruch geordnet werden wird, und daß wir ein wenig Eile haben . . .“
Deneris bot Mai den Arm, Botta Lola. Sie machten ihnen im Schlafzimmer Licht und ließen sie allein. Lola ging in einen Winkel, Mai in einen andern. Ein erregtes Schweigen; — plötzlich, unterdrückt:
„Lola!“
„Mai!“
Und Mai lief Lola entgegen, drängte sich in ihre Arme, die sie empfingen.
„Das darf doch nicht geschehen,“ sagte Lola mehrmals, indes Mai nur wimmerte. Da entquoll ihr alles auf einmal.
„Mit welchem gefährlichen Menschen haben wir uns eingelassen! O, Lola! Das hättest du nicht tun sollen . . .“
Ohne auf Lolas Widerspruch zu hören:
„Wir sind viel zu weit mit ihm gegangen; jetzt schießt er, damit er uns allein hat, um uns her die Leute tot. Warum hast du dich ihm auch widersetzt! Bist nicht dageblieben, wegen dieser Fahne, wie er’s wollte! Einem solchen Mann darf man sich nichtwidersetzen. Ich habe mehr Erfahrung als du, aber du glaubst mir nicht. Wird er dich heiraten? Welche Ängste! Was soll ich tun?“
„Beruhige dich, Mai, ich werde verhindern, daß er ihn tötet!“
„Was soll ich tun! Dein Vater erscheint mir, — aber auch Pardi! Nur durch den finstern Korridor brauche ich zu gehen, und mir ist’s, als hätte ich ihn hinter mir. Ich bin zwischen ihnen beiden, die mich ängstigen! Aber ein Ende muß gemacht werden. Wir entkommen nicht anders: er muß dich heiraten. Dein Vater verzeihe mir, aber ich werde alles tun, damit er dich heiratet: ich werde mich opfern.“
Lola hörte das nur von fern, ohne einzudringen.
„Mai! Mai! Gib doch acht: ich muß verhindern, daß er diesen Menschen tötet. Ich könnte das nicht aushalten: es wäre durch meinen Leichtsinn geschehen. Denn ich habe ihm gesagt, daß ich Nutini liebe. Verstehst du: weil ich kokett und widerspenstig und kleinlich bin und gelogen habe, stirbt ein Mensch. Das ist furchtbar, das ist das äußerste. Davor muß ich mich retten! Zu allem bin ich bereit. Soll ich mich ihm hingeben?“
„Nein! Was denkst du denn!“
Eine Pause. Mai löste sich aus Lolas Armen und nahm sie selbst in die ihren.
„Du bist unpraktisch,“ sagte sie mütterlich; und schmerzlich stolz: „Ich bin viel praktischer.“
„Wie denn, Mai?“
Lola suchte, durch ihre Tränen hindurch, vergebensin Mais Gesicht. In diesem Augenblick kam Mai ihr befremdend groß vor. Sie selbst fühlte sich wie ein kleines Mädchen.
Wie sie den Kopf gegen Mais Schulter senkte, traten die Herren ein, sie abzuholen: alle zusammen, mit Nutini an der Spitze, der Haltung zeigte. Er beteiligte sich mit Maß und freiem Kopf an der Unterhaltung, die nichts Kriegerisches hatte. Lola mußte immer nach ihm hinsehen, gequält von nichtiger Neugier und unablässig versucht, von seiner schlimmen Angelegenheit anzufangen, wie eine Verbrecherin, die nicht schweigen kann.
„Haben Sie nicht das Bedürfnis, sich zu betäuben?“ fragte sie endlich, durchschauert. Nein; Nutini war nüchtern und besonnen; er beabsichtigte noch einige Stunden zu schlafen. Man stieg ins Boot. Vor dem Gesicht des Schiffers, das plötzlich aus dem Dunkel trat, schrak Lola zurück. Nutini war’s, der sie festhielt, als ihr Fuß schon das Wasser berührte. Sie haßte dies kurzatmige Klappen der Ruderschläge; es klang nach Flucht; — und doch wartete, wohin immer sie ins Dunkel die Augen richtete, kurz und geisterhaft aufflammend, Pardis bleiches, drohendes Gesicht. Was die anderen ihr sagten, machte ihr Ungeduld. Mai hatte ganz recht, daß sie Deneris Geflüster abschnitt und ihn bat, er möge vergessen, was sie vorhin verabredet hätten. Alles sei verändert; sie könne ihn nicht mehr heiraten. „Natürlich,“ dachte Lola. „Ist nicht alles in Auflösung?“
Sofort schickte sie nach Pardi. „Wäre ich nur die erste, mit der er spräche!“ Vom Balkon sah sie ihren Boten von Hotel zu Hotel irren und ohne Eile in die schlafende Stadt biegen. Lola ging bis in den Winkel bei der Tür, übersah das helle, heitere Zimmer, suchte den Stuhl aus, auf dem er sitzen würde, und nahm sich zusammen: „Was werde ich ihm sagen?“ „Damit er den Nutini nicht tötet, mich ihm hingeben? Wie bin ich zu der Überschwenglichkeit nur gekommen? Das dunkle, moderige Haus muß Schuld haben, an dem unheimlichen See. Ich habe Phantasie, wie ein Mann. Nutini, den es doch am nächsten angeht, ist viel nüchterner geblieben. Wie die Menschen hier, trotz ihrem Feuer, eigentlich mäßig und vernünftig sind! Im rechten Augenblick bekommen sie immer ihre Nerven in die Gewalt. Ich bin sicher, Gugigl hätte sich betrunken. Er fing damals schon damit an . . . Woran denke ich denn? Gleich wird er da sein. Was will ich? Ohne Umschweife: ich will, daß er mich heiratet. Und hat er meinetwillen jemand umgebracht, dann werden vielleicht alle und sein Gewissen ihn drängen, zu tun, was ich will? Ich müßte also Nutinis Tod wünschen. Das bring’ ich nicht fertig. Dann muß ich ihm sagen: Es war eine Lüge, ich liebe nicht Nutini. Und da er mir nicht glauben wird, muß ich hinzusetzen: Ich liebe niemand und gleich morgen reise ich ab . . . Auch das kann ich nicht. Aber es ist furchtbar, dort, wo man liebt, keinen Augenblick mit Rechtlichkeit und Sanftmut rechnen zu dürfen, immer nur mit unbedingtem Drang . . .“ Wieder sah sie auf den Platz, den ereinnehmen würde, und dachte sich dort statt seiner eine verhaltene, befangene Geste, eine nachdenkliche, verläßliche Freundesmiene: Arnold. Sie seufzte und schüttelte den Kopf. „Das ist abgetan. Der Zwang und das Leiden der Sinne sind gegeben und erprobt. Ich kämpfe nicht mehr. Besser ist’s, ich beruhige ihn und stimme ihn menschlich . . .“
