»An die Arbeit!« sagte Demba und schritt die Treppe hinunter.
Frau Dr. Hirsch, die Gattin des Hof- und Gerichtsadvokaten in der Eßlinggasse, kam ein wenig außer Atem in das Privatkontor ihresMannes.Sie ließ sich sogleich in den ledernen Klubfauteuil fallen, der, für Klienten bestimmt, neben dem Schreibtisch des Rechtsanwalts stand, stieß einen asthmatischen Seufzer aus und hielt ihrem Mann ein paar Banknoten hin.
»Sag' mir, Robert, was soll ich mit diesen achtzig Kronen machen.«
»Ich hab' da grad die Akten über die Zwangsfeilbietung der Villa ›Elfriede‹ in Neuwaldegg. Zwölf Wohnräume, Dienerzimmer, Garage, herrlicher Park, zwei Minuten von der Elektrischen – geh' hin und biet' mit!«
»Nein. Spaß beiseite. Ich bin in Verlegenheit. Ich weiß nicht, ob ich das Geld behalten soll oder nicht. Es ist der Monatsgehalt für Georgs und Erichs Hauslehrer, für den Herrn Demba. Und der Demba, denk' dir, will ihn nicht nehmen.«
»Monatsgehalt? Ist denn heute der Erste?«
»Nein. Aber er hat schon heute um seinen Monatsgehalt gebeten.«
»Und will ihn nicht nehmen?« Der Advokat streifte die Asche von seiner Zigarre ab.
»Nein. Ich will dir erzählen, was vorgefallen ist. Also hör' zu. Vor einer Viertelstunde läutet'sund die Anna kommt herein: Gnädige Frau, der Herr Demba ist da. Ich wundere mich und denk' mir: was kann er denn jetzt nach zwei Uhr wollen, die Buben sind ja bis vier in der Schule, das weiß er ja. Ich habe gerade mit der Köchin verrechnet und so hab' ich ihm sagen lassen: er soll im Salon ein paar Minuten auf mich warten, ich komme gleich, er möcht' indessen Platz nehmen. Und wie ich mit der Köchin fertig war, bin ich hineingegangen.«
Frau Dr. Hirsch machte eine kleine Atempause und stieß einen ihrer leichten Seufzer aus, der andeuten sollte, wie schwer geplagt sie durch die vielfachen Anforderungen des täglichen Lebens sei. Dann fuhr sie fort:
»Also, wie ich hineinkomm', springt er auf und sieht genau so aus, wie das Stubenmädchen, wenn ich sie über der Zuckerbüchse ertappe. Du weißt, sie ist sonst ganz brav, die Anna, aber Zuckernaschen, davon kann sie nicht lassen. Also der Demba sieht auch aus, wie wenn er etwas Verbotenes getan hätt', ganz verlegen ist er. Ich sage ihm: Bleiben Sie nur sitzen, Herr Demba! Und denk' mir noch: warum ist der Mensch so verlegen? Nicht im Traum hab' ich an die Zigarre gedacht.«
»An welche Zigarre?« fragte der Advokat.
»Warte. Du wirst gleich hören. Er setzt sich also und ich frag' ihn: ›Nun, Herr Demba? Was bringen Sie Neues?‹ Er sagt: ›Gnädige Frau, ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich auf vierzehn Tage verreisen muß.‹ – ›Das ist aber sehr unangenehm,‹ sag' ich. ›Mitten im Schuljahr. Und vor der Konferenz. Wird Sie der Georg nicht brauchen? Was ist es denn so Dringendes?‹ –›Wichtige Familienangelegenheiten,‹ sagt er. ›Und der Georg wird in den beiden nächsten Wochen keine Nachhilfe benötigen und der Erich erst recht nicht. Sie stehen beide in allen Gegenständen gut, und in der Mathematik, in der Georg ein bissel schwach ist, kommt die nächste Schularbeit ohnehin erst in vier Wochen.‹
›Also bitte,‹ sag' ich. ›Wenn Sie glauben, daß die Buben Sie nicht brauchen – eventuell können Sie mir ja einen Kollegen schicken, der Sie vertritt.‹
›Das wird nicht nötig sein,‹ gibt er zur Antwort, ›Aber ich möcht' die gnädige Frau bitten –‹ also kurz und gut, ob ich ihm nicht schon heute das Geld für den ganzen Monat zahlen könnt'. Also, weißt du, ich führ' mir das nicht gern ein, Vorschuß an den Hauslehrer, aber ich hab' doch gesagt: ›Bitte, sehr gerne‹, weil er doch das Geld für die Reise braucht. Und ich greif nach dem Geldtascherl und nehm' die achzig Kronen heraus. Eigentlich macht es ja weniger aus, denn die Stunden für die Zeit, wo er verreist ist, muß ich ihm selbstredend nicht zahlen. Aber ich hab' mir gedacht: Er hat den Georg in Mathematik durchgebracht, wir haben keinen einzigen Tadelzettel mehr ins Haus bekommen, seit der Demba den Buben Stunden gibt und der Mensch rechnet mit jedem Heller, wozu soll ich ihm also die paar Gulden abziehen, es steht gar nicht dafür. Hab' ich recht?«
»Natürlich, mein Kind,« sagte der Advokat.
