In Verona, nach dem Übernachten und wie der Omnibus schon vor dem Gasthof stand, sagte Lola plötzlich:
„Jetzt wieder nach Venedig? Geht es wirklich nicht anders?“
„Uns zwingt doch niemand?“ fragte Mai verdutzt.
„Das ist es. Uns zwingt nie jemand. Hierhin, dorthin: für uns ist alles gleich.“
Und Lola ließ sich müde auf einen Stuhl nieder.
„Daß du auch grade in diesem Augenblick deine Nerven kriegst!“
Mai sah erschreckt hin und her zwischen Lola und dem Kellner, der zur Abfahrt mahnte.
„Es scheint, wir reisen nicht.“
„Wozu?“ seufzte Lola. „Um wieder einen Fingado zu treffen und einen Aguirre und einen —?“
Sie besann sich.
„— und alle die andern? . . . Weißt du noch nicht im voraus, wie deine Verehrer aussehen werden, was sie dir sagen werden? Man kennt sie auswendig,und es bleiben doch Fremde. Wir sollten lieber zu Pais bayerischen Verwandten fahren. Nach deiner Ankunft in Europa sahen wir sie nur so flüchtig; aber es schienen — was weiß ich — es schienen herzliche Menschen.“
„Aber die Grimani erwartet uns.“
„Wir telegraphieren ihr ab.“
Sie telegraphierten auch nach München. Gugigls waren auf dem Lande; und zwei Tage später, auf der kleinen Station zwischen Kufstein und Rosenheim, jauchzte den Ankommenden ein ganzer Trupp festlich erregter Sommerfrischler entgegen. Frau Gugigl und die Baroneß Utting schrien in einer Tonlage mit der Lokomotive. Die eine schüttelte dabei ihre offenen Haare, die andere ihre Zöpfe. Die Baroneß trat sofort an die Damen heran, zeigte auf ihr Bauernkostüm und sagte stolz:
„I bin d’Oberdirn.“
Gugigl schwenkte noch, als Frau Gabriel schon vor ihm stand, auf die Zehen gehißt, sein grünes Hütchen. Er war rotfleckig, hatte geblähte Nüstern, und seine Kinnhaare wehten wirr. Die kleine Schwester seiner Frau ließ, als sie Lola und Mai erblickte, seinen Arm los; ihr Geschrei brach ab; und mit großen Augen, ganz entgeistert, sah sie den beiden eleganten Damen entgegen. Gwinner küßte ihnen die Hand und führte von unten sein freundlich freches Lächeln im Kreise umher, als hätte er einen Witz gemacht.
Frau Gugigl rühmte zuerst ihren Lodenkragen.
„Da schaut, wie er naß ist. Regenschirme gibt’s bei uns nicht, meine Lieben, und wenn man so daherkommt wie ihr . . .“
„Aber was ist denn hier los?“ fragte Lola, da sie gleich hinter dem Bahnhof in ein bäurisches Gedränge und Geschrei, in Jahrmarktsgerüche und Blechmusik gerieten.
„Das ist das Gaufest.“
Und zu der gespannt horchenden Frau Gabriel:
„Ja, auf französisch, Tante, kann ich das Wort nicht sagen. Die Bauern zeigen ihr Vieh und sich selbst her, in den alten Trachten.“
„Das Vieh in den Trachten,“ ergänzte Gwinner und gab Lola durch unterwürfiges Grinsen zu verstehen, daß er bei Gott nicht über sie sich lustig mache; nur könne er nicht gegen seine Natur. Er umtastete die Spinnenfinger der einen Hand leise mit denen der andern. Den runden, schwarz und gelben Kopf trug er eigen vorsichtig zwischen den hohen Schultern, als sei sein Nacken leicht zerbrechlich. Lola wandte sich weg.
Gugigl krähte in das Gebrüll der beim Wirtshaus Tafelnden hinein:
„A Bier! Cehn—zi! A Bier kriag’ i!“
„Grüß Gott, Spezi!“ rief die Baroneß.
„Dees is nämlich mein Oberknecht,“ erklärte sie, lief hin und schwang sich, rotbackig, mit dicken, fliegenden Zöpfen in die Bank zu den Bauern, die sie feierten. „Ihre Zöpfe sind fast von der Farbe meines Haars,“ dachte Lola; und: „Wenn ich mich zu denBauern setzen sollte! Wie wäre einem zu Mut, wenn man hier heimisch wäre?“
Da begegnete sie dem bewundernden Blick der kleinen Tini.
„Wir haben uns noch gar nicht recht begrüßt. Sie sind groß geworden.“
„Wie geht es Ihnen?“ stammelte das junge Mädchen.
„So nennt’s euch doch du!“ schrie Gugigl und drängte der Kellnerin nach.
„Gut. Und — also, und dir?“ fragte Lola, lächelnd. Tini errötete; dann entschloß sie sich:
„Du hast Ähnlichkeit mit deinem Papa.“
„Ach! Hast du ihn gekannt?“
„Sehr gut; und nie hab’ ich ihn vergessen. Er hat mir meine Lieblingspuppe mitgebracht. Nach ihm hieß sie Gustl, weil er Gustav hieß, nicht? Jetzt ist sie zwar kaputt . . .“
Lola dachte: „Und Pai tot.“
„Spielst du noch mit Puppen?“ fragte sie mühsam.
„O nein . . .“
Und, als sei endlich das Eigentliche herbeigeführt:
„Lola, du bist wunderschön!“
„Du sagst das? Du wirst viel schöner werden als ich; man sieht es schon jetzt.“
Sie liebkoste das schwarz eingerahmte, sentimentale Gesichtchen. „Noch etwas zu lang und zu blaß ist es,“ dachte sie zärtlich. Da drehte sie rasch den Kopf.
„Mai! Mai! Die Tini hat Pai gekannt!“
Mais Miene, die ganz Befremdung und Verlassenheitwar, ward auf einmal kindlich beglückt; und Lola nickte ihr strahlend zu: „Wie schön, nicht wahr, daß wir hergekommen sind!“
Da waren nun Wesen, die Pai gekannt hatten, die mit Lola verbunden waren, vielleicht denselben Menschen lieb gehabt hatten wie sie!
„Hast du meinen Papa gern gehabt?“ fragte sie.
„Sehr,“ sagte Tini; und sie setzte nochmals an: „Und auch —“; aber dann schwieg sie, ganz rosig.
„Sage, wie du ihn gefunden hast? Als er mich nach Europa brachte, trug er meist einen grauen Anzug . . .“
„Ach, was für Dummheiten!“ merkte sie selbst. Mai, die dazwischenschwatzte, konnte sich nicht naiver gebärden. Wie das belebte! Wie einem warm ward! Sie sah sich um, sie hatte Lust, diese Menschen zusammenzurufen, die Pai gekannt hatten, die ihr du sagten, die ein wenig Blut mit ihr gemeinsam hatten. Gugigl trank ihr zu. Er stand dahinten, auf gespreizte Beine gestemmt, hob das endlich eroberte Glas Bier nervig an sein Gesicht, das es mit geblähten Nüstern erwartete, und führte Lola, den Blick fest und ernst in ihrem, seine Schluckkunst vor. Seine Frau hatte ihren Lodenkragen abgeworfen, hatte flatternden Haares die tannenbekränzte Estrade der Schuhplattler erstürmt, die Dirn weggestoßen und sich statt ihrer gegen den beleibten Balzer geschmiegt. Aber von ihrem Tanzdämon überzeugt, kam sie seinen Bewegungen zuvor, brachte die Äußerungen seiner gravitätischen Brunst in Verwirrung, zappelte in der Luft, wie er sie emporstemmte:— und ohne vorherige Ankündigung, im Zorn noch mit gelassener Kraft, setzte er die enttäuschte Mänade über das bekränzte Geländer. Frau Gugigl mußte einige Pfiffe hören, trotzte aber der Menge und holte sich ihren Mann, um ihn herumzuschwenken.
Mehrere Paare drehten sich, zwischen den Püffen der Vorbeidrängenden. Die meisten saßen indessen unter den tropfenden Kastanien, Rücken an Rücken, die Arme auf die Tischkanten gewälzt; und so oft die Musik sich von ihrem Knarren und Meckern ausruhte, sangen sie sich gegenseitig in die Münder. In ziehenden Tönen, deren Ende sie vor Gefühl nicht fanden, stimmten die Burschen unwahrscheinlich schmutzige Verse an; und die Madln unter ihren Zopfkränzen fielen herzhaft ein, wie in der Kirche. Aus dem Winkel beim Hause wurden sie beobachtet von der eleganten Gesellschaft, deren ragender offener Reisewagen aus dem Verschlage hervorstand. Die Dame hob das Lorgnon vor ihre aufgerissenen Morphinistinnenaugen und führte ihre unbewegte, schlaffe, perlfeine Miene langsam umher. Ein dürftig gewachsener Mensch, der ihr den Rücken im Sonntagsrock halb zudrehte, fesselte sie länger als die übrigen. Niemand fand an ihm vorbei, ohne die Faust, als solle sie das biedere „Grüeß Gott, Schuasta“, verstärken, auf seinen eingedrückten Nasenrücken fallen zu lassen. Der Schuster lachte verlegen, und von Zeit zu Zeit wischte er mit dem Handrücken das Blut weg, das ihm sonst ins Bier tropfte. Sichtlich war er’s gewohnt, war dies ein durch langeJahre geweihter Brauch, dem sich zu entziehen er selbst am unpassendsten gefunden hätte.
