. . . Gwinner äußerte:
„Jetzt noch ein paar betrunkene Bauern.“
Man lachte erlöst und schritt aus: durch das schlafende Dorf, hinunter in die Talmulde. Der Weiher glänzte auf; Tini lief jubelnd hin, und angelangt, blieb sie stumm über ihn geneigt, bis die andern nachgekommen waren. Die Baroneß Thekla rundete die Hände vor dem Mund und stieß Juchzer hindurch. Lola wünschte sich einen Nachen, und Frau Gugigl verhieß, es komme noch viel schöner. Da bewegte drüben aus dem Busch hervor sich etwas Weißes: eine Gestalt in flimmerndem Mantel, den spitzen Bart kühn in der Luft und die Arme gekreuzt:
„Prost, Gugigl!“ rief Gwinner. Aber seine Frau nahm es ernst.
„Er macht sich doch hoch künstlerisch! . . . Geh mehr ans andere Ufer, daß du in den Schatten der Spiegelung kommst! . . . Kann man jetzt nicht Furcht kriegen?“
Gugigl warf das Tuch ans Land. Mai schrieleise auf, aber dann kicherte sie, denn Gugigls Schenkel waren nach außen gekrümmt. Seine Frau bemerkte, was die Wirkung hintanhielt; sie kommandierte ihn ins tiefere Wasser. Er prustete ihr zu laut, er arbeitete sich zu sehr ab.
„Denk doch an deine Linie!“ rief sie.
„Wird er jetzt nicht sagen: die Linie ist krumm?“ flüsterte Lola; und Gwinner sagte es. Er forderte auch den beleibten Fabrikanten auf, seinem Freunde beizuspringen: ins Wasser zu gehen, damit es steige.
„Das wird es pflichtschuldigst tun! Wie die Papiere, wenn ich mich hineinlege!“ — und der Fabrikant lachte dröhnend.
Die Baroneß Thekla saß und sah nach der Kirchturmspitze überm Hügel.
„Jetzt wenn die Bauern uns sehen täten, na wär’s g’fehlt,“ sagte sie zu Lola.
„Warum?“
„Weil’s uns derschlag’n möcht’n! Ausg’schamt muß ma sein, daß ma am Mannsbild im Bad zuschaut.“
„Ohnedies gilt Baden hier als Schande,“ setzte Arnold hinzu; und Gwinner wußte von einem alten Bauern, der dem Arzt entrüstet geantwortet habe: nie sei auf seine Haut ein Tropfen Wasser gekommen.
Die Baroneß Thekla verteidigte ihre Landsleute.
„Ihr wißt wohl gar nicht, daß der Sepp beim Wurzererbauern eine ganze Masse französische Romane gelesen hat? Er kennt alles, mir wär’ er zum Mann zu gebüldet.“
Tini, Gwinner und Frau Gugigl beschlossen, sichgleich morgen den Sepp anzusehen. Als Mai verständigt war, bekundete sie Neugier.
„Kommst du nicht auch, Lola?“
Lola öffnete den Mund, um zuzusagen; aber Arnold erklärte, er würde sich schämen, vor einen Menschen, der vielleicht kämpfe, vielleicht ein schweres Ausnahmeleben führe, hinzutreten wie vor eine Sehenswürdigkeit; — und Lola sagte, verwirrt:
„Gehe, bitte, ohne mich, Mai!“
Gugigl kam heraus. Seine Frau prüfte ihn hinter ihrem erhobenen Daumen.
„Er hat doch einen großartigen Akt! Riesig künstlerisch!“
Gugigl schlug Falten mit seinem Badetuch, wie eine Schleiertänzerin, und reckte die Arme aus, wie ein Mondanbeter.
Als er fertig war, ging’s weiter: an Gehöften vorbei, deren Dächer schimmerten, und Wäldern entgegen, die mitten im grellen Feld schwarz dalagen wie ein zusammengerolltes Tier, das atmete. Immer aufs neue versuchten einen blaue Pfade und machte die Leichtigkeit des Schattens, daß man durch ihn hin wie durch einen Traum ging. Tini lief zurück, wo Lola und Arnold noch verweilten, hängte sich an Lolas Arm und flüsterte ihr etwas Schwärmerisches zu. Dann sah sie, die Lippen ein wenig offen, in den großen Mond und ließ die Schritte schleppen.
Arnold sprach weiter. Wie der sich fühlen möge, für den in diesen Mondschleiern ein Geist zwischen Himmel und Erde hin und hergehe, der dies Licht alsgöttliche Liebe hingebreitet sehe: kurz, dem diese Nacht voller Täuschungen in Wahrheit beseelt sei. Warum, fragte Lola, solle sie täuschen.
„Können wir uns von ihr nicht überreden lassen, an die Seele zu glauben? Sogleich wäre alles besser.“
Besser? Was? Wenn man endlich tot sei, nicht gründlich tot zu sein? Neue, fragwürdige Abenteuer gewärtigen zu müssen? „Der wäre mit seinem Ich verdammt zufrieden, der ihm Unsterblichkeit wünschte“ . . . Im Sprechen aber bemerkte er, daß er aus der Erinnerung spreche und, was er vorbringe, zu dieser Stunde nicht mehr ganz begreife. Er hörte auf, bevor er zu Ende war.
Lola dachte ihres einstigen Glaubens an die unendliche Höherentwickelung des Einzelwesens, sein Besserwerden von Stern zu Stern, — und zum erstenmal seit jenem erschütterten Lebensalter gab das Andenken an diesen Gedanken ihr mehr als mitleidige Sehnsucht: fragte sie wieder nach seiner Möglichkeit.
„Wenn wenigstens ein beseeltes All mich aufnähme! Nicht ich würde noch von mir wissen; aber vielleicht das All?“
Er hatte eine Entgegnung bereit; aber wie er den Mund öffnete, merkte er, daß sie ihn ekele: so verbraucht war sie in hundert Gesprächen, so plump blieb sie zurück hinter dem, was hier erlebt ward, von ihm und der Frau neben ihm. Er fürchtete sich, an ihren Geist zu rühren; er murmelte:
„Wir sind beschränkt; wir sehen nicht voraus,was uns bei der nächsten Wegbiegung erwartet; und doch . . .“
Sie schwiegen. Dann sagten sie sich, es sei seltsam, diese Nacht klinge, während man plaudere, von Harmonien; und nun, da man anhalte und lausche, sammele sich alles zu dem einzigen Ton einer sehr sanften Flöte.
Aber auch die Gespräche hörten sie, die vor ihnen anschwollen. Der Fabrikant wendete sein weißes, dickes, plattnasiges Gesicht dem Monde zu; es war harmlos und sein Schnurrbart bemühte sich zu drohen; und der Fabrikant verlangte den Krieg mit England. Gugigl hatte nichts dagegen, bezweifelte aber die Kriegslust der Massen. Darauf forderte der Fabrikant die Unterdrückung der Sozialdemokratie, also vor allem die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechtes und die Einführung des Klassenwahlsystems. Auch sei aus den Schulen das Lateinische und das Griechische zu entfernen, denn mit dem Humanismus werde man die falsche Humanität los sein und endlich zur zweifachen Justiz den Mut haben: einer für Weiße, einer für Schwarze, einer für die Herren, einer für die Umstürzler.
„Das ist aber abscheulich,“ sagte Lola.
„Warum!“ meinte Tini, aufgeweckt. „Ich finde es fein. Hast du nicht gehört, daß wir jenseits von Gut und Böse sind? Ich schwärme für Herrenmoral!“
Und sie eilte, voll Bildungstrieb, nach vorn.
„Was Liebe kann,“ bemerkte Arnold und sah Gwinners Rücken an.
„Sagen Sie: was Eitelkeit kann. Sie liebt ihnkaum, sie wartet noch auf alles Mögliche; aber er schmeichelt ihrem Kopf; und es scheint, hier lassen sich alle am liebsten auf diese Weise schmeicheln . . . übrigens hatte der Fabrikant einen Ton, als ob auch er sich auf seine Unmenschlichkeiten etwas besonderes einbildete.“
„Er hält sie für klug. Er kennt nicht Rousseaus Rat: ‚Menschen, seid menschlich! Welche Weisheit gibt’s für euch außerhalb der Menschlichkeit.‘ Ein törichter Stolz auf eine von Träumereien unberührte Härte verführt die meisten von uns; eine dem wahren Zustande unserer Körper und unserer Geister ganz unangemessene Vorliebe für die nackte Macht. Die Frage ist, ob wir nicht in unserm richtigen Element wären, wenn wir ein wenig Güte übten und erwarteten: ob wir uns nicht wohler dabei fühlen und mehr damit erreichen würden.“
„Das Trumpfen auf Illusionslosigkeit ist natürlich geschmacklos; aber Güte erwarten? Mir scheint —“
Sie dachte an ihre Erfahrungen mit Menschen, mit Männern, an die Lehren ihrer zwei letzten Jahre, und sie lächelte bitter. Arnold entgegnete:
„Heute gilt eine hoffnungslose Auffassung der menschlichen Zukunft. Dennoch ist es klar, daß mit der Abnahme der rohen Kraft auch die Grausamkeit an Gebiet verloren hat. Was hindert mich zu glauben, daß der Geist, der die Folterkammern sprengte: daß der Geist auch die Waffenmagazine sprengen wird.“
„Es wäre wohl noch wenig getan . . .“
„Ich weiß, ich weiß. Aber vermögen Sie einzusehen, warum man auf der Gewalt besteht und die Macht um keinen Preis abdanken möchte, nicht einmal um den Frieden der Seele? Auch ich gehöre zu den Besitzenden: aber wenn ich in eine wahre menschliche Gemeinschaft den Weg finden könnte vermöge einiger Stunden körperlicher Arbeit, die überdies ein mir nützliches Gegengewicht zu denen am Schreibtisch wären —“
Er belebte sich; seine Stimme ward erst jetzt freier und stärker.