Da schrak sie auf; es klopfte heftig. Erregt trat sie ihm entgegen; der Vorsatz der Milde war ihr schon entfallen; und sie sagte drohend:
„Wenn Sie sich mit Nutini schlagen, ist zwischen uns alles aus.“
„Ah! wie Sie ihn lieben. Aber lange genug haben Sie mich genarrt: ich werde ihn töten.“
„Hören Sie die Wahrheit! Ich liebe ihn nicht. Erst wenn Sie ihn getroffen haben, werde ich ihn lieben. Hüten Sie sich, ihn nicht ganz zu töten! Sie werden sehen, wie ich ihn lieben werde!“
„O, ich treffe!“ — und sein Gesicht war zerfahren von Haß. Sie rief, hingerissen, voll Not:
„Was wollen Sie! Sie lieben mich doch nicht!“
„Doch.“
„Dann heiraten Sie mich! Begreifen Sie nicht, daß Sie es mir längst schulden? Was hält Sie ab? Ich bin aus angesehener Familie, die künftig reich sein wird. Glauben Sie, sich meiner schämen zu müssen? Nein nein: gerade aus Eitelkeit lieben Sie mich! und irgend eine zieht Sie von mir ab, die Sie anders lieben.“
„Sie irren sich . . .“
„Sprechen Sie doch!“
Wie dies hassenswert und trostlos aussah: das Schwanken, die Unehrlichkeit und Unzuverlässigkeit dieses von seinen Launen gequälten Mannes aller Frauen! Und das mußte man begehren: gerade das!
„Was sage ich, irgend eine: alle vielmehr! Sie sind eine männliche Dirne! Gehen Sie!“
Pardi zischte:
„Danken Sie Gott, daß Sie kein Mann sind!“
„DankenSieGott dafür!“
Er rang sich nieder.
„Ich würde mich vergessen; lieber verlasse ich Sie. Ihre Mama hat mich gerufen.“
Lola, über die Schulter:
„Mai heiratet Deneris.“
„Das ist nicht wahr! Ich werde es verhindern!“
„Gut, auch das noch.“
„Und dann sehen Sie mich wieder!“
Die Tür krachte. Lola ging, die Hände vor der Brust, rasch hin und her. „Was geschieht nun! Mai wollte ihn mir lassen. Aber im äußersten Augenblick vergißt man die andern. Mai ist schwach. Wenn er sie statt meiner will, sie heiratet ihn!“ Sie warf sich in Kissen, drückte das Gesicht weg. „Es ist klar, war immer klar: sie liebt er, nicht mich!“ Tiefer in die Kissen, weit fort. „Was tun sie nun!“ Nein: auf! Das Haar ordnen! Sich bereit halten, stolz zu lächeln, wenn er eintrat und die erwarteten Worte sprach.
Da flog, ohne Klopfen, die Tür auf. Er stand da, stürmisches Glück auf seinem schönen Gesicht. Wie er Lola ansah, kam ihm eine Falte; mit wiedergekehrter Gereiztheit in der Stimme fragte er:
„Wollen Sie mich also heiraten?“
Sie antwortete, zornig nach vorn geworfen:
„Ja!“
So leise Lola, ohne Licht zu machen, ihr Schlafzimmer betrat, Mai hörte sie doch, kam zögernd herein, — und plötzlich, schluchzend im Dunkeln, hängte sie sich an Lola, die den Atem anhielt und mit schlechtem Gewissen auf dies Schluchzen hörte.
„Werde glücklich!“ brachte Mai hervor.
„Darum handelt es sich nicht,“ murmelte Lola. „Aber du weißt, man muß vernünftig sein.“
Und sie übte sich in Vernunft und Nachgiebigkeit. Sie durfte jetzt nicht mehr das Damenbad verlassen. Pardis Augenrunzeln begegnete sie, wenn sie, ohne ihn zu erwarten, zu Tisch gegangen war. Er fand es unverschämt, fragte sie nur, wo er mit Mai den halben Tag verbracht habe. Denn sie verschwanden aufs Meer, in das Land . . . Dafür machte er aus Lolas Eintritt jedesmal etwas wie das Erscheinen einer Fürstin. Ein Fest, mit Regatta, Ball und Feuerwerk, das er plante, sollte ihm dazu dienen, seine Verlobte mit Größe in die Gesellschaft einzuführen. Lola erklärte aber, wegen ihrer Ausstattung nach Florenz zu müssen. Am Morgen ihrer Abreise, noch bevor der Strand sichbelebte, sah sie die Bernabei und sah, daß sie auswich. Lola machte einen Bogen und grüßte: mädchenhaft, mit Unterordnung. Sie schämte sich, zu triumphieren. In diesem Augenblick trat Pardi auf und stellte vor. Seine Geste war blühend, voll des Genusses der Lage. Lola zog die Brauen zusammen. Sie reichte der Bernabei die Hand, mit einer raschen Regung, die sagte: „Er rühmt Ihnen seine Braut und prahlt vor mir mit seiner Geliebten: muß uns diese brutale Manneseitelkeit nicht zu Verbündeten machen?“ Und sie erstaunte einfach, als die Hand der andern nicht kam und in dem zusammengedrückten Gesicht die blassen Augen vor Haß dunkler wurden.
In der letzten Minute sagte Pardi:
„Nein, Sie können nicht allein reisen, ich komme mit Ihnen.“
Mai erwiderte:
„Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich es nicht wünsche.“
Er erklärte Mais Bedenken für lächerlich; Lola selbst gab zu, sie nicht einzusehen. Aber Mai zeigte sich, zum ersten Male, stark; sie trotzte dem drohenden Auftritt.