Das Lorgnon der Dame zielte unbewegt in dieselbe Richtung. Nun aber folgte Mai ihm; und Mai begann, die Hand an der Wange, kleine entsetzte Schreie auszustoßen. Gugigl, seine Frau und die Baroneß Utting liefen herbei:
„Ja, was gibt’s? Der Schuster? Aber ihr seht doch, daß es ihm selber Spaß macht. Seid ihr zartbesaitet!“
„Mir san derbes Volk,“ erklärte die Baroneß.
Mai schrie auf: wieder war dem Schuster eine Faust auf die blutige Nase gefallen; und Mai beruhigte sich nicht mehr, hörte auf kein Zureden, verfiel, außer sich, in ihre heimische Sprache und wiederholte ihre Meinung den um sie her feixenden Bauern auf französisch. Dies alles sei abscheulich roh; sie sollten nicht trinken: nur die Neger tränken; sie sollten einander wie Menschen behandeln.
„Sei still, Mai,“ bat Lola, leise vor Scham. Ihr war, als trage sie ein Stück Verantwortlichkeit für dies Volk, das Pais Sprache hatte, und zu dem sie Mai hergeführt hatte wie zu den Ihren.
Aber Mai drang, erbittert durch die Grimassen, denen sie begegnete, auf Gugigl ein. Ob er meine, sie kenne so etwas nicht. Auch zu Hause die Neger begängen ihre Feste, tanzten — nicht häßlicher als diese hier — betränken sich, schlügen einander blutig. Aber man gittere sie ein, stelle Wachen herum, und kein anständiger Mensch sehe den schmutzigen Dingen zu.Lola war sehr froh, daß Frau Gugigl und die Baroneß schon wieder in den Armen zweier Knechte dahintollten. Gugigl verstand nichts; er äffte Mais erregte Gebärden nach, klappte mit den Kiefern und parodierte, ihr vor den Füßen hüpfend, irgend einen Laut, den sie grade gesprochen hatte: ganz stolz, daß er, als studierter Beamter, nicht zwei französische Worte wußte. Mai brach ab; die Augen naß vor Zorn in ihrem beleidigten Kindergesicht, drehte sie ihm den Rücken. Gwinner kam — und er trug den Kopf noch vorsichtiger — mit dem gewaltigen Schuhplattler herbei. Vor der Ankunft machte er noch einen Bogen, führte, demütig und frech grinsend, den ernsten Koloß den Damen von allen Seiten vor, wie einen Preisochsen.
„Diese Damen,“ äußerte er, „sind aus Amerika gekommen, um Sie zu sehen.“
„Viel Ehr’, viel Ehr’,“ sagte der Mann, mit einer Stimme, der er eine erbärmlich wirkende Zurückhaltung auferlegte. Gwinner hielt lächelnd die Hand neben seinem Arm, wie um eine unsichtbare Kette. Er wies hinüber, von wo die eingepferchten Tiere brüllten.
„Warum lehren Sie nicht auch die andern Ochsen das Schuhplatteln?“
Sein begütigendes Nicken hieß: „Es ging doch nicht anders.“ Die kleinen tückischen Augen des Riesen wanderten auf dem bleichen Gesicht umher, das nach Frechheit rang; und unentschieden zwischen Drohung und Respekt, fragte er:
„Ja, wie moanen’s denn jetzt dös?“
Die kleine Tini trat energisch vor.
„Er meint, wer nicht tanzen kann, ist ein dummer Mensch; und jetzt müssen wir nach Haus, es ist höchste Zeit. Benno! Thekla! Marie!“
Sie beruhigte sich nicht eher, als bis alle aus dem Biergarten heraus waren. Auf der Straße zwischen den großen Fußspuren voll braunen Regenwassers hieß es einen Eiertanz aufführen. Vor den vier Jahrmarktsbuden lungerten einige Buben, ein paar Weiber mit den Schürzen über dem Kopf. Mit starrem Gesicht führte ein verwittertes Mädchen eine Moritat vor.
„Haben Sie das verbrochen?“ sagte Gwinner zu Gugigl, und zeigte auf das Bild. Frau Gugigl sprang vor Freude in eine Pfütze.
„Aber Benno! Das ist ja eine Idee! ich mal’ eine Moritat! Künstlerische Moritaten gibt’s noch nicht.“
„Mehr als genug,“ meinte Gwinner; aber Frau Gugigl verlangte:
„Ohne Witz! Dem muß man künstlerisch nähertreten.“
Sie besprach dies im Weitergehen mit ihrem Mann und der Baroneß Thekla. Gwinner bemühte sich, für Frau Gabriel französische Wortspiele zu erfinden. Tini nahm plötzlich ihren Lodenkragen ab und legte ihn Lola um.
„Es regnet nicht mehr, dein Schirm nützt nichts: aber die Luft ist so feucht.“
Lola sträubte sich vergebens.
„Bitte bitte! Du bist das nicht gewohnt Dort, woher du kommst, ist immer blauer Himmel, nicht?“
„Was meinst du? Ich war ja die längste Zeit meines Lebens in Deutschland.“
„Ach! Du siehst ganz aus wie eine Fremde; und so elegant. Du mußt diesen Kragen entschuldigen. Bei dir ist gewiß alles aus Paris?“
„O gar nicht; und ich finde deine Bluse sehr gut gemacht. Meine Mama und ich haben zuletzt in Genua bestellt. Wenn es kommt, sollst du’s sehen. Die Schneiderin arbeitet für die halbe italienische Aristokratie sie kennt uns schon . . .“
Und Lola dachte hinzu: „So wird sie uns hoffentlich für die Bezahlung Zeit lassen.“
„Ein Gesellschaftskleid ist dabei, Empire, was wieder das Allerneueste ist. Schwarze Gaze mit Chantillyspitze besetzt; und im Ausschnitt ist dicke Silberspitze, unterlegt mit . . . Aber willst du mich nicht einhaken?“
„Unterlegt mit?“ — in seliger Erwartung.
„Mit türkisblauem, metallischem Stoff.“
„Wie wundervoll!“
„Auch unter der Chantillyspitze liegt er.“
„Ja. Aber —“
Tini hielt sich grader und sammelte sich; denn jetzt kam das, was sie Lolas Toiletten entgegenzusetzen hatte.
„Hast du schon von der Umwertung aller Werte gehört?“
„Ich muß gestehen: nein. Und wer hat dir davon erzählt? Herr Gwinner?“
„Woher —“
„Erschrick nicht! Woher ich das weiß? Du sahst grade nach ihm hin.“
Tinis Blick hatte mit solcher schwermütigen Schwärmerei an seinen hohen Schultern gehangen. „Darum,“ erkannte Lola, „ihre Angst, vorhin bei dem Riesen, als sie ihn in Gefahr sah.“
„Das muß interessant sein,“ sagte sie. Da trennte die Baroneß Thekla sich von ihren Freunden, lief — und ihr kurzer roter Rock flatterte — Lola entgegen und schwang den Arm über ein entferntes Kornfeld hin.
„Morgen in der Früh gehts da droben wieder an die Arbeit!“
„Was für eine Arbeit?“
„Ans Kornschneiden. Ich bin allweil draußen mit die Knecht’ und Mägd’. Mich nennen’s die Oberdirn . . . Ja, das wundert Sie. Aber meine Großmutter war ja eine Bäuerin und hat drunt im Mühltal ihren Hof gehabt. Ich bin ein richtiges Bauernblut, und in der Stadt freut’s mich nicht.“
„Renommiert die Baroneß schon wieder?“ fragte Gwinner, der sich umdrehte.
„Mir ist’s ernst,“ erklärte sie; und er, nachgiebig:
„Ich weiß, bei Ihnen kommt’s von Herzen.“
Tini lachte Beifall:
„Schon wieder!“ flüsterte sie, vor Stolz errötet, Lola zu. „Ist er geistreich! Sie hat ja eine unglückliche Liebe; darum kommt bei ihr das Bauerngetue ‚von Herzen‘!“
Gwinner merkte erst jetzt, daß er einen Witz gemacht hatte, und dankte mit den Augen.
Die schmale Straße aus nassem, durchfurchtem Lehm krümmte sich zwischen den flach ansteigenden Äckern hin. Die gelben und die grünen erglänzten gewitterhaft in dem späten Licht, das unter dem schwarzen Himmel hervor, schräge über sie hinschlich; und jäh an den letzten, der heller vor ihr flackerte, schien die blauschwarze Bergwand zu stoßen. Frau Gugigl jagte vorbei.
„Kinder, kriegt ihr nicht auch Magenkrämpfe? Mir kommt’s bald vor, als wären das —“
Sie wies über das gelbgrüne Land hin.
„— Pfannkuchen mit Spinat, und ich möchte mich draufsetzen wie eine Fliege.“
Die Baroneß fuhr auf.
„Ich hoff’ nur, du hast für eine Haxn und Knödln gesorgt; sonst müßt’ ich dir die Wirtschaft wieder abnehmen!“
Gugigl hatte sie erwartet.
„Die Marie ist ja ein Kulturmensch,“ versicherte er. „Sie schaut nach der Küche, nicht weil sie muß, sondern weil sie weiß, daß die Frau, je höher sie steht —“
Gwinner legte ihm zärtlich die Hand ans Haupt.