„Ich wäre mit Freuden ein Bürger des neuen Staates! Welcher Genuß des Gewissens: nicht länger den Anteil derer mitzuessen, die vergeblich arbeiten! Und welcher Zuwachs an Würde im Menschengeschlecht, wenn es sich vor keinen schwindelhaften Größen mehr bücken wird, vor dem Zufall des Eigentums so wenig wie vor dem der Geburt! Viel verspreche ich mir von dem Sturz der Könige. Wären sie auch schon machtlos: ihr Dasein bleibt das am höchsten ragende Denkmal menschlicher Würdelosigkeit. Wie können Kulturmenschen, wie kann der Geist eine Macht ertragen, die nicht vom Geiste ist! . . . Da die gleiche Verteilung der Leiden und Freuden des Körpers und des Geistes, da die Nivellierung der Menschheit unser aller heimliche Forderung ist, die wir nur mit Trug zum Schweigen bringen, von der wir nur mit Scham absehen: warum schrecken wir vor dem Wege zurück, der hinführt? Es wird keinen einsam leidenden Genius mehr geben, und keine darbende Masse. Der Pariader Höhe wird verschwunden sein mit denen der Tiefe. Welche Erleichterung, welche neue Unschuld!“
Lola hörte mit Spannung und dunkler Sehnsucht seine erregten Worte zu Entzücken ansteigen, und sah Schmerz herausblicken. Sie empfand, daß auf fester Erde sein Traum keine Stätte habe. „Ist er denn so selten enttäuscht worden?“ dachte sie, und sie fühlte sich alt.
„Sie sind vertrauensvoller als ich,“ sagte sie und betrachtete ihn von der Seite. Er sah ihr in die Augen.
„Vorhin waren Sie die Gläubigere . . . Erinnern Sie sich, daß es schon einmal genügt hat, an die irdische Vervollkommnung des Menschengeschlechtes zu glauben: und es machte einen stürmischen Schritt auf sie zu. Die glücklichen Menschen des achtzehnten Jahrhunderts glaubten. Das Jahr 1789 war ihr Lohn. Dies Jahr war da. Dies arkadische Verbrüderungsfest ist gefeiert worden. Sein Gedächtnis ist unser Trost. Seit diesem Ausbruch des Besseren im Menschen ist alles möglich . . .“
Er schien stolz, daß nun auch er einen Glauben bekennen durfte. Ihr war’s, als lauschte sie einer Werbung, der sie sich immer schwächer entgegenstemmte. Und ohne der Verwirklichung seines Glaubens nachzudenken, empfand sie bei seinen von innerer Kraft federnden Worten, daß es sich leichter und höher durch das Mondgespinst dieser Nacht gehe.
Da bemerkten sie, daß das Haus vor ihnen lag, und daß sie allein waren.
„Die andern müssen nach dem Dorfe abgebogen sein, vielleicht um den Fabrikanten zur Bahn zu bringen.“
„Und was tun wir? Folgen wir ihnen?“
Aber sie blieben am Wege stehen, schauten in alle Richtungen, nannten einander die Ortschaften auf fernen Hügeln, horchten auf den Pfiff einer Lokomotive.
„Gehen wir ins Haus?“
Aber Lola bückte sich nach einer Blume; und nun pflückte er vom Feldrain eine Hand voll der Blumen, deren Rot und deren Blau blaß vom Mond war. Sie meinte, er werde sie ihr bringen; aber er ließ sie, als dachte er schon nicht mehr an sie, herabhängen. Stimmen kamen weither, — und plötzlich setzten sie sich in Bewegung. Hinter dem schwarzen Laubgang, wie am Ende eines Schachtes, schien das still beglänzte Haus sein eigenes, verlassenes Leben zu führen. Die Tür zur Stube stand offen, auf der Diele drinnen lagen weiße Vierecke. An den hölzernen Pfeilern der Veranda unterschied man jede der kleinen Weinbeeren.
„Wie schön!“ sagte Lola, indes sie in die Helle traten. „Man möchte in diesem Licht einen neuen Tag anfangen.“
„Werden wir im Laufe des morgigen wieder einer solchen Stunde begegnen?“
Überrascht sah sie sich nach dem Gesicht um, aus dem diese fassungslos klingende Frage kam, und fand Tränen darin. Ihr Blick verwirrte sich von Mitleid, und sie sagte rasch:
„Gegen Abend mache ich meinen Spaziergang.“
„Ich bin menschlicher Gemeinschaft etwas entwöhnt . . .“
Wie er noch stammelte, schloß sie:
„Gehen wir also hinein?“
Bevor sie in ihr Zimmer trat, reichte sie ihm die Hand. Dann ging sie gradeswegs auf das Fenster zu, schaute nach der Landschaft dahinten aus, durch die sie erst eben mit Arnold geschritten war, und schüttelte den Kopf, als sei sie erstaunt, sie unverändert zu finden, in der gleichen bläulichen Verzauberung. Da fiel ihr die Nacht ein, in der sie über dem Hafen von Barcelona auf einer einsamen und dunkeln Terrasse gelehnt hatte, neben Da Silva. Der Mond, den sie mit einer seltsamen Inbrunst erwartet hatten, war nicht aufgegangen. Hier lag er; jeder von ihren und Arnolds Schritten hatte durch seinen Schein geführt. Sie fühlte sich umgeben und erfüllt von Bedeutungen; unruhvoll schlang sie die Finger ineinander, wendete sich ab und seufzte auf. Da war nun das kleine Zimmer, in das sie eingezogen war, wie in ein gleichgültiges und unzulängliches Quartier. Jetzt hatte jedes Möbel Wichtigkeit: sie sah den Stuhl an, den Schrank . . . Dann glitten ihre Blicke an den unsicheren Umrissen der Berge hin, an denen der Kirche dorthinten . . . Nun hatte sie alles in ihrem Kopf, durfte ihn ans Fensterkreuz lehnen und die Augen schließen. Aber unter den Lidern drängten Tränen hervor; — und wie Lola, trunken von einer unbekannten, lieben Müdigkeit, auf den Wangen ihr Rinnenspürte, meinte sie eine Weile, es seien dieselben, die sie vorhin in Arnolds Gesicht erblickt hatte.
Als sie vom Frühstück in ihr Zimmer zurückkehrte, standen Kornblumen und Mohn auf dem Tisch.
„Es sind dieselben, die er mir gestern nicht geben mochte.“
Sie ging rasch darauf zu — und sah sie dann mit unschlüssig ablehnendem Lächeln an . . . Sie waren nicht mehr vom Monde blaß und absonderlich; sie hatten gewöhnliche, gesunde Tagesfarben. Lola blickte hinaus. Garten und Land trugen in der mäßigen Alltagssonne hoffnungslos nüchterne Mienen. Lola hob die Schultern.
Tini kam und warf auf die Blumen einen Blick, der Lola verwirrte. Tini erinnerte sie daran, daß sie ihr Zimmer hatte besichtigen wollen. An den Wänden war Manches zu sehen. „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ stak, auf Stramei gestickt, in einem Rahmen, und daneben hing, als wenig bekleidete Salome, eine Schauspielerin, für die Tini schwärmte. Sie zeigte Lola ein Album mit Lesefrüchten und bemerkte bei jeder:
„Darüber möchte ich gerade deine Meinung hören.“
„Ich fand das vorige richtiger,“ sagte Lola; und Tini, sofort:
„Dann mag ich es auch lieber.“
Nachdem sie hinausgehorcht hatte:
„Rauchst du vielleicht eine Zigarette? Aber du mußt es nicht meiner Schwester sagen.“
„Die Marie raucht doch selbst.“
„Aber von mir findet sie’s unpassend. Weißt du, im Grunde, im Grunde findet sie eigentlich alles unpassend.“
Beide lachten.
„Blase den Rauch aus dem Fenster, bitte.“
„Ja, so machten wir’s auch.“
„Im Ernst ist doch nichts dabei. Herr Gwinner sagt sogar, daß es mir steht.“
„Herr Gwinner ist wohl immer auf deiner Seite?“
„Nein, gar nicht immer. Aber das macht mir nichts . . .“
Ein paar Sekunden hatte Tini die haltlos kreuzenden Augen eines wilden jungen Vogels. Dann, bevor Lola sich hatte wundern können:
„Ach, Lola, ich wollte, ich hätte eine Freundin. Die, die ich habe, hat keinen Zweck mehr. Ich kann dir sagen —“
Tini mußte hinunterschlucken.
„Du bist einfach mein Ideal.“
„Ja warum denn, Tini?“
„Erstens bist du modern und doch chik: das hab’ ich noch nie zusammengesehen. Dann bist du so gescheit, daß du über alles deine Meinung hast. Du brauchst nicht zu denken, daß ich es nicht sehe, wenn du dich mit dem Arnold über uns alle lustig machst.“
„Aber Tini! Du bist ja schrecklich.“
„Das nicht; aber ich bin nicht von gestern . . . Den Arnold, sage ich dir offen, kann ich nicht ausstehen. Er ist mir gradezu widerwärtig — und auch unheimlich. Aber du wirst die Menschen wohl besserkennen. Du hast’s gut: kannst hingehen, wohin du magst, kannst alles vergleichen und dir die Menschen aussuchen . . . Ich möchte dich wohl etwas fragen, aber du darfst es nicht übel nehmen.“
„Sag’s nur!“
Tini paffte und sah an Lola vorbei.