»Also, ich nehm' die achzig Kronen aus dem Geldtascherl und, wie ich es wieder einsteck', – auf einmal spür' ich so einen merkwürdigen, brenzlichenGeruch, und ich seh' mich um und frag' den Demba: ›Herr Demba, riechen Sie nichts?‹ Und er zieht auch die Luft durch die Nase ein und sagt:
›Nein, gnädige Frau, ich rieche nichts.‹
›Aber es muß irgendwo im Zimmer brennen,‹ sag' ich, und in dem Moment seh' ich schon den Rauch und das Loch, das ihm die Zigarre in den Mantel gebrannt hat. Er hat sich eine Zigarre angezündet gehabt, während er auf mich gewartet hat, und die hat er rasch unter den Mantel versteckt, wie er mich kommen gehört hat, warum, das weiß ich nicht. Anfänglich dacht' ich, er hätte sich einen von deinen Virginiern aus dem Zigarrenkastel genommen, – du läßt es immer wieder offen im Zimmer stehen, Robert, ich hab' dir hundertmal gesagt, laß das Kastl nicht offen herumstehen, die Anna hat einen Feuerwerker, da läßt sie doch sicher jeden Abend, wenn sie mit ihm ausgeht, zwei oder drei Stück mitgehen, aber du läßt dir ja nichts sagen! Hab' ich recht?«
»Ja, mein Kind,« sagte der Advokat.
»Also ich denk' mir, wahrscheinlich hat er sich eine von deinen Virginiern genommen und sie unter dem Mantel verstecken wollen, und darum war er so verlegen, als ich ins Zimmer kam. Ich ruf' also: ›Herr Demba, Sie haben sich ein Loch in ihren Mantel gebrannt.‹ Der Demba springt auf und läßt die Zigarre auf die Erde fallen. Es war aber gar keine Virginier, es war eine kleine, dicke, solche rauchst du doch gar nicht, die muß er sich selbst mitgebracht haben. Aber warum hat er sie dann versteckt? Das versteh' ich nicht. Also kurz und gut, mit einem Wort, er läßt die Zigarrefallen und sie liegt auf dem Teppich und qualmt, auf dem kleinen Teppich, weißt du, den wir von der Tante Regine bekommen haben aus Revanche dafür, daß du ihr vor zwei Jahren den Ehrenbeleidigungsprozeß gegen ihren Hausherrn geführt hast. Also auf den Teppich fällt die brennende Zigarre. Ich bin furchtbar erschrocken, aber der Demba steht seelenruhig dabei, als ob ihn das nichts anginge und sieht zu, wie sie mir ein Loch in den Teppich brennt und macht keine Miene, sie aufzuheben.
Ich ruf: ›Herr Demba, wollen Sie nicht Ihre Zigarre aufheben? Sie sehen doch, daß sie mir den Teppich ruiniert!‹ Der Demba wird feuerrot im Gesicht und furchtbar verlegen und hustet und stottert und bringt kein Wort heraus und endlich sagt er: ›Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich darf mich nicht bücken, der Arzt hat's verboten, ich bekomm' sofort Blutsturz, wenn ich mich bücke, hat der Arzt gesagt.‹ – Hast du schon so etwas gehört? Was sagst du dazu?« –
Der Advokat sagte »hm« dazu.
»Also, was bleibt mir übrig, ich hab' halt selbst die Zigarre aufgehoben, wenn sich der Herr Demba nicht bücken kann,« sagte Frau Dr. Hirsch mit bitterer Ironie und seufzte leicht auf. Es war der kurzatmigen, starkgeschnürten, korpulenten Dame anzusehen, daß das Aufheben der Zigarre für sie ein mit erheblichen Schwierigkeiten verbundenes Turnkunststück ersten Ranges dargestellt hatte.
»Der Teppich war aber schon ganz versengt,« fuhr sie nach einer Weile fort, »und hatte einen großen, schwarzgebrannten Fleck. Ich war natürlich nicht mehr in der Stimmung, mich mit demHerrn Demba weiter zu unterhalten, das begreifst du ja. Ich zähl' ihm also das Geld auf den Tisch. Und jetzt kommt das Interessante. Was glaubst du, daß geschieht: Der Herr Demba nimmt das Geld nicht. Er läßt es liegen. Ich sage: ›Also bitte, hier sind die achzig Kronen!‹ Er schüttelt den Kopf und macht ein so verzweifeltes und unglückliches Gesicht, daß er mir beinahe wieder leid getan hat. ›Aber, Herr Demba!‹ sag' ich. ›Sie werden mir doch nicht den Teppich bezahlen wollen, wir sind ja gegen Brandschaden versichert.‹ Er starrt das Geld an und nimmt es nicht. ›Also, das ist doch lächerlich, so nehmen Sie doch das Geld,‹ sag' ich. – ›Nein. Ich kann das Geld leider nicht nehmen‹, gibt er zur Antwort und ist wieder blutrot im Gesicht. Nun, denk' ich mir, wenn er das Geld absolut nicht nehmen will, weißt du, streiten werd' ich mich mit ihm nicht. Aufdrängen werd' ich ihm doch die achzig Kronen nicht, hab' ich recht? Ich sag' also: ›Herr Demba, wenn Sie mir durchaus den Schaden ersetzen wollen, es ist zwar ein Unsinn von Ihnen, aber schließlich –‹ und will das Geld wieder einstecken. Und wie ich es in die Hand nehm', da schaut er mich so böse und wütend an, wie wenn er mich mit den Zähnen zerreißen wollt'. Ich bin direkt erschrocken, so hat er mich angeschaut, und hab' das Geld liegen lassen. Und ich denk' mir: Was will der Mensch eigentlich? Will er das Geld oder will er es nicht? Auf einmal sagt er: ›Gnädige Frau! Wozu zerbrechen wir uns eigentlich den Kopf? Sie haben doch einen Rechtsgelehrten im Haus. Bitte, lassen Sie das Geld hier liegen, gehen Sie zu Ihrem Herrn Gemahl hinein undtragen Sie ihm den verwickelten Rechtsfall vor. Wenn er finden sollte, daß ich nicht verpflichtet bin, Schadenersatz für den Teppich zu leisten, so werde ich das Geld ohne weiteres nehmen.‹
›Gut,‹ sag' ich, nehm' das Geld zusammen und steck' es ein. Weißt du, ich werde es doch nicht auf dem Tisch liegen lassen, die Dienstboten gehen fortwährend durchs Zimmer, was braucht denn die Anna zu wissen, wieviel der Demba Gehalt bekommt? Hab' ich recht?«
»Gewiß, mein Kind,« sagte der Advokat.
