Ihre Lust, Tage und Nächte in enge Zimmer zusammengepreßt, breitete sich auf einmal aus. Das Glück ihres Körpers ergriff alle Körper und kam zurück von allen. Das Rund der Baumkronen wiegte ihr Freuden in die Augen, vor deren Unermeßlichkeit sie nur Tränen fand. Das leiseste Lüftchen fühlte sich stark genug an, sie bis in das rote Sonnengestirn zu tragen.
Die Arme einer um des andern Schulter, durchschritten sie ein stolzes Tor, einen langen Zypressengang, der seine feierlichen Schatten über die hellen Weingärten warf; und am Ende hielten sie vor einem verwahrlosten Bauernhaus. Pardi rief in ein scheibenloses Fenster. Frau und Kinder kamen heraus, eins mußte nach dem Vater laufen. Die Frau legte, unter Glückwünschen, ein Tuch auf den Tisch. Sie brachte Trauben. Lola sagte, noch bevor sie davon gekostet hatte, sie seien gut. Dann langte der Mann an, reichte dem jungen Paar vertraulich die Hand und setzte sich mit ihnen zum Wein. Lola lächelte fortwährend; sie suchte nach Freundlichkeiten und fühlte doch, daß sie nicht gegenständlich klangen, sich auf kein gemeinsames Ding stützten. Pardi schwatzte breit und von gleich zu gleich; er lag über dem Tisch, einer seiner Arme stand darauf, und er hatte die Wange in der Hand: grade wie drüben der Bauer. Lola betrachteteihn; sie spürte das Aufstachelnde in der Mischung von Eleganz und Roheit. Sie hielt ihre Ringe gegen das Licht, raschelte auf dem Strohstuhl mit ihrer Seide. Schon auf den schmutzigen Treppen hatte sie, unbemerkt von sich selbst, den Kitzel des eleganten Vergnügens genossen, das aufs Land geht, in Spitzen Schäfer spielt und die Armut des Volkes zum Mitwirkenden macht bei seinem Spiel . . . Da hörte sie die Stimmen der Männer anschwellen und verstand, daß es um Geld ging. Der Bauer beteuerte, dies Jahr das Pachtgeld nicht aufzubringen, und Pardi schlug auf den Tisch.
„Exzellenz! ich sage die Wahrheit. Der Pächter, den Sie weggejagt haben, hat mir aus Rache die besten Weinstöcke abgeschnitten, heimlich, dicht am Boden. Erst als er längst fort war, habe ich’s bemerkt. Sie wissen, was er für ein Rüpel war, und daß die Carabinieri kommen mußten, ihn hinauszuschaffen . . .“
Die Frau sprach alle Worte des Mannes mit; jedes klappte nach, wie ein Echo. Lola sah sie an: plötzlich entdeckte sie das ganze Elend des fiebergelben Gesichtes mit den tiefen schwarzen Strichen darin; verstand auf dem dürren schwarzen Arm den welken Säugling und im Haufen der größeren Kinder die kranke, glühende Tiefe der Augen. Reue schüttelte sie. Sie haßte sich. Auf diesem Elend als Hintergrund erging sich ihr gepflegtes Glück, und ihm verdankte sie es! So mußte hier gelebt werden, damit alle ihre Sinne blühen und sich sättigen konnten! Der Gedanke an den kleinlich lasterhaften Kitzel, den sie noch ebendiesem selben Elend entnommen hatte, schlug sie mit Entsetzen. Sie begriff nicht, wie ein Herz dies hervorbringen konnte, in derselben Stunde, in der es dort draußen sich allen Wesen, ja der Sonne selbst, verbunden gefühlt hatte.
Die Frau antwortete Lolas entsetztem Blick.
„Ja, wir haben alle das Fieber. Es ist nicht wie im Winter, da lebt man. Aber der Sommer war hart, und wir hatten kein Geld, in die Berge zu gehen.“
„Exzellenz!“ schrie der Bauer in seiner ungebärdigen Art. „Sie sollen mit Ihren Augen die abgeschnittenen Weinstöcke sehen. Sie werden nicht sagen, daß ich es selbst getan habe.“
„Ach was,“ machte Pardi. „Ich kenne euch, ihr seid Spaßvögel.“
„Ich bitte dich,“ wagte Lola: mit feuchter Stimme und ganz leise, damit niemand höre, daß sie sich ihres Mannes schämte. Er erwiderte barsch:
„In was mengst du dich?“
Zu dem Bauern:
„Sonntag bringst du mir den Rest; sonst wehe!“
Und zu Lola:
„Komm!“
„Sprechen Sie für uns!“ jammerte die Frau ihr nach. Lola ging gesenkten Kopfes einen halben Schritt hinter Pardi; sie dachte: „Warum kann ich ihnen nicht sagen, daß ich sie liebe? Mein Bestes bleibt immer ganz stumm.“ Pardi kehrte unversehens um, rief einen Scherz, schlug dem Bauern, der lachte, aufdie Schulter und gab der Frau die Hand. „Es ist doch ein guter Herr,“ sagte sie. Pardi wiederholte zum Abschied noch:
„Also Sonntag. Sonst habt ihr’s mit dem Gericht zu tun.“
„Sie werden bedient werden,“ sagte die Frau. Und Pardi schob, voll mitteilsamer guter Laune seinen Arm in Lolas.
Sobald man sie nicht mehr sehen konnte, machte sie sich los.
„Gekränkt?“ fragte er, mit ironischer Zärtlichkeit. „Ich habe dich angeschrien: ich weiß, es ist infam. Aber was willst du, du warst im Begriff, mir das Geschäft zu verderben. Jetzt hast du gesehen, wie man die Leute nehmen muß. Also komm, sei lieb!“
Bei seiner Berührung fuhr sie auf:
„Laß mich!“
Er pfiff durch die Zähne. Kurze Zeit hielt er ihren Arm gepackt, der sich wand; dann ließ er ihn mit einem kleinen Ruck fahren und ging weiter. Lola atmete kürzer vor Wut. Der Weg zwischen den Hecken war lang und schwül. Er deuchte einem dunkel; und jenseits der Himmel blendete mit seinem dick und glatt aufgetragenen Gold. Sie gerieten in den Staub und das Getrappel einer Schafherde. Das kindliche Geplärr der Lämmer, der gute, friedliche Geruch all dieser langwolligen Leiber feuchtete Lolas Augen. Rasch gab sie ihren Arm hin; und sehr sanft:
„Lieber, diese Leute sind arm.“
„Teufel, auch wir brauchen Geld.“
„Die kleine Summe, die sie uns schulden, nützt uns wenig.“
„Wenn wir das bei jedem Schuldner sagen wollen —. Außerdem lügen sie.“
„Aber sie bezahlen mit ihrer Gesundheit.“
„Dafür sind sie römische Campagnabauern.“
„Ist nicht jeder zuerst Mensch? Erlaß ihnen die Pacht!“
„Nein, meine Liebe; ich habe Grundsätze . . . Guten Abend, Advokat!“
Der beleibte, aufgewichste Herr in Schwalbenschwanz und weißen Gamaschen wartete bei dem geschwärzten, rauhen Stadttor. Er machte Kratzfüße und sagte der jungen Gräfin mit heiserer Flüsterstimme Artigkeiten. Auf dem Platz, vor dem Café, erhoben sich der Apotheker und der Brigadiere der Gendarmen und grüßten. Pardi bestellte Vermouth, machte Lola mit allen Honoratioren bekannt und brachte die belebteste Stimmung hervor. Nachdem sie sich verabschiedet hatten:
„Aber wenn man so menschenfreundlich ist, darf man nicht so steif sein.“
„Verzeih! Ich kann oft nicht, wie ich möchte. Aber du: habe jetzt Nachsicht mit jenen armen Leuten. Mir zu Liebe.“
„Was täte ich nicht dir zu Liebe?“
„Also du erläßt ihnen die Pacht?“
„Wir werden sehen. Wenn du sehr artig bist.“
„Was soll ich tun?“
Er lachte. Über die letzte Treppe trug er sie, wiedas erstemal. Eine Frau, die auf ihrer Schwelle dem Kinde das Haar durchsuchte, rief fröhlich hinterdrein. Lola zerrte an seinem Arm, damit er sie niedersetze. Aber sie konnte nichts dagegen, daß die Stärke des Mannes, seine Unempfindlichkeit selbst und seine Unverführbarkeit zum Weichmut, sie begehrlich erregten. Oben strichen Fledermäuse, stießen eckig aus dem Dunkel, und mit üblem Zwitschern vergruben sie sich wieder darin. Wirr abwärts entwich die Schar der Dächer; und im kahlen Nachtblau behauptete sich, allein und ungeheuer, der Palast. Mit verwischten Rändern breitete er in die Dämmerung seine geschweiften Drachenflügel. Sein schwarzes, leeres Tor schnappte ins Ungewisse. Alles fühlte sich hungrig, atemlos und voll Reiz an. Die Hände, an denen sie einander hineinführten, waren heiß und trocken.
Plötzlich ging der Mond auf. Lola löste ihre Zähne aus seinen Lippen und sagte lockend:
„Du erläßt ihnen die Pacht?“
Er fuhr auf.
„Daß ich verrückt wäre!“
Ihre Münder rangen von neuem miteinander: all ihr Fleisch. Er, endlich:
„Mach mich müde, dann erlaß ich ihnen die Pacht.“
Als er am Morgen, zum Ausgehen bereit, vor ihr, die noch dalag, seine Zigarette anzündete:
„Bin ich müde? Nein? Dann werden sie also bezahlen.“
Das Zimmer ward ihnen schwüler mit jeder Nacht. Sie trugen ihre Decken in den Garten hinaus. Das feuchte Gras löschte ihr Fieber. In der Hand, die sich, nach dem Geliebten schmachtend, aufreckte, blieb eine Granatfrucht zurück. Ein unsichtbarer Zweig mischte sich in ihre Umarmung. Aus dem schwarzen Dickicht funkelten wilde, grüne Augen und strömte strenger, erbitternder Duft.