„Sie werden Lola immer für sich allein haben. Ich werde mich nach Amerika zurückziehen.“
Pardi lief plötzlich davon. Er erschien nicht am Bahnhof.
„Was hat er?“ fragte Lola.
Mai weinte schon wieder.
„O, mir macht es nichts;“ — und Lola, zartgestimmt, tröstete. „Mich freut es, daß du erreicht hast, was du wolltest.“
Mai sah sie, durch ihre Tränen, mit rätselhaftem Entsetzen an.
Zu der Bossi sagte Lola:
„Jetzt brauchen Sie mir keine Rastaquouèrepreise mehr zu machen: ich werde zu den Damen der Stadt gehören.“
Die Schneiderin riet sofort richtig.
„Contessa Pardi! Da wäre es aber eine Beleidigung, wenn ich meine Preise herabsetzen wollte.“
Das Glück, in Stoffen zu wühlen, sich im Geiste mit ihnen zu schmücken, sie vor dem Spiegel um sich her zu legen, belebte Mai. Sie sprach nicht mehr klagend, sie gestand, Lust nach einem sehr guten Diner zu haben. Am nächsten Morgen ließ Lola sich Paolos ungewöhnlich hohen Check auszahlen. Allein spazierte sie durch die helle, feine Stadt, die ihr zulächelte, ihr all ihre Eleganz, all ihre unbesorgte Sonne anbot. „Die Tosca! Schon jetzt, anfang September: welch Glück! Also heute Abend die Tosca.“ Ein Romantitel lockte sie an; und auf der Hotelterrasse, zwischen zwei Sitzungen bei der Bossi, las sie. Unter ihr wurden Blumen ausgerufen und warmer Duft stieg herauf. Der Fluß wiegte sich, hinter den im Dunst zerschmolzenen Brücken, golden und frei, zu glücklichen Hügeln hinaus. Glücklich war doch jener Sommer gewesen, dort zwischen den Hügeln! Straßen, einstfröhlich beschritten, fielen Lola ein; eine mündete plötzlich bei einem Landhause in Fontainebleau, mit einem jungen Menschen, von dem sie geliebt worden war. Der Arme! Wie leidenschaftlich hatte sie selbst eine Woche lang die Giannoli geliebt, nach jenem Abend in Brüssel, als sie die Euridike sang! Sie hatte sie besucht . . . Die Blumen, die sie ihr brachte, ähnelten einer, die am Rande eines Abgrunds in den Pyrenäen stand. Ein ganz schmaler Pfad führte hinab, und vor dem letzten Schritt war Lola entsetzt umgekehrt . . . Sie lächelte, ohne zu wissen, wo sie war, in die Sonne hinaus. Aufschreckend: „Aber ich bin wahnsinnig, daß ich heirate! Will ich denn alles, alles aufgeben? Was habe ich heute mit meiner Zeit getan? Ich bin gewohnt, sie zu verschwenden, und künftig soll ich unter Vormundschaft stehen. Es ist so selbstverständlich, daß es schlimm werden muß. Ja: und grade, wenn etwas gar zu selbstverständlich ist, kommt ein Zeitpunkt, wo man davon absieht . . . Pardi ist mir bekannt; aus dem, was ich mit ihm schon erlebt habe, kann ich alles Kommende ableiten. Über nichts werde ich mich zu beklagen haben, ich werde es gewollt haben . . .“ Und in Hast: „noch kann ich mich retten!“
Aber sie zerriß den begonnenen Absagebrief. Denn wie sie ihm den Irrtum des Geschehenen klar zu machen suchte, fand sie vielmehr auf den unvermeidlichen Weg zurück, der hierher geführt hatte. Da Silva und die vor ihm, waren an diesem Wege die Leidensstationen. Bei dem ersten biß man noch die Zähne zusammen und kam durch. Pardi war grade dort, woman hinfiel. „Sein Unglück: auch seins; denn natürlich brauchte er eine Frau, die ihm schmeichelt und ihn betrügt. Aber ich kann ihm nicht helfen. So wenig wie mir. Wirklich, ich gehe sehend in alles hinein. Ich habe mein Blut zu büßen.“
Mai ließ sie zu sich bitten. Es war die flaue Vorabendstunde; man ist vom Tage verbraucht und entbehrt noch die Anregungen des Abends. „Um diese Zeit sollten wir uns in Ruhe lassen. Aber Mai begreift nicht, warum sie sich schlecht fühlt, und muß mit allem heraus.“
Mai lag auf dem Diwan und hatte wieder geweint.
„Ich habe nachgedacht,“ sagte sie wichtig, „und gefunden, daß du nicht für ihn paßt. Meine Mutterpflicht will, Lola, daß ich dir von dieser Heirat abrate.“
„Danke für deine gute Absicht, Mai, aber es ist zu spät.“
„Soll ich ihm schreiben?“ — ganz rasch; und da Lola stutzte, mit leidender Stimme:
„Ich sehe nämlich voraus,daß ihr beide unglücklich werdet.“
„Das ist wohl niemals ausgeschlossen, Mai.“
„Bei euch aber ist es beinahe sicher . . . und —“
Mais Stimme hörte sich plötzlich gereizt an.
„Die Schuld wirst du haben mit deinen modernen Ansichten.“
„Oder er mit seinen veralteten. Aber vielleicht geht es auch gut.“
„Er ist so wie ein Mann sein muß . . . Aber du brauchst einen, der sich zu deinem Kameraden hergibt. Denn, nicht wahr, du möchtest seine Kameradin sein? Sage, wie wäre es denn mit jenem Deutschen: du weißt schon, welchen ich meine. Ich bin sehr betrübt, daß ich nicht früher daran gedacht habe.“
„Du kannst sicher sein,“ — und Lola lächelte, „daß ich auch das bedacht habe. Pardi ist trotz allem der, den ich brauche.“
„Du willst also deinen Entschluß nicht ändern?“ — mit flehendem Augenaufschlag und gerungenen Händen. „Ich rede zu deinem Besten. Du verstehst nicht viel. Du hast nicht viel Talent, eine Frau zu sein. Ich rede zu deinem Besten . . .“
Aber Mais Ton ward immer rachsüchtiger.