»Also, was meinst du dazu? Soll ich mir wirklich von dem Demba die achzig Kronen zahlen lassen?«
»Natürlich ist es die Assekuranz, die verpflichtet ist, uns den Schaden zu ersetzen, nicht der Hauslehrer,« sagte der Advokat und strich sich den Bart. »Aber dieser Herr Demba beginnt mich zu interessieren. Es ist merkwürdig, was für ein starkes Rechtsempfinden mitunter gerade bei Nichtjuristen zu finden ist. Ich werde mal selbst mit ihm sprechen.«
Als der Advokat in den Salon kam, traf er Herrn Demba, dem die Unterredung zu lange gedauert zu haben schien, nicht mehr an. Das Zimmer war leer.
Der Advokat besah sich den beschädigten Teppich.
»Weißt du,« sagte er, »eigentlich ist der Sachschaden nicht so groß, mit achtzig Kronen ist er weitaus überzahlt. Der Teppich ist nämlich ganz billige Fabrikware. Kannst du dir vorstellen, daß deine Tante Regina mehr als dreißig Kronen für ein Geschenk ausgibt?«
»Robert! Was ist das?« schrie Frau Dr. Hirschplötzlich auf und zeigte entgeistert auf einen Haufen zerbrochenen Porzellans, der unter dem Kaminsims auf dem Fußboden lag.
Es war die Nippesfigur eines Briefträgers, an der Demba, erbittert darüber, daß es ihm nicht gelungen war, mit seinem Geld allein im Zimmer zu bleiben, seinen Unmut ausgelassen hatte. Und sie hatte nichts anderes verbrochen, als daß sie dem Betrachter mit einladendem Lächeln einen großen Geldbrief aus Porzellan entgegenstreckte.
»Herr von Gegenbauer!« rief die Haushälterin. »Herr von Gegenbauer, so wachen's doch auf! Draußen ist ein Herr, der Sie sprechen möcht.«
Fritz Gegenbauer erhob sich schlaftrunken vom Sofa, wurde aber sofort munter, als er von dem Herrn hörte, der ihn sprechen wollte. Er hatte in der Nacht ein Renkontre mit einem Statthaltereibeamten gehabt und erwartete nun das Erscheinen der bekannten beiden Herrn mit den scharfgebügelten Hosenfalten.
»Ein Herr oder zwei?«
»Einer,« sagte die Wirtschafterin.
»In Uniform oder in Zivil?«
»In Zivil.«
»Wie sieht er aus? Ist er elegant?«
»Na,« sagte die Haushälterin im Tone ehrlichster Überzeugung.
Fritz Gegenbauer trat an den Waschtisch und steckte den Kopf ins Wasser. Dann trocknete er sich eilig ab und bürstete sich mit wilder Energie seinen Scheitel zurecht.
»So. Jetzt können Sie den Herrn eintreten lassen.«
Er lehnte sich in lässiger Haltung an das Rauchtischchen, stützte eine Hand auf die Tischplatte und verschaffte sich durch einen Blick in den Spiegel die Gewißheit, daß er wie ein Mann aussah, dermit Überlegenheit und kühlem Gleichmut die Dinge an sich herantreten läßt.
Aber alle diese kriegerischen Vorbereitungen verpufften in die Luft. Nur Stanislaus Demba war es, dem die Haushälterin die Zimmertür öffnete.
»Sie sind's, Demba?« rief Fritz Gegenbauer. »Ich war auf anderen Besuch gefaßt, auf einen weit weniger angenehmen.«
»Stör' ich vielleicht?« fragte Demba.
»Gar keine Idee. Ich freue mich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich doch, alter Freund.«
Demba setzte sich.
»Nun? Haben Sie sich endlich getröstet über unser Pech?« fragte Gegenbauer.
»Unser Pech« hatte darin bestanden, daß Gegenbauer vor einem Vierteljahr bei seinem Rigorosum durchgefallen war. Ihn hatte dieses Ergebnis freilich nicht überrascht, er hatte es immer geahnt, und er gab viel auf Ahnungen, die ihn jedoch in der Stunde des Rigorosums kläglich im Stich gelassen hatten, denn da hatte er keine Ahnung gehabt, was man eigentlich von ihm wissen wollte. Aber Demba, der ihn zur Prüfung vorbereitet hatte, mochte sich den größten Teil der Schuld beigemessen haben und war Gegenbauer einige Monate hindurch beharrlich ausgewichen.