Schlaff verdehnte Lola die Stunden, die er draußen war, in der kühlen Galerie, ließ die Zigarette herabhangen und genoß ein langsames Lächeln der Erinnerung. Unter ihren Augen der Alkoven und der Garten: das war die Welt; sie mochte nicht hinausdenken und faßte nicht, was jenseits sie hätte heiß oder kalt machen können. War sie selbst es, die lange gekämpft, gelitten hatte, bis sie dies Glück, gleich einer Schande, sich abgewandten Gesichtes gewährt hatte? Jetzt erwies sich das Sinnenglück als das allein vollkommene, als das einzige ungetrübte, mühelose, immer erreichbare. Kein quälender Gedanke, an Schicksal und Zukunft keiner, unterbrach es. Man hatte keine andere Bestimmung und erwartete nichts, als das Beben der letzten Lust.
Mit Zuneigung gedachte sie des jungen Hirten, der ernst auf sie herabgesehen hatte, als sie, an der Straße, den Mann auf den Mund küßte. Die ernste Schamlosigkeit der Natur füllte ihr die Augen mit Tränen der Zärtlichkeit. Zum erstenmal fühlte sie sich, kraft der Lust, allen Wesen gleich und nahe. Maria, die am ersten Morgen, über ihr Bett gebeugt,nach dem Vergnügen der Nacht gefragt hatte, war ihr kein Rätsel mehr. Lola redete die Frau an, wenn sie eintrat, behielt sie bei sich und plauderte. Sie brachte Maria zum Geständnis ihrer Liebe mit Pardi. Zwei Jahre war’s her, und ihr jüngstes Kind war von ihm. Ihr Mann wußte es; sie hatte zu büßen. Aber sie bereute nichts, denn viel hatte sie genossen. Schwachrote Wolken zogen auf der Höhe ihrer mürben Wangen zusammen, unter den schweren Augen, die erwachten. Die Arme auf den Knien verschränkt und die Büste darübergebeugt, kraftvoll bei ihrer Welkheit, saß sie vor Lola, die lässig lehnte in ihrer auf den Stacheln der Lust über sich selbst erhobenen Schwäche. Und sie sprachen einander von dem Manne, der sie beide erweckt und erfüllt hatte: genußsüchtige, nachschmeckende, hellseherische Worte, unter deren Tasten plötzlich der Schauer selbst wieder auflebte; die manchmal auffuhren zu einem Schrei der Eifersucht, und nun hinabsanken in ein Geflüster, das die Augen erweiterte. Maria hatte mehr erfahren, und sie flüsterte davon . . . Aber draußen klappte der Schritt des Mannes, und die Dienerin verschwand ohne Laut.
Sie hatte den Auftrag, die Bettler vor dem Tor täglich zu bewirten und zu beschenken. Oft überzeugte Lola selbst sich, ob es geschah. Nur die eine Sorge fand zu ihr hin. Aus einem brennenden Traum schrak sie empor, ging hinaus und legte sich den Anblick der triefäugigen Zwergin wie eine Buße auf, die den Bestand ihres Glückes verbürgte. Sie lebte im Sinnenrausch wie in einem Garten roter, abenteuerlicher Kelche,deren Duft die Vernunft betäubte. Abergläubisch durch die Fülle des Glücks, gab Lola der Verführung Marias nach und ließ sich von der Zwergin wahrsagen. Die Zwergin ward ins Zimmer gelassen. Die entzückenden Visionen, von denen es voll war, durchbrach ihr Kropf, und ihre entzündeten Augen hefteten sich an alle . . War das nicht genug? Lola überließ ihr auch noch ihre Hand. Indes sie das Scheusal kichern hörte, bedrängte ein Gedanke sie. „Wenn ich’s nicht tue, bin ich verloren!“ Da schnellte sie vor und küßte die Zwergin gerade auf den überfließenden Mund.
Auch die Bitten um das Pachtgeld jener Bauern stieß sie unter dem Brennen einer Sucht aus; sie weckte den Mann dazu auf.
„Was soll ich tun, damit du es ihnen zurückgibst?“
Seine Nachsicht gegen diese Armen verlockte sie in dem Taumel, der sie dahinraffte, wie eine letzte Erfüllung, wie der Sieg im Zweikampf der Liebe, der äußerste Gipfel der Lust. „Was soll ich noch tun?“ — verheißend, mit geheimer Begierde, zu erfahren, was sie verhieß. Maria hatte davon angedeutet. Er weihte sie ein.
„Ich dachte nicht, daß Ihr dahinten zu solchen Sachen zu brauchen seid. Das war sogar der Hauptgrund, weshalb ich einige Zeit zögerte, dich zu heiraten.“
Sie hatte sich zu den letzten Würzen des Vergnügens herbeigelassen. Ob eine andere ihm so gefällig gewesen sei?
„Vielleicht Gigì?“
Sie gestand nicht, was sie wisse. Aber sie machte sich, in seinen Armen, hinter ihren geschlossenen Augen zu dem Mädchen, das nackt in der Kirche, auf den Stufen des Altars, den Mann erwartet.
„Nenne mich Gigì!“
Dann:
„Was hast du mich noch zu lehren? Nichts mehr? Gar nichts? So gib mir das Pachtgeld!“
Aber er brach lachend sein Wort. Auch ihre erbitterten Vorwürfe verlachte er.
„Gegen euch Weiber ist alles erlaubt.“
Dies Unerreichbare ließ ihr einen Durst und eine Unruhe zurück, als sei die süßeste Frucht des Gartens nicht in ihren Mund geflossen, als stehe irgendwo im Palast ein unzugängliches Zimmer voller Seltsamkeiten. Sie hatte, sobald er fort war, den Kopf in Bilder verstrickt, in zehrende, nie ganz vollendete. Auf unbestimmter Suche machte sie manchmal einige Schritte allein vors Haus. Am Ende der Schloßterrasse das Kloster lockte sie an: dies Frauenkloster mit seinem vergitterten Schalter. In der Sonne stand sie und schmachtete mit Haß zu der dunkeln, kühlen Mauer hinauf. Einmal fand sie daneben die Kirche offen. Hinten sangen im Halbkreis die Nonnen. Von fern betrachtete Lola sie mit Hohn. Wenn jetzt eine kam, wollte sie ihr im Vorüberstreifen solche Dinge ins Ohr sagen, daß sie für den Rest ihrer Tage ihren kläglichen Frieden verlieren sollte.
Vor dem Palasttor lungerten schon wieder die Bettler. Die Zwergin zerrte die anderen weg, drängte sich vor.
„Laßt sie, ihr Pack, meine Herrin ist’s. Mich kennt sie, und sie liebt mich, denn ich leiste ihr nützliche Dienste.“
Lola ging kalt an ihr vorbei. Sie sah noch die Verkrüppelte von ihren Gefährten unter Spott zu Boden gestoßen, und es befriedigte sie. Ihre Gelüste verkehrten sich ins Böse. Der Schmerz der anderen barg vielleicht noch unbekannte Genüsse? Sie stritt mit der Versuchung, Marias Kinder, die in den Gängen lärmten, vom Diener schlagen zu lassen. Jene Bauernfamilie, der ihr Mann das Pachtgeld abgepreßt hatte, hungerte jetzt wohl? Lola dachte sich das verfallene Gesicht der Frau, einen Kreis fiebriger Kinderaugen um einen leeren Tisch. Als das nächstemal die Zwergin sich an sie hängte, rief sie einem Jungen zu: „Hol’ den Gendarmen dort!“ Beim Geklirr des Säbels und dem Zetern der Zwergin zauderte sie noch, abgewandt, auf der Schwelle; Scham nur hielt sie ab, den Befehl zurückzunehmen. Aber dann ging sie weiter. „Dafür ist sie eine Bettlerin!“ Pardi, fiel ihr ein, hatte gesagt: „Dafür sind sie römische Campagnabauern.“ „Jetzt bin ich selbst dort angelangt! . . . Und wenn schon, jeder leidet das Seine. Auch das Genießen führt, ganz in der Tiefe, zum Leiden . . .“
Der erste, schwüle Herbstregen fiel, als sie die Abreise beschlossen. Lola atmete schwer in der Luft, die braun durchs Land schlich. Sie hatte mit dem Manne allein, eng beisammen, unter dem Lederdach des zweirädrigen Wägelchens, hinabgewollt. „Rascher!“ Mit zugedrückten Lidern, in wonnigem Schwindel. Alssie sie einmal öffnete, hockte dort unten bei einem Busch die Zwergin. Sie schloß sie wieder, lächelnd. Da, gelles Hennengeschrei, der Fall von Steinen, Pardis wütende Drohungen, und das Krachen und Schwanken des Wagens, den das Pferd, gestreckt, dahinriß. Auf einmal Stille.
„Bist du verletzt?“ fragte der Mann, unter ihr.
Lola antwortete nicht. Dies war fast der Tod gewesen. Und die Angst selbst seines Vorüberstreifens war zu Wollust geworden. Sie lebte in so tiefen Schauern, daß keiner mehr sie schreckte.
Er hob sie aus dem Graben. Er wollte der Übeltäterin nach; Lola hielt ihn zurück.
„Du hast den Wagen umgeworfen? Hast gemacht, daß ich auf dich fiel, und dein Leben für mich gewagt?“
Sie gedachte dessen, was Nutini von ihm geflüstert hatte: er habe die Chiarini, als sie von ihm in anderen Umständen gewesen sei, mit dem Wagen umgeworfen, habe sie getötet . . . Vielleicht war die glücklicher gewesen? Denn sicher: der Gipfel der Lust war hier gewesen. Und im Weiterfahren sah sie beklommen rückwärts.