„An was erkennt man’s eigentlich, wenn man sich verliebt hat?“
„Das ist aber wirklich eine Frage!“
„Siehst du, nun nimmst du’s übel!“
„Durchaus nicht. Aber darüber . . . denkt man wohl überhaupt nicht nach . . . Ich sollte meinen: wenn man das Gefühl hat, daß man jemand nicht mehr entbehren kann.“
„Aber in Wirklichkeit kann man doch jeden entbehren!“
„Mag sein. Oder vielleicht doch nicht?“
„Ich habe keinen nötig, keiner braucht sich was einzubilden . . . Warum sollte man überhaupt jemanden nicht entbehren können?“
„Was weiß ich. Wenn man einen höher achtet als die andern . . . Wenn er einem Dinge sagt, die man selbst schon gefühlt hat . . . Wenn uns in seiner Nähe ruhiger wird . . .“
„Pah!“ machte Tini.
„Marie? Was ist?“ rief sie aus dem Fenster. Und zu Lola:
„Wir sollen vor dem Essen noch ausgehen. Ach tu mit den Gefallen, geh schon hinunter. Ich bürst’ mir nach dem Rauchen doch lieber erst die Zähne.“
Drunten fand Lola Frau Gugigl nicht mehr. Aber im Vorübergehen bemerkte sie durch einen Spalt in der Tür zur großen Stube, wie Arnold seinen Hut an den Nagel hängte und sich unschlüssig umsah. Ehe sie’s wollte, war sie zurückgekehrt und stehen geblieben. „Was er wohl für ein Gesicht macht,“ dachte sie, „wenn er sich allein glaubt . . . Jetzt wird er etwas tun, wobei er nicht an mich denkt, etwas, das nicht für mich bestimmt ist.“
Er saß auf der Bank, den Arm am Fenster und sah hinaus. Allmählich wendete sein Kopf sich, die breiten Schläfen vorgeneigt, ins Zimmer, sank tiefer in die Hand, die ihn hielt. Die andere hing von der Bank. Der Körper erschlaffte zusehends. Der Blick schwamm am Boden.
„So ist er,“ dachte Lola, „wenn er alle vergessen hat. Wenn er mich vergessen hat. Ganz zeigt er sich uns andern nie.“ Denn dies schien, mit Ergebung in sich selbst, nur noch eine Seele. Sie war stark hinter ihren Siegeln. Lola konnte nicht an sie hinan; — und sie fühlte sich, hier draußen, in beklemmender Einsamkeit. Ehrgeiz und Eifersucht zitterten herauf. „Was will ich?“ Und, ganz unvorhergesehen: „will ich ihn heiraten?“
Da polterte Tini über die Treppe; Frau Gugigl rief aus dem Garten; und Lola ging, sehr erstaunt.
Bei Tisch mußte sie ihn sich ansehen und denken: „Da ißt er nun harmlos seine Suppe. Wenn erwüßte, was ich vorhin für einen Einfall gehabt habe! Er würde sich bedanken, Mann einer Virtuosin zu werden, mit ihr herumzufahren und Impresario zu spielen. Lassen wir ihn nur in Frieden, diesen Menschen der Einsamkeit!“ Und sie lächelte spöttisch vor sich hin. Frau Gugigl hatte etwas bemerkt und raunte:
„Hat er sich wieder eine Verrücktheit geleistet?“
„Wer denn? Aber nein!“
Und Lola bereute. „Ich habe ihn ausspioniert!“
Sie versprach ihm innerlich große Aufrichtigkeit und Güte. Als er eine Stunde später bei ihr anklopfte, war sie zum Ausgehen fertig.
„Sie sind sehr zuverlässig,“ sagte sie.
Er war befangen. Wie sie das Haus hinter sich hatten, fing er an:
„Sie haben mir mein gestriges Benehmen hoffentlich verziehen. Ich darf versichern, daß ich es bedauere und nicht mehr ganz begreife. Die Stimmung der Nacht war schuld, meine Nerven, und das so ungewöhnliche Zusammensein, das sie als Vorwand für eine Entladung nahmen.“
„Ich bitte Sie: wem wäre es anders ergangen. Man müßte schon Nerven haben wie der Fabrikant. Sie mögen mir’s glauben oder nicht, aber ich selbst habe noch eine Stunde lang am Fenster gestanden und den Mond angeschwärmt . . . Übrigens, darf ich Ihnen einen Rat geben? Sie sollten nie um Entschuldigung bitten. Sie sind zu bescheiden. Sie müssen die Leute fühlen lassen, daß Sie Ihren Wert kennen, und daß,wer ihn bezweifelt, sich eine Blöße gibt. Je mehr man aus sich macht, desto mehr ist man.“
„Zweifellos . . . Wenn nun aber das Urteil derer, denen ich erst imponieren müßte, mich gleichgültig läßt.“
„Dann — allerdings.“
Und sie wußte nicht, ob sie bewundern oder zweifeln sollte. Er hatte wohl mehr Mut, indem er die Meinungen verachtete, als wenn er sie zu erobern getrachtet hätte. Vielleicht aber machte er aus der Not eine Tugend? Bei ihm wußte man nie, was Stärke, was Schwäche war; und wenn er schwach schien, hatte sie schon erfahren, war er manchmal grade stark . . .
„Sie sagten gestern, ich glaube, Sie seien menschlicher Gemeinschaft entwöhnt; und das können Sie nicht leugnen, daß Sie schüchtern sind.“
„Ich bin schüchtern, war es immer. Heute aber bin ich auf eine merkwürdige Weise schüchtern. Nehmen Sie an, eine der ersten Persönlichkeiten eines Landes reise in der Fremde, während bei ihr zu Hause alles drunter und drüber geht. Nun ist plötzlich sein Geld wertlos, der Titel, den er sich gibt, lächerlich; mit Sprache und Geistesart dieser Menschen weiß er nichts anzufangen; in sein Gebiet ist der Weg abgeschnitten; und er ist hier nichts und dort nichts. In dieser Lage, beiläufig, sehen Sie mich.“
„Der Heimweg abgeschnitten,“ hörte Lola und fühlte sich mitgetroffen. Ihr war’s, als ahnte sie alles voraus, was er sagen konnte; als hebe der Geist desOrtes, den sie betraten, eine Schwermut aus ihren Seelen, die bei ihr und bei ihm mit den gleichen Erinnerungen genährt sei.
Sie waren, lässig von der Wärme, den verwischten Wiesenweg zu Ende gegangen; und nun verfing sich und erstickte der Tag in diesem violetten Moor. Wald umkränzte es, lichtete sich, zog, Stamm für Stamm, von dannen . . . In dem Gewebe von Zweigen, abgehalten, besänftigt, schimmerte silberiger Himmel, und fern, ganz draußen, blauten Berge. Man stand, senkte die Hände und ließ sich betäuben vom Zirpen. Lola sah sich um, wo es gut zu ruhen sei.
„Erzählen Sie weiter?“
„Sobald ich frei war, schon mit zwanzig Jahren, zog ich mich in die Einsamkeit des Reiselebens zurück. Ich hatte genug von meiner Jugend, von ihrem Elend, ihrer Scham; hatte mich genug verstecken müssen, der falschen Gemeinschaft übergenug ertragen. War ich nicht über Versen gelegen, deren Entdeckung mich zum Selbstmord gezwungen hätte? Hatte ich nicht, auf Gängen über den Stadtwall, Visionen meiner künftigen Größe erlitten, die mir solche Wahnsinnsschwindel durch den Kopf jagten, daß meine Knie schwankten? Hatte ich nicht, um mehrerer Frauen willen, starr, wie mit heißem Sand gefüllt, die Nächte und die Tage vorübergeschickt, tränenlos vor Ohnmacht, und mein Leben nur zurückgerungen, um es aufs neue der Fieberlust der Liebe aussetzen zu dürfen? . . . Das beste, wenn ich meiner Kindheit und ihrer alten Stadt gedenke, war zwischen grauen leerenHäusern ein Garten: Neben meinem Buch standen Maiglöckchen, über ihm schaukelten Fliederdolden; und wenn ich die Stirn zurücklegte und die Lider schloß, brannte auf ihnen die Sonne. O wie tief, tief ging’s da in Sonne und Duft! Und das Gemurmel der Quelle vorm Tor: ich blieb bei ihr zurück, wenn man über Land zog, und nasses Laub hing mir in die Schläfen: wie wunderbar öffnete sich mir das Gemurmel! Wie eine Muschel, in deren perlhelle Windungen ich hineinfand!“
„Ganz dasselbe!“ sagte Lola, und ein Schauer überlief sie. In der Verbannung erwachsen und inmitten vieles Elends manchmal eine Stunde der einsamen, geheimnisvollen Süßigkeit: Das war sie selbst, und ihr graute vor solcher Beschwörung ihres Eigensten. Dort auf dem Moor, in dem dünnen Sonnenhusch tänzelten dort nicht einige kleine Mädchen — sie und wieder sie —? und verneigten sich vor ihr, gelenkt von den Fäden in der Hand des Fremden neben ihr, den sie nicht ansah? . . . Sie hörte:
„Ich fand nach Italien; — und da war mir’s, als hätte ich nach Haus gefunden. Welch ein Jubel! Ich erkannte mich selbst in den Bildern, die alle auf Größe und Lust aus sind, in den Landschaften der Helden, worin keine Träne lange hängen bleibt, in dem ewig jünglinghaften Volk. Hier war eine heftigere Welt wie aus meinem Herzen ans Licht getreten. Die ersten vier Wochen in Rom ging ich umher im ununterbrochenen Zustand dessen, den der erste Liebesblick trifft: in seinem ungläubigen Entzücken. Ichging planlos; die Erwartung einer Straßenbiegung machte mir Herzklopfen; ein Monument war ein Abenteuer. Durch die Campagna, unabsehbar, trugen mich grade Straßen und durchsonnter Wind; und mir war zumut wie in einer Verzauberung, worin ich angemessene Kräfte hatte. Ich ward freigebig mit mir, froh der schwersten Hitze, trank ohne Vorsicht und liebte mit Leidenschaft. Dies alles in Untergangsmut und, wie vom Frühdämmern, manchmal von dem fahlen Erstaunen betroffen, daß es dauere.“
„Es dauerte bis zu einem nervösen Zusammenbruch; — und in dem Dunkel, in das ich mich nun zurückziehen mußte, sah ich plötzlich aus meinem Kopf ein grelles Licht fallen und darin umhertaumeln, was mir je begegnet, je mit mir geschehen war: aber in viel größeren Gesten, schneidenderen, weit bedeutsameren, von unverschämterem Schmutz, wilderer Groteske oder schmelzenderer Zärtlichkeit. Nicht rasch genug konnte ich alles in Sätze bringen. Ich war plötzlich vom Talent ergriffen. Es war ein Rausch, allein vergleichbar dem, als ich Rom entdeckte.“
„Ein Visionär, dem seine Höhle in Flammen steht, dem jedes Schneckenhaus zum Feenpalast aufschießt, hinter jedem Felsblock Satan hervorschnellt und lechzende schwarze Blicke aus allen Morgennebeln brechen: Das war ich sieben Jahre lang. Ich haftete nirgends, fing nur im unbemerkten Vorbeikommen Leben auf; und jedes der Zufallsquartiere, wo ich mich vor einen Haufen Papier setzte, war umtobt von einer Welt, die ich zu bändigen hatte. Ich lebte, erhieltmich nur, um zu schreiben; alle Sinne darbten; und über jedes Bild, das halbfertig auf einer Seite stand, erwartete ich, daß sich der schwarze Vorhang senke.“
Lola horchte, was ihr eigenes Leben zu ihr spreche: ihr Wanderleben mit seinen Lockungen, seinem Taumel und, mitten darin, dem entrückten, gefeiten Flecken, den das vertrackte Genie der Branzilla mit Zauber geschlagen hatte. Aber Lola war fortgerissen worden; etwas wie ein schwarzer Vorhang hatte sich gesenkt; und man wußte nicht mehr, was kam.