»Nehmen Sie eine Zigarette, Demba,« ermunterte Gegenbauer den Kollegen. »Eine ganz neue Sorte hab' ich da: ›Phädra‹. Kosten Sie einmal, von der algerischen Tabakregie. Meine Cousine Bessy hat sie mir aus Biskra mitgebracht. Mit Lebensgefahr hat sie sie über die Grenze geschmuggelt. Kosten Sie!« –
»Nein. Danke,« sagte Demba.
»Nein. Kosten Sie nur. Mich interessiert, was Sie von der Marke halten. Sie sind Kenner.«
»Danke, ich rauche nicht.«
»Was? Seit wann denn? Sie haben doch immer vierzig Stück im Tag verqualmt?«
»Ich bin verkühlt,« sagte Demba und bekam sogleich einen grausamen Hustenanfall, an dem er unfehlbar erstickt wäre, wenn nicht das Läuten der Türglocke seine virtuose Darstellung der letzten Stunde eines Schwindsüchtigen unterbrochen hätte.
»Jetzt sind sie da,« sagte Gegenbauer.
»Wer denn?« fragte Demba.
»Zwei Herren, die ausnahmsweise nicht zu einer Tarockpartie zu mir kommen.«
»So!« sagte Demba. »Was haben Sie denn wieder angestellt, heut nachts?«
»Ich kann mir nicht helfen. Im Frühjahr werd' ich immer stössig. Das könnten die Leut' schon wissen und sich ein bißchen in acht nehmen.«
Es waren aber wieder nicht die beiden feierlichen Herrn, sondern nur der Postbote, der einen Brief und eine Karte brachte.
»Sie entschuldigen,« sagte Gegenbauer und begann zu lesen.
Demba hatte, ehe er an Gegenbauers Türglocke läutete, einen Feldzugsplan entworfen. Sich einfach von Gegenbauer Geld leihen, das wollte er nicht. Nie im Leben hätte er eine Bitte dieser Art über die Lippen gebracht. Nein. Das Geld mußte ihm von Gegenbauer angeboten und aufgedrängt werden. Er hatte ihm vor einiger Zeit Kollegienhefte geliehen. Vorlesungen, die Demba im Hörsaal sorgfältig mitstenographiert und zuHause mit Bienenfleiß in Schönschrift übertragen hatte. Sie stellten einen ziemlichen Wert dar und Demba hoffte zuversichtlich, daß Gegenbauer die Hefte längst verloren oder als unnütz fortgeworfen haben werde. Denn Gegenbauer war niemals im stande gewesen, Entliehenes aufzubewahren, dagegen aber immer bereit, für Schaden, den er angerichtet hatte, in generöser Weise aufzukommen. Darauf hatte Demba seinen Plan gegründet.
»Ich bin eigentlich gekommen,« begann er, als Gegenbauer den Brief auf den Tisch warf, »ich bin nur gekommen, um zu fragen, ob Sie die Hefte noch brauchen, die ich Ihnen im Dezember geliehen hab'.«
»Welche Hefte?« fragte Gegenbauer zerstreut.
»Die Vorlesungen Steinbrücks über das römische Kunstepos –«
Gegenbauer dachte nach. »Vier braune Hefte und eines ohne Deckel?«
»Ja. Das sind sie.«
»Müssen Sie die unbedingt haben?«
»Ja. Ich brauche sie notwendig. Ich habe nämlich wieder einen Schüler bekommen.«
»Das ist unangenehm,« sagte Gegenbauer. »Die hab' ich nämlich verbrannt.«
Demba jubelte innerlich. Aber in dem jammervollsten Ton, der ihm zu Gebote stand, schrie er:
»Was sagen Sie? Verbrannt?«
»Ja,« nickte Gegenbauer ohne eine Spur von Zerknirschung.
»Es ist nicht möglich,« rief Demba.
»Ich habe alles verbrannt, was mich irgendwie an meinen Durchfall durchs Rigorosum erinnerte. Sogar den Zylinder, den ich damals auf hatte, hab' ich eingetrieben.«
»Lieber Gott, was machen wir jetzt!« klagte Demba.
»Sie sind ein Pechvogel,« stellte Gegenbauer fest. »Haben Sie kein zweites Exemplar?«
»Nein.«
»Das macht nichts,« sagte Gegenbauer. »Dann wird er halt auch durchfliegen.«
»Wer denn?«
»Ihr neuer Schüler.«
Demba hielt es bei diesem Beweis arger Herzlosigkeit für höchste Zeit, mit praktischen Vorschlägen hervorzutreten.
»Müller hat auch ein Exemplar,« sagte er nachdenklich.
»Wer?«
»Ein gewisser Egon Müller. Aber der leiht es nicht her. Er will es nur verkaufen.«
»Wieviel verlangt er?«
»Siebzig Kronen.«
»Dann ist ja alles in Ordnung. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt, Sie Unglückswurm.« Er zog seine Brieftasche.
»Nein ich danke. Geld will ich nicht,« sagte Demba rasch.
Gegenbauer hielt ihm vier Banknoten in verlockende Nähe.