„Schade!“
Auf der Fahrt vom Bahnhof, aus dem Wagen des Hauses Pardi, sah Lola mit nachdenklicher Geringschätzung die Rücken der Leute an, die durch den Regen trabten und nicht wußten. Denn die Abgründe, in denen Lola heimisch war, hatten jene nie berührt. Mit dem Manne zusammen war sie in eine eigeneLuft geschlossen, in eine stärkere, durch die man höher atmete und rascher verbrannte. Sie hatte keinen Blick für das Haus, in das sie einzog, für die Diener, die sie begrüßten. Wozu standen sie noch da? Schickte er sie nicht weg? Endlich: die Arme durften sich öffnen.
Aber Pardi bemerkte Blumen mit Karten, der Haushofmeister meldete das Diner, und wie sie sich setzten, kam ein Fremder.
„Mein Freund Valdomini,“ sagte Pardi.
Lola erstaunte: „Sein Freund?“ Glückwünsche und Komplimente nahm sie hin und dachte: „Also gut, das ist abgemacht. Was noch?“ Der Fremde setzte sich mit zu Tische, man mußte ihm zuhören, sich an eine Menge verschollener Personen, dahinten gebliebener Angelegenheiten erinnern lassen. Was konnte dieser auch wissen? Doch sprach er gut; Lola lachte mehrmals; unwillkürlich trat sie einige Schritte aus ihrer Welt heraus.
Wie er dann in Pardis Begleitung fort war, besann sie sich auf die Wirklichkeit, auf das einzige Wirkliche. In zwei Minuten hatte sie das Kostüm gewechselt, und die Hände verschränkt im Nacken, während die Schleierfalten um sie her schaukelten, ließ sie sich auf die Ottomane fallen. Bereit. Jetzt schloß das Tor sich hinter dem Fremden, Pardi war schon auf der Treppe, schon vor der Schwelle. Sie war bereit. Sie lächelte. Horch! . . . Nein, noch nicht . . . Immer noch nicht? Das Kammermädchen gab Antwort:
„Der Herr Graf ist mit dem Herrn Fürsten fortgegangen.“
„Ach so, ich weiß . . .“
Sie überlegte: „Er muß ihn eine Straße weit begleiten . . . Der andere sagte, seine Frau sei leidend. Er wird ihm in seinem Hause eine Viertelstunde Gesellschaft leisten.“ Eine halbe Stunde war vorbei. „Das Tor geht! Ah!“
„Sagen Sie dem Herrn, ich sei im Schlafzimmer.“
„Der Herr Graf ist noch nicht zurück“
Wieder allein: verwunderlich allein. So waren sie wohl an Valdominis Hause vorbeigegangen. Jener hatte gesagt: „Meine Frau ist krank, ich langweile mich, machen wir einen Rundgang.“ Aber eine Stunde dauerte der Rundgang? Wohin konnten sie spazieren? Lola folgte ihnen im Geiste. Vor dem Klub der Via Tornabuoni standen Herren; sie hatte sie oft dort stehen gesehen. Sie verdauten, überlegten, ob sich’s noch lohne, in ein Theater zu gehen, und wenn fremde Damen vorüberkamen, sagten sie „der Hut“ oder „die Schuhe“, um bekannt zu geben, was ihrem Geschmack nicht genüge. Gesellte sich Pardi zu diesen? Vermochte er, den Klub zu ertragen, die Reden, die Gesichter? „In seinem Kopf bin doch ich, so wie ich hier liege, die Arme nach den Schultern hingebogen, und ihn erwarte!“ „Zwei Stunden! Das ist unmöglich, ein Unglück muß geschehen sein.“ Und sie sprang auf. In der Sekunde, da sie sich bewegt und nicht hingehorcht hatte, konnte das Tor gegangen sein. Ja? Ja! Rasch sich wieder hingelegt und gelächelt! . . . Nein, nichts. Aber natürlich hielten sie ihn fest. Die von Viareggio waren dabei, er mußte ihnen die Geschichteseiner Verlobung geben. „Er denkt nur an mich!“ Lola schloß die Augen, in ihre Lippen drückten sich seine . . . Sie seufzte und sah sich allein.
Auf einmal hörte sie ihn laut, mit seiner schleierlosen, sicheren Stimme, ein sehr schmutziges Wort sagen, und wußte, es galt ihr. Sie zuckte zusammen, lauschte entsetzt. Die anderen lachten. Pardi berichtete weiter von ihr. Er zergliederte, ganz sachlich, ihren Körper, rühmte ihre Gelehrigkeit. Lola fühlte ihr Gesicht brennen und versteckte es; sie warf sich umher und stöhnte; — aber Pardis unerbittliche Stimme ging weiter. Hatte er damals, als Nutini sie zur Lauscherin gemacht hatte, etwa geschwiegen?
Sie wanderte durch das Zimmer. „Mein elendes Mißtrauen! Heute liebt er mich. Überdies, sobald wir verlobt waren, fing er an, mich zu achten. Alles, was ich soeben phantasiert habe, ist bare Unmöglichkeit, da ich seine Frau bin. Man muß die Männer kennen . . .“ Aber sie litt, weil sie ihn zu prüfen hatte. Als ihre Gedanken sich endlich verlangsamten, merkte sie, daß es sie fror. Die Uhr zeigte drei. Lola ging zu Bett.
Sie erwachte, es war hell, und neben ihr schlief Pardi. Sie richtete sich auf und betrachtete sein unbewegtes, schönes Gesicht. Der Mund, leicht offen, stand fleischig und feuchtrot aus der kraftvollen Blässe hervor . . . Die Mundwinkel beleidigten sie mit ihrer satten Senkung. Aber bevor sie es sich gestanden hatte, war ihr Blick auf seinen Lidern, auf seiner breiten Stirn. Dahinter weilten nun Gesichte, dienicht auch ihre waren, Erinnerungen, die ihre gemeinsamen zu verschütten drohten. Sie überlegte, in Angst, wie sie ihn ausfragen solle. „Schweigen und ihn zurückholen,“ stellte sie schließlich fest.
Er verlangte, daß sie zur Promenade führen. In den Cascine stellte er sie vor. Die Bernabei winkte aus ihrem Wagen; sie mußten den Abend bei ihr verbringen. Als Pardi ihr zu Hause den Pelz abnahm, hatte Lola noch seine Lippen auf der Schulter gespürt; und wie sie sich umwandte, war er fort. Seine Rückkehr weckte sie. Er kam mit zusammengebissenen Zähnen auf sie zu; das Düstere, Gewalttätige seiner Begierde machte ihr solche Furcht, daß sie über den Bettrand zurückwich und er sie auffangen mußte. Die folgenden Tage ging er über ihre Zärtlichkeiten leicht hin. Er schien den Kopf bei anderem zu haben, sie fragte nicht wo. Sie hatte beschlossen, das Haus so wohnlich zu machen, daß es ihn keinen Abend mehr fortverlangte. Bei ihrem Einzuge hatte sie es nicht angesehen, es war nur für die Zuflucht und den Verschluß ihrer Liebe bestimmt. Jetzt ließ sie es säubern, ordnete eigenhändig die Sitze an, die alle, wie in Schlössern oder Wartezimmern, die Wände entlang prangten, entfernte den Überfluß an schlechten Bildern, verstaubten Festons und Teppichen, samt den großen venetianischen Mohren aus bemaltem Blech und den Pfauenfedern hinter den Spiegeln. Diese plunderhafte Pracht mochte das untere Stockwerk verschönen, das aus der engen Gasse noch weniger Licht und von hinten, wo steil der Garten nach der Hügelstraße anstieg,schon im Oktober keine Sonne mehr traf. Oben sollte es hell und lustig werden. Pardi spottete über das Schlafzimmer, worin kaum mehr anderes als das Bett übrig blieb. Als ob nicht Raum für seine ausgestopften Vögel, seine Säbel und seine Schuhsammlung gewesen wäre! Der Vermehrung der elektrischen Lampen sah er schweigend zu, herrschte die Arbeiter, die die Wände hell bekleideten, unvermittelt an, drehte ihnen aber gleich wieder den Rücken, — und erst als er eines Abends Lola in einem ganz fremden Zimmer fand, brach er los. Sie verschwende seine Einkünfte. Zweitausend Francs diese paar grauen Lackmöbel?
„Damit spiele ich eine Woche!“
Er biß sich auf die Lippen und setzte hinzu:
„Und verdoppele sie, verzehnfache sie!“
„Aber ich hatte kein Boudoir,“ sagte Lola. „Und mein Bruder schickt doch schon wieder zweitausend Francs.“
„Und da habe ich die unbezahlte Rechnung der Bossi.“
„Du willst, daß ich mir immer neue Toiletten anschaffe.“
„Werfe ich’s dir vor? Eine Dame muß angezogen sein: ein Boudoir braucht sie nicht. Das ist für jene Frauen dahinten in Deutschland, in ihren lächerlichen Phantasiegewändern: die können sich auf der Straße nicht sehen lassen.“
„Auch ich verbringe mein Leben nicht auf der Straße.“
„Zu Hause hast du genug in deinem Ankleidezimmer zu tun.“
„Ich brauche auch einen Raum, um zu lesen.“
„Das ist unnötig! Das ist schuld an deinem ganzen verrückten Wesen! Wie ich dies Zeug hasse!“
Er hielt ein Buch in der Hand und warf die Augen leidenschaftlich umher. Da flog es in den Kamin. Durch die Tat erleichtert, sprach er mit Wohlwollen weiter.