„Ich verstehe,“ sagte sie, — indes er schloß:
„Und eines Tages war’s aus. Mein Trieb, zu gestalten, ward lahm; das Chaos, dem ich hätte Formen entreißen sollen, hob sich dampfend, und tote Wände umstanden mich. Ich ging hinaus . . . Wohin? Wo ist ein Elixier, stark genug zur Belebung eines so sehr Ernüchterten? Nicht mehr in dem Italien, das ich einst feierte. Ich gehe noch hin, weil ich Erinnerungen und Gewohnheiten habe; aber mir ist, als hätte ich im geheimen immer ein wenig Verachtung bewahrt für die schwungvolle Sinnlichkeit dort unten. Sehe ich jetzt Bilder der Venetianer wieder, befremden sie mich: in einigen Monaten haben sie mehr gealtert, als während der vierhundert Jahre seit ihrer Erschaffung. In ihnen ist niemand mit sich allein; kein Leiden geschieht darin ohne Zuschauer: was gehen sie einen an, der bei Festtafeln und geschmückten Freunden kein Genügen fände? Das kunstlose Träumen meiner Kindheit verlockt mich wieder. Die Sehnsucht nachinnerer Gemeinschaft entfaltet sich wieder in mir. Ich suche Menschen auf, ohne Arg, nicht um sie zu belauschen, sondern weil ich mit ihnen leben möchte. Aber ich errege Verdacht. Man fühlt: hier ist ein abnormes Leben verbracht worden. Ich gebe der Neugier nach, berichte das einzige Interessante, das ich erlebt habe: mich selbst; — und nun ist der Waldmensch ausgefragt und ohne Reiz. Beginnt er noch von seiner Marotte, fährt man ihm über den Mund. Er ist durch langes Alleinsein allzu gutmütig gemacht, hat auf nichts eine rasche Antwort; und wenn alles vorüber ist, erbittert ihn seine Vernachlässigung und das Andenken seiner starken Vergangenheit. Er ist wahrhaftig die große Persönlichkeit, bei der zu Hause alles drunter und drüber ging, und die übel behandelt und voll ungültiger Ansprüche, in der Fremde fortlebt.“
Lola lächelte, weil er es tat; aber sie fühlte sich lahm und schmerzhaft, als habe er sie stundenlang schlimme, zerrissene Wege geführt. Das Gewebe der Zweige überzog jetzt einen schwach rosigen Himmel, und hier drinnen um das Moor dunkelte es dumpf. Lola erschauerte und stand auf.
Draußen war’s weit, bewegt und goldig; und Lola sah ihren Begleiter aufatmend an, als seien sie zusammen entronnen. Ein wenig Stolz, ein leises Glück sogar spürte sie, weil sie ihn herausgeholt hatte und ihm all dies helle Land anbot.
„Ist das nicht eine Farbe, die man trinken möchte?“ fragte er und zeigte nach dem Rotgelb von Ähren, worin durchsonnte Mohnfähnchen flatterten.
„Obenauf wenigstens,“ sagte Lola, „ist die Welt schön.“
„Aber die blühende Scholle ist das Erzeugnis der lichtlosen Tiefe. Wo Schönheit ist, ist Tiefe.“
Sie begriff es. Sie legte den Kopf in den Nacken, sah Schwalben die von Gold flimmernde Luft durchstreichen und empfand, es sei eine Lust zu denken an solchem Tage. Er wies in die Weite, auf Schnitter, die hintereinander, Sensen und Rechen über den Schultern, in langsamen Bogen zwischen den Äckern hinzogen.
„Sie scheinen sich kaum zu bewegen, so groß ist die Erde um sie her: und doch, wo immer ein Mensch sichtbar wird, können wir schwer noch von ihm absehen. Er stört uns aus unserer Naturversunkenheit; wir merken: ihm entkommen wir nicht, und ihn vor allem brauchen wir.“
„Besonders Sie, der so große Hoffnungen auf die Menschheit setzt! Und dabei haben Sie den wichtigsten Teil Ihres Lebens dazu benutzt, sich in Ihrer Verschlossenheit von den Phantomen der Menschheit etwas vorspielen zu lassen: etwas Bösartiges, so viel ich verstehe . . . Sie sind eigentlich sehr naiv.“
„Das sagt auch die hiesige Gesellschaft. Sie aber sagen es anders . . . Sagen Sie übrigens ruhig kindisch. Ich muß Ihnen erzählen, wie sehr. Auf einem Wege, den ich täglich ging, ward ich eines Nachts angefallen und entkam durch einen Zufall. Die Aussicht auf eine zweite Begegnung mit meinen Mördern zwang mich, die Anschaffung einer Waffezu erwägen. Es ist schwer zu sagen, mit welchem Widerwillen ich an dieses Handwerkzeug heranging. Ich hatte es so ganz andern Lebenskreisen zu entnehmen! Endlich trat ich dem Waffenschmied unter die Augen. Die Augen des Mannes waren finster, und ich höre noch sein ‚Ach so‘, als ich nach umständlicher Prüfung des Revolvers die Frage gewagt hatte, wie man abschieße. Nun trug ich ihn über die Straße und kann versichern, daß ich hinkte: so sehr war ich darauf gefaßt, das Unding werde in meiner Tasche losgehen. Die Schießübungen zu Hause waren aufreibend. Nie hatte ich rasch genug die Sicherung heruntergedrückt und den Hahn gespannt. Die beiden Abenteurer zückten schon unter meiner Nase ihre Messer, wenn ich noch den Kolben aus den Taschenfalten zerrte. Ehe ich dann wirklich den Gang über die verhängnisvolle Wiese antrat, saß ich im Dunkeln und nahm mit einer Phantasie, die mich zehn Tode erleiden ließ, alle Einzelheiten der Begegnung vorweg. Sehr merkwürdig war’s, welche Erleichterung ich spürte, als die Stunde zu handeln da war. Ich riß den Revolver aus der Schieblade und lief.“
Er lachte hell auf; dann:
„Jetzt lachen wir; aber Sie wissen noch nicht, welche beschämenden Neuigkeiten mich mein Revolver über unsere Seele lehrte. Ich erfuhr, daß ich ungerecht und hart sein könne; daß Mut und ritterliches Ehrgefühl vorwiegend in einem Stahlklotz stecken; und daß unschwer Gewaltmensch wird, wer das Mittel zur Gewalt in der Tasche fühlt. Nur mit Ekel an mirging ich noch umher. Es war wirklich die einzige Zeit, wo ich mich lieber nicht mehr hätte leben gesehen. Wie ich eines Nachts mich dem einen meiner zerlumpten Angreifer gegenüberfand, hielt ich ihn an, schenkte ihm den Revolver und wartete. Er dankte aber und ging weiter . . . Nun, ich war befreit . . . Laufen wir diesen Hügel hinauf?“
Sie liefen; — und von oben ließen sie sich, stärker atmend, von ihren Blicken über viele Wiesen und Felder tragen, durch tiefes Waldgrün zu blauem Wald, und jenseits des Luftblaus der ersten Alpen bis in Alpen, die am Abendrot zerflossen.
„Das Verwunderlichste war, daß ich in all meinem Überdruß kindisch blieb: mir in einem Theatersaal die Wirkung vorstellte, wenn plötzlich in meiner Tasche ein Knall geschähe, und am Teetisch die Damen darauf ansah, was sie für Gesichter machen würden, wenn ich ihnen die Tasse vom Munde wegschösse. Begreifen Sie das?“
„Sehr gut,“ sagte Lola und lachte mit. „Wozu sind wir den Hügel heraufgelaufen, den wir gleich wieder hinunter müssen? Sehen Sie? Weil Sie eigentlich ein Junge sind.“
„Nehmen Sie einmal an, daß Herr Gwinner für jeden Witz, den er macht, eine Schrotladung bekäme!“
„Oder Frau Gugigl für jedes ‚künstlerisch‘!“
„Wenn man sich nicht mehr anders zu helfen weiß —“
Da waren sie drunten vor einer kleinen Eiche; der frische Wind, den ihr Lauf erregte, brach plötzlichab. Hinter der Eiche lag über den von letzter Sonne buntem Rasen ein Weg geschlängelt, blaugrün, — und auf einmal verschlang ihn Walddunkel.