„Schlaukopf,“ sagte er.
„Gleich kommt’s!“ rief Tini und ließ Lola nach der Stelle sehen, wo hinter der Senkung ihr Haus auftauchen sollte. Inzwischen polterte mit Harmonikagedudel und betrunkenem Gesang ein Stellwagen herbei; alle mußten auf den Grabenrand treten; und die Baroneß tauschte mit den Vorbeirasenden Scherze aus. Nachher entzückte sie sich.
„So lebfrische Buam!“
Mai, von ihren Rädern arg bespritzt, sah ihnen wütend nach.
Einige Schritte vorm Ziel bog aus einem Seitenweg ein junger Mann, der den Lodenkragen über der Brust zusammenhielt und den Kopf gesenkt trug. Gugigl machte Zeichen, man solle sich ruhig verhalten; und wie jener dicht herangekommen war, brach er mit seiner Frau, der Baroneß Thekla und Tini in gelles Geschrei aus. Der andere fuhr herum und hielt der Schadenfreude ein etwas schüchternes, etwas trübes Lächeln entgegen. Noch während sie ihn auslachten, fragte er, ob sie sich gut unterhalten hätten.
„Und Sie, sanfter Träumer?“ erwiderte Gwinner, und sein Grinsen war geduckt und geärgert.
„Das Wetter drückt mich; ich hätte nicht auch noch den Lärm der Bauern ertragen.“
Dies berührte Lola verwandt; sie gönnte auch Mai eine Genugtuung und übersetzte seine Antwort. Mai belebte sich. Wie man die Veranda betrat, sagte sie:
„Nicht wahr? Das Fest wäre ganz hübsch: aber diese Menschen . . .“
„Ein Fest ohne Menschen, gnädige Frau?“ fragte Gwinner. „Musik, die freiwillig aus den Instrumenten kommt, und Bier, das sich selbst trinkt? Nein —“
Und er wandte sich nicht mehr gegen Mai und ihren unbesonnenen Ausspruch.
„Menschen bleiben die Hauptsache: Das verkennt Herr Arnold Acton. Was haben wir von Einsamkeit? Ich weiß nur, was sie uns nicht gibt: Menschenkenntnis,Geistesgegenwart, Sinn für das Mögliche und das Wirksame.“
„Bravo!“ machte Gugigl; „und jetzt gehn’s mit, Bier abziehen!“
Sie gingen. Frau Gugigl hatte gerufen:
„Ich richt nur rasch eure Zimmer!“ — und war mit ihrer Schwester und der Baroneß von dannen. Lola und Mai betraten die große, ganz hölzerne, stark dämmerige Stube. Arnold Acton war hinter ihnen; Lola wartete noch immer, was er zu sagen habe: mit einer seltsamen Angst davor, er möchte nichts wissen. Er sagte mit verschleierter Stimme und in Pausen zum Prüfen der Worte:
„Menschenkenntnis . . . Geistesgegenwart . . . Sinn für das Mögliche und das Wirksame . . . Sehr scharf. Sehr richtig. Wenn nur nicht alles das hoffnungslos zweiten Ranges wäre! Die Einsamkeit, es ist klar, unterrichtet uns nicht über die Welt, lehrt uns nicht, ihr antworten, ihren Spott bestehen . . . Oder doch? Käme uns ein von ihr abgewandtes, ihr nicht mehr untertanes Wissen, wenn wir allein sind: Wissen über sie und uns, in einem? . . Ich weiß nicht, ob Sie, gnädiges Fräulein, das kennen: ein kleines Zimmer, allmählich in allen Winkeln voll von Erschautem und Erlittenem, glücklichen und schlimmen Spielen; nächtliche Gänge, einen Buchenhügel oder Terrassen mit Oliven hinan, wenn in den Laubschleiern ein vom Tal heraufgeschwebter, merkwürdig stiller Glockenschlag zittert: wie hell und gespannt einen das macht! Ganz zusammengezogen auf sich; frei von den weltlichenHemmungen. Man wird sich selbst zur Leidenschaft; genehmigen Sie ein noch stärkeres Wort: ein Flügelrauschen rührt sich in einem, wie vom eigenen Schicksal . . .“
„Ich glaube Sie zu verstehen . . .“
Lola fühlte, daß er unter einem Druck rede, vielleicht nur aus Unruhe, um nicht zu schweigen; und daß er darauf gefaßt sei, wenn das Dunkel gelüftet werde, ein befremdetes Gesicht vor sich zu haben. Ehrgeizig sagte sie:
„Ich selbst habe einsame Zeiten gehabt.“
Da er die Augenblicke vergehen ließ, sprach auch sie aus Befangenheit weiter.
„Damals haßte ich die Menschen und ersann mir zum Trost eine eigene Welt . . .“
„Ich möchte nicht sagen, daß es Haß ist. Sie abzuschütteln, fern zu halten, ist das Bedürfnis; auch sie zu reinigen und zu übertreiben; und so über sie zu herrschen. Von ihnen stammt nichts als das Alphabet, aus uns aber, als die Verlängerung unserer Schicksalslinie, die prachtvolle Tirade, die bis zu den Sternen schießt.“
„Auch für mich gab es Freude und Glück nur auf anderen Sternen.“
Jeder von ihnen tastete im Dunkel der fremden Erlebnisse nach den Umrissen der eigenen.
„Die Welt: sie wird uns, sind wir sehr allein, zum Spiel nach eigenen Rhythmen, dient uns als Vorwand, uns selbst zu genießen. Wir sind so gut über sie im reinen, daß wir sie unter uns gebrachthaben und, ihrer sicher und getrost, nun anfangen können, sie zu lieben . . .“
„Wohl erinnere ich mich, daß ich nach solchem Gewittertag im Walde mit dem Glauben heimkehrte, das ganze All liebe mich und ich solle jedes seiner Geschöpfe lieben . . .“
Da ward die Tür aufgerissen, und Frau Gugigl rief:
„Was munkelt denn ihr da?“
Lola sah sich, in der plötzlichen Helle, neben einem Unbekannten an der Wand eines fremden Zimmers sitzen; ihr war, als sei sie aus weiter Ferne herversetzt; und sie sagte erstaunt:
„Wir sprachen von einsamen Spaziergängen.“
„Sicher hat er wieder von sich selbst gesprochen: das ist seine Spezialität, und anfangs verblüfft er einen damit. Nachher kennt man’s schon. Gehen Sie mehr unter Menschen, Arnold! Schauen Sie Gwinner an: der redet stundenlang, ohne sich selbst zu erwähnen.“
„Was gäbe es über ihn auch zu sagen!“
„Bravo, Sie werden boshaft! Endlich! . . Weißt du wohl, Lola, daß er abreisen wollte, als er hörte, ihr kämet? Solch Waldmensch ist er.“
Lola sah ihn an, ließ aber seinen unfreien Träumerblick, aus unwillkürlichem Respekt, gleich wieder los. Ihr schien, vorhin im Dunkel habe er zusammengesunken dagesessen, und erst jetzt sich hager aufgereckt, als gälte es, etwas zu bestehen. Sie fragte, ohne mit Frau Gugigl mitzulachen:
„Wirklich? Sie wollten abreisen?“
Er stammelte:
„Im Gegenteil . . . Ich hatte den Wunsch, nach München zu gehen; ich brauche wieder einmal die Stadt.“
„Und wozu?“ fragte prompt Frau Gugigl. „Wen kennen Sie dort? Wen suchen Sie auf? Sie sind ein merkwürdiger Mensch.“
Frau Gugigl drehte sich, vor Gereiztheit rot, halb weg und machte zwei Schritte. Lola war im Begriff, zu sagen:
„Es ist immer schade, wenn jemand kein merkwürdiger Mensch ist.“
Aber es kam ihr vor, als hätte es ein wenig Geringschätzung bedeutet, wenn sie ihn in Schutz genommen hätte.
„Also ich zeig’ euch eure Zimmer,“ schloß Frau Gugigl. „Wo steckt denn deine Mama?“
„Mai!“
Mai kam aus der Ecke beim Ofen. Im Dunkeln war sie sofort kindlich eingeschlafen.
„Ich habe nasse Füße,“ sagte sie gekränkt.
Über eine leiterartige Stiege gelangten sie auf einen Flur aus Brettern, die sich bogen. Das Zimmer war voll vom feuchten Duft des weiten, schwarzen Landes. Wie Lola sich aus dem Fenster lehnte, geschah in ihrer Nähe ein Poltern wie von Pferdehufen auf Holz; und da tauchte der Kopf des Tieres in den Schein ihrer Kerze. Ein alter Herr ritt eine flache hölzerne Brücke hinauf, bis vor eine Tür im ersten Stock. Er stieg ab; und das Pferd ward vom Knecht gewendet und hinabgeführt.
Mai rief, durch die Spalten der Holzwand hindurch, nach Lola. Mai wußte nicht, wo sie ihre Toilettengegenstände ausbreiten sollte. Wenn die Koffer kämen, wohin dann mit den Kleidern. Dieser Schrank sei lächerlich.
„Er ist schön geschnitzt und bemalt. Er ist alt, weißt du.“
„Diese Fremden sind genügsam, daß sie sich mit alten Sachen begnügen.“
Mai gebrauchte noch immer ihren heimischen, verachtungsschweren Ausdruck für die „Fremden“ und meinte damit alle Europäer.