»Ich bitte Sie, machen Sie doch keine Umstände. Die Hefte kann ich Ihnen nicht herzaubern. Also nehmen Sie das Geld.«
»Auf keinen Fall.«
»Warum nicht?«
»Ich mache keine Geldgeschäfte mit meinen Kollegienheften.«
»Aber das ist doch kein Geschäft. Ich ersetze Ihnen doch nur Ihren Verlust.«
»Bitte, reden Sie selbst mit dem Müller und geben Sie mir dann die Hefte. Er wohnt Pazmanitenstraße, elf.« Demba zitterte bei dem Gedanken, daß Gegenbauer auf diesen Vorschlag eingehen und das Geld wieder einstecken könnte.
»Ich kenne ihn nicht. Machen Sie sich das mit ihm aus,« sagte Gegenbauer.
Demba fiel ein Stein vom Herzen. Aber er schüttelte den Kopf.
Es läutete.
»Das sind sie,« sagte Gegenbauer. »Wissen Sie, Demba, Ihr Feingefühl in allen Ehren, aber ich kann jetzt nicht viel Geschichten mit Ihnen machen.« Er nahm ein Briefkuvert vom Schreibtisch, verschloß die Banknoten darin und stopfte es in die Tasche, die in Dembas Pelerine einladend offen stand.
»So,« sagte er. »Ich hab' Ihnen das Geld gegeben. Machen Sie jetzt damit, was Sie wollen.«
Das war es, was Demba bezweckt hatte. Das Geld befand sich in seiner Tasche. Er hatte keine seiner Hände hervorziehen müssen, um es in Empfang zu nehmen. Und nun war es an der Zeit, an einen geordneten Rückzug zu denken.
»Zwei Herren sind draußen,« meldete die Haushälterin und legte die Visitkarte auf den Tisch. »Wladimir Ritter von Teltsch.« »Dr. Heinrich Ebenhöch, Leutnant in der Reserve,« las Gegenbauer. »Ich lasse die Herren bitten.«
»Also, ich werde mich jetzt drücken,« sagte Demba eilig. »Ich danke Ihnen bestens, die Sache ist in Ordnung.«
»Servus! Servus!« sagte Gegenbauer zerstreut. »Lassen Sie sich wieder mal bei mir blicken.«
Und Demba verließ, die Beute in der Tasche, die Wohnung, an zwei unnahbaren Herren im Gehrock vorbei, die im Vorzimmer standen und in düsterer Entschlossenheit auf den Fußboden starrten.
Demba jubelte und jauchzte. Es war gelungen. Und ganz ohne Mühe, ganz programmäßig beinahe. Der Anfang war gemacht. Siebzig Kronen! Demba fühlte im Gehen, wie bei jedem Schritt das Kuvert, das den Schatz enthielt, in der Tasche des Mantels knisterte. Siebzig Kronen! Das war zwar nur ein Bruchteil dessen, was er brauchte. Aber er hatte sich bewiesen, daß man die Hände nicht braucht, um Geld zu erwerben. – Es ist nicht leicht, – dachte Demba, – aber es geht. Es geht! Er mußte an einen Menschen denken, einen Agenten aus der Spiritusbranche, den er einmal sich rühmen gehört hatte: ›Heut hab' ich, ohne eine Hand zu rühren, fünfhundert Kronen verdient!‹ Ohne eine Hand zu rühren! Welch eine freche Übertreibung. Sicher hatte er doch das Geld in die Hand genommen, die Brieftasche aus der Tasche gezogen, die Banknoten zusammengefaltet und in die Tasche geschoben. Dann die Quittung unterschrieben und dem Geschäftsfreund die Hand geschüttelt. Und das alles nannte der Mensch: Ohne eine Hand zu rühren. Lächerlich. Wenn er eine Ahnung hätte, wie schwer das in Wirklichkeit ist: Geld erwerben, ohne die Hände zu benutzen! Nein. Ein Kinderspiel ist das wahrhaftig nicht. Man muß die Menschen durch List, durch Überlegenheit des Geistes, durch volle Ausnützung der Situation, durch die Macht des Willens, durch die Gewalt des Auges zwingen, das zu tun, was man von ihnen erwartet. So wieich jetzt den Gegenbauer gezwungen hab', mir das Geld aufzudrängen, das ich nicht nehmen konnte.
Demba blickte den Leuten nach, die an ihm vorüber gingen und lachte leise in sich hinein. Wenn einer von diesen vielen Menschen Augen hätte, die meinen Mantel durchdringen könnten! Diese alte Dame mit dem eleganten Seidenschirm etwa. Nein, die wäre auch dann nicht gefährlich. Die würde sich schreiend in ein Haustor flüchten und in ihrem Schreck zehn Minuten lang kein Wort hervorbringen. Aber der Herr dort, der sieht energisch aus. Wie ein Hauptmann in Pension. Der würde sofort auf mich losgehen. Ich würde trachten, ihm rasch aus den Augen zu kommen, aber er würde schreien: Aufhalten! Aufhalten!