„Du glaubst wohl, in der Ehe erweise man sich Gefälligkeiten. Du weißt also nicht, daß sie ein genaues Geschäft ist, bei dem der Mann sein Vergnügen von uns möglichst billig zu bekommen sucht. Dein Vater hat mich um das Meinige betrogen. Ich hätte von ihm viel, viel mehr Diamanten und Pariser Hüte verlangen sollen. Reisen hätte er mich machen lassen sollen. Ich war unerfahren und er nutzte mich aus. Jetzt hasse ich ihn: daß du’s weißt, ich hasse ihn! Es reut mich, daß ich ihn damals nicht betrogen habe. Er würde verdienen, daß ich ihn noch jetzt betrüge, — mag er mir auch erscheinen.“
Und aus verzerrtem Gesicht, grotesk wie ein böses Kind, stieß Mai mit ihren ganz schwarzen Blicken nach Lola.
„Schade,“ sagte Lola und zog sich zurück. „Ich konnte das wohl vermuten; aber daß du es aussprichst, macht mir’s noch schwerer, eine Frau zu sein.“
Plötzlich schluchzte Mai krampfhaft in ihre beiden Hände.
„Geh’ nicht fort! Du ahnst nicht, was ich leide!“
„Was denn, Mai?“ — aufzuckend von Mißtrauen. „Was hast du?“
Mai nahm die Hände vom Gesicht, das tief errötet war.
„Du wirst hoffentlich nie erfahren, wie sehr ich leiden muß, weil ich deine Mutter bin.“
Lola prüfte sie, ungläubig. Mais schmerzvolles Nicken fand sie theatralisch und hob leise die Schultern. Mai, die die Liebhaber mit den Badeorten wechselte!
„Der Verzicht sollte dich wirklich so viel kosten?“
„Es gibt etwas, das mich mehr kostet,“ sagte Mai, noch rätselhafter.
Und nach einer Pause, sehr bedeutsam und mit Stolz:
„Was ich getan habe, geschah alles für dich, und was du künftig bist, wirst du alles durch mich sein!“
Lola sah zu so viel Feierlichkeit keinen Grund. Sie brach ab.
„Wir müssen zur Bossi.“
„Gut,“ sagte Mai und schmollte schon wieder; „aber ich begreife nicht, was dies schöne teure Brautkleid soll. Niemand wird es sehen, außer den jungen Leuten, die euch als Zeugen dienen. Warum mitder Hochzeit nicht warten, bis die Gesellschaft wieder in der Stadt ist. Wozu diese Heimlichkeit und Eile.“
„Ich weiß nicht . . .“
Lola sah verwirrt umher.
„Vielleicht habe ich genug gewartet?“
Sie ward getrieben von der Hast des schlechten Gewissens. Wie sie endlich mit Pardi allein im Schnellzug saß, fürchtete sie, von Bekannten ertappt zu werden, und zugleich forderte sie den Zufall heraus. „So,“ dachte sie, „muß einem anständigen jungen Menschen zumut sein, dem es einmal passiert, daß er mit einer Dirne auf Reisen geht.“ Sie hätte Champagner verlangen, den Mann dort küssen mögen, und wagte vor Befangenheit kaum den Kopf zu wenden. Pardi rauchte und lächelte ihr siegesgewiß zu.
Als sie sich von ihm in den Wagen heben ließ, dessen kleines Pferd nicht stehen wollte, schlugen ihr die Zähne aufeinander. Unter dem Mantel des Mannes, in seinem Arm: so jagte sie in die dunkle Campagna hinein. Manchmal flirrte fieberhaft in nächtlichen Gärten ein Haus, von Sternenlicht weiß. Manchmal fiel einen, wie ein Räuber, ein schwüler Duft an und blieb, wie von einem Hufschlag getroffen, am Wege liegen. Jetzt hingen nur noch wenige schwere Gestirne tief herab auf das verödete Land, — dessen ganze wilde und schlaffe Schwüle Lola durchdrang, wie die Lippen des Mannes sich auf ihrem Hals zerdrückten.
Pardi und der Kutscher stiegen ab; ein Büffel lag auf die Straße gewälzt. Dann hallte über ihnen der Bogen eines Aquäduktes und dröhnten unter ihren Rädern die römischen Lavaquadern. Bei einem Brunnen, der seinen geschweiften Giebel, sein Muschelbecken und seine trinkenden Putten, wie ein heroischer Dandy, gegen die Einöde behauptete, rasteten sie. Pardi befahl, das nasse Pferd zu bewegen. Als hinter dem Wagen die Dunkelheit zusammenfiel, fing Lolas Herz zu klopfen an. Sie wartete. Ihre und des Mannes Hände trafen sich und erschraken. Da riß er sie an sich.
Lola atmete ungeregelt und lachte, als sie wieder einstiegen.
„Können wir nicht bis ans Meer fahren, Liebling? Jetzt möchte ich das Meer sehen.“
„Ans Meer? Wir sind gleich zu Hause.“
„Zu Hause? Wo?“
Wie durch ein dunkles Abenteuer taste man dahin, liebte einander, ohne einer des anderen Augen erkennen zu können, und hatte in aller Überreiztheit das Gefühl, man schlafe.
Was kam nun? Langsam stieg es in dicke Mauern hinein. Ein Städtchen hängte darüber seine langen, wilden alten Häuser, schickte sie, schlaftrunken und voll Wirrsal, den Berg hinan. Auf einem gewalttätig gewinkelten Platz hielt ihr Wagen; düster wuchtete der Dom herab; — und sie stiegen, der Arm des Mannes um Lola, zwischen lagernden Ziegen über die Treppengassen. Aus einem verschlossenen Hause einLachen machte, daß sie auseinanderfuhren und, noch fester beisammen, auf der niederen Mauer die Gesichter ins Weinlaub drückten. In schattig erstickten Kissen sahen sie es sich hinabbiegen und zergehen in der heißen und schweren Tiefe, deren Atem mit verhaltenen Stößen an ihre Lippen prallte.