„Nur noch dies eine Gehölz, dann können wir das Haus sehen;“ — und zu ihren langsamen Schritten durch die Dämmerung mußte Lola denken: „Eben noch haben wir gelaufen und gelacht. Wie kam das? Wie kommt es, daß er mir seine Geheimnisse sagt, und daß ich sie hinnehme, als müßt’ es sein? Eigentlich haben wir doch nichts miteinander zu tun. Oder wie stehen wir?“
Als das Gehölz zu Ende war, wollte sie etwas sagen, ließ es aber. „Was habe ich denn? Warum nicht gleich den nächsten Spaziergang verabreden? Er ist so zerstreut und hat immer mit sich selbst zu tun. Ein rechter Egoist eigentlich. An die wirklichen Dinge muß ich selbst denken.“ Aber kurz vor der Ankunft hörte sie ihn in Eile und Verwirrung mit der Bitte herauskommen, an deren Gewährung ihr gelegen war, — und sie biß sich auf die Lippen. „Bin ich vorschnell! Ich weiß doch, daß er bloß schüchtern ist!“
Es war nie ganz sicher. Am Abend inmitten aller sah’s aus, als drängte er neben sie: Frau Gugigl und Tini bestätigten es ihr durch Blicke. Dafür zog er sich manche Stunde, die er mit ihr hätte allein sein können, zurück, um zu lesen. Er kam ihr oft genug in den Weg, klopfte jeden Tag mehrmals an ihre Tür. Sie hatte auf dies Klopfen gewartet und war, zeigtesich nun sein Gesicht, beschämt, weil es nicht glücklicher war. Einmal rief sie ihm im Garten nach, und wie er sich umwandte, war kein Zweifel, daß er sich bezwang, um erfreut zu scheinen. Aber als sie ihn einen Nachmittag unbeachtet gelassen hatte, da war er arg verstört, kleinlaut wie ein schlecht behandelter Junge, und kam nicht darüber zur Ruhe, daß sie etwas gegen ihn haben müsse.
Wie sie das alles schon kannte! Wie sie seine Nervosität mitfühlte, die matte Geste zwischen seine zusammengezogenen Brauen und dann, draußen in der Luft, sein allmähliches Durchdringen, bis er frei war und die Oberhand hatte! Voll Staunen bemerkte sie, daß sie ihn sich gar nicht wegdenken könne: auch aus ihrem früheren Leben nicht. Wie ein älterer Bruder war er, den die Schwester schon heulend und geprügelt gesehen hat: und doch bleibt er, mag sie’s kaum wissen, der erste, und seine Liebesgeschichten machen ihr Eifersucht. Lola fragte sich oft: „Hat er wirklich nie etwas gehabt? Alles hat er mir gesagt, nur davon kein Wort.“ Aber sie fand und sagte ihm:
„Ich wüßte eigentlich keine Frau, mit der ich mir Sie denken könnte.“
Er überlegte.
„Und ich keinen Mann für Sie,“ entschied er. Nach einer Weile begann er wieder:
„Was würden Sie denn besonders beanspruchen?“
„Von einem Mann? Zuverlässigkeit.“
Und sofort erschrak sie, weil ihr einfiel, daß sie ihm schon mehrmals bestätigt habe, er sei zuverlässig.
„Ich bin nämlich sehr mißtrauisch,“ erklärte sie und fragte eilig:
„Und Sie? Was brauchen Sie?“
„Meinetwegen,“ dachte sie, ein wenig gekitzelt; „spielen wir mit dem Feuer!“
„Ich? Etwas Achtung natürlich vor dem, was ich bin. Aber noch so vieles andere. Das ist weitläufig und aussichtslos.“
Und während Lola schwankte, ob weiter zu fragen sei:
„In Deutschland traf ich am häufigsten die eben erst Emanzipierte. Ihr frisches Wissen und Können scheint mir noch gewaltsam; seine Äußerungen führt kein sicherer Geschmack. Fehlen ihr zu diesem nicht überhaupt und von Rasse wegen die Mittel? Die Deutschen bleiben, trotz allen heutigen Bemühungen um die Form, zur Überfütterung des Innenlebens verurteilt und auf Geringschätzung der Augenkultur angewiesen, die doch vornehm macht . . . Italienerinnen haben mich versucht. Alles Glück, das einem die Städte, die Landschaften, die Bilder versprechen, sieht man erfüllt in diesen weißen, schwarzhaarigen Geschöpfen mit den knabenhaften schlanken Bewegungen. Wie schön sie sind, solange sie stumm bleiben! Den, der gleich im ersten halben Jahr eine von ihnen heiratet, begreife ich. Nachher hat man in ihren weiten, undurchsichtigen Augen wohl doch die Leere ermessen und sich besonnen. Eine auf immer unmündige Existenz neben der meinen? Eine, die mein deutsches Erbe, alle jene moralischen Verfeinerungen, die ihre Rasseniemals erreichen kann, mit animalischer Sicherheit verachten würde?“
„Sie verlangen eine Schöne, die auch noch Geist hat. Sie sind entsetzlich schwierig.“
„Sie haben Recht, ich stelle die unverschämtesten Forderungen. Warum übrigens sollte ich sie zügeln, da ich von vornherein mit ihrer Unerfüllbarkeit rechne? Mehrmals näherte ich mich Frauen gemischten Blutes: sie waren mit einem verflachten Innenleben begabt und mit irgendwie verunglückten Körpern; oder sie hatten sich ganz zu der einen ihrer beiden Rassen geschlagen und verleugneten die andere. Wie nun, wenn das Gute von beiden in einem Wesen zusammenkäme? Ich setze den günstigsten Fall; und bei der Frau, die ich mir vorstelle, hat erstaunlicher Weise der Körper eine ebenso alte, starke Kultur wie der Geist; sie ist der Bildung offen und elegant, hat Geschmack und Tiefe. Das scheint gegen die Natur; scheint über sie hinaus: und doch stelle ich mir’s vor . . .“
Nach einem Schweigen, während dessen Lola aufhorchte, schloß er gepreßt:
„Nicht seit langem.“
Und Lola dachte:
„Ist es zu glauben? Alles kommt sehr um die Ecke. Aber meinen tut er doch wohl mich?“
Sie hatte Lust, aufzulachen. So viele Gedanken, die sie zur Achtung nötigten: und das Ziel wirklich nur sie selbst? Sie empfand ein wenig Mitleid mit dem Armen, der sich nun bloßgestellt hatte. Sie sah auf ihn herab, wie er errötet, mit regungslosem Kopf vorsich hinging und vor ihr Furcht hatte . . . Aber da errötete sie selbst; das überschwengliche Bild, das er von ihr im Kopf hatte, beschämte sie und machte ihr bange, wie ein Betrug. Sie dachte: „Ich bin gar nicht schön und gar nicht gebildet. Ich habe auch gar nicht das Äußere von der einen Rasse und das Seelische von der andern. Meine Haare setzen durchaus nicht so untadelig an, wie bei den romanischen Frauen; er sieht bloß nicht, wie ich meine kahlen Schläfen verstecke.“
Er sagte in merkwürdig ungefälligem Ton, der zitterte:
„Ich denke sie mir in keinem der europäischen Vaterländer daheim; auch ich gehöre in keins. Sie kommt von weither, aus einem Lande, das sie vergessen hat, und in das sie nicht wieder zurückkehren wird.“
„Auch das noch,“ dachte Lola.
„So ist sie mir ähnlicher. Denn auch mich haben, nicht meine Geburt, aber meine Schicksale zwischen die Rassen gestellt, und ich habe dort so viel erlitten, daß meine Gefährtin mir von keiner Not berichten könnte, um derenwillen sie nicht meine Gefährtin wäre. Ich habe sie mir verdient.“
Plötzlich war Lola erschüttert und stammelte mit feuchten Augen und ohne mehr daran zu denken, daß dies alles ihr selbst gelte:
„Ich hoffe, Sie werden noch einmal glücklich.“
Da erschrak sie und ging rascher dem Hause zu. Wie sie aber Tini herbeilaufen sah, lachte sie auf. Als ob er mit der Sprache herausgekommen wäre! Aber das nützte ihm jetzt nichts mehr. Sie wußte setzt Bescheid,war ihre Unruhe los und hatte die Sache in der Hand. Er hatte geworben.
Und nun ordnete sie sich im Gespräch ihm nicht mehr regelmäßig unter.
Sie widersprach ihm sogar vor den andern, stimmte Gwinner bei. Später unter vier Augen zeigte sie sich weich und nachgiebig, und der gütige Spott ihres Blickes und ihrer Stimme gab ihm zu verstehen, er wisse wohl selbst, daß alles sich verändert habe; aber was sie tue, bedeute Gunst.
Das Bedürfnis war ihr gekommen, ihn anzuzweifeln und anzugreifen. Sie führte ihre Spazierwege möglichst dicht an Bauernhöfen vorbei.
„Da sind nun die hündischen Gendarmen, die Sie so hassen. Ja, der hat noch ein robustes Gewissen.“
Er mußte sie und sich, fortwährend mit Steinen werfend, aus der Nähe des schnappenden Bellers retten.
„Jetzt könnten wir Ihren Revolver brauchen, wenn Sie nicht selbst vor ihm Furcht gehabt hätten.“
Und auf sein niedergeschlagenes Lachen, plötzlich ganz ergriffen:
„Bitte, verzeihen Sie mir!“
Einmal ging er unentschlossen an einer alten Frau vorbei, die gebettelt hatte.