Wie sich im Nu das Straßenbild verändern würde. Dieser Tumult! Alle wären sie sofort hinter mir her. Keiner würde fliehen. Wenn sie in Massen sind, haben sie Mut. Gar, wenn es gegen einen geht, dem die Hände gefesselt sind. Der Einspännerkutscher dort, der würde sofort vom Bock herunterspringen und mit der Peitsche auf mich losgehen. Und der Mann im Wagen, ein Fremder wahrscheinlich, der wird auch dabei sein wollen, so etwas läßt man sich nicht entgehen. Und der Bäckerjunge wird mit seinem leeren Korb nach mir schlagen und der Konservatorist mit seinem Geigenkasten und der Dienstmann dort wird mir ein Bein stellen, wenn ich an ihm vorbeilauf', die ganze Welt ist gegen mich im Bunde, wenn sie die Handschellen an meinen Händen sieht. Und ich hab' nur einen einzigen Menschen, der zu mir hält, einen einzigen Verbündeten: die Steffi. Nein. Noch einen zweiten: den Schlosserlehrling.Der Narr hilft mir, ohne es zu wissen. Vielleicht schmiedet er gerade jetzt, während ich an ihn denke, den Schlüssel, der am Abend meine Ketten öffnen wird. Und noch einen dritten Verbündeten hab' ich. Den besten: Die alte, brave Pelerine. Die beschützt mich. Die verbirgt mich wie eine Tarnkappe. Niemand sieht mich.
Der Wachmann dort. Wie gutmütig-stupid er aussieht mit seinem dünnen, braunen Backenbart. Er ahnt nichts. Er kümmert sich nur um den Wagenverkehr. Daß kein Auto in eine Elektrische hineinfährt und kein Fiaker in einen Möbelwagen. Wenn der mich durchschauen, nein, wenn der nur einen ganz leisen Verdacht schöpfen würde – ich wäre verloren. Aber er merkt nichts. Er kann nichts merken. Ich werde zum Spaß ganz nahe an ihm vorbeigehen. So! Wenn der Gedanken lesen könnte! Man sollte nur Gedankenleser und Hellseher als Wachleute verwenden. In den Varietés gibt es ihrer genug. Eine gute Idee, wahrhaftig. Irgend jemand sollte im Reichsrat den Antrag einbringen. Oder eine Interpellation: Ist Se. Exzellenz geneigt, an die hohe Polizeidirektion die Weisung ergehen zu lassen, daß künftighin tunlichst –
»Sie, Herr!«
Stanislaus Demba fuhr zusammen. Es war ihm, als hätte er einen Schlag vor die Brust bekommen, dort, an der Stelle, wo das Herz pochte. Die Knie zitterten ihm. Langsam nur vermochte er sich zu fassen. – Ach Gott, wie man nur so leicht erschrecken kann. Lächerlich. Der Wachmann hat ja gar nicht mich gemeint ›Sie, Herr!‹ hat er gerufen, und ich hab' das gleich aufmich bezogen. Weiß Gott, wem das gegolten hat. Wahrscheinlich –
»Sie, Herr!« rief der Wachmann nochmals.
Demba blieb stehen, plötzlich und mit einem Ruck, als ob er zu Stein erstarrt wäre. Das Blut wich aus seinem Gesicht. Die Zähne schlugen aneinander und das Herz pochte ihm bis zum Hals hinauf. – Nein. Täuschung war nicht möglich. Ihm galt der Anruf. Keinem anderen. Und jetzt kam der Wachmann langsam, ganz langsam auf ihn zu –
Unfähig, ein Glied zu rühren, aschfahl im Gesicht, erwartete Stanislaus Demba das Ende seiner Freiheit.
Und jetzt stand der Wachmann vor ihm und maß ihn mit den Augen und eine Sekunde lang sprach er kein Wort, als ob er ausholte zum Stoß. Demba fühlte, daß er im nächsten Augenblick niederbrechen werde. Und jetzt, jetzt kam's.
»Sie haben etwas verloren, Herr,« sagte der Wachmann höflich.
Demba verstand nicht gleich.
»Haben Sie nichts verloren?« wiederholte der Wachmann.
Langsam fand Demba sich zur Welt zurück. Sprechen konnte er nicht, er schüttelte nur den Kopf.
»Ist Ihnen nichts aus der Tasche gefallen?« fragte der Wachmann nochmals.
Demba sah ein weißes Kuvert in den Händen des Polizisten, aber es gelang ihm nicht, einen Gedanken damit zu verbinden. Er fühlte nur, daß er wieder atmen konnte und sog in langem Zug die Luft ein. Irgendein schwerer Druck löste sich und wich aus seiner Herzgegend. Und jetzt dämmertees ihm auf, daß das Kuvert in den Händen des Polizisten das Geld, sein Geld enthielt, daß er es verloren hatte, und daß er es zurückhaben müsse.
»Natürlich, das gehört mir,« wollte er sagen, aber im gleichen Augenblick stieg ihm ein furchtbares Bedenken auf.
Er konnte es nehmen. Gewiß. Er konnte das Kuvert geschickt und nonchalant mit den Fingerspitzen fassen, dem Wachmann wird das vielleicht gar nicht auffallen. Aber damit war die Sache ja nicht zu Ende! Um Gotteswillen, dann mußte er mit ins Kommissariat, mußte seinen Namen nennen, Erklärungen abgeben, irgend etwas unterschreiben, und auf dem Tisch des Polizeikommissärs lag vielleicht schon die Personsbeschreibung. DerPolizeiberichtvon heute morgen: Junger, etwa fünfundzwanzigjähriger Mensch, anscheinend den besseren Ständen angehörend, groß, kräftig, rötlicher Schnurrbart, – und der Kommissär faßt mich ins Auge, wirft wieder einen Blick in die Personsbeschreibung, sieht mich wieder an –
Stanislaus Dembas Entschluß war gefaßt. Er verleugnete sein Geld.