„Siehst du, wir sind dem Gesellschaftsleben bestimmt. Von unserer Wohnung sind nur die Räume wichtig, die die Leute zu sehen bekommen. Und die müssen nicht wie bei Bürgern sein, sondern unserm Range entsprechen. Ich werde die Decke im Saal neu vergolden lassen. Auch die Fresken lasse ich restaurieren, — wenn ich Geld habe. Diese Künstler können nie warten.“
„Die Fresken werden verlieren, sie sind von Luca Giordano.“
„Aber sie müssen wieder glänzen.“
Lola fügte sich. Ihre von Menschen freien Stunden verloren sich im Ankleideraum der Schneiderin und in ihrem eigenen. Die Mahlzeiten ohne Gäste wurden so einfach, wie er sie wünschte. Sie hatte seine Miene gedeutet und seinen Kammerdiener befragt. Wenn sie nach dem Theater, Lola in großer Toilette, im „Gambrinus“ soupierten oder Valdomini mitbrachten, kosteten die Getränke mehr, als die Einkäufe zum Diner betragen hatten. Was tat es? Es galt, mit ihm einig zu sein. Es galt festzuhalten, was entgleiten wollte, die Zeit zusammenzuraffen, damit sie nicht weiterströmte; galt, zu machen, daß auf einerselben Straße, unter dem Verdeck eines Wägelchens, sie und der Mann ohne Ende dahinjagten. Denn in jene Fahrt, das letzte ganz enge Beieinander, träumte sie sich oft zurück und wünschte sich, sie wäre nie ausgestiegen. Nun kreischte die Zwergin, nun fühlte sie sich dahingerissen, ins Ungewisse fliegen und, nochmals vereinigt mit dem Geliebten, an ihm vergehen. Welch gutes Ende es gewesen wäre, das Ende in jenem Straßengraben! Dem Kommenden wagte sie manchmal kaum die Augen zu öffnen . . . Aber Pardis Schritt ward hörbar, und von Dankbarkeit heiß, schoß ihr das Blut zum Herzen. Ihr schien es sein Blut. Ihr schien’s, er habe sie mit seinem Blut erfüllt, sie lebensstärker, zuversichtlicher gemacht, daß jetzt auch sie sein mutiges Leben ohne Selbstüberwachung würde leben können. Auf dem großen Ball im Casino Borghese fühlte sie’s ganz deutlich, wie ihr Körper und ihr Wesen geschliffener und glänzender waren durch eine neue Anmut, von ihm ihr eingetränkt; daß sie gefallen müsse dank ihm. Die Verführungen ihres Geistes sah sie weich zusammenfließen mit denen ihres Anzuges; ihre Augen wußten zu spielen wie ihre Antworten; und umringt und in aller königlichen Lässigkeit bis zu den Fingerspitzen durchpulst von Sieg, suchte sie dahinten ihn und liebte, schien ihr’s, zum erstenmal das Frauenleben, zu dem er sie erweckt hatte.
Sie war reich. Dieser eine Mensch hatte sie so mit Liebe beschenkt, daß sie davon der Menschheit mitteilen konnte. Auf der Promenade, unter huldigenden Blicken, bemerkte sie plötzlich das Gesicht des Elends,verließ ihren Wagen, winkte das Geschöpf in eine Seitengasse, fragte aus, half, verschaffte Verdienst: Alles mit Heiterkeit, in Sicherheit, ohne das zweifelhafte Gewissen des Gebenden, aus einfacher Wärme, fern von dem düsteren, menschenfeindlichen Bewußtsein der Vergeblichkeit, das sonst ihre hingestreckte Hand erkältet hatte. Durch Valdomini lernte sie einen sozialistischen Abgeordneten kennen. Zum Schluß des Gespräches sagte er ihr:
„Sie sind die erste und einzige Dame von Florenz, die nicht im Mittelalter lebt.“
Sie lachte: ein so übermütiges Vertrauen war in ihr. Der Bernabei hatte sie schon einen Beitrag zur Volksuniversität abgerungen. Die beiden kleinen Niccoli wollten sogar in die Vorlesungen. Und Claudia Grilli nahm an allem teil, was sie selbst bewegte. Claudia war eine Freundin! Sie brachte Lola Blumen mit. Welch rasche Stunden, wenn ihre eigenen liebsten Wünsche und Gedanken aus Claudias großen, bräunlich weißen Tieraugen in weicherem Glanz zurückglänzten; wenn Claudia mit ihrer gewandten Hand, die gleitend, leicht und fest war wie ihr Schritt, wie ihr Lächeln, über ihre schwarzen Bandeaus strich; wenn sie die einfach und sanft gebogenen Lippen leise von den kleinen Zähnen zog und aus den Winkeln nach Pardi aussah: was er nun noch vorbringen werde. Er verließ, so lange die Freundinnen sich unterredeten, nicht das Haus, lief, die Schultern schüttelnd, vor ihnen auf und ab, hielt plötzlich an und rief sie, mit Gesten, als wollte er sie überwältigen, auf die bewährtenStandpunkte zurück. Konnten sie wirklich vergessen, daß sie ohne den Mann keinen Zweck auf der Welt hatten? Er griff sich an die Schläfen, wie in einem Traum, worin eine Schar Puppen ihn anfiele. Lola redete, vor Verlangen stürmisch, auf ihn ein. Welche Vereinigung, welche Umarmung, wenn sie ihn gewänne! Claudia lächelte zu ihm auf; sie wiederholte Lolas Gründe in spitzbübischem Neapolitanisch, und ihre beweglichen kleinen Mienen überkugelten sich vor Spott. Er traf ihre Augen, blieb darin haften und brach seine Widerrede ab. Lola sprach eine Zeitlang allein. Plötzlich, ein wenig zerstreut trotz seiner Heftigkeit, fing er wieder zu streiten an.
Er würde gewonnen werden! Er war seelisch ein Kind; sie spürte, stritt sie mit ihm, Regungen von Mutterzärtlichkeit. Er verspielte Tausende, und dann machte er ihr einen Auftritt, weil sie die Wäscherin um einige Pfennige zu teuer entlohnt hatte. Seine Härte gegen die Dienstboten glich ganz dem Hochmut eines verwöhnten Kindes. Sie gab ihm das Beispiel, die Leute mit Güte anzusprechen, ihre Dienste zu erbitten und ihnen dafür zu danken.
„Wozu unsere zufällig günstigere Stellung mißbrauchen? So viel wie sie für uns, leisten wir niemals für sie; ein Danke ist nicht zu viel.“
Er behauptete die strenge Zucht.
„Das ist eine andere Gattung Menschen: sie verstehen nur die volle Ausnutzung der Gewalt; sobald wir nachlassen, sind wir verloren. Wenn wir die Herren nicht mehr zeigen, sind wir’s nicht mehr.“
Lola meinte:
„Das ist wohl allen Menschen gemeinsam: nicht mehr zu geben, als gefordert wird. Aber warum mehr fordern, als wir brauchen? Wozu überhaupt herrschen? Mich verletzt die Demütigung anderer in meiner eigenen Menschenwürde.“
Er nannte das sträflichen Unsinn. Als ihr eine Spange fehlte, mußten, trotz Lolas Widerspruch, Gepäck und Kleidung der Dienerschaft durchsucht werden. Es blieb umsonst; — und Pardi bestand nun darauf, Germaine verantwortlich zu machen. Sie allein betrete das Schlafzimmer; ob sie die Spange habe oder nicht, sie müsse fort. Lola sah, daß vor allem seine Herrschsucht ihn aufbrachte. Sie selbst, die sich ihre Untergebenen zu Freunden wünschte, sollte gestraft werden in der, die ihr am nächsten war. Germaine hatte nicht mit Mai nach Amerika gewollt, sie war Lola gefolgt. Sie drohte, den Herrn Grafen wegen Verleumdung zu verklagen. Lola zuliebe stand sie davon ab; sie willigte sogar ein, das Ende des Monats im Hause abzuwarten. Inzwischen bat und kämpfte Lola täglich für sie. Pardis Antwort war:
„Ich bin der Herr.“
Lola lebte in Angst um der Ungerechtigkeit willen, die er ihr auflud. Unvorsichtig aus Erregung, setzte sie sich eines Abends in der Pergola für den Schutz der unverheirateten Mütter ein. Ihre Loge war voll Menschen. Botta war darunter und vertrat in seiner schmatzenden Art die Ansprüche der Gesellschaft. Lola versteifte sich. Zwei Herren sahen sich an und lächelten.Pardi, der eintrat, warf einen Blick über die Lage und sprang Lola bei. Er trumpfte mit den ritterlichsten Gründen. Er arbeitete sich ab in verzweifelter Donquichotterie, vor den anderen, die ruhig wie die dumpfe Mauer des Vorurteils selbst, ihm lächelnd zusahen. Seine Tigermiene und eine Anspielung auf seinen Degen wischten das Lächeln weg. Lola hatte gesiegt. Er hatte sich mit ihr durchgefochten. Sie atmete schwer und glücklich, als habe er sie wirklich auf seinen Armen durch Feinde hindurchgetragen. Er war bei ihr: o, sie hatte gewußt, sie werde ihn gewinnen! Wie wäre es möglich gewesen, daß in zwei Körpern, die kraft so vieler Umarmungen fast zu Zwillingskörpern geworden waren, nicht auch die Seelen sich verstehen lernten, sich umarmten!