Und ganz oben — der Mann trug sie über die letzten Häuser hinaus — der vergitterte Palast, von Greisen bewacht, in seiner Verwilderung und seinen Wunden. Und jenseits der bröckelnden Schwelle das Echo aus weitem Dunkel, und dahinten am Fuß der Treppe ein Licht, so dünn, daß nur des Alten, der es hielt, magere Halssehne aus dem massigen Schatten sprang. Und über ihren Mosaikböden die leeren Säle, in deren Wänden einmal ein bleiches Gesicht sich entblößte, als heulte es auf; aus deren Decken einmal ein dunkles Gefunkel fiel, wie ein vergangener Dolchstoß. Und, am Ende, das Gemach, eingeengt von mächtigen, ineinander verfleischten Leibern, deren es voll schien, die durch die weiten Fenster und zur Tür hinausquollen und die Wildnis des schwarzen Gartens durchtobten . . . Schwindlig von Gesichten, fühlte Lola ihre Kleider gelöst, sich umgewendet, gezogen, hingerafft.
„Laß, daß ich mein Haar öffne!“
„Meine Göttin!“
„Wer sieht uns zu, hinter der Bettsäule, am Spalt des Teppichs?“
„Warum erschrickst du? Ich bin da. Fühlst du mich?“
Aber nach Stunden, jenseits der Traumgrenze,funkelten wieder die gelben Augen der Faune, die mit ihren gespaltenen Hufen über die Schwelle der Gartentür stapften und das Bett umstellten.
Sie stand auf, bevor er wach war, wagte nicht das Zimmer zu verlassen, sich nicht zu zeigen, und saß, mit der Schulter nach dem Bett, unbehaglich auf dem zerrissenen Gobelin eines Prunksessels. Ohne darauf zu achten, hatte sie ihre Toilettesachen wieder in die Tasche gelegt und hielt die Hand darauf. Sie sann verstört. Hinter ihr gähnte es und warf sich’s herum.
„Komm!“ lallte er.
Sie sprang auf und flüchtete in den Garten. In kurzem, sah sie, verlief er auf den kahlen Berg. „Ich möchte fort,“ dachte sie. Da erinnerte sie sich jener Nacht in Deutschland, als sie, wie spielend, auf und davongegangen war und er sie eingeholt hatte. Sie ging das Haus entlang und betrat durch eine zweite Tür eine Galerie, worin der Alte von gestern den Tisch deckte. Er legte langsam hin, was er hielt, und verneigte sich; und während sein Kopf auf der Brust lag, errötete Lola. Sie nahm einen Korbstuhl, verließ ihn wieder, wechselte mehrmals den Platz. Ihr Kleid, merkte sie plötzlich, bekam einen roten Saum vom Fußboden! Sie wollte sich auf eine der seidenen Bänke setzen, sich an eine der goldenen Konsolen lehnen: und Staub flog auf. Unter dem Sofa drüben sah sie ihn geballt, wie Watte.
„Das Schloß ist wohl sehr alt?“ fragte sie den Diener.
Sofort setzte er ein mit einer Aufzählung von Daten, Namen, Gegenständen, als führte er Fremde umher.
„Auch ein römisches Mosaik? Das will ich sehen.“
Sie erreichte nicht die Tür: eine Frau in schwarzem Kleid trat ein, groß und dunkelhaarig, noch schön trotz gelber, müder Haut, und starrte Lola finster an, — bevor sie, als besänne sie sich, sehr freundlich ihre Dienste anbot. Lola antwortete, aus Verwirrung, mit entgegenkommendem Lächeln. Durcheinander fragte sie die Frau, wie sich’s hier lebe, was denn ihr Mann jage, wie alt ihre Kinder seien . . . Da sah sie über dem Kamin, auf der Lockenperrücke des bronzenen Reiters, eine ganz in Staub gewickelte Haarnadel. In ihr zuckte es auf. „Natürlich! Sie gehört zu seinen Geliebten. Eine andere hätte das gleich gesehen.“
„Nein, ich brauche gar nichts, Sie können gehen.“
Auch der Alte ging: rückwärts, und sah dabei fragend auf Lola. Sie reinigte mit der Serviette einen der Korbsessel, bevor sie sich hineinwagte. Sie hob ein Knie auf das andere, beugte sich darüber, faltete dick die Brauen: „Da sitze ich nun; das habe ich davon.“ Wo war die leidenschaftliche Poesie der Nacht? Schmutzig, nüchtern und gemein war’s jetzt. Der Garten lag voller Abfälle, die schwerlich von Faunen herrührten.
Pardi stieß die Tür auf.
„Guten Tag, Cesare Augusto,“ sagte Lola, mit einem Lächeln aus gesenkten Augen, angewidert und entzückt in einem.
„In Hut und Schleier, als ob sie mir durchgehen wollte! In ihrem großen blauen Schleier, unter dem ihre goldenen Haare schimmern wie ein versenkter Feenschatz.“
Sie blieb regungslos, bis sie seine Hände spürte: da stieß sie, entsetzt, um sich.
„Was gibt’s? . . . Ach so, auch vorhin bist du mir davongelaufen. Habe ich etwas nicht recht gemacht? Aber mir scheint —“
Er tätschelte, und Lola bebte.
„— daß diese Kleine mit mir ganz wohl zufrieden war.“
„Ich habe lange gewartet. Der Hunger macht mich nervös.“
„O! essen wir! Ich meinerseits bin hier auf dem Lande oft den ganzen Vormittag draußen, nur mit einer Tasse Kaffee im Magen. Stört dich’s, daß ich rauche?“
„Nein . . . Und dann finde ich’s hier langweilig.“
„Schon? Wohin möchtest du? Was sollen wir vor Oktober in Florenz?“
„Bleiben wir also! Ich muß das Schloß kennen lernen. Wo hast du als Knabe dein Zimmer gehabt? Denn du warst doch schon als Knabe hier?“
„Nein. Ein Großonkel, der als Kardinal in Rom lebte, hat es gekauft. Ich habe es erst mit zwanzig Jahren betreten, nachdem ich es geerbt hatte.“
„Und das bleiche Bild von gestern Abend?“
„Alles fremde Leute. Wir sind jünger; wir sind keine Feudalen. Unser einziger Kardinal war nur ein Snob. Wir sind Florentiner Bürger und durch Fellhandelreich geworden. Glücklicherweise sind es bald hundert Jahre, seit wir das letzte Fell verkauft haben.“
„Aber seither seid ihr Grundbesitzer. Eine Meile im Umkreis, sagtest du gestern, gehört dir?“
„Und meinen Gläubigern!“
„Wie kommt das? Dein Vater —“
„— war ein Geizhals.“
„Also du allein. Und auch in Toskana warst du reich. Sage, was hast du mit alledem getan?“
Da er nur lachte:
„Du hast gespielt?“
„Auch.“
Sie drängte ihre Brust gegen seinen Arm. Mit Kinderstimme:
„Und sonst?“
Sie duldete seine Liebkosungen, sah dabei angestrengt zur Seite. Plötzlich schroff:
„Laß!“
Mit wiedererlangter Verführung:
„Und sonst? Wer hat dein Geld bekommen?“
Er umfaßte sie, mit Armen und Knien, ruhig und fest, küßte sie, wo es ihm beliebte, und lachte in ihre zornigen Augen, die ihren Mund und sein süßes Lächeln verleugneten.