»Mir gehört das nicht,« sagte er zu dem Polizisten und gab sich Mühe, daß seine Stimme nicht allzusehr zitterte.
»Ist Ihnen das Kuvert denn nicht aus der Tasche gefallen?« fragte der Wachmann erstaunt.
»Mir nicht,« sagte Stanislaus Demba.
Kopfschüttelnd besah der Wachmann das Kuvert. »Dann kann es nur der Herr drüben verloren haben.«
Er ging auf einen Passanten zu, der kurz vorStanislaus Demba die Straße überquert hatte und nun vor dem Schaufenster eines Kravattengeschäftes stand.
Der Wachmann salutierte und der Herr vor dem Schaufenster zog höflich seinen englischen, steifen Hut. Der Wachmann hielt ihm das Kuvert hin und sprach ein paar Worte und der Fremde hörte ihn mit Aufmerksamkeit an. Dann sah Demba, wie der elegante Herr die Silberkrücke seines Malagarohres an den Arm hängte, dem Wachmann das Kuvert aus der Hand nahm und die Banknoten zählte. Wie er ein in Leder gebundenes Notizbuch aus der Tasche hervorholte, die Banknoten sorgfältig hineinlegte und das Buch in seiner Brusttasche verwahrte.
Und wie er dann dankend den Hut zog und sich gemessenen Schrittes entfernte.
Herr Kallisthenes Skuludis trat in das große Herrenmodewarengeschäft auf dem Graben ein und ließ sich von der Verkäuferin Krawatten zeigen. Er prüfte die einzelnen ihm vorgelegten Stücke mit Sorgfalt und Kennerschaft, warf die Bemerkung hin, daß er sich die Auswahl größer vorgestellt habe und daß man etwas wirklich Neues und zugleich Geschmackvolles in letzter Zeit nicht mehr zu sehen bekäme und entschied sich schließlich für eine orangefarbene Krawatte aus schwerer, schillernder Seide, die er sich zu zwei anderen, schon vorher in anderen Geschäften erstandenen Stücken, in Seidenpapier einschlagen ließ.
Nicht ganz befriedigt von seinem Einkauf trat er auf die Straße. Es war das dritte Geschäft dieser Art, das Herr Skuludis heute nachmittag mit seinem Besuche beehrt hatte. Man möge aber nicht glauben, daß er einen besonders dringenden Bedarf in diesem Artikel zu decken hatte. O nein, Herr Skuludis besaß eine beinahe lückenlose Sammlung von fast sechshundert Krawatten in allen Ausführungen und Farbennuancen, in der alle Formen, von der einfachen weißen Frackschleife an bis zu den Exemplaren von der feurigen Farbenpracht eines Topaskolibris vertreten waren. Aber eine Schwäche des Herzens, die jeder Verlockung eines schön ausgestatteten Schaufensters wehrlos erlag, drängte ihn immer wieder zu neuen Ankäufen.
Als er auf der Straße stand und sich eine Figaro anzündete, konnte er feststellen, daß seine elegante Erscheinung und sein distinguiertes Auftreten berechtigtes Aufsehen erregte. Einen besonders tiefen Eindruck schien er aber auf einen jungen Mann gemacht zu haben, der unweit von ihm auf dem Trottoir stand und ihn mit Blicken unverhohlener Bewunderung betrachtete. Stumme Ovationen dieser Art waren Herrn Kallisthenes Skuludis nichts Neues, wenn sie sich auch nicht immer in solch naiver Form zu äußern pflegten. Er war es gewöhnt, daß die lässig-charmante Art, wie er beim Grüßen den Arm einbog oder wie er den Stock in den Fingern hielt, schon nach kurzer Zeit – Herr Kallisthenes Skuludis verweilte überall nur kurze Zeit, das hing mit seinem Beruf zusammen –, von den Elegants der Stadt kopiert wurde, und daß die vornehm zerstreute Geste, mit der er die Zigarette aus der Tabatiere nahm und in Brand steckte, in den Salons der großen Welt immer vorbildlich wirkte.
Aber Kallisthenes Skuludis war von einem starken Gefühl für gesellschaftliche Rangunterschiede beherrscht, und der junge Mensch dort schien seinem ganzen Habitus nach nicht jenen Kreisen anzugehören oder nahezustehen, in denen sich Herr Skuludis bewegte. Dieser setzte daher, ohne Stanislaus Demba weiter zu beachten, seinen Spaziergang fort, denn unter den Eigenschaften, die ihm die Sympathien der guten Gesellschaft von Paris, Petersburg, Bukarest und Kairo im Fluge erobert hatten, war seine vornehme Zurückhaltung sicherlich eine der hervorstechendsten.
Er vertiefte sich in die Betrachtung der Auslageeines Blumengeschäftes, nahm in einem Delikatessenladen eine kleine Erfrischung und überquerte sodann die Straße, um eine Dame zu begrüßen, die er, er wußte nicht mehr recht woher, wahrscheinlich von einer Schiffsreise im Mittelmeer her kannte. Während er im Gespräche stand, fiel ihm Stanislaus Demba von neuem auf, der ein paar Schritte von ihm entfernt an einem Gaskandelaber lehnte und ihn unentwegt anstarrte. Herr Skuludis besaß ein vorzügliches Personengedächtnis – das erforderte sein Beruf – und er erkannte sofort den jungen Menschen wieder, der ihm vor dem Krawattengeschäft stumme Huldigungen erwiesen hatte.