Sie hatte Tränen in den Augen und nahm, indes alle nach der Bühne sahen, seine Hand. Er entzog sie ihr. Im Wagen verbot er ihr zu sprechen; es dringe Nebel ein; — und dann kam er plötzlich aufgereckt, entschlossen durch das Ankleidekabinett herbei. Auf der Schwelle des Schlafzimmers hielt er an, die Hand an der Brust. Sie erschrak über sein Gesicht. Auf ihn zu:
„Was hast du? Lieber?“
„Keine Komödie! Wir wissen, woran wir miteinander sind. Madame, ich erkläre Ihnen, daß Sie mich nicht länger kompromittieren werden!“
„Ich — dich? Ich wollte dir danken, dich so lieb haben wie noch nie. Du hast meine Partei genommen! . . .“
„Jawohl: ich habe Ihre Partei genommen! Was weiter? Sie sind meine Frau: Sie könnten gestohlen haben, und ich würde Sie freilügen. Aber merken Sie sich, daß ich Sie darum nicht weniger verachten würde!“
„Ich habe unsere Freunde um ein wenig Menschlichkeit gebeten für gewisse Ausgestoßene. Ich verdanke dir so viel Liebe, daß ich kein Wesen ganz ungeliebt sehen kann.“
„Schwelgen Sie in Ihren unpassenden Utopien, solange wir allein sind. Aber hüten Sie sich, die Ehre meines Hauses den Leuten zum Spiel hinzuwerfen!“
„Ich begreife nicht, was die Ehre Ihres Hauses —“
„Sie stellen mein Haus auf den Kopf, moralisch noch mehr als materiell, und ich habe zu lange zugesehen. Sie suchen den beiden kleinen Niccoli den Glauben an die Hölle auszureden: gottlob umsonst. Meine Dienerschaft verliert den Respekt. Sie dulden eine Diebin im Hause . . .“
„Germaine ist keine Diebin!“
„Sie dulden eine Diebin! Und dank Ihnen hat einer dieser infamen Sozialisten hier Zutritt gefunden.“
„Der arme Ricchetti! Er leidet unter der Gewißheit, daß in diesem Lande seine Ideen niemals Wurzel fassen werden. Mag sein, daß er sich durch Gewalthandlungen manchmal darüber hinwegtäuscht. Doch weiß ich von ihm, daß er den Generalstreik nur zugelassen hat, weil er mußte, und hoffnungslos. Ein unglücklicher Messias — vielleicht. Und, wie man sagt, ein armer Epileptiker . . .“
„Ein schwächlicher Hallunke, ganz einfach,“ entschied Pardi — und schnitt Lola die prüfenden Gedanken ab. Da er sie durch sein entschlossenes Urteil eingeschüchtert sah:
„Du hast ihn für morgen eingeladen: du wirst ihm abschreiben.“
„Geht denn das?“ murmelte sie. „Überlege es dir, bitte!“
„Ich soll überlegen?“ Er schäumte wieder auf. „Du mißverstehst die Lage: ich habe nicht zu überlegen und nicht zu bitten. Ich verbiete dem Ricchetti mein Haus. Wer hat dich übrigens berechtigt, dem Cesco monatlich fünf Francs mehr zu versprechen?“
„Unsere Empfänge erschweren ihm den Dienst . . .“
„Du wirfst mein Geld hinaus!“
„Besinne dich! Sieh deine Hand an und denke dir, du habest fünf Francs darin. Was tust du damit? Du gibst sie irgendwem als Trinkgeld . . . Sei gut!“
Er schüttelte sie ab, getroffen und erbittert.
„Zu solcher Wirtschaft habe ich dich nicht hergebracht. Woher kommst du überhaupt? Gehorche, sonst magst du in Gesellschaft deines Kammermädchens zu dem Stadttor wieder hinausgehen, durch das du hereingekommen bist!“
Mit Schrecken erkannte sie in seiner Miene den Haß. Es konnte nicht sein, sie wollte nicht glauben: er irrte sich, er war krank! Eindringlich und mütterlich, mit einem Lächeln, als habe er gescherzt, und doch mit leise beschwörenden Händen:
„Im Ernst, du schickst mich fort? Also dann bitte ich den hartherzigen Mann für zwei, statt einer. Laß mich bleiben, und erlaube, daß auch Germaine bleibt!“
„Erlaube, daß Germaine bleibt! Das ist der Refrain: wenn ich ihn höre, gehe ich. Adieu. Erlaube, daß Germaine bleibt! Das ist wie: Erlaß dem Bauern das Pachtgeld. Wir wissen auch, welche schönen Dinge du mir statt des Pachtgeldes gewährtest. Auch Germaines Entlassung möchtest du mir gewiß mit diesen Späßen abkaufen? Also komm, Gigi!“
Sie taumelte zurück. Er lachte auf und war fort. Lola blieb ans Bett gestützt und hörte dies Lachen im leeren Zimmer weiterlachen. „Er verachtet mich!“ Sie sah starr, aus geröteten Augen vor sich hin, hatte die Hand am Herzen und dachte: „Er verachtet mich!“ Die Knie zitterten ihr; sie ließ sich, am Fleck, wo sie stand, zu Boden gleiten. Kauernd dachte sie: „Daß ich mir’s nicht gesagt habe! Ein Mann sollte von einer Frau solche Bilder im Kopf tragen, wie er von mir, und sie noch achten? Wie darf sie, die so tief mit ihm durch Schmutz ging, irgend eine reine Sache berühren wollen! Es ist wahr: das Mitleid selbst habe ich damals mißbraucht zum Dienst der Lust. Ich bin unrein für immer. Nicht er dürfte mir’s vorwerfen: Alle, nur er nicht, mein Mitschuldiger; aber die Wahrheit ist’s, und meine Sehnsucht, ihn dem zu gewinnen, was ich als höheres Menschentum empfinde, steht doch mit beiden Füßen im mehr als Tierischen, und seine Seele zu umarmen, drängt es mich nur darum sosehr, weil ich bis in Verirrungen und ohne meine letzte Scham zu hüten, seinen Körper geliebt habe!“
Immer neue Blutwellen stürzten ihr in die Wangen. Zitternd hob sie sich vom Boden, voll Bangens danach, ihre Schande zu betrachten und ganz zu ermessen, durch ihren Anblick sich zu kasteien. Sie warf sich, mit gierigem Ekel, dem Spiegel entgegen. Da waren diese Augen, die endlose Züge unzüchtiger Träume erblickt hatten: da waren sie! Da war dieser entweihte Mund! . . . Plötzlich hielt sie ihre beiden Hände vor sich hin, wie etwas Neuentdecktes, Furchtbares. Ihre Hände zuckten zusammen, als sie einen heißen Tropfen empfingen. Lola erkannte:
„Was habe ich getan! Ich habe mich selbst verraten an das Fleisch! Jetzt hält es mich, ich bin seine Gefangene, ich darf nicht mehr aus ihm hinausdenken. Nichts weiter mehr, solange ich leben mag, liegt vor mir, als die düstere Wut dieser hoffnungslosen Umarmungen. Ich hasse mich und werde von ihm, der sie genießt, verachtet für meine Dienste, wie eine schmutzige Magd.“
Sie setzte sich auf den Bettrand.
„Mein Gott! ich bin verloren.“
Sie weigerte sich, am Abend darauf die Gäste zu empfangen. Trotz Pardis Drohungen schrieb sie nicht nur Ricchetti, sondern allen ab. Pardi rächte sich durch die Herausforderung des Abgeordneten. Als er ihn leicht verwundet hatte, erklärte er Lola, sein Haus und sie seien wieder fleckenlos, jetzt könnten die Leute kommen.
„Du irrst dich,“ sagte sie, „ich werde vorläufig niemand sehen.“
Er wollte losfahren, erkannte aber ihre Miene: diese feindlich verschlossene Miene, der er seit ihrer Heirat nicht mehr begegnet war. „Verrückt,“ sagte er und ging.
Lola blieb allein mit dem Gefühl, ringsum wispere es von ihr, deute auf sie. Es war wie das Jucken eines unsichtbaren Ausschlages. Sie konnte nicht mehr ausgehen, seit ein begehrlicher Männerblick ihr begegnet war. Der hatte gewußt! Das Laster spürte das Laster heraus! Die Frauen: die reinen Frauen, denen man zutuschelte über sie! . . . Und ihr Mann, ihr Genosse, dem das alles vielleicht zu seiner Ehrediente, der sich damit rühmte, trat bei ihr ein, wie es ihm beifiel: ohne sie zu bemerken, oder scheltend, oder mit einer flüchtigen Liebkosung, unter der sie sich kalt und stachlich überschauert fühlte. Das war das Unerträglichste: keinen Fuß breit zu haben, wo sie allein sein konnte, wo keine fremde Haut an ihre streifte und kein feindlicher Atem ging! Wie sie die Menschen haßte! Es dürstete sie nach jener Mädchenzeit und nach der scheuen Einsamkeit der Gewittertage im Bergwald, da sie sich, durch Blitze und Regenströme vor Menschen sicher, mit Versen von anderen Sternen in eine Reisighütte barg. Allein und rein, allein und rein sein! Immer wieder stieg ganz frisches Entsetzen herauf. „Wie ist es geschehen? Wie komme ich hierher? Was war ich vorher! Welche Kluft!“ Und sie dachte an Arnold. Wenn er wüßte! Wenn er ihr je begegnete! O, sich nicht zeigen, sich niemals mehr zeigen.
Im geschlossenen Wagen fuhr sie vor der Stadt die ödesten Wege. Pardi verbot es.
„Weil du verrückt bist, dürfen meine Pferde noch nicht leiden. Vernünftige Leute fahren die Wege, die dafür da sind, in den Cascine. Auch den Viale de’Colli fährt niemand: er ist zu steil und überanstrengt die Pferde.“
Sein Geiz und seine geistlose Härte, seine unbeherrschten Begierden, sein elastisches, unbefangenes Hin und Her zwischen einer engen Mannesehre und jovialer Lockerheit bedrückten sie jetzt mit ihrer Nähe wie eine unheilbare Krankheit. Und sie hatte es für ein Spiel gehalten, sie zu heilen; war glücklich gewesen,daß es etwas an ihm zu heilen gab! Von demselben Cesco, dessen Monatslohn er nicht um fünf Francs hatte erhöhen wollen, hörte sie ihn fünfzig Francs leihen. Cesco schien geschmeichelt: er eilte lebhaft nach dem Gelde und bat freudig zum Diner. Lola konnte die Augen nicht von den Schüsseln heben, die der Diener ihr hinhielt. Pardi plauderte mit ihm. Dann schien ihm aus der Zigarrenkiste etwas zu fehlen, und Cesco ward des Diebstahls beschuldigt und in schnell herabgewürdigtem Zustand hinausgeschickt. Als die Notwendigkeit näher kam, wieder einen Besitz zu verkaufen, erklärte Pardi den grünen Spieltisch für das fruchtbarste Landgut. Während derselben Mahlzeit entrüstete er sich aufrichtig über den alten Niccoli, der nun auch seine zweite Frau ruiniert hatte und noch den Verlobten der mittellosen Tochter durch seine Tyrannei aus dem Hause trieb.