„Wie dies Kind neugierig ist!“
„Ich bin kein Kind; ich möchte deine Freundin sein.“
„Glücklicherweise eine Freundin, die kein Glied rühren kann.“
„Ich muß wissen, wie du gelebt hast. Bin ich denn eine Fremde? Bin ich eine Untergebene?“
Sie sah gespannt hin: sein Lachen ward zusehends zu einem stummen Feixen der Verachtung, — das sie begriff. „Ich habe dich gehabt,“ sagte es. „Worauf pochst du noch? Was kannst du noch?“
Sie war dunkelrot, und ihr lockendes Lächeln zitterte, aus Verstörtheit, noch immer um die entblößten Zähne. Er küßte sie darauf und ließ sie los. Sie floh in den Kaminwinkel.
„Sie beleidigen mich! Sie verhöhnen mich!“
Sie stand vorgebeugt zum Kampf, das Gesicht verzerrt von Wut. Er verschränkte die Arme.
„Sie haben eine Vergangenheit. Sie haben mit Frauen gelebt. Ich weiß es.“
„Wenn Sie’s wissen. Aber ich versichere Ihnen, daß Sie sich irren;“ — sehr höflich. Und mit nicht nachweisbarer Ironie:
„Sie sind die erste Frau, die ich liebe.“
„Und wenn ich selbst Ihnen manches verheimlicht hätte?“
Er wehrte gelassen ab.
„O! Nicht nötig. Ich habe mich überzeugt, daß ich keinen Vorgänger gehabt habe.“
„Sie sind gemein!“
„So liebe ich dich!“ — und er kam rasch auf sie zu. Vergebens wand sie sich unter seinem Griff; er schleifte sie aus dem Winkel hervor, stieß sie aufs Sofa. Sie fiel auf die Brust und klammerte sich an die Lehnen.
„Sei artig!“ — und er machte, ohne ihr weh zu tun, einen ihrer Arme los.
„Ich will Ihre Vergangenheit wissen,“ wiederholte sie, störrisch und ratlos. Er ließ sie.
„Nun, Sie sind schlechter Laune. Also kümmere ich mich jetzt um meine Geschäfte. Auf Wiedersehen.“
Als draußen seine Schritte verhallt waren, richtete Lola sich auf, stützte die Hände auf den Sitz und sah mit Ekel an sich hinunter. „Wie der Mensch mich zugerichtet hat! Warum führe ich auch eine Lage herbei, in der ich ihm Widerstand leisten muß. Häßlich war ich dabei. Die Frauen macht echter Widerstand häßlich. Nur der geheuchelte steht ihnen. Und ich kann nicht heucheln. Ist es lästig, ein halber Mann zu sein! Wenn man ihm doch nicht mehr damit imponiert. Ich war in gerade solcher Wut, wie neulich in Viareggio, als er rückwärts aus der Tür ging. Das fällt ihm jetzt nicht mehr ein, denn er hat sich genau überzeugt, daß ich eine gewöhnliche Frau bin, daß alles in Ordnung ist. Wie sagte er? Nicht nötig; ich habe mich überzeugt —. O, sehr gemein; aber wußte ich’s nicht? Den eifersüchtig machen zu wollen mit Gefühlen, aus denen nichts geworden ist! Schläft er denn mit meiner Seele?“
Lässig stand sie auf, strich an ihrem Rock hinunter, ordnete das Haar.
„Er ist stark: er braucht mich gar nicht. Ein anderer wäre mein Freund gewesen. Aber —“ und sie spähte in sich hinein, nach dem verschwimmenden Bilde eines Gesichtes, „hätte ich ihn dafür nicht verachtet? . . . O, wir sind erbärmlich, wir Weiber; wir kennen nur Verachten oder Verachtetwerden. Dies hab’ich nun. Für’s erste hänge ich an ihm. Ist das erst vorüber, bleibt nur noch der Haß; und dann werd’ ich ihn wohl betrügen? So sind wir Weiber doch?“
Sie verließ die Galerie, schlenderte, die Röcke mit beiden Händen aufgerafft, durch mehrere Säle. Am Ende des letzten sah sie in einen Arkadenhof. In einer sonnigen Ecke, an die zierliche Doppelsäule gelehnt und mit hängenden Rosen auf ihrer Nachtjacke, saß eine Alte und spann.
„Guten Tag, wie geht es?“ sagte Lola und blieb müßig stehen.
„Ihr seid hübsch, unser Herr hat recht gehabt,“ sagte die Alte und fuhr mit ihren wilden schwarzen Augen um Lolas Formen. Lola errötete. Sie bemerkte, daß das trockene weiße Gezottel der Alten so aussah, als hätte sie’s gesponnen.
„Das ist eine Handspindel? Wie macht man’s?“
„Laßt doch! Ihr seid ungeschickt. Zu anderem werdet Ihr geschickter sein: unser Herr wird schon wissen, wozu.“
Die Alte begann mit tiefer Stimme zu summen, wiegte sich und bewegte spinnend, wie im Reigen, die Arme. Ein wenig ängstlich, als müßte sie nun gleich den Zauber der Hexe wirken fühlen, sah Lola ihr zu. Die Alte brach ab; plötzlich sog sie ihre beiden Lippen ganz ins Innere des zahnlosen Mundes. Dann:
„Ihr seid wahrhaftig die hübscheste seit der allerersten, die er herbrachte.“
„Wann war das?“
„Als er das erstemal kam. Viele Jahre sind’s.