„Sind Sie geizig?“
Er antwortete:
„Ich schäme mich der Überlegenheit in der Gebärdedes Almosengebens; schäme mich des kleinen Schauers von Selbstzufriedenheit und trügerischem Gütegefühl, der den Geber überrinnt.“
„Immer finden Sie schöne Worte. Vielleicht sind Sie doch geizig?“
„Wenn Sie mich nicht verstehen können —“
Ein unfreundliches Schweigen brach herein. Erst bei der Ankunft flüsterte Lola hastig:
„Ich habe Sie sehr gut verstanden und glaube Ihnen auch. Aber ich bin manchmal nervös.“
Er fiel ihr ins Wort, stürmisch vor Reue:
„Ich hätte geben sollen! Naiv oder mit Scham: ich hätte geben sollen!“
„Aber ich habe Sie verstanden“ wiederholte Lola.
Denn was er äußerte, fand sie, wenn ihr’s auch bestimmt noch keiner gesagt hatte, alles ganz vertraut. Es waren Selbstverständlichkeiten, an die sie bisher nicht gedacht hatte. Er selbst — immer näher fühlte sie’s, daß sie ihn schon gekannt habe: seine gewohnte Geste nach den Brauen hin, seinen Träumergang, den Fall seiner Stimme. Ein Weg, den sie durchschritten, konnte sie stutzig machen: „Wann war ich hier?“ Und einmal, wie die Sonne auf eine lange Hecke fiel, erinnerte sie sich plötzlich auf das Dringlichste einer Landschaft, die sie irgendwann einmal im Traum gesehen haben mußte: darin war alles dämmerig und nur eine Reihe von Büschen grell beschienen gewesen, und es war genau diese gewesen.
Was zwischen ihnen vorgehe, quälte sie nicht mehr. Sie lächelte, als er sagte:
„Wenn irgend Aussicht gewesen wäre: in Sie hätte ich mich sehr verlieben können.“
Sie wußte, er verstecke sich. Aber das alles hatte Zeit . . . Und inzwischen genossen sie ein pflichtenloses Gefühl der Zusammengehörigkeit inmitten Fremder. Ihre Geister rührten bei einander an alles; sie suchten in jeder Erde nach Edelsteinen und waren froh, wenn sie auf einen Kiesel stießen, an dessen Gleichen sie sich beide schon einmal verwundet hatten.
Da, eines Abends, hatte Lola gleich beim Betreten des Eßzimmers die Empfindung, am Tisch sitze einer mehr; — und noch bevor sie ihn herausgefunden hatte, schnellte jemand empor, und machte eine ausdrucksvollere Verbeugung, als sie seit Wochen zu sehen bekommen hatte. Sie erschrak.
„Conte Cesare Augusto Pardi aus Florenz, mein Vetter,“ sagte die Baroneß Thekla. „Er hat uns überrascht.“
Lola faßte sich und lächelte ein wenig spöttisch. Sie dachte: „Die Art ist also inzwischen noch nicht ausgestorben?“ Dann wandte sie sich an Arnold. Aber es störte sie, daß niemand sprach als der Italiener und Mai. Glücklich zwitschernd flog Mais Stimme um den Tisch; endlich hatte sie wieder jemand, mit dem sie sich geläufig verständigen konnte. Alle sahen ihnen suchend auf die Münder: es ging viel zu rasch; und Lola mußte mitten aus ihren Worten an Arnold, die stockten, hinüberhorchen. Diese anbetende Stimme, die einen einwickelte! „Merkwürdig, daß ich das vergessen hatte!“ Ohne hinzusehen, wußte sie seinschmelzendes Lächeln. Brauen in einer graden Linie, Wimpern, die schwarz herausstachen aus dem lebenglühenden Marmorgesicht, und rot und dick darin aufbrechend die Lippen: Alles hatte sie vor sich, nun sie die Stimme hörte. War’s etwa nicht so? . . . Und kaum daß ihr Kopf eine Viertelwendung machte, griff der Italiener zu.
„Gnädiges Fräulein, Ihre Mama und ich entdecken eine Menge gemeinsamer Bekannten . . .“
Lola erinnerte sich einiger, aber ohne Begeisterung; und mit Geringschätzung sah sie sich dazu das süße Spiel seiner Augen an. „Mach nur deine Mätzchen!“ Gugigl warf ironische Blicke dazwischen; plötzlich schnitt er ein Gesicht und fragte, ob die Rede von Zuckerwerk sei. Die Damen kicherten. Pardi hatte nicht verstanden. Er blieb süß; und doch ging in seinem Lächeln jäh ein Hinterhalt auf, eine Drohung. Gugigl bekam eine treuherzige Miene. Darauf verbeugte Pardi sich ein wenig, als habe er Genugtuung erhalten, — und wendete sich wieder Lola zu.
Sie sprachen weiter, indes alles schwieg, Tini den Mund offen behielt und Gwinner demütig herübergrinste. Pardi zog seine Cousine, Frau Gugigl und den Baron Utting herbei, aber alle blieben unterwegs liegen; und sein Gespräch mit Mai und Lola lief von selbst weiter. Es ärgerte Lola; ohne Umstände kehrte sie zu Arnold zurück. Er schrak von seinem Teller auf, und sie sah ihn in großer Unsicherheit. Er stotterte; sie zwang sich zur Geduld und gab ihren Worten einen Ton, als rede sie einem Kinde Mutein. Dabei fing sie einen Blick auf, den er mit dem Italiener wechselte. Von drüben, aus Pardis gewölbten Augen, die alles sahen, kam ein abschätzender, schon spöttischer, und hüben wich er wehrlos aus. Lola sprach lauter: als wollte sie die Blicke überschreien. Plötzlich dachte sie: „Es ist auch wirklich kein Staat mit ihm zu machen;“ und brach ab. Sofort setzte Pardi wieder ein.
Am Morgen darauf saßen um neun Uhr die Damen noch beim Frühstück. Pardi unterhielt sie von Afrika. Denn er hatte Adua mitgemacht, sich wie ein Löwe geschlagen, sagte er; war später, als Gefangener des Negus, der einzige gewesen, sagte er, der sich nie gebeugt, der Gewalt hartnäckig widerstanden hatte und ihr immer nur auf Zureden der mitgefangenen Offiziere gewichen war . . . Die Baroneß Thekla, Frau Gugigl, Tini und Mai warfen einander Blicke zu, die erstaunt glänzten: wie die von Kindern, die nach der Bescherung erwacht sind. Jedes hält die eigenen Geschenke für die schönsten, und alle sind glücklich. Pardi hatte schon jede von ihnen zu überzeugen gewußt, daß besonders ihr sein Feuer gelte. Sie waren in Verzückung vor dem Schmelz seines Wesens und dachten nicht daran, es ihm anzurechnen, daß ihm alle hiesigen Begriffe fehlten. Er bewunderte seine Cousine in ihrer Bäuerinnentracht, wie einen verkleideten Backfisch. Tini brachte er, nur mit Augen und Händen dahin, daß sie über ihren Satz, der Mann habe nichts voraus, selbst von Herzen lachte. Er nannte Frau Gugigls Malerei eine reizende Unterhaltung, und anstattwild aufzulachen, schnurrte sie. Dann führte er Mai die Leute vor, die sie beide kannten: ein paar Gesten, ein Fingerstrich über sein Gesicht, daß sich darunter verwandelte, — und nicht Mai nur, auch die andern sahen die Figur. Lola beobachtete ihn mißtrauisch. Plötzlich mußte sie mitlachen, und da gab er ihr durch ganz leichtes Neigen der Stirn und kaum merkliches Achselzucken zu verstehen, daß er ihre Überlegenheit kenne und sie um Nachsicht bitte. Sofort hörte sie auf zu lachen. „Buffone!“ dachte sie; aber sie konnte nicht verhindern, daß es ihr schmeichelte.
Im selben Augenblick erschien Arnold in der Tür. Lola zuckte innerlich zurück. Aber sie bemerkte, daß er, in Verwirrung, noch keinen Überblick erlangt habe. „Immer die Menschen, nicht?“ — und sie sah weg. Wie er dann keinen Anschluß an die Unterhaltung fand, stand sie auf, setzte sich neben ihn, redete zu ihm ganz beiseite, als sollten alle wissen, wie vertraut sie standen. Sie bat, er möge sie gleich nachher hinausbegleiten. Dann ging sie auf ihr Zimmer und dachte: „Nein! Ich kann ihn höchstens wie einen Bruder gern haben.“
Unterwegs begann er von dem Italiener.
„Wie sich manchmal auf den ersten Blick eine Gegnerschaft erklärt! Da haben Sie meinen geborenen Widersacher, den reinen Tatmenschen. Er hat noch keinen Satz gedacht, dem nicht ein Schlag gefolgt wäre.“
„Woher wissen Sie das?“ fragte Lola, die Brauen gefaltet; und doch war sie überzeugt, es sei so. DieEinschüchterung, erwiderte er, die solche Naturen bei ihm bewirkten, sei ihm der sicherste Beweis. Und er belächelte sich selbst. Lola ward gereizt durch seine Offenheit, die sie billig und würdelos fand. Sie erklärte, daß sie sich’s schon denken könne. Er mußte genau gehört haben, wie höflich und ablehnend es klang; nur aus Mangel an Geistesgegenwart blieb er bei dem Gegenstand, sprach er noch weiter so, als wisse er sie auf seiner Seite. Da sei nun der Mann mit den sicheren fraglosen Instinkten, der Mann alten Stils . . . und der äußerste Vertreter der Rasse.