„Wenn man sich anzieht wie sie, die Dienstmädchen gleichen, genügt wohl solch ein Schrank.“
Und Mai schüttelte das wacklige Möbel.
Zweimal klopfte die Magd an; endlich holte Frau Gugigl selbst sie hinunter. Um den quadratischen Ecktisch und unter der Hängelampe saßen auf den Wandbänken, auf lehnenlosen Schemeln und auf Stühlchen mit einem Herzen im Rücken, schon alle beim Abendessen. Gugigl rief ihnen entgegen:
„A Gullasch ham mer.“
„Leitmotiv des Ästheten,“ erläuterte Gwinner.
Frau Gugigl erlaubte Mai und Lola noch nicht, sich zu setzen; vorher mußten sie sich, aus dem Schatten heraus, darüber klar werden, welche Farbenwerte der erhellte Kreis vertrete.
„Ist es nicht künstlerisch? die Thekla in ihrem Rot und Weiß, die Tini in ihrem Weiß und Blau, Gwinner in Creme, der Baron mit seinem angerauchtenMeerschaumbart: Kinder, wie auf den Bart das Licht draufgesetzt ist! Mein Mann hat doch einen großartigen Kopf. Arnold dient als Dämpfer. Und in dem Blumenstrauß in der Mitte wiederholt sich alles. Aber wartet, ich muß noch mit hinein!“
Sie lief auf ihren Platz; ihr Reformkleid mit Schulterhenkeln war kraft goldener Borten, die Brokat vorstellten, auf Renaissancepracht aus; und sie sah sich strahlend um.
„Wie findet ihr das? Künstlerisch, nicht?“
Mai fühlte, was man von ihr wolle, und heuchelte Entzücken. Aber sie sah nur abgetragene Kleider, die mit der Mode nichts zu tun hatten. Heimlich prüfte sie die Hände, ob sie gewaschen seien.
Die Gulaschschüssel dampfte auf dem Bauernleinen, neben der Vase aus Bauernsilber. Gugigl ruhte nicht, bis Mai aus dem Kruge getrunken hatte, der vor ihr stand. Darauf, etwas fremd, zu Arnold Acton:
„Sehen Sie? So wie Sie gibt’s keinen mehr.“
„Also bitte, einen Krug.“
„Gott sei Dank!“
Gugigl lief selbst. Er beaufsichtigte, indes auch er schluckte, den anderen bei der Handlung des Trinkens. Dann, aufseufzend, unvermittelt herzlich:
„Also Freunderl, gut is! Aber ’s ist schon so: mir wird bei einem Menschen erst wohl, wenn ich ein Bier mit ihm getrunken hab’!“
Darauf fragte er den Baron Utting nach seinen Hunden. Der Baron hielt eine Meute. Er wohnte zur Miete in einem Bauernhaus; aber in allenWaldungen ringsum hatte er die Jagd gepachtet. Den Tag hatte er mit seinen Hunden verbracht, sie erst gefüttert, dann gemalt, und am Abend war er aufs Pferd gestiegen, um in sein Schlafzimmer zu reiten. Er war zufrieden mit seiner Leistung. Seine Tochter und Gugigl waren, in ihrer Ecke, ganz bei der Sache. Arnold Acton mischte sich von drüben ein: hastig, um den Augenblick nicht zu verpassen, wo sich etwas für diese Menschen Geeignetes sagen ließ. Er sagte, straff aufgerichtet, Jagdhunde seien ihm sympathisch, weil ihre Triebe in Freiheit spielten; aber er hasse die hündischen Gendarmen, die in Bauernhöfen und hinter den Staketen der Vorstädte umherstrichen, um, komme ein Fremder, ein Armer nahe, mit blutunterlaufenen Augen und wüster Stimme über die Bretter zu schnappen. Diese der Gesellschaft, dem Bestehenden dienstbar gemachten Raubtiere seien, in ihrem viehischen Fanatismus für die Rechte ihres Herrn, etwas wie das verkörperte Prinzip des Eigentums, etwas wie die Verdichtung alles Harten, Stupiden und Unmenschlichen im besitzenden Menschen. Nichts sei kläglicher und widerwärtiger als der Argwohn des Hundes gegen jeden, der seinem Herrn etwas abzunehmen komme.
„Zum Beispiel gegen den Steuereinnehmer,“ sagte Gwinner, gelassen und scharf.
Eine Sekunde des Stutzens — und alle lachten. Die Baroneß Thekla wühlte das Gesicht in die aufgestützte Hand; Tini sah, unter kurzen Gänseschreien, triumphierend von Gwinner zu Arnold: „Da habenSie’s!“ Und Frau Gugigl drüben ließ sich, den Kopf schüttelnd, mit geöffneten Armen vornüberfallen, zum Zeichen von Arnolds Ohnmacht vor ihrem witzigen Freunde. Gwinner lächelte demütig frech und Arnold ratlos. Lola, neben ihm, begann plötzlich leise, als soufflierte sie ihm:
„Sie stellten den Hund als Gendarm, als Vertreter der gesetzlichen Ordnung hin. Der Steuereinnehmer ist dasselbe, warum sollte er ihn anbellen. Herrn Gwinners Witz war also keiner.“
Er hob die Schultern und bewegte schüchtern die Hand: sie möge es gut sein lassen. Übrigens hatte Frau Gugigl zu fühlen angefangen, daß das Gespräch eine Abwechselung brauche. Sie griff hinter sich nach einem Buch: diese Stelle müsse unbedingt ihr Mann hören. Er kaute; und es sah aus, als kauten auch seine abstehenden Ohren an dem, was ihnen zugeführt ward. Plötzlich erklärte er, nur einen Augenblick habe er an sein Gulasch gedacht, und da habe er den Faden verloren. Frau Gugigl fand dies unkünstlerisch. Sie fand es auch unkünstlerisch, daß Arnold durch einen Bauernkopf an ein Bild erinnert ward; sie verlangte Unmittelbarkeit. Riesig künstlerisch (sie konnte nur noch „künschelrisch“ sagen) war es, daß die Baroneß in ihrer Bauerntracht mit aufgestütztem Arm aß. Hoffentlich werde es hier noch recht kalt werden: dann wollten sie mit hölzernen Löffeln Fett essen, alle aus einer Schüssel. Gwinner übersetzte dies für Mai, deren Augen erschraken. Vom Gulasch aber nahm sie nochmals und reichte Gugigl, nachdem er ein weniggebeten hatte, nochmals ihren Krug. Ihr Nachbar Gwinner gefiel ihr, es ließ sich mit ihm lachen; und immer, wenn sie etwas miteinander hatten, was Tini nicht verstand, bekam sie, zu seiner Rechten, ein angstvolles Gesicht. Sie wollte mit ihm von der Umwertung aller Werte beginnen, aber er antwortete nur scherzhaft. Arnold vermutete, in Fräulein Tini wiege der Intellekt vor, und Frau Gugigl rief ihm zu:
„Sind Sie ein schlechter Psychologe!“
Er hatte auch das Unglück, Gugigl eine Ansicht zum Malen zu empfehlen, die seine Frau unkünstlerisch fand.
„Sehen Sie! Sie haben keine Ahnung, was ein Bild ist!“
Lola stellte sich, um nicht sprechen zu müssen, als lausche sie auf des Barons Jagdgeschichte. Sie nahm es Arnold übel, daß nicht auch er schwieg. Er fragte Mai nach Leuten in Rio: er habe eine Cousine dort. „O, eine entfernte.“
Pünktlich fiel Gwinner ein:
„Natürlich entfernt: wenn sie in Rio ist.“
Wieder Gelächter; wieder Arnolds aus Ratlosigkeit beifällige Miene.
Nach einer Weile wagte er zu fragen:
„Macht Ihnen die hiesige Landschaft nicht Lust zum Spazierengehen?“
Lola antwortete:
„Ja. Sie erinnert mich an eine, in der ich als ganz junges Mädchen viel und ganz einsam umherging.“
Und Gwinner, unentwegt:
„Ganz einsam. Also Abfuhr, mein Lieber: Ihre Begleitung ist nicht genehmigt.“
Lola sah Arnold zornig an. Warum ließ er sich einschüchtern von einem gemeinen Witzler, der in ihr Gespräch hineintappte, ohne seine Beziehungen zu verstehen? . . . Er fand nichts; und sie stand auf.
Auch Frau Gugigl hatte ihren Platz verlassen, die Mandoline von der Wand gehoben, und sang, ein Bein übergeschlagen, mit hoher Blechstimme Santa Lucia. Dann begleitete sie die Baroneß Thekla, die das Schmachten der vom Biergenuß erweichten Bauern nachahmte.
„Aaf da Wies schreit a Heischreck,Aaf oamal is a stad,Weil eam da dumm Bauer MichlHat an Kohpf abigmaht.“
„Aaf da Wies schreit a Heischreck,
Aaf oamal is a stad,
Weil eam da dumm Bauer Michl
Hat an Kohpf abigmaht.“
Da Gwinner sich, unter Benutzung seiner dialektischen Gewandtheit und Schärfe, mit Gugigl über die Zugverbindungen nach München stritt, legte Tini den schweren Band, den sie feierlich herbeigetragen hatte, beiseite und lief hinaus. Sie weigerte sich, zu sagen, was sie im Regen getan habe, und setzte sich vor ein Blatt Papier. Sie wolle Namen sammeln, die auf l endeten, und vorher müsse g oder p kommen oder so; und sie schrieb „Gugigl“ hin. Der Baron Utting sollte ihr helfen, mehr zu finden, aber auch ihm fielen keine ein. Statt dessen hängte er in seine buschigen Brauen Brotkrumen, die trotz Kopfschütteln nicht herausfielen: was Tini sehr erheiterte, und auch Mai.