Mein Sohn hatte noch den Hof von ihm in Pacht, drunten in Spello, bis er am Fieber starb, auch er, der Arme.“
„Ja. Aber jene Erste: wie hieß sie?“
„Ich weiß nicht mehr. Er brachte seither so viele mit.“
„Immer war er mit Frauen hier?“
„Auch mit Freunden. Sie tranken und jagten. Einmal im Winter haben sie droben auf der Akropolis einen Wolf erlegt.“
„War auch damals eine Frau hier?“
„Da sieh! Ihr scheint eifersüchtig!“
Das tiefe Gelächter der Alten klapperte in allen Winkeln nach.
„Ihr liebt ihn wohl sehr, Kleine? Er ist ein Mann, wie? ein tüchtiger. Ah! Das sieht man: Ihr liebt ihn. Da würdet Ihr ihn also nicht betrügen, wie jene Erste tat: — verdammt sei ihr Name, der mir nicht einfällt. Denn Ihr müßt wissen, daß ein junger Herr mit ihm hier war, der auch mir gefallen hätte. Als aber er, der unsere, dahinterkam, daß sie jedesmal, wenn er betrunken war, zu jenem ging, da meinten wir draußen, es gebe Mord. Doch einigten sie sich und ließen alles am Mädchen aus. Nackt jagten sie es hier heraus — zu viel Wein hatten alle — und mit erhobenen Peitschen um den Hof herum, viele Male, bis die Knie ihr zitterten und ihr Geschrei rauh klang. Ich war’s, die dort aus der Kirchentür lugte und sie ihr aus Mitleid öffnete, daß sie hineinschlüpfen konnte. Da kommt! Da seht!“
Die Alte glitt von der Mauer, packte Lolas Hand und strebte, vorgebeugt, eilig schlürfend, über den Hof.
„Helft mir doch, die Tür zu öffnen! Ich habe nicht mehr genug Kraft. Ach, ach!“
Und Lola:
„O!“
Von der Schwelle des Hofes voll abgefallener Kalkbrocken sah sie unvermittelt in eine Welt spiegelnden Marmors. Die Stufen zum Hochaltar hielten den Abglanz seiner gelben Wand in ihrer schwarzen Marmorkaskade. Blau, voll goldener Augen, schwangen marmorne Vorhänge ihre Falten um die Pfeiler der Kapellen, um die Balkone.
„Dort auf den Stufen warf sie sich nieder: ja, seht, genau hier; und grub das Gesicht in dieses Silbertuch, das vom Altar hängt. Wie Tolle stürzten jene hinterdrein. Ich konnte die Tür nicht rasch genug schließen, aber ich rief mit erhobenen Armen: Tötet sie nicht! Tötet nicht die schöne Gida! . . . Denn ja, jetzt ist’s mir einfallen, Brigida hieß sie, wir nannten sie Gida, und er und seine Freunde sagten Gigi . . . Da liegt sie nun, seht doch! ganz nackt, mandel- und rosenfarben, hell und rund gekrümmt auf dem schwarzen Stein, und sie wollen über sie herfallen! Mit unserm Herrn ist der schlimmste der, um dessentwillen ihr’s so schlecht geht. Gibt es Dank unter den Menschen? Und wäre nicht einer gewesen, der sie am Arm festhielt — Er sagte: Wie ist das schön! und dann standen sie und betrachteten. Und unser Herr neigte sich ganz zärtlich — Aber was habt Ihr, daß Ihrerbleicht? Fürchtet nichts, solche Dinge können nicht mehr vorkommen; er ist jetzt älter und frömmer; er betrinkt sich nicht mehr wie die Jungen; auch sagt man, daß er weniger Geld hat. Reichere Herren gibt’s in der Gegend. Beim Heraufkommen werdet Ihr die Villa des Herrn Catelli gesehen haben, die unterste, mit den Erdstufen und dem roten Hause. Er ist ein freigebiger Herr. Schon mehreren unserer Mädchen habe ich, indem ich sie zu ihm führte, eine gute Einnahme verschafft; und wenn Ihr wollt —“
„Nein.“ sagte Lola, „ich will nicht.“
„Natürlich. Ich vergaß: Ihr liebt zu sehr unsern Herrn.“
„Und ich bin seine Frau.“
Da die Alte ratlos zu ihr aufblinzelte:
„Ich bin die Contessa Pardi, und ich verzeihe Ihnen, daß sie mich nicht kannten.“
Sie wollte gehen, aber die Alte hing ihr an den Röcken; sie weinte:
„O Herrin, gute Herrin, übt Mitleid! Seht, ich arme Alte lebe in jenem Turm allein. Meine Söhne, die Eurem Gemahl dienten, sind nun alle gestorben, ich habe keine Zuflucht als diese. Meine Nudeln koche ich mir, spinne und sehe niemand. Was wußte ich? Übt Mitleid und verratet mich nicht unserm Herrn! Wohin mit mir, wenn er mich vertreibt?“
„Bleiben Sie, bitte, hier,“ sagte Lola, höflich und etwas verlegen, wie zu einer Dame, die sich wegen einer Taktlosigkeit entschuldigte. „Ihre Erzählung war sehr unterhaltend.“
In einem der Säle begegnete Lola dem alten Benedetto, ließ sich von ihm das römische Mosaik zeigen und dachte dabei: „Was ich da gehört habe, konnte ich eigentlich erfinden. Ich fing eben an, es mir so zu denken. Er war mit allen seinen Frauen hier: warum nicht auch mit mir. Wie das stimmt! Die Ehe ist heilig, wie eine Zwingburg, und darf nicht abbröckeln: Das ist Grundsatz und gilt für die andern. Wir selbst aber fühlen uns stark genug, auch die Freiheit zu ertragen, das Leben nicht als Pflicht zu nehmen, sondern als Vergnügen. Ein einzelner verdirbt wohl nichts am Grundsatz . . .“
„Eine Nilüberschwemmung ist es?“ fragte sie. Der Diener sah sie verdutzt an; er sprach seit fünf Minuten.