„Keine Beziehungen sind möglich zwischen seinesgleichen und unser einem: das fühlt man gleich, nicht wahr?“
Lola war voll Ungeduld, ihn aufzuhalten. Er kam wieder auf die Rassenliebe, an die Frage, welche Frau er zu lieben habe, was ihr selbst für ein Mann bestimmt sei. „Was geht ihn das an!“ Sie mußte zugestehen, daß manches frühere Gespräch ihm Rechte gebe. „Eigentlich ist nichts geschehen seitdem. Was habe ich denn? . . . Ach, er ist taktlos!“ So redlich sie dagegen ankämpfte, die schwerste Übellaunigkeit senkte sich auf sie. Lola ging vor sich hin, den Blick am Boden, und wünschte sich mit krankhafter Dringlichkeit, dies nicht mehr zu hören, diesen los zu sein. Wenn sie sprechen wollte, schienen die Kiefern aus Blei. Endlich brachte sie hervor:
„Sie reden über alles sehr klug.“
Da stotterte er und brach ab. Sie gelangten nach Haus, zum erstenmal ohne den nächsten Spaziergangverabredet zu haben. Ein Stück hinter ihnen kehrten Mai und Pardi zurück. Lola blieb stehen; Arnold zögerte, dann verabschiedete er sich.
Mai strahlte und plapperte.
„Wir waren beim Wirtshaus und auf dem Friedhof. Zuerst haben die Bauern einen begraben. Wir waren dabei, es war sehr hübsch. Dann haben sie sich zum Trinken gesetzt und werden bis in die Nacht sitzen bleiben. Ich möchte wissen, wann diese Fremden arbeiten. Der Conte Pardi hat mit einem gewettet. Der Bauer will bis heute abend vierundzwanzig Liter trinken . . .“
Pardi ließ Mai in die Veranda treten, zu der Gesellschaft.
„Ihre Mama liebt das Gehen nicht; Sie aber haben, sehe ich, bestaubte Schuhe.“
„Ich gehe gern nach dem Walde hinüber.“
„Der Wald! Seine Kühle! Das ist ein Ideal. Wissen Sie, daß Sie selbst Gedanken in mir erregen, die mit Waldesfrische verwandt sind?“
„Wie Sie mich kennen!“
Einen Augenblick stutzte er und verfinsterte sich; aber der Argwohn, man könnte ihn auslachen, ward gleich wieder von selbstgewisser Süßigkeit aus seiner Miene gelöscht.
„O! Sie müssen mir erlauben, Sie zu begleiten. Ich möchte dabei sein, wie Sie die Rehe streicheln. Ich kann mir nicht denken, daß Ihre kleinen Füße die Blumen niedertreten.“
Gegen Abend gingen sie und plauderten unausgesetzt,nur nicht von den Dingen, die Pardi in Aussicht gestellt hatte: Wald, Blumen und Rehen. Er trug eine Menge Klatsch vor, aus Viareggio, dem Bade, woher er kam und in das er zurückkehren wollte. Dann kamen verachtungsvolle Klagen über Frauen; zornige Ausfälle und unbedenkliche Entkleidungen; und dazwischen immer:
„Sie sind anders. O, Sie können diese Abscheulichkeiten nicht einmal verstehen!“
Dagegen verstand Lola, daß er, der durch die Verleumdung aller übrigen ihre Gesinnung zu gewinnen hoffte, auch sie jeder anderen geopfert hätte.
Sie hörte zu und sprach unter fortwährendem Vorbehalt, mit innerem Hohn, als zu einem unzuverlässigen Partner, einem Feind; — aber sie kam in Fluß, lachte erregt, bemerkte plötzlich selbst, daß ihr Plappern gerade so gedankenlos lebendig klang, wie heute mittag das von Mai. Es befremdete sie kurz, dann fand sie sich ab. „Immer alles abwägen, für alles ganz eintreten, wie mit Arnold, das ist auch nicht das Wahre, so bin ich auch nicht.“ Sie war nun so, daß Pardis Wesen sie hinriß. Seine Art, das feste Handgelenk zu schütteln, daß die Goldkette daran klirrte, im Gehen mit geschmeidigem Raubtiergriff einen Zweig herunterzureißen, vermöge des gerundeten Armes, des zur Seite geneigten Kopfes ein Gefühl sichtbar zu machen gleich einer Gestalt; seine Art, angesichts der Menschen, bei denen sein Geist grade weilte, von ausgesuchter Höflichkeit jäh in ungehemmte Feindseligkeit umzuschlagen, die äußersteSpannkraft seiner Gefühle und seiner Mienen, die weiche Wildheit in ihm, das Süßliche und das Gefährliche: seine Art nahm Lola dahin, als triebe sie in blumenüberhäuftem Kahn auf einem Goldstrom, einem gedämpft reißenden, neben dem Paläste aufflammen und über dem ein starker Himmel flimmert. Keine Minute faßte sie, inmitten Gelächter und Lautenklang, Vertrauen. Der Kahn war wohl leck, die Paläste aus Pappe, und was den Fluß bunt sprenkelte, nur Schlamm: — aber inzwischen floß sie dahin.
Zu Hause fand sie Mai in übelster Laune.
„Man muß sagen, du nimmst wenig Rücksicht auf deine Mutter! Drei Wochen schon langweile ich mich, dir zu gefallen, bei diesen schlecht Angezogenen. Endlich zeigt sich ein Herr aus unserer Welt, und da führst du ihn den ganzen Tag draußen im Schmutz herum. Aber du bist ein Charakter, der anderen wenig gönnt!“
„Eine Szene, Mai? Wenn ich gewußt hätte, daß du mitgehen wolltest —.“
„Verstelle dich nur! Habe ich dir nicht stets die größten Opfer gebracht? Noch in Barcelona hättest du heiraten können, wen immer du wolltest. Ich, deine Mutter, wäre zurückgetreten . . .“
Mai schluchzte.
Beim Abendessen stellte sich heraus, daß nicht sie allein eifersüchtig war. Die Baroneß Thekla schlug einen derb strafenden Ton gegen ihren Vetter an. Frau Gugigl erinnerte ihn mit saurer Munterkeit daran, daß sie alle gemeinsam hätten nach der Römermauergehen sollen. Lola beteuerte, daß sie die Verabredung überhört habe.
„Ja, ja, ich kann mir’s denken!“ — und Frau Gugigl versuchte, gutmütig zu lachen.
Gwinner und Gugigl riefen einander, ohne jemand anzusehen, aber mit Ironie, „Prost“ zu.
Pardi führte einen geschmeidigen Kampf gegen die bittere Stimmung ringsum. Seine Liebenswürdigkeit breitete sich aus, wie ein parfümierter Fächer. Nur der alte Baron Utting und Arnold kamen seinen Werbungen entgegen: Arnold, fand Lola, als ob er ihm dankbar dafür wäre. Mai blieb beleidigt. Und Tini, deren Augen noch nie so groß und schwarz, deren Gesicht noch nie so bleich und gestreckt gewesen war, vereinigte Lola und den Italiener in einem langen Blick, voll eines leidenschaftlichen Zweifels.
Gwinner antwortete sie gar nicht. Wie der alte Utting aus dem Zimmer ritt, verließ auch Tini es, kam aber nach kurzem zurück und begann Pardi wegen dessen anzugreifen, was er am Morgen zur Frauenfrage geäußert hatte. Und diesmal war sie nicht zu beschwichtigen, ließ sich durch keinen Scherz ablenken und stritt erbittert. Gugigl unterstützte sie. Dann fragte er seine Frau, ob sie sich gewogen habe. Endlich scheine die Milchkur anzuschlagen. Die Baroneß Thekla lachte; Gugigl habe sich verraten. Seine Frau verteidigte ihn.
Ein leidlicher Friede kam zustande. Der Ausflug nach der Römermauer ward für morgen neu angesetzt. Nur Mai blieb widerspenstig. Umsonsthielten alle ihr die Seltsamkeit der Ausgrabung vor. Sie zog, das Gesicht ganz dick vom Schmollen, ihr letztes Wort noch hin, im Innern glücklich, weil sie so viele um sich bemüht sah. Sie wisse schon, was dort ausgegraben werde.
„Auch in Brasilien haben wir viele Römersachen.“
Pardi mußte erst seine ganze Erobererkunst auf sie zusammenziehen; — und plötzlich platzte sie aus, wie ein Kind, das lange Zeit alle zum besten gehalten hat.
Wie Lola in ihrem Zimmer war, zog sie die Tür hinter sich zu, lehnte sich dagegen und sah darein, wie zum Geflacker der Kerze die Schatten tanzten. Leer und ängstlich war ihr’s; ihr Hals fühlte sich zugeschnürt an. Welch ein nichtiger, verstimmter Tag, mit zufälligen und unerquicklichen Menschen!
„Was sollen mir dieser Italiener und dieser Deutsche?“
Sie machten sich gegenseitig erstaunlich unwichtig, hoben einander auf. Man ward müde und verstand sich selbst nicht mehr. Warum mußten grade diese beiden kommen? Draußen in der Welt waren noch so viele, so überwältigend viele Gleichgültige . . . Sie ging ans Fenster und sah trostlos ins Dunkle, Weite.
„Nur damit es kleinliche Aufregungen und Krisen gibt.“
Dann wandte man einander den Rücken, reiste weiter, alles entschwand, und mit Überdruß sah man sich in neue, nichtsnutzige Dinge geraten.
Da gedachte sie jener Mondnacht, in der sie hiergestanden hatte. Sie war mit Arnold durch das Land dort unten gewandert, das damals voll entzückenden Truges gewesen war. Umgeben und erfüllt von Bedeutungen hatte sie sich gefühlt . . . Sie spähte hinaus, blickte ins Zimmer zurück: wie alles unwichtig war! Frierend vor Einsamkeit, fiel sie mit geschlossenen, trockenen Augen gegen das Fensterkreuz.