Lola führte mit der Baroneß Thekla ein Gesprächüber Rom, woran Arnold teilnahm. Die Baroneß hatte zuerst ein ahnungsloses Madl vorstellen wollen, das einmal „zu die Welschen“ verschlagen worden war, Fabeln daher mitgebracht hatte, alles verwechselte und die Namen falsch aussprach. Allmählich kam sie von ihrer Rolle ab und gab sich gescheit und dem Schönen offen, wie sie war. Ihr Vater, erzählte sie, hatte sie damals in seine Leidenschaft für Italien hineingezogen, wo sie Verwandte hatten; dann war ihm eine andere gekommen, die für die Kunst seines französischen Koches. Und seit diese zweite Passion ihn fast das Leben gekostet hätte, ergab er sich der jetzigen, einer höchst merkwürdigen . . . Getrappel entstand, in der Tür erschien ein Pferdekopf; und Baron Utting verabschiedete sich höflich von jedem, ehe er aufsaß und zum Hause hinausritt. Gleich darauf polterte es nochmals er ritt über die Brücke zu seinem Schlafzimmer.
Tini kauerte wieder fruchtlos vor ihrem Papier. Gwinner forderte sie auf, irgend etwas darauf zu schreiben, und legte ihren Charakter in ihrer Schrift bloß. Sie sei eine zärtliche, suchende Natur; sie habe eine Liebe, die Vorsicht heische: — eine glückliche, eine unglückliche, es sei noch nicht deutlich zu ersehen. Frau Gugigl musterte sie unruhig. Da Lola ablehnte, kam sie selbst daran. Sie war eine sehr grade, wahre und freie Seele. Daß der erste Bogen beim M viel höher war als die beiden anderen, bekundete berechtigtes Selbstbewußtsein. Eine geheime Leidenschaft war zuerkennen . . . Frau Gugigl saß, indes Gwinner über sie gebeugt an ihr herumrätselte, ganz zusammengerollt, hatteweichere Bewegungen und schien zu schnurren. Ihr Mann klagte, daß ihm nach der Mehlspeise das Bier nicht mehr schmecke; er müsse einen Käs haben. Die moderne Frau sei frei, aber sie bekümmere sich um solche Dinge aus künstlerischem Gewissen. Ob in der Handschrift seiner Frau das künstlerische Gewissen nicht besonders zur Geltung komme. Gwinner bestätigte es, zwinkernd; und Frau Gugigl holte den Käse.
Inzwischen verlangte Mai, daß Gwinner ihr wahrsage, und hielt ihm ihre kleine unschuldige und schicksallose Hand hin. Er ergoß ironische Schmeicheleien über sie, und sie kicherte vor Freude. Als es ihm einfiel, ihr sehr viel Geld zu verheißen, schrie sie auf. Dann lief sie zu Lola.
„Laß dir auch wahrsagen! . . . Warum denn nicht?“
Mai war mit ihrer neuen Umgebung versöhnt. Alles regte sie an: die sonderbaren Gesänge; der komische alte Herr mit den Krumen in den Brauen, der aus dem Zimmer ritt; die vielen Scherze, das viele Hinundher; das unglaubliche Essen und dieses Bier, das schließlich nicht so übel war; die phantastischen, gutgelaunten Menschen, die wohl zu ihren Ehren etwas aufführten, im Lichtkreis dieses bizarren Raumes, in dessen Schatten Heiligenbilder mit unbegreiflichen, noch nassen Klexereien wechselten, unter dessen Decke Tabaksqualm hinzog, und zu dessen engen Fenstern der Garten feucht und kühl hereinduftete. Mai lugte aus der Tür. Tini schoß an ihr vorbei, in den Regen, zum Briefkasten. Mit leeren Händen aber nicht trauriger als vorher, kehrte sie zurück. Da wagte sich auch Mai aufdie Veranda, hörte erstaunt das weite, regnerische Dunkel rauschen und hinter sich das bunte Gejauchze, — und lief, mit plötzlicher Lust, in die Hände zu klatschen, entzückt von Abenteuerstimmung, wieder hinein.
„Sieh nur!“ flüsterte sie Lola zu. „Sind sie schlecht angezogen, und dabei so unterhaltend!“
Lola unterhielt sich wenig. Alles erschien ihr anspruchsvoll, gemacht und ärmlich. Sie wünschte sich aus dieser geschminkten Bauernstube nach dem Café in Barcelona, zu der Gelida, Da Silva und dem natürlichen Pathos des Dichters, der Verse sprach. Gwinners Witze klangen daneben hektisch. Frau Gugigl machte ihr Scham: sie hatte die Vordringlichkeit einer kürzlich Freigelassenen, und die Männer sahen ihr zu wie einem Spielzeug, das allein durchs Zimmer laufen durfte.
Gwinner hatte auch in Tinis Hand die Zeichen gedeutet, und ersuchte Arnold um die seine. Sie lag auf dem Tischrand; Arnold selbst betrachtete sie unschlüssig, und auch Lola sah sie an. Sie strafte die mühsam angespannte Haltung seines Körpers Lügen. Sie war weich, leidend; die geschwollenen Adern machten sie molluskenhaft und charakterlos . . . Arnold gab sie hin. Gwinner suchte mit einem vieldeutigen Lächeln in ihren Linien umher, wendete sie, blinzelte über sie weg. Frau Gugigl zu.
„Bei Ihnen steht noch gar nichts fest. Alles unentwickelt. Sie sind noch sehr jung. So jung!“ Gerührt und höhnisch. „Wie alt sind Sie denn?“
Lola horchte auf. Wahrhaftig, er anwortete.
„Zweiunddreißig.“
„In Wirklichkeit sind Sie viel jünger:“ und mit ruhiger Geringschätzung ließ Gwinner die Hand fahren. Arnold lachte mit, mußte Tinis verachtenden Augen ausweichen, sagte ein paar matte Worte und setzte sich in den Schatten.
Gugigl entdeckte in der Zeitung, daß ein alter, berühmter Maler seine Frau verloren habe. Die Baroneß Thekla wußte, daß die Gatten schlecht miteinander gestanden hatten; und sogleich warf Gwinner sich auf das Parodieren der Traueranzeige.
„Mit dem Tode meiner Frau trifft mich kein Schlag: nur sie hat er getroffen . . . Oder: der Tod meiner lieben Frau ist ein Schmerz für mich, aber ein unverhoffter . . . Oder: Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, durch den Tod meiner lieben Frau mich von langem Leiden zu erlösen . . .“
Dies ging mühelos so weiter. Gwinner wanderte, die Hände in den Taschen, durchs Zimmer, und aus seinem runden Kopf, den er mit Vorsicht zwischen den hohen Schultern trug, kamen die Witze fast gleichzeitig, wie Kücken aus den Eiern. Der ganze Hühnerhof begackerte sie. Die Baroneß Thekla hielt sich die Seiten, Frau Gugigl schluchzte auf dem Tisch, Tini klaschte in die Hände vor Glück und Stolz, und Mai, die kein Wort verstand, jubelte noch lauter.
Lola und Arnold lachten beklommen mit. Da trafen sich ihre Blicke; sie bekamen auf einmal ernste, erschöpfte Gesichter und rückten, beide im selben Augenblick, einander näher. Er wies unbestimmt in den hellen Kreis, den Gwinner, herumwandernd, mit Witzen anfüllte.
„Wie finden Sie das?“ fragte er befangen. Sie erwiderte, halb lächelnd:
„Künstlerisch.“
„Ich verliere manchmal ganz den Mut, noch in Gesellschaft zu gehen.“
Sie fand, er sage ihr schon wieder mehr, als ihr zukomme, und begriff jene erste Beichte, im Dunkeln, sei schuld daran. Ihr war befangen, weil sie sich diesem Fremden verbunden fühlte; und ohne Willen kam ihr der Ton kameradschaftlichen Ärgers.
„Warum sind Sie da? So viel ich sehe, passen Sie gar nicht hierher.“
„Ich weiß; und ich hänge so sehr davon ab, wie man mir gesinnt ist: es ist krankhaft, es ist kindisch . . . Aber im äußeren Leben kommt so vieles zufällig. Ich behandle es nachlässig.“
Sie nickte, als erinnerte sie sich. Dann:
„Mehrmals habe ich mich doch für Sie geärgert.“
„Zum Beispiel hätte ich die Hand nicht geben sollen . . .“
Lola mußte sie ansehen: sie sah nicht mehr weichlich aus; ihre Adern hatten sich entleert, und sie schien fester und nerviger.
„Aber ich schäme mich in solchen Augenblicken ein wenig — und das verhindert die Geistesgegenwart —: schäme mich für mich, und auch für den, der seine dumme Herrschsucht an mir auslassen mag . . . Dabei glaubt dieser Herr sehr geistreich zu sein.“
„O sehr;“ und sie horchte flüchtig auf das Gelächter, das Gwinner unterhielt.