„Kein Gewissen! Unwürdig, eine Familie zu regieren!“
Dazwischen warf sie es sich vor, daß sie ihn allzu klar, ungetrübt durch ihr Herz, beurteile. „Er ahnt nicht, daß er ein Paar feindlicher Augen auf sich hat. Auch verdient er’s nicht: vor unserer Heirat war er derselbe, und ich wußte es. Ich wußte, er sei brutal, ein Lump und der Gerechtigkeit unfähig. Verklärt, beinahe durchgeistigt ward das alles durch eine Art Heldentum: durch eine großartige Eitelkeit und die Bereitschaft, für jedes Nichts mit ganzer Persönlichkeit einzustehen. Sein Heldentum war eins mit seinem Temperament: und das habe ich durchgemacht, er hates an mir abgenutzt, es ist mir verächtlich geworden. Mit dem, was übrig bleibt, heißt es nun leben . . .
Nicht er hat die Schuld. Manche andere hätte er zufriedengestellt: manches der unbewußten Wesen, denen er gleicht. Die Verantwortung ist bei mir, die voraussah. Welches meiner heutigen Leiden überrascht mich denn? Nur der fleischliche Irrsinn konnte mich vergeßlich machen; aber damals entschloß ich mich sehend zu meinem Verderben . . . Andere dürfen klagen, daß es keinen Ausweg, keine Scheidung gibt: ich nicht; ich verdiene sie nicht. Ich darf ihn auch nicht hassen: nur er mich. Er ist, und ich wußte es, der hochmütige, dumme Rassemensch, ohne Verständnis für irgend etwas, das nicht sein kleines, überlebtes Herrenrecht ist. Ich hafte nirgends (wie konnte ich mich vermessen, hier zu haften!), habe einen Fuß in jeder Welt, in jedem Volk, habe Fühler für alles, bin allem verwandt. Daß ich ihn verstehe und er mich nicht, das macht mich rechtlos . . .“
Sie hielt sich zur Geduld an, nahm seinen Zorn hin und die Geschenke, mit denen er sie, gutmütig, entschädigte.
„Du bringst mir Glück,“ sagte er. „Ich habe bemerkt: wenn ich von dir komme, gewinne ich.“
Und er forderte eine Umarmung. Er war warmherziger: seine Liebe, anders als ihre, vertrug sich mit Verachtung; vertrug sich damit, daß er, den Geruch anderer Frauen noch in der Haut, sich zu ihr legte. Er schlief; sie mußte wachen und diesem fremden Geruch gramvoll nachgrübeln. Endlich: „Was will ich? Habeich nicht gewußt, er werde sich nicht zusammenhalten können für mich? Er sei ein Abenteurer, der nach allen Seiten lebe, ein unzuverlässiger Spieler, für den nichts in Spiel oder Leben endgültig sei, und ein immer von seinen Launen gequälter Mann aller Frauen?“ Als sie ihn zum erstenmal betrunken sah, sprang eine Erinnerung in ihr auf: der Leierkastenmann, der einst mit seiner feurigen Blässe den Geschichtslehrer Herrn Dietrich in ihren Backfischträumen abgelöst hatte, dem sie all ihr Taschengeld zugeworfen hatte, und der betrunken gewesen und verhaftet worden war. „Alles wiederholt sich oder erfüllt sich. Es ist bestimmt; ich muß es aushalten.“ Er war gerade so unwissend wie der Leierkastenmann; manchmal rührte er sie. Er begriff nicht, warum sie für ihn erloschen sei, kämpfte knirschend, damit sie sich wieder entzünde, konnte eigens aus seinem Toilettezimmer treten, um ihr seine Muskeln und seinen Torso vorzuführen. Von einer Reise schickte er ihr sein Bildnis, nackt, mit gespreizten Beinen und die Hände auf den Hüften. Dazwischen forderte er einen Sohn von ihr. „Wo bleibt Giovannino?“ Und im Frühling: „Wehe, wenn das Jahr vergeht, ohne daß Giovannino kommt!“ Aber jedesmal vergaß er’s wieder für lange.
Sie dachte mit Befremden und mit Widerwillen an die Möglichkeit. Ein Kind, von diesem fremden Manne? Sie konnte sich nicht vorstellen, daß durch dieses ihr gleichgültige Haus ein Kind von ihr laufen solle, ihr wahres Kind. „Es würde nicht meins sein, es würde mich nicht kennen, mich nicht lieben.Die Rasse des Mannes ist so viel stärker, sie würde mich überwältigen, noch in dem Geschöpf, das ich hervorbrächte. Es wäre seins, es würde zu diesen Fremden hier gehören. Ich will es nicht: ich will nicht die Fremden bis in meinen Leib . . .“
Kaum ertrug sie noch diese Menschen: ihre lauten, schleierlosen Gebärden und Stimmen, all das gierige Leben in den gewölbten Augen. Durch einen Salon sandte sie einen trostlosen Blick über das heimliche Aneinanderstreifen der Hände, der Wünsche, über die spöttelnde Wollust der Lippen, die sich anlächelten, über das in allen wache Geschlecht, — und plötzlich entwich aus diesen Toiletten, diesen schlanken Fräcken ein Qualm tierischer Gerüche und erstickte sie. Und an diesem Getriebe sollte sie noch in Viareggio beteiligt gewesen sein, es durch Leidenschaft vergoldet gesehen haben? Jetzt sah sie’s ohne Glorie und nüchtern. Sie mußte sehen; ihre Beobachtungen sprangen sie an, wie böse Hunde. Dem kleinen Sandrini drückte alles die Hand, und alles wußte, daß er falsch spielte. Aber seine Frau war die Tochter des Präfekten. Lola dachte: „Wenn Pardi nicht seinen Degen hätte —“ Der Trappola zeigte eine Zigarettendose umher, und seine Schwester bewegte den Fächer vom Baron Bergmann, dem auch die Dose gehört hatte. Gastgeschenke. Für mehr als eine Familie waren Gastgeschenke der sicherste Teil ihres Einkommens; die Unehre der Frauen ergänzte das Glück im Spiel. Jeder gewährte allen Nachsicht. Kein Mensch fühlte hier die Nötigung, vor sich selbst ohne Flecken zu sein.Die äußere Geltung, das Übereinkommen war alles. Sie machten, bei ihrer animalischen Tüchtigkeit, den Eindruck moralisch unendlich Ermatteter. Die Spitzbüberei war bei diesen Enkeln großer Bankiers blutarm und kleinlich. In ihrem Geist schienen die Federn verbraucht; er wiegte sich, hart und platt, wie die Chaise einer zu alten Staatskutsche, auf den verjährten Ideen aus ihrer großen Zeit. Man glaubte ihnen nicht, daß sie anderswo noch dachten, als in Gesellschaft, um „Figur zu machen“, des Pompes wegen. Auch geistig waren sie arme Dandys, die zu Hause nicht aßen. Nichts erneuerte sich hier; kein Vermögen, kein Ideenvorrat. Und im Wegsehen von allem Zeitgemäßen eignete ihnen dieselbe klägliche Einmütigkeit, wie im Vertuschen ihrer Schmutzereien. Eins nur war unverzeihlich: anders zu sein. Ricchetti, dem Abgeordneten, der aus gutem Hause war, sagte man Verbrechen nach. Mußten sie nicht in Lola die Kritik spüren? „Wenn Pardi stürbe, würde man aufbringen, daß ich ihn vergiftet habe.“
Plötzlich ward die Bernabei von ihrem Gatten erwischt: mit dem Leutnant Cavà. Die Männer schossen sich ergebnislos, Cavà ward nach Sizilien versetzt. Von der Bernabei, deren elf Liebhaber jeder herzählen konnte, zog sich von heute auf morgen alles zurück, ihre Eltern mit den übrigen, samt ihrer Schwester, die genau aussah wie sie und statt elf nur neun Liebhaber gehabt hatte. Ihr Mann setzte ihr ein Monatsgeld aus, unter der Bedingung, daß sie auf dem Lande lebe. Lola ging zu ihr: so sehrempörte sie die allgemeine Heuchelei. Diese Frau war die letzte Geliebte Pardis vor seiner Heirat gewesen; sie und Lola hatten eine feindliche Anziehung füreinander gehabt: — nun schämte Lola sich, sie am Boden zu sehen. Sie konnte nicht ganz schlecht sein, wenn Cavà, der anständigste von allen, sie geliebt hatte. Cavà kam, um Abschied zu nehmen. Lola fragte ihn geradeaus:
„Sie müssen die Gräfin sehr geliebt haben.“
Er schlug die Augen nieder.
„Und wenn auch nicht,“ sagte er dann. „Jetzt muß ich ihretwegen in die Verbannung, mehr kann sie nicht verlangen.“
Schmollend und mit knabenhaftem Erröten:
„Leid tut sie mir . . .“
„Mir auch, — und ich möchte es ihr sagen.“
„Um Gottes willen! Wie können Sie mit der Frau noch verkehren!“
. . . Und der war der Anständigste! Lola ging sogleich zu ihr, hinter die Ringallee, in die halbbebaute Vorstadtstraße, am Rande eines Scherbenfeldes. Alles stand weit offen; niemand zeigte sich; und mit Mühe gelangte Lola durch das wackelnde Gerümpel über den Flur. Ein armer Salon, die Wände volkstümlich bemalt, wie in einer Kneipe; und nichts darin als ein Damenschreibtisch, eingelegt, bedeckt mit Gegenständen aus Silber, und auf einem Samtkissen darunter ein Mops: der Mops des Hauses Bernabei. Lola mußte husten von dem scharfen Mauergeruch.