Gleich beim Erwachen hatte sie das Gefühl des Erwartens. Sie erwartete, einer von ihnen werde sie holen, dem andern zuvorkommen, sie ihm entreißen. Vor sich selbst verborgen, wünschte sie, daß es Arnold sei. Sie war gespannt von Ehrgeiz für ihn. Er sollte nun zeigen, wie er sich behauptete, sollte ihr beweisen, daß sie den rechten Freund gewählt habe. Er sollte sich messen mit jenem.
Niemand kam. Gegen Mittag begegnete sie Pardi und wich ihm aus, obwohl er sie schon angerufen hatte. Dann war sie, bei Tisch, in Empörung gegen beide: gegen Arnold, der vor Pardi errötete, und gegen den Italiener in seiner banalen Sicherheit. Unversehens ging ihr auf, daß seine Geste aus lockerem Gelenk der des Spielers ähnelte, der mit Karten hantiert. Gleichzeitig sah sie Arnold seinen sorgenvollen, schwachen Griff zwischen die Brauen tun; — und sie hatte die Empfindung, als führten zwei Masken, zwei Maschinen ihr ein vorausgesehenes, ärmliches Scheinleben vor.
Es blieb bei der Fahrt nach der Römermauer.Lola hielt es noch immer für unmöglich, daß Arnold sie gehen lasse. Jeden Augenblick mußte er den Mund öffnen und sie daran erinnern, daß es schade sei, ihren gewohnten Waldgang zu versäumen. Als man aufstand, ohne daß er gesprochen hatte, war ihr übel, wie bei einem Verrat. Sie erklärte, nicht mitgehen zu können.
„Du siehst wirklich nicht gut aus,“ sagte Frau Gugigl. „Tini, bevor wir aufbrechen, bringst du Lola einen Tee.“
In ihrem Zimmer standen wieder seine Blumen! Welch Geständnis kraftlosen Verzichtes!
Tini trat zu ihr ein; sie hob die Augen fremd, feierlich und scheu vom Teebrett.
„Ich danke dir, Tini.“
Keine Antwort. Das Silberzeug klirrte in der Stille; Tini wandte sich . . . Da war sie mit einem schlanken Wurf auf den Knien vor Lolas Füßen. Die Arme um Lolas Hüften, flüsterte sie mit geschlossenen Augen, wie aus einem leidenschaftlichen Traum:
„Weißt du noch, wie wir davon sprachen, daß es so viele Millionen Menschen gibt, und daß doch einmal etwas geschehen kann, und daß ich sicher glaubte, du würdest noch mal ein großes Glück haben? Siehst du, jetzt hast du’s! O, ich sehe wohl, daß du es hast!“
Und fort war sie. Lola spürte noch ihre wilde Umarmung, wie es auf der Treppe schon wieder still war.
Als sie eine Stunde später hinab in die Stube ging, wartete auf der Schwelle Pardi. Er küßte ihr die Hand und sagte:
„Sie glaubten doch nicht, ich werde ohne Sie diesen Ausflug machen? Natürlich habe ich Briefe vorgeschützt, um Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen.“
Und da er ihre abweisende Miene bemerkte:
„Wie geht es Ihnen? Kann ich Ihnen in irgend etwas nützlich sein?“
„Sind alle fort? Auch meine Mutter?“
„Ihre Mama und — alle.“
„Ich möchte mich in den Garten setzen.“
„Ihre Blässe ist deliziös. Ich schwärme für die kleinen Krankheiten der Frau . . .“
„Ich sehe scheußlich aus.“
„Lachen Sie nur! Ich schwöre Ihnen, daß ich weiß, was ich sage; daß ich auch weiß, was ich will.“
Das traf sie. Allerdings: dieser wußte, was er wollte. Und sie widersprach seinen Schmeicheleien nicht mehr. Was für eine Stimme er hatte: biegsam, zart, und doch aus gefährlichem Stoff, — wie ein Galanteriedegen. Zu dieser Stunde, war sie versichert, sehnte Arnold, indes er Wohlgefallen an der Römermauer heuchelte, sich mutlos nach ihr, die seiner mit ganz ruhiger Geringschätzung gedachte.
Als er ihr wieder vor Augen kam, konnte sie nur erstaunen über das Maß von Geniertheit und Mangel an Geistesgegenwart in all seinem Gehaben. Sie sah Pardi an, ob nicht auch er erstaune. Den ganzen Nachmittag hatte sie Pardis Fechterkörper sich um sie her biegen gesehen, so leicht und selbstverständlich in seiner Schlagfertigkeit, daß nun Arnolds Ungeschicklichkeiten ihr wie Kunststücke vorkamen. Sie erinnertesich, eine besondere Schönheit erfaßt zu haben in dem, der weltfremd und unterdrückt war und erst frei ward, wenn er träumte. Die Schönheit war fort; und Lola spürte Scham bei seiner Unschönheit, als sei sie daran mitschuldig.
Die folgenden Tage beobachtete sie Arnold neu, legte alles neu aus. Hatte er nicht, so oft er auf jemand losgehen, sich Blicken, Urteilen preisgeben mußte, Bewegungen, als hielte er sich mühsam vom Davonlaufen zurück? Er war feige. Er war unmännlich in seinem Zurücktreten vor Pardi, in seinem Erröten, seinem Eifer, wenn der Italiener sich einmal mit ihm abgab. Er war ein ängstlicher Egoist, immer in Sorge, sich mit jemand messen, seinen traurigen Frieden aufgeben zu müssen. Das machte ihn kleinlich und ungenerös: jenen Vorfall mit der Bettlerin, der er nichts gab, hätte Lola nur von seinen schönen Worten unbestochen beurteilen sollen. Jetzt bemerkte sie, wie er sich kleine Geldbeträge erstatten ließ, die er für die Gugigls ausgelegt hatte. Sie bekam einen Schreck, so oft sie derartiges wahrnahm. Alle, meinte sie, müßten darauf aufmerksam werden und sie höhnisch ansehen: sie, die solange mit ihm verbündet gewesen war. Fortan vermied sie es, sich neben ihm zu zeigen; sein Anblick erbitterte sie, weil er sie getäuscht hatte; und mehrmals war sie drauf und dran, sich seine Blumen zu verbitten.
Beständig war ihr’s, als habe sie das alles schon einmal erlebt, und zwar einfacher und deutlicher; als gliche dieser Arnold einem andern, und werde durch jenen erst ganz aufgeklärt werden. Wie sie ihn einesTages mit einem faltigen Socken dasitzen sah, fiel’s ihr ein: Herr Dietrich, ihr Geschichtslehrer! Herr Dietrich, der schüchtern und ironisch gewesen war, und mit ihnen wie mit erwachsenen Damen gesprochen hatte. Der Mutter und Geschwister unterhielt, und dessen Leben liebreich dahinfließen mußte, voll sanfter, gütiger, edler Gedanken. Dann aber war ihm ein gelber Strumpf über den schwarzen Schuh gerutscht; er hatte mit der dicken Jenny kokettiert; und hatte Lola das Haar wieder weggenommen, das sie ihm aus dem Ärmel gezupft hatte. „So etwas tut man nicht!“ und „gib’s her!“ hatte er gesagt . . . Die Lust überkam sie, Arnold in das entlarvte Gesicht zu lachen. Ob er nicht der dicken Köchin im geheimen begehrliche Blicke nachwarf? Der Strumpf rutschte ihm nun auch. Und er vertrat keinen guten Geschmack, dieser Strumpf. Arnolds Anzug war manchmal schlechthin der des Herrn Dietrich. Andere Male war er zu sehr das Gegenteil. Er übertrieb und verweichlichte dann die Mode, in der Art italienischer Stutzer. Pardi war maßvoll dagegen; auch brachte er es nicht fertig, einen Lodenkragen dazu anzuziehen. Arnold kleidete sich ungleich, wie jemand, der nicht weiß, was er aus sich machen soll, in welcher Gestalt er sich zeigen und für wen er selbst sich halten soll. Lola erinnerte sich all der Widersprüche in seinen Gesprächen; — und sie bemerkte, daß sie, mochte er ihr auch alles in sich enthüllt haben, doch kein fertiges Bild von ihm habe. Wenn er ihr das Nächste eröffnet hatte, war ihr das vorige schon nicht mehr gegenwärtig, nicht mehr recht begreiflich: — wie esmit unseren eigenen Erlebnissen geht. Sie dachte: „In ihm fließt alles durcheinander, wie sonst nur in mir selbst. Von den anderen Menschen hat man doch immer einen kurzen, klaren Abriß.“
Sie versuchte ihn abzutun: „Er ist widerlich kompliziert. Er kennt keine unmittelbare Regung. Niemals könnte er lieben.“
Bei Pardi wußte man wenigstens, was vorging: die einfachsten Triebe wirkten, das Leben war frischer, ursprünglicher. Man gab sich nicht von seinen Stimmungen Rechenschaft, und nicht von denen der Landschaft, durch die man ging: man bewunderte darauf los, man hörte mit grundlosem Lachen Komplimente an, die aufs Geratewohl gemacht wurden. Man trat in die Bauernhäuser, war mitteilsam, furchtlos und menschenfreundlich. Man grübelte nicht über Almosen. „Wie sehr sehnte ich mich in meiner schlimmsten Verlassenheit, unlängst auf dem Meer, nach dem Gefühl menschlicher Gemeinschaft, nach einfacher Liebe zu Menschen!“ Hier war das Wohlwollen, das aus Stärke hervorging; waren entschlossene männliche Meinungen, die aus der Frau keine große Frage und nicht viel Federlesen mit ihr machten. Manchmal ließ man sich das gern gefallen, auch wenn man widersprach. Man brauchte sich selbst nicht gar wichtig zu nehmen und hatte es leichter. Warum nicht in diesem warmen Lebensstrom dahintreiben?