„Fällt Ihnen aber gar nicht ein, daß Sie die Hand aufheben könnten?“ sagte sie, mit einer Wallung von Zorn. Er antwortete:
„Nachher manchmal, ja. Doch möchte ich’s im Grunde nicht getan haben. Die Gebärde dessen, der schlägt, kann ich nicht umhin, ein wenig grotesk zu finden. Zu viel Selbstbehauptung. Wer die Dinge überblickt, regt sich nicht so stark und legt sich selbst nicht so viel Recht bei.“
„Ach! . . .“
Sie setzte mehrmals an; hiermit mußte sie erst fertig werden; und inzwischen sah sie ihn dasitzen, schon wieder so zusammengesunken, wie er wohl auch im Dunkeln neben ihr gesessen hatte, die breiten, flachen Schläfen vorgeneigt und das schwache Untergesicht von ihnen beschattet, — und in dieser spannungslosen Haltung viel sicherer, viel edler, sichtlich viel mehr er selbst, als wenn er sich krampfhaft zu kriegerischen Mienen nötigte, die jeder durchschaute, deren jeder spottete . . . Seine Haltung war’s, die ihr Verständnis für seine Worte gab, Mitempfinden seiner Worte.
„Das ist enthaltsam — rein, wenn Sie wollen. Aber ist es nicht widermenschlich?“
„Wider den herkömmlichen Menschen, wohl.“
„Und Sie waren immer so? Sie haben wirklich als Knabe keinen Frosch gequält?“
„Natürlich habe ich. Aber die Nerven werden schwächer, und man kommt zur Güte.“
„O! Der Gütige wäre immer ein Schwacher?“
„Da nur Schwäche Geist hervorbringt und Güte von Erkenntnis abhängt . . .“
Lola erinnerte sich ihrer selbst.
„Ich weiß, daß, wer ohnmächtig und unglücklich ist, auch mißtrauisch wird, und boshaft.“
„Viel schlimmer noch als unsere Ohnmacht ist’s, wenn wir zufällig zur Macht gelangen. Der Schwache kommt dann in Gefahr, die Herrschaft über seine Nerven zu verlieren; die abscheulichsten Triebe des primitiven Menschen werden wieder in ihm heraufdürfen. Denken Sie an die neurasthenischen Könige von jetzt, an ihre Rückfälle in blöde Tyrannei, an ihre Sucht, wehrloses Wild niederzuknallen, an ihre Gier nach dem kriegerischen Gepränge der Starken . . . Kein Mensch kann verächtlicher sein, als solch ein Schwacher, der den Geist und die Menschlichkeit, für die er ausgestattet und denen er verpflichtet wäre, verleugnet und sich zu den Starken und Rohen schlägt.“
„Sie sind Fanatiker;“ — und Lola war froh, daß sie lächeln durfte.
„Meinen Sie, daß Frau Gugigl glücklich ist?“ fragte sie.
Er sah erstaunt auf.
„Wie wäre sie’s nicht? Vor allem denkt sie niemals.“
„Das wohl“
„Und dann tut sie mit ihrem Mann, was sie will.“
Lola lächelte nochmals.
„Mir scheint, vielmehr erreicht er mit ihr, was er will. Und das sehen auch andere.“
„Bin ich ein so schlechter Beobachter?“
Sie schwieg ein wenig. Dann:
„Von allen Frauen, die ich kenne, haben es die deutschen am schwersten. Frau Gugigls Übermut und Selbsttäuschung ändert nichts. Sie sind noch immer rechtlos und müssen dabei arbeiten. Verdient nicht meine Cousine für den Haushalt, — den sie besorgt? Immer noch lieber in Brasilien verheiratet sein. Auch dort ist man Untertanin; aber man liegt in der Hängematte, wird vom Mann und Herrn bedient, und nach dem Gesetz gehört die Hälfte von allem was er einnimmt, seiner Frau.“
„Wo ist das?“ fragte Frau Gugigl und setzte sich zu ihnen. Als sie’s erfahren hatte, fand sie die Brasilianerin riesig künstlerisch. Arnold, Hals über Kopf, als gälte es, nur etwas zu sagen:
„Vielleicht hört die Frau auf, Künstlerin zu sein, sobald sie eine Kunst ausübt.“
„Ich singe,“ sagte Lola lächelnd. Frau Gugigl lachte wild.
„Er ist schon eine herrliche Einrichtung!“
„Verzeihung,“ und seine nervige Haltung täuschte niemand über seine Befangenheit, „ich wollte sagen: die Frau verzichtet schwer auf das Leben; und das muß der Künstler.“
„Daher die Künstlerredouten,“ schob Gwinner ein. Frau Gugigl stieß den Arm vor.
„Sehen Sie?“
Arnold schien mit der Schulter eine Fliege zu vertreiben.
„Muß in Abgeschiedenheit mit sich selbst zu Ende kommen, seine Gefühle auf Gipfel treiben und überblicken, seine Instinkte ausnützen: den Mut zu ihnen haben, grade zu den schlechtesten.“
„War net übel,“ erklärte Gugigl. „Wir sind anständige Leut’, möcht’ ich fein bitten.“
„Sie sind doch überhaupt nicht Künstler,“ bemerkte seine Frau.
„Ziehen Sie sich keine Beleidigung von seiten der Künstlergenossenschaft zu,“ warnte Gwinner. „Sie ist eine Macht.“
„Hier kennen wir nur eine Macht: Ihren Witz,“ sagte Lola und stand auf. „Besonders um halb zwölf, wenn wir müde sind.“
Gwinner spreizte, wie um Gnade, die Hände aus, indes sein Gesicht von demütiger Eitelkeit glänzte. Man trennte sich. Lola sagte zu Arnold:
„Wir sind abgelenkt, aber morgen möchte ich Sie noch etwas fragen.“
Als Mai endlich auf einem Bügeltisch ihre Nickelflaschen und das übrige für die Toilette hatte ausbreiten können, war es nach neun, und Lola ließ sie allein. Aus der Küche kam ungewohnt scharf Frau Gugigls Stimme. Dann zeigte sie selbst sich, ohne zu laufen, wie gestern, wo sie keinen langsamen Schritt getan hatte: ganz ohne Ausgelassenheit und Leichtigkeit, mit lockeren, etwas staubigen Haaren, in die Länge gezogenem Gesicht, spitzerer Nase und in einer altenMatrosenbluse, an der auch sie selbst kaum etwas Künstlerisches entdeckt hätte. Sie rief ein recht lautes „Grüß Gott!“, versuchte, indes sie Lola das Frühstück vorsetzte, hochgemut drauflos zu schwatzen, von den andern, die alle schon draußen seien, bis auf Arnold natürlich, — und zog sich, im Augenblick, wo sie den sorglosen Ton schlechterdings nicht mehr halten konnte, mit einem Gelächter über sich und ihre Pflichten, in die Küche zurück.
Kurz darauf trat Arnold durch die innere Tür. Lola konnte noch bemerken, daß er die trübe, aber gefestete Miene getragen hatte, unter der er wohl mit sich allein war. Sobald er jemand gewahrte, ward sie erschüttert. Man sah, er sei nicht mehr frei. Er streckte die Hand aus und zog sie fluchtartig wieder zurück; sprach vom Wetter, von den schlechten Bauernbetten; unterstützte, als Lola sie erwähnte, Mais Beschwerde über den Mangel an Bequemlichkeit; tat es mit unvermittelter Heftigkeit und vertrat Forderungen an das Landleben, die er sichtlich nur als Gesprächsstoff zusammensuchte. Wie Lola ihm nicht half, ging er peinvoll umher, blieb vor Bildern stehen, überflog verstohlen den Tisch.
„Ich werde meiner Cousine sagen, daß Sie frühstücken möchten.“
„Bitte, lassen Sie’s. Ich verspäte mich zu häufig. Nein bitte, das Brot und der Honig genügen mir. Ich bitte im Ernst; es würde mich in Verlegenheit setzen . . .“
Es schien ihr, er habe vor allem die größteAbneigung gegen ein Zusammentreffen mit Frau Gugigl.
„Nicht wahr?“ sagte sie lachend, „am Morgen nimmt man es einander manchmal gradezu übel, wenn man sich begegnet.“
„Gott sei Dank: Sie kennen es! Ich habe Sie also nur noch allein zu lassen.“
„Aber nicht um meinetwillen.“
„Auch meinetwegen nicht,“ — dankbar und fast stürmisch.
„Nun, dann bleiben wir beide da . . . Wenn Sie rauchen wollen —“
„Nein. Übrigens — nicht nur des Morgens fühle ich mich hier ungemütlich.“
„Dann rauche ich allein. Aber Sie sind schon eine Zeitlang hier?“ — und sie belächelte seinen Ausbruch von Vertrauen.
„Ich will Ihnen sagen: es ist wohl gleich, wo man sich aufhält, wenn man doch immer dieselbe Rolle spielt . . .“
Er lachte ihr kurz zu, als seien sie schon im Einverständnis.