„Contessa!“ sagte darauf eine einladende Stimme.Die arme Verwandte der Hausfrau watschelte herein, mit demselben schiefen Kopf, mit dem sie die Honneurs des Palazzo Bernabei gemacht hatte.
„Setzen Sie sich doch, Contessa . . . Ach Gott, kein Stuhl!“ — und bestürzt ließ sie ihre frisch gestärkte Frisierjacke los, die sich auftat. Ein wulstiges Gewoge, in ergraute Leinwand gewickelt, ward sichtbar. Sie eilte nach Sitzen. Lola trug selbst einen Strohstuhl herbei.
„Wir wissen es sehr zu schätzen,“ sagte die Alte, „daß Sie sich für unser neues home interessieren. Auch meine kleine Nichte weiß es zu schätzen. Da kommt sie.“
Die Bernabei blieb in ihrer eleganten Matinee vor der Tür stehen.
„Stefano! Diomira!“ rief sie rückwärts ins Dunkel. „Hier versperren Sachen den Weg.“
Da niemand antwortete, trat sie mit Achselzucken ein.
„Sie wissen wohl, Contessa, die Dienstboten . . .“
Lola stimmte rasch und verlegen bei. Es eilte ihr, über dieses, wahrscheinlich gar nicht vorhandene Gesinde hinwegzukommen. Aber die Bernabei fuhr fort und ordnete, wie sie sich auf den Strohstuhl setzte, sorgfältig ihre Falten:
„Was sagen Sie zu der Wohnung? Mein Gott, die Auswahl war in diesem Augenblick natürlich nicht groß.“
„Sehr hübsch,“ brachte Lola hervor.
„Ich hoffe, ich werde hier meinen Kreis empfangen können.“
Lola verstummte. Die Lider der Bernabei klappten, auch heute rot geschminkt, auf und zu über den kleinlich besorgten Augen.
„Wer hat Ihnen das Kleid gemacht?“ fragte sie.
Und Lola sah entsetzt von ihr zu der Verwandten. War diese Frau durch ihr Unglück verstört? Nein: sie hatte dieselben Augen; jedes blaßblonde Haar lag an seinem Platze. Diese ärmliche Korrektheit, während Empörung sie hätte zerreißen müssen! „Du mußt doch fühlen . . .“ wollte Lola sagen. „Heuchle nicht mit mir! Was liegt daran. Du denkst weder an mein Kleid noch an deinen Kreis.“ Sie entschloß sich:
„Ich komme, Ihnen zu sagen, wie ungerecht ich Sie behandelt finde.“
Die Bernabei sah sie zwinkerndan. Weinerlich:
„Sagen Sie das nur! Eine Unschuldige so zu verfolgen!“
„Wenn das nicht abscheulich ist!“ ergänzte die Verwandte. Lola, betroffen:
„Sie hätten sich nichts vorzuwerfen?“
„Aber gar nichts. Ich werde verleumdet.“
Die Verwandte half nach:
„Schändlich verleumdet. Das Kind ist rein wie ein Engel.“
Der künstlich in die Länge gezogene Ton der Bernabei, das falsche Gegreine der Alten widerten Lola an.
„Immerhin erzählt man manche Einzelheiten. Auch sollen Sie alles eingestanden haben.“
„Was man mir abgepreßt hat. Konnte ich mir denn noch helfen?“
„Eine wehrlose Frau!“ klagte die Verwandte.
„Ich möchte Ihnen glauben. Ob Cavà lügt? Wozu aber? Ich sage Ihnen offen: er war bei mir, um Abschied zu nehmen.“
Die Bernabei fuhr auf.
„Ah! er geht umher und schwatzt.“
Und sie brach in unschönes Weinen aus. Der Mops unter dem Schreibtisch stand auf und knurrte. Die Verwandte tröstete:
„Arme Kleine, sieh mich an, du hast noch Freunde.“
Die Bernabei hob das Gesicht aus den Händen.
„Wie gut, daß wir sein Kissen mitgenommen haben!“
Sie sah sich im leeren Zimmer um.
„Wenn nur er sein Kissen hat!“
Der Mops schien sich dasselbe zu sagen. Er drehte sich mehrmals auf seinem Samtpolster um und ließ sich darauf zurückfallen. Die Verwandte schüttelte den Kopf.
„Wir werden hart bestraft, unser Unglück will es. Und doch hätte es gut ablaufen können.“
„Ob es gekonnt hätte!“ — und die Bernabei belebte sich. „Ich bin ein Opfer der Männer, ihrer Dummheit und ihres Eigennutzes. Wegen einer Zigarre, verstehen Sie: wegen einer Zigarre verfeindet mein Mann sich mit Attilio und beschließt, uns zu überraschen! Als er dann mit der Polizei herbeirückt,will der Himmel, daß meine Jungfer ihn rechtzeitig erblickt und uns warnt. Ich verlor nicht die Besinnung, ich habe mir nichts vorzuwerfen! Gleich wußte ich, was zu tun sei, und wäre man mir gefolgt, wäre alles gut gegangen. Ich befahl der Diomira, ins Kabinett zu treten. ‚Der Leutnant‘, sagte ich, ‚wird mit dir gehen. Du schließt ab, und verlangt man, daß du öffnest, zeigst du dich mit emporgehobenen Röcken im Türspalt. Man wird deine Zurückgezogenheit achten . . .‘ Es war die Rettung, und es war so einfach. Werden Sie glauben, daß dieser Cavà sich weigerte? Er fürchtete, sie möchten ihn dennoch entdecken, und lieber als an solchem Orte, wollte er in meinem Schlafzimmer gefunden werden! Die Lächerlichkeit scheute er, und doch handelte sich’s um die Ehre einer Frau!“
Die Verwandte verdrehte die Augen.
„Was für Männer heutzutage! Ihr wäret so sicher durchgekommen . . .“
Sie verbreitete sich über die Lage der Örtlichkeit, an die die Rettung gebunden gewesen war. Lola hielt nicht mehr aus.
„Und wenn schon. Wären Sie auch durchgekommen: Sie wären doch nicht weniger schuldig, als Sie sind! Und heute, da man Sie überrascht hat, sind Sie doch nicht verwerflicher, als gestern, da man noch tat, als wüßte man nichts.“
„Das ist ein Unterschied,“ sagte die Bernabei, mit gedrücktem Lächeln.
„Ihr Gatte wußte darum!“ rief Lola. „Ist esnicht empörend, daß er Sie opferte, nur weil er sich mit Ihrem Liebhaber gezankt hatte?“
Die beiden Frauen wehrten mit kundigen Mienen ab. Aber Lola war im Zuge.
„Empört Sie’s denn nicht, daß jetzt plötzlich alle jene Frauen Sie verleugnen, die Ihre Schuld längst kannten, und deren eigene Vergehen jedem bekannt sind?“
Die beiden warfen sich einen Blick zu.
„Wen meinen Sie?“ fragte zögernd die Verwandte.
„Wen sollte ich meinen? O! mich ersticken hier Ungerechtigkeit und Heuchelei.“
Und da sie sich von den kalten Augen der Bernabei beobachtet sah, als redete sie irre:
„Sie fühlen wirklich nicht Menschenwürde genug, um sich zu empören?“
Unvermittelt fiel jene wieder in Heulen. Der Mops knurrte wieder, aber ohne sich vom Kissen zu bemühen. Die Bernabei wimmerte:
„Bedenken Sie, wie wenig fehlte, und alles wäre gut gegangen!“
„Allerdings“, sagte Lola, beschämt, weil sie hier saß. Die Bernabei ordnete ihre beringten Finger im Schoß, lehnte sich zurück und vernichtete in ihrer Miene jeden Ausdruck. „Richtig: man muß vor allem sein Gesicht schonen,“ dachte Lola. „Solange es hübsch bleibt, ist nichts verloren. Man hat keinen Erfolg gehabt und ist dafür mit Recht bestraft worden. Aber was kann man am Ende mehr wünschen, als einegute Schneiderin und ein Zimmer voll von Anbetern. Schließlich darf es auch dies Zimmer sein. War man im Grunde nicht immer schon, was man jetzt ist? Die Veränderung ist fast nur äußerlich . . . Da sitzt sie, zurechtgemacht, als wartete sie auf Männer. Die andere hat schon jetzt etwas von einer Kupplerin.“ Plötzlich fiel ihr ein, daß die Bernabei dorthinten Kinder zurückgelassen habe. Sie fühlte Tränen kommen und stand hastig auf.
„Sie gehen also nicht aufs Land, Contessa?“
„Es wäre nicht der Mühe wert. Mein Mann ist im Begriff, sich zu ruinieren; er würde mir die Pension nicht lange auszahlen. Lieber vermiete ich gleich Zimmer.“
Die Verwandte sagte:
„Sie, Contessa, die Sie viele Fremde kennen, bitte, empfehlen Sie uns!“
Schon tags darauf kamen aus ihrem Gespräch mit der Bernabei entstellte Bruchstücke zu Lola zurück. Sie hatte der Verurteilten recht gegeben. Sie hatte Namen von solchen genannt, die auch nicht besser seien, und erklärt, daß sie die Geopferte rächen wolle. Am Nachmittag, im Salon Valdomini, begegnete sie entsetzten Blicken. Sie ward umschmeichelt: auch von Männern; und nicht nur von den Liebhabern, auch von den Gatten derer, die Enthüllung zu fürchten hatten. Ganz übel vor Verachtung, schloß sie sich ein. „Ich werde mich nicht hineinfinden,“ sah sie.„In der Fremde ist alles Feind, und ich bin in jedem Lande fremd.“ Sie hatte Tränenkrisen. Sie fühlte sich erstickt, riß das Fenster auf; die dumpfe, schmutzige Regenluft schlich ihr entgegen, und sie meinte, Ungerechtigkeit und Heuchelei griffen ihr an den Hals. „Und ich hatte, den gestrigen Schritt zu tun, kein Recht. Ich bin Pardis Frau, er muß aufkommen für das, was ich mir erlaube. Habe ich nicht, als ich ihn heiratete, seine Welt zu meiner gemacht? Wie will ich, ein losgelöstes Geschöpf, durch keine Gemeinschaft gerechtfertigt, diese Welt hier richten! Sei sie, wie immer, sie ruht doch in sich und ist zufrieden. Die Miene der Bernabei! Ich hätte ihr von den Gebräuchen ferner, wilder Inseln sprechen können . . . Ich will allein bleiben, allein.“
Pardi begriff nicht, warum sie ihn nicht sehen wolle:
„Ich bitte dich, Lieber, laß mir das Schlafzimmer allein! Mir ist nicht wohl. Siehst du nicht, wie ich häßlich geworden bin?“
Er fuhr auf.