„Also gut. Wenn der Herr kommt, sagen Sie ihm —. Nein, es ist nicht nötig.“
Nicht ausgehen: lieber noch allein durch diese Höfe, diese halb verschütteten Kammern irren, zwischen Wänden mit herabhängenden Lederfetzen. Zu mühsam selbst das. „Ich bin träge. Auch die anderen, die vorigen werden’s hier gewesen sein — nach solcher Nacht. Eigentlich muß er, indes er mich küßt, auch jene, die auf denselben Kissen lagen, unter den Lippen haben. Von jeder das beste. Es war geschickt, mich hierher zu bringen. Er versteht sein Vergnügen.“
Beim Betreten des Schlafzimmers sah sie die Frau in Schwarz das Bett machen. Lola ward rot. Die Frau sagte, über das Bett gebeugt, im sachlichen Ton einer Mitwisserin:
„Die gnädige Frau wird viel Vergnügen gehabt haben.“
Lola dachte: „Mein Gott, was tun?“ Die andere sagte noch:
„Die Frauen lieben ihn sehr, und der Herr verdient es wohl. Befiehlt die gnädige Frau noch etwas? Die Kleider habe ich dort hineingehängt. Wenn Sie möchten, daß ich helfe, rufen Sie aus der Tür nach Maria. Hier gibt es keine Klingeln. Was wollen Sie, man muß Geduld haben.“
Lola dachte, allein: „Haßt sie mich nicht? Ist es ihr nicht zuwider, mir von dem zu sprechen, was sie selbst genossen hat? Möchte sie mich durch ihre Schamlosigkeit erniedrigen? Oder ist sie einfach sicher, daß er zu ihr zurückkehrt?“
Ihr Blick ward starr. Sie sah die starkknochigen Arme der Frau wie matt spiegelnden gelben Marmor um den Mann gelegt und seine Lippen, von brutaler Röte, auf ihr breites, schmachtendes Gesicht zukommen. Die dumpfgeistige Begierde der schweren Augen, in diesem schwarz umsträhnten, halbwelken, blaßlippigen Gesicht machte Lola erschauern. Die beiden Leiber vor ihr bebten, und sie bebte selbst. Sie stieß die Vision fort, wandte sich seufzend ab: „Ich will nicht!“ Dann: „Aber da ich ihn nahm? . . . War denn er der Mensch, den ich nicht entbehren konnte? Ach, das ist müßig. Schon hat er gemacht, daß alles, wonach es mich verlangt, in ihm ist. Jetzt habe ich zu machen, daß er gar nicht mehr von mir wegsehen kann. Viele mag er geliebt haben; jetzt aber ist die Reihe an mir.“
Sie legte Hut und Schleier ab, vertauschte ihr Reisekostüm mit einer Matinee aus Schleierstoff, lockerte ihre Frisur, legte leises Rot auf, half dem Glanz der Augen nach, schminkte die Fingernägel. Sie entblößte die Hand von Ringen und prüfte die Wirkung. Dann bettete sie sich auf den Diwan und wartete.
Zwei Tage lang gingen sie nicht aus. Lola wünschte, in der Galerie die Mahlzeiten hergerichtet zu finden, ohne daß jemand aufwartete. Die Dienerschaft durfte sich nicht an den Fenstern nach dem Garten zeigen. Am dritten Abend beschlossen sie Luft zu schöpfen; und als nach der von Lust durchbebten Stille das Tor vor ihnen aufging, warteten davor vier oder fünf bettelnde Greise. Lolas Blick traf eine Zwergin mit Kropf und Triefaugen. Schaudernd sah sie weg, machte schnellere Schritte, und Tränen des Zorns kamen ihr. Wie durfte in das erlesene Reich der Zärtlichkeiten, worin sie lebte, dies einbrechen! Plötzlich kehrte sie um, und in dem Gefühl, das werde sie der Störung, der Mahnung ledig machen, schüttete sie der Elenden all ihr Geld in die Hände. Dann, an Pardis Arm, mit zugedrückten Lidern:
„Sag’ ihr, daß sie zurückbleibt!“
Trotzdem folgte ihnen die Verkrüppelte noch bis an die erste Treppe. Mit heulender Stimme betete sie für ihreWohltäterin. Einige Jungen überrannten sie, schlugen Purzelbäume und streckten schwarze kleine Handflächen hin, Pardi hieb mit dem Stock darauf.Sie lachten. Aus allen Häusern schallten Grüße. In die Türen, aus deren rauchiger Nacht die Kupferkessel blinkten, traten die Weiber mit den Säuglingen, reckten den freien Arm nach den Herren und wünschten Glück. Die Nachbarinnen gellten aus den Fenstern einander Lobsprüche zu, auf die Schönheit der jungen Frau. „Zu viel Schmutz für so schöne Füße!“ rief ein Mädchen und räumte eilends, mit vollen Armen, einen Haufen leerer Maiskolben von den Stufen, die Lola betreten sollte. Dann blieb sie hocken, den Blick über sich, auf Lolas Gesicht, mit einer leidenschaftlichen Schwärmerei, die Lola kannte: aus dem Blick der kleinen Tini.
Auf dem Platz am Fuß der Treppengassen schrie der bunte Kram der Händler in der letzten Sonne noch einmal bäurisch auf. An der geebneten Straße den Berg hinab, schnatterten in ihrem offenen Waschhaus die Wäscherinnen. Der Himmel war von einem warmen, reichen Blau, und jede der goldenen Weinbeeren in all den Laubnestern trug seinen Abglanz auf ihrer kleinen Kugel. In ihren Augen, die sie aufeinander richteten, fanden die Frau und der Mann wieder ihn. Lola blieb unversehends stehen, öffnete die Arme und küßte den Mann auf den Mund. Gleich darauf begriff sie, sehr rot, nicht mehr, wie sie’s vermocht hatte, und sah ängstlich nach Zuschauern umher. Droben am Bergabhang lehnte unter einer Pinie ein junger Hirt, aber er behielt ganz ernste Augen. Pardi zog sie zärtlich von der Hecke fort.
„Du wirst dein Kleid zerreißen.“
„Ich weiß nicht, warum,“ sagte Lola, „aber mir ist, als wäre es sehr lächerlich, darauf zu achten. Die Dornen —“ sie faltete sinnend die Brauen — „sind so viel wichtiger als mein Kleid.“