„Sie haben’s ja gestern gesehen . . . Wollte man sich zurückziehen, würde man die andern im Bewußtsein ihrer Gutmütigkeit und Herzlichkeit empören und hätte dann auch ihnen die Gemütlichkeit verdorben, die man selbst nicht kennt. Das verdienen sie nicht.“
„Die Sonne kommt heraus; wollen wir in den Garten gehen?“
„Gut . . . Gehen wir den Weg rechts?“
„Er ist im Schatten!“
„Aber links: sehen Sie, in der Eiche, auf dem Boden, den er hineingelegt hat, sitzt der alte Baron.“
„Ach! Ich sehe nur Rauch aus dem Laub steigen. Also, wenn Sie wollen, weichen wir aus — in den Schatten . . . Was heißt das: Sie kennen keine Gemütlichkeit. Seit wann?“
„Seit zwanzig Jahren; seit ich mich beobachte. Verstehen Sie nicht? Man sieht sich ganz klar; wie einen das Leben auch anfasse, man kennt vorher den Platz, wo es schmerzen wird; wie andere Geister, andere Herzen uns prüfen mögen, man ist unterrichtet, das eine geht, das andere nicht. Die Figuren, die uns begegnen, erinnern uns an früher gekannte vom selben Typus, und man weiß, was sie in uns anregen werden. Man weiß, was man selbst vorbringen, womit man zurückhalten, welche Mienen man ringsum bewirken wird. Man empfindet sich nur noch als abgenutzte Gliederpuppe. Man erscheint sich als ein gealterter Weinreisender, der noch immer an allen Gasthoftischen dieselbe Anekdote zum besten gibt. Er kann’s, trotz schlechtem Gewissen, nicht lassen.“
„Das ist schrecklich — wenn man es bedenkt.“
„Was zum Glück fast niemand tut. Sie kennen sich nicht, vergessen, was ihnen gestern geschah, und sind sich täglich neu. Sie kommen, so oft ihr Stichwort fällt, vergnügt mit all dem bißchen heraus, was sie sind. Sie werden nicht von der unablässigen Empfindung aufgerieben, daß jedes Wort, das sie sagen können, ihnen vorgeschrieben ist. Sie halten sich fürfrei und veränderlich, kennen weder den Zwang noch die Verantwortlichkeit des Eigenen und nehmen es darum nicht genau, mit sich nicht und mit den andern nicht. Das viele Unbewußte in ihnen, das viele Dumpfe hüllt sie alle in den Dunst des Gemüts und der Gemütlichkeit, in dem wir Klareren es nicht aushalten. Wir stehen allein und mit grellen Umrissen.“
Lola antwortete nicht. Sie streiften an die Wände eines nassen Laubganges; der Weg roch nach faulendem Laub; — und Lola bedachte, solch einen Weg, dessen Herbstgeruch nie aufgetrocknet werde, gehe ihr Leben. Jeder Sommer enthalte den Sterbeduft des letzten; bei jeder neuen Liebe werde sie des Verlaufs der vorigen gedenken. Sie wisse die nächste voraus, kenne die Brauen, den Mund, das Blut, vor dem sie schwach sei, die Rache, die sie üben, und die Leiden, aus denen sie sich retten werde. Nun gehe sie hier umher und warte . . .
„Aber könnte es nicht anders kommen? Wie viel hat eigentlich gefehlt, damit es das letzte Mal anders kam?“
„Halten Sie mich für leidenschaftlich?“ fragte sie plötzlich.
Er sah sie an. Sie hatten die Laube hinter sich und standen, drei Erdstufen höher, auf einer bäurischen Altane, beide aus fliehenden Wolken von zuckendem Licht ergriffen. Eben noch hatte es sie berührt, und schon hob es in ungewisser Ferne eine Schar von Schnittern aus dem Grau des Bodens. Da und dort entsprangen bunte Hügel dem Land und versanken,glänzte eine Sense auf und erlosch, rauschte über einen Wald das Licht hin und ließ ihn in stummem Schatten. Aber wie aus Sonne, Wind und Weite entrückt, sahen sie einander an. Lola empfand in Hast, daß sie noch auf keines Mannes Worte so gespannt gewesen sei. Er aber, viel zu erfüllt von sich selbst, um zu begreifen, daß eine Frau ihn frage:
„Leidenschaft? Sie ist der Wille zu uns selbst. Sie treibt uns, ein Etwas, das unsere Sache ist, aus unserem Blute kommt, gegen die Welt zu behaupten: eine Idee, ein Schicksal oder eine Kunst . . .“
„Ach ja,“ — mit einem spöttischen Seufzer; „ich singe. Ganz im Ernst. Oder habe doch gesungen. Jahrelang bin ich einer alten Italienerin nachgereist, die einzig noch die gute Schule hatte. Jetzt habe ich sie verloren und bin ratlos.“
„So fühlen Sie italienisch?“
„Nein. Warum? Es handelte sich um die Stimmbildung. Aber ich sang auch deutsch . . . Ich kann nämlich, da ich beide Rassen in mir habe, die germanische und die lateinische, mit beiden fühlen — wenigstens ungefähr . . . Nun ja, das Ungefähr muß genügen. Zwar — Sie sagten vorhin, Sie kennten keine rechte Gemütlichkeit? Das geht wohl auch mir so. Wo ich mich hing —“
Sie verschluckte das „hingeben“.
„Wo ich mich gehen lassen möchte, muß ich Kritik üben. Das Temperament meiner mütterlichen Rasse schätze ich, wenn ich in Deutschland bin. Bei jenen aber sehne ich mich oft nach der deutschen Tiefe.“
„Das heißt, daß Sie ein wenig allein sind?“
Er nickte, schmerzlich und befriedigt: wie jemand nickt, wenn sein Kerker sich öffnet und ein Leidensgefährte eintritt.
„O! Wenn ich erst singe, wird man mich verstehen, im Norden und im Süden.“
„Ich kann Ihnen mitteilen, daß Kunst sehr einsam macht.“
„Das hoffe ich nicht. Ich möchte eine Menge Anhänger und Verehrer haben.“
„Die nicht ahnen werden, wem sie anhängen und was sie verehren . . . Waren Sie einmal dabei, wie auf einer Variétébühne eine Frau in der Tracht ihres weitentfernten Landes ihre heimischen Tänze tanzte, und mit fremdartigen Ausrufen sich selbst anfeuerte? Man klatscht, weil sie schön ist und ihre Röcke aufflattern läßt: weiter versteht man nichts von ihr. Ihr Auftreten und ihre Bewegungen geschehen nach Antrieben und Regeln, die siebenhundert Meilen weit wegliegen; geschehen unerbittlich und in völliger Einsamkeit . . . Ganz oben, werden Sie vielleicht erfahren, ergeht es dem Künstler wieder so, wie dort ganz unten. Ja, seine Heimat liegt noch viel weiter fort von den Hörern: in seinen Gesichten, seinen Klängen, in Ländern, denen nur innere Sonnen scheinen . . .“
„Sehen Sie doch! Was macht denn der alte Baron? Jetzt legt er eine Leiter von seinem Baum auf den nächsten und rutscht hinüber . . . Er steigt höher; sind denn überall Treppen zwischen den Ästen? und schiebt die Leiter einen weiter. Himmel! Fastwär’ er gefallen: er hängt am Ast wie ein Affe . . . Die Tini lacht ihn aus. Was will sie denn, ganz heißgelaufen? Ah, an den Briefkasten. Nichts drin: auch gut. Schon ist sie fort, und Baron Utting steckt wieder tief im Laub . . .“
„Ich weiß nicht, ob ich bitten darf . . . Man darf darum nicht leichthin bitten . . . Möchten Sie nicht singen?“
„Mit Freuden! Hätten Sie mich nicht aufgefordert, würde ich’s von selbst getan haben. Gehen wir? Wie jetzt der Garten voll Sonne ist!“
Sie streckte sich und tat ein paar tiefe Atemzüge aus der wilden, klingenden Luft, die über all dies Land und bis in ihre Brust stürmte, wie die Freiheit selbst. Sie würde der Freiheit froh werden, kraft ihres Gesanges; würde über allen Ärmlichkeiten schweben und singend selbst den Menschen die Lust der klingenden Weiten eingießen, wie ihr der Wind. Was vermochte alles andere? Was meinte dieser Traurige? Seine Enttäuschung war ihr ein Stachel mehr, — wie bei denen, die sich einer Menge vorführen, der Erfolg des einen erhöht wird durch des andern Unglück. Die Frau, von der er gesprochen hatte, die in klirrender Tracht über eine Bühne tollte! Jawohl, solch einen Rhythmus fühlte jetzt Lola in sich. Kunst und Leben, beides im Triumph! Kunst und Feste!
Sie kam ins Laufen, rief laufend ins Haus:
„Mai!“
Mai wagte sich nicht in den Wind hinaus; sie hatte das Wettermännchen von der Wand gehobenund es kaputt gemacht, hatte immer noch einmal vom Honig geschleckt, am Fenster ein wenig geseufzt und von neuem mit der Schleppe ihres Morgenkleides den Staub aus den Ecken gefegt.
„Ja, ich werde dich begleiten; und Sie, mein Herr, werden sehen, was für eine Künstlerin sie ist!“
Sie kletterten über die Stiege; in dem niedrigen Saal fanden sie, von Büchergestellen umgeben, den alten braunen Stutzflügel; Lola lachte nur über sein Geklapper, das Mai entsetzte; und sie sang. Sie sang, als flöge sie einen Berg hinauf, so daß die Lungen frisch, die Füße munter und unbestaubt bleiben. Beim letzten Aufschrei ging sie ganz in einem Schauer unter und stand noch, von Glück verwirrt, da, indes Mai entzückt darauf losschwatzte. Alle diese Dissonanzen, und dies plötzliche Fallen: o, das sei äußerst modern und komme aus Paris. Was der Herr nun sage! Was er nun sage! Mai begriff nicht, warum er nicht jubele . . . Er war verlegen aus Furcht vor nichtssagenden Übertreibungen.