„Schon wieder Launen?“
„Ich versichere dir: ich bin krankhaft gereizt; ich habe Übelkeiten. Ich würde dich stören.“
Und er, plötzlich sehr sanft:
„Ist es so weit? Giovannino?“
Sie griff sich ans Herz.
„Nein! Das nicht!“ stammelte sie, entsetzt und flehend.
Er sagte überzeugt:
„Schämst du dich nicht? Dieser Ton ist empörend von seiten einer Mutter, oder von einer, die es sein sollte!“
Er faßte hinter sich, durchs offene Fenster, nach der Grafenkrone, die an der Hauswand schwebte. Er klopfte den runden Arm des Majolikaengels, der sie hielt. Mit Nachdruck:
„Nur über dem Haupte einer Mutter tragt ihr sie! Andernfalls —“
Im Fortgehen, über die Schulter hinweg, stieß er den Refrain aus:
„— geh nur zu dem Tor wieder hinaus, durch das du gekommen bist!“
Sie lehnte sich ans Fenster und sah starr hinunter auf den blanken, frommen Kopf der Madonna, die die Verkündigung vernahm. Eine wehmütige Eifersucht beschlich Lola . . . Sie schüttelte sich, sie trat vom Fenster weg. Aber ein Drang ängstete sie heimlich, nach der Frau, die die Botschaft empfing. Zu Fuß verließ sie das Haus, nur um gegenüber sich ungesehen in einen Flur zu stürzen und hinzuspähen. Da knieten sie, links und rechts des Torgiebels, in ihren spiegelnden Gewändern und beide mit zusammengestellten Handflächen, die Jungfrau und der Engel: er stürmisch hingeworfen, sie geordnet und still, als habe sie ihn erwartet. Die Lilien und die Rosen waren ihrer Mutterschaft zu Ehren schon entsprossen, die bunten Vögel sangen ihr schon, und schon hoben die Kinderengel über ihr Haupt die Krone. Bis unter die Fenster des zweiten Stockwerkes war das weite alte Haus bedeckt mit der Schaustellung der Mutterschaft,mit ihrer Verklärung. Ihr, der Mutter, gehörte es. In ihr vereinigten sich alle die Frauen, die je in diesem Hause ein Kind erwartet hatten. Und noch immer erfüllten und bewachten sie es, waren sie seine Herrinnen. Nicht die Einsame, Unfruchtbare war’s, die sich sträubte, zu empfangen und allein bleiben mußte. Als sei sie daraus vertrieben, mied Lola das Haus. Im Dämmern erst schlich sie sich hinein, tastete durch die dunkeln, dumpfen Säle des ersten Stockwerkes und öffnete die Tür nach dem schmalen Balkon. Da stand sie nun zwischen den beiden, die größer waren als sie, deren Züge und Gebärden so viel kerniger waren, und die ihrer nicht achteten. Lola mußte die gesenkten Lider der Jungfrau mit dem Finger bestreichen, mußte in das kleine tiefe Ohr spähen, durch das die Botschaft ging . . . Ganz still war’s in der alten Straße. Die Rosen und Lilien sprossen umher, um sie drei; die Flügel des Engels zitterten noch vom Fluge. Da setzte seine Stimme ein: seine glockenhafte, unerbittliche Stimme, und verkündete. Wild erschreckt warf Lola die Tür zu.
Sie lehnte an dunkler Wand, und ihr Herz schlug laut. Die eiserne Laterne zu Füßen der Jungfrau knarrte. Ihr ward Licht gemacht, indes Lola im Dunkeln Furcht litt. Dann fiel von drüben ein weißer Schein in den Saal. Lola seufzte auf und wandte sich. Da waren sie! Da blickten sie von den Wänden, die Frauen, die in diesem Hause ein Kind erwartet hatten! Feindliche Neugier zog Lola zu ihnen. Welche ruhigen Tieraugen, immer dieselben: in gepudertenLocken oder zwischen glatten Haarbändern, immer dieselben. Aus so vielen Häusern der Stadt diese Frauen in dies Haus gezogen waren, sie glichen einander im Blut. Umringt von ihren Blutsverwandten, hatten sie ihr Kind geboren und aufgezogen, hatten es in ein anderes Haus verheiratet, und der Strom unverfälschten Blutes war gelassen ein- und ausgeströmt. Von den Männern trug keiner die Schönheit Pardis. Aber ihre härteren Gesichter waren nur das strenger bewahrte Gefängnis derselben Leidenschaften; und wenn Lola ihnen lange in die Augen sah, traten in alle die Begierden, die sie kannte. Sie atmete bedrängt. Diese alle wollten sie überwältigen; sie forderten von ihr das Kind: das Kind, das sie dem Hause schuldete! . . .
Da sah einer sie an: ein Jüngling, fast ein Knabe, mit weichen, traurigen Haaren über dem hohen weitoffenen Tuchkragen, den gepufften Ärmeln des Fracks. Auch aus dieses Knaben weißem Gesicht stand, wie bei den andern, der Mund feuchtrot hervor und fleischig; aber dies Fleisch schien zu seufzen über sich selbst. Die braunen, gewölbten Augen betrauerten es, untröstlich. Und die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz von ihm überziehen lassen. Lola sah ihn in Schatten dahin gehen, den Kopf noch halb zurückgewendet, und doch schon fremd dem Hause, über dessen Schwelle er hinwegtrat, und der Straße, ihren Fenstergittern, Fackelringen und Steinbildern, und den Brücken mit dem Geräusch der Buden, und dem Domplatz und den schön geschminkten Frauen darauf, deren Augen ihm winktenund die er nicht ansah. Letztes Abendgold beglänzte schwach die Hügel; und zwischen ihnen, auf Steinen, an einem Pfad den niemand schritt, fand er eine arme Frau, eine arme, häßliche und fremde Frau, die keine Gemeinschaft hatte und ihres Weges müde war. Er legte sich zu ihr auf die Steine; er folgte ihrem Weg mit ihr; und er bekam ein schönes Kind von ihr: ein schönes, heiteres Kind von der traurigen und häßlichen Frau. Lola gab ihm, ohne darum zu wissen, einen Namen: dem Kinde und seinem Vater, — indes sie, den Kopf gesenkt, aus dem Saal, die Treppe hinauf und in ihr Zimmer ging.
Seit sie sich nicht mehr blicken ließ, suchten täglich Freundinnen bei ihr einzudringen. „Sie fürchten mich. Claudia ist die einzige, der an mir liegt. Nur sie will ich sehen.“
Claudia kam zögernd herein.
„Hast du etwas gegen mich?“
Und als Lola lächelnd den Kopf schüttelte, schnellte Claudia ihr, aufjubelnd, an die Brust, drängte, rieb und schmiegte sich, ein warmes, liebebedürftiges Tier. Ihr Gesicht hatte vor Traurigkeit in lauter kleinen matten Polstern herabgehangen, und auf einmal war es ganz fest und klar vor Glück.
„Wie schön, daß du mir nicht böse bist! Ich habe dich so lieb!“
„Und ich bin froh, daß ich dich habe, Claudia. Ich fühle mich oft sehr allein und traurig.“
„Und dann liest du und machst dich damit noch trauriger. Man soll nicht lesen: noch dazu dies.“
Mit tiefem Mißtrauen in jedem ihrer Kinderfinger, faßte Claudia das Buch an.
„Das ist deutsch? Du verschließt also deine Tür und liest deutsch. Das heißt, du willst mit uns allen nichts mehr zu tun haben. Du bist mit uns fertig, du findest uns falsch und äußerlich.“
Von unten, schlau und ruhig:
„Ist es nicht so?“
Lola zog die Wange der Freundin an ihre.
„Ah, du willst nicht, daß man dir in die Augen sieht! Aber ich weiß alles. Das Unglück der Bernabei hat dich empört, denn du bist eine ehrliche Deutsche. Du stehst nicht, wie sie sagt, auf ihrer Seite: hat sie doch ihren Mann betrogen, und das ist schlimm. Aber wir dürfen keinen Stein aufheben, meinst du. Wir sollen selbst erst ehrlich sein, meinst du, sollen uns von unserm Manne trennen, bevor wir einen Liebhaber nehmen. Ist es nicht so?“
„Was du alles weißt!“ — und Lola liebkoste das eifrige Gesichtchen. Unter ihrer Hand bewegte es sich, wechselte, und was Claudia so feierlich enthüllt hatte, sah nun aus wie ein Witz.
„Wie du mich verstanden hast! Und wie du es gut sagst, mit deinem rollenden und singenden neapolitanischen Munde!“
Dies hübsche, gelehrige Äffchen, von dem nachgesprochen, Lolas Gedanken weniger untröstlich klangen: wie eine etwas triste Posse nur! Dessen nächste Mienesich immer über die vorige lustig machte, bis keine mehr galt! „Wer sich auch so rasch abtun könnte! Man müßte sich ein wenig geringer achten, und man hätte es so viel leichter“ . . . Aber Claudias Mundwinkel hingen schon wieder. Die Augen, unter schwer fallenden Lidern, starrten aus den Winkeln.