„Sehr gut — so viel ich verstehe. Und Ihr Alt: ich darf sagen, ich hörte nie dergleichen.“
Lola wandte sich erregt um.
„Ich wußte, daß ich heute etwas können würde! Wenn ich gut singen werde, weiß ich’s schon früh beim Erwachen, ehe ich einen Ton von mir gegeben habe.“
Und mit Ungeduld:
„Jetzt, Mai, das von Gluck!“
Arnold wechselte den Platz, um diese tiefen, starken und weichen Klänge ihren Lippen entrollen zu sehen:er hätte es sonst nicht geglaubt. Das Rot dieser Lippen verschärfte sich in dem erblaßten Gesicht und beim fiebrigen Licht der Augen. Das Gesicht schien ein Lächeln der Pein zu tragen unter der Gewalt der herausquellenden, mühsam gedämmten, mit Kunst entsandten Töne. Eine Hand fingerte angstvoll auf der Brust. Diese weiße kleine Gestalt, die im Rahmen des Fensters verschwamm, sich unter dem Geflimmer einer blonden Haarwolke in das Mittagslicht auflöste, sie dünkte ihm zu schwach für die Gewalten, denen sie sich zum Gefäß gab.
Da brach Lola ab.
„Nicht den Lauf! Mein Gott, was willst du immer mit dem Lauf? Fühlst du denn gar nicht, daß solche Kleinigkeiten in dieser Musik nicht Platz haben?“
„Ich will es nicht wieder tun,“ bat Mai. „Sei gut, fang von vorn an. Es war so schön. Nicht wahr, mein Herr, es war schön?“
Arnold wagte nicht zu sprechen. Er sah die Sängerin in Verzweiflung einige Schritte tun, sich mühsam fassen . . . Sie trat nochmals neben das Instrument, begann nochmals; wandte sich aber, wie Hilfe suchend, hin und her; — und plötzlich warf sie die Noten durcheinander.
„Aus! Die Stimme zittert wieder. Da haben wir’s.“
„Aber Kind! Nicht die Spur!“
„Du hörst es ganz gut! Von Anfang an hat sie gezittert: ich wollte es bloß nicht merken.“
„Es ging so gut!“ jammerte Mai; und zu Arnold, zornig, weil er ihr nicht half:
„Ging es etwa nicht gut?“
„So viel ich hören konnte —“
„Es war schon fast Tremolieren! Die Branzilla hatte mich doch genug gehunzt, bis die Stimme wieder fest war. Und vorn im Munde muß sie liegen. Jetzt ist sie wieder in den Hals gerutscht, wie bei allen andern.“
„Sie ist nervös, mein Herr!“ und Mai rang die Hände. „Das kommt immer ganz plötzlich; aber darum hat ihr doch der berühmte Lamare die größte Zukunft prophezeit.“
Sie schloß Lola in die Arme und flüsterte:
„Dieser steife Mensch geht dir auf die Nerven. Es ist unerträglich, einen Stock zum Zuhörer zu haben.“
Lola machte sich heftig los; sie ging zum Fenster. Arnold trat hinter sie; er schluckte hinunter und sagte:
„Ihre Stimme war so weich, daß ich’s kaum begriff.“
„Warum sagen Sie nicht, daß sie hart war?“ — und sie schüttelte die Schultern. „Nun sind es zwei Monate, daß ich keine Stunden mehr nehme: und schon ist alles dahin.“
Er erwiderte nichts. Sie starrte hinaus; sie sah den alten Baron aus dem letzten Baum der Allee eine Leiter hinabsteigen, sich von einer der Sprossen auf sein Pferd schwingen und auf das Haus zureiten.
„Was macht er nur?“ fragte sie gereizt. Arnold murmelte:
„Er hat die Sucht, niemals den Erdboden zu berühren.“
Die hölzerne Brücke zu des Alten Schlafzimmererdröhnte unter den Hufen. Lola fühlte sich unheimlich, wie ausgestoßen in eine harte Ausnahmewelt. Sie meinte, der Tag habe sich verdüstert. Tini stürzte schon wieder, rot, mit lockeren Gliedmaßen, zur Pforte herein und an den Briefkasten. Noch immer nichts: aber das tat nichts; schon war sie von dannen. „O, all die unüberlegten Hoffnungen!“ dachte Lola. „Man kennt sie selbst nicht. Leuchtet man ihnen aber ins Gesicht, sind sie tot.“ Hatte sie mit ihrem Gesang nicht Herzen werben wollen: ohne zu verstehen, was sie wollte? In Herzen Liebe entdecken und in einem Stück Erde eine Heimat: mit ihrer Stimme, wie mit einer Wünschelrute? . . . Nun war die Rute zerbrochen. Und wäre sie’s nicht gewesen, sie hätte doch niemals Zauber gewirkt.
„Man ist grauenhaft allein,“ sagte sie vor sich hin.
Nach einer Weile setzte er hinzu:
„Und möchte doch mit keinem derer tauschen, die beisammen sind.“
Lola stutzte; — und erstaunt bemerkte sie, daß sie nicht Tini hätte sein wollen. Sie suchte unter bekannten Menschen und fand, wie einen feierlichen Trost, daß sie um keines anderen Schicksals willen das ihre hätte abdanken wollen. Eine Erkenntnis kam ihr.
„Sie hatten recht, daß Leidenschaft und Schicksal zusammenhängen, — oder was Sie da sagten: es war richtig.“
Er verließ sie; sie sah ihn ins Feld hinausgehen.Sie blätterte in Büchern. Mai überlegte laut, und sank dabei von einem Sessel in den andern, wie viel amüsanter es jetzt bei der Grimani gewesen wäre.
Vor dem Mittagessen fand Lola in ihrem Zimmer einen Strauß Feldblumen. Sie vermutete, sie seien von Arnold; aber er ließ sich nichts merken. „Das sieht ihm ähnlich,“ dachte sie. Dann zog er sich zurück, um zu lesen. Alle andern blieben bei Tisch, bis es Zeit war, einen Freund Gugigls von der Bahn zu holen, einen Fabrikanten, breit und gewöhnlich und für niemand von Wichtigkeit.
Tini hielt sich zu Lola. Sie zeigte ihr, den Arm um Lolas Schultern, ihre Ansichtskarten, stellte Fragen und begeisterte sich. Jedes dieser kleinen viereckigen Papierstücke trachtete Tini mit Hilfe derer, die alles schon kannte, zu einem Stück Welt umzuwandeln, die dargestellte Straße zu verlängern, die Menschen vor den Häusern in Bewegung zu setzen.
„Du mußt doch welche kennen von denen, die mit drauf sind!“
„Weißt du, daß man auf Reisen eigentlich wenige gut kennen lernt und die meisten wieder vergißt? Du hast sicher mehr Freunde als ich.“
„Nein, bloß eine Freundin.“
„Aber du siehst oft nach, ob Briefe da sind.“
„Ich?“ — und Tini ward rot. „Nun ja, du darfst es gern wissen. Ich hoffe immer —. Es gibt doch Millionen Menschen. Wer weiß, wie mancher einen mal gesehen hat und denkt noch an einen. Es kann ja irgend etwas geschehen; so viele Dinge kommenvor; und zum letzten Neujahr habe ich eine Schachtel Konfekt bekommen und habe nie herausgekriegt, von wem. Ist dir das auch einmal passiert?“
„Nein.“
„Glaubst du nicht, daß man ein Glück haben kann, an das man gar nicht gedacht hat?“
Da Lola zögerte, antwortete Gwinner:
„Wer ein Los hat, sieht gewöhnlich in jeder Ziehungsliste nach.“
Überrascht sah Lola auf; aber sie stellte fest, es sei wieder nur ein Witz gewesen. Tini lachte dankbar; dann, ernst, mit Hingebung:
„Aber von dir, Lola, glaube ich sicher, daß du noch mal ein großes Glück haben wirst, und du weißt es gar nicht.“
Alle begleiteten den Baron Utting, als er am Abend aus dem Zimmer ritt. Arnold und Lola sahen erstaunt den Laubgang hinunter, an dessen Ende sie heute morgen im Winde gestanden hatten, auf weichem Boden, der faul duftete. Jetzt zogen sich über düstere Erzwände Rinnsale von Mondlicht und flossen auf dem Grunde zu weißen Lachen zusammen.
„Das ist ja riesig künstlerisch!“ rief Frau Gugigl. „Wißt ihr was? Wir machen einen Mondscheinspaziergang. Holt eure Mäntel, gelt? . . . Benno!“
Sie flüsterte ihrem Manne etwas zu, stürzte, die Augen aufgerissen von ihrem Geheimnis, hin und her:
„Kinder, es gibt eine Überraschung!“
Wie die Pforte aufs Feld hinaus aufging, standen alle still: so fremd und einschüchternd fanden sie das Land, das auf makellose Welten erhoben, in geschmolzenen Sternen gebadet schien. Von den Schattenhängen, glaubte man, waren die Geisterströme herabgerollt, um gegenüber den Hügel hell emporzuschlagen, himmelan zu sprühen, sich auf entferntere Erdfalten niederzulassen, die letzten Berge in sich aufzulösen, und unter bläulichen Schleiern voll namenloser Lockungen die Nacht der Unendlichkeit entgegenzuführen.