Er verabschiedete sich von der Dame und betrat einen Friseursalon. Rasiert und mit frischgezogenem Scheitel trat er nach einer Viertelstunde auf die Straße, und der erste Mensch, dem er begegnete, war wieder Stanislaus Demba.
Herr Kallisthenes Skuludis neigte Fremden gegenüber ein wenig zu Mißtrauen. Er dachte immer gleich an einen Detektiv – das brachte sein Beruf mit sich. Wie ein Detektiv sah nun Stanislaus Demba allerdings nicht aus. Dennoch wollte Herrn Skuludis das Interesse an seiner Person, das Stanislaus Demba so hartnäckig an den Tag legte, nicht recht behagen. Er fand, daß Wien im Grunde genommen doch nur eine Provinzstadt sei, ein Negerkral, in dem jeder halbwegs gut angezogene Fremde wie ein Meerwunder angestaunt wurde, und beendete vorzeitig seinen Spaziergang, indem er sich in dem Vorgarten eines Kaffeehauses an einem der Tische niederließ.
Gleich darauf kam Stanislaus Demba vorbei.
Er blieb stehen, zögerte ein wenig und schien zu überlegen. Im nächsten Augenblick trat er an Herrn Skuludis' Tisch und bat um die Erlaubnis, Platz nehmen zu dürfen.
Herr Skuludis war von diesem Verlangen sichtlich unangenehm berührt. Es waren ja noch mehrere Tische frei, und er legte besonderen Wert darauf, seinen Tee in wohltuender Zurückgezogenheit nehmen zu können. Neue Bekanntschaften pflegte er nur auf Bahnhöfen, Haltestellen und anderen belebten Orten anzuknüpfen – und das auch nur, weil es sein Beruf erforderte.
»Verzeihung. Ich erwarte Gesellschaft,« sagte er darum zu Stanislaus Demba.
»Sie erwarten Gesellschaft? Dann wird es gut sein, wenn wir die Erledigung unserer Angelegenheit nicht länger aufschieben,« sagte Demba und setzte sich.
Herr Skuludis blickte ihn in höchstem Grade befremdet an.
»Ich meine, daß wir unser kleines Geschäft vorher in Ordnung bringen sollten,« wiederholte Demba.
Das Wort »Geschäft« besaß für Herrn Skuludis einen anheimelnden Klang. Er faßte sein Gegenüber genauer ins Auge.
»Darf ich fragen, für welche meiner mannigfaltigen Unternehmungen Sie Interesse haben?« fragte er.
»Das werden Sie gleich hören,« sagte Demba. »Bis hieher bin ich Ihnen nachgegangen. Erst hier war es mir möglich, Sie unauffällig und unter vier Augen zu sprechen.«
»Unauffällig« und »unter vier Augen« – diese beiden Worte machten auf Herrn Skuludis einenguten Eindruck. Sie legitimierten sein Gegenüber als einen Mann von Diskretion, und Diskretion ging Herrn Skuludis über alles – das lag im Wesen seines Berufes begründet.
»Sie waren vor einer Stunde etwa in der Praterstraße?« fragte Demba.
»Ach so,« sagte Skuludis und nickte mit dem Kopf. Jetzt ging ihm ein Licht auf.
Vor einer Stunde hatte er in der Praterstraße eine Unterredung sehr delikater Natur mit einem befreundeten Juwelenhändler gehabt, dem er Schmuckstücke jener Art, die man nur ungern dem grellen Licht des Tages aussetzt, zum Kaufe angeboten hatte. Die Verhandlungen hatten sich jedoch unglücklicherweise zerschlagen, und Skuludis hatte sich entfernt, nicht ohne bittere Worte über den Eigennutz und die Gewinnsucht des Händlers fallen zu lassen. Und es stellte sich nun heraus, daß der Mann einen seiner Angestellten mit der Aufgabe betraut hatte, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, und die Verbindung bei Gelegenheit von neuem anzuknüpfen.
»Sie sind von allem unterrichtet?« fragte Herr Skuludis.
»Gewiß,« sagte Demba. »Ich war Augenzeuge.«
»Und Sie meinen, daß die Angelegenheit noch nicht völlig erledigt ist?«
»Der Ansicht bin ich tatsächlich,« sagte Demba grimmig.
»Nun, für mich ist die Sache gegenwärtig keineswegs dringend,« meinte Herr Skuludis.
»Für mich um so mehr,« sagte Demba heftig.
»Vor einer Stunde war ich in einer Zwangslage. Ich mußte Geld haben, und das wollte mansich zunutze machen. Jetzt haben sich die Verhältnisse gebessert. Ich brauche Ihr Geld nicht mehr.«
»Das vereinfacht die Sachlage außerordentlich,« sagte Demba erfreut.
»Ich kann jetzt einige Tage warten und günstigere Angebote einholen,« erklärte Herr Skuludis.
»Das verstehe ich nicht.«
Herr Skuludis zog sein in Leder gebundenes Notizbuch, und legte mit der ihm eigenen eleganten Handbewegung ein weißes Kuvert, durch dessen dünnes Papier Banknoten durchschimmerten, auf den Kaffeehaustisch.
»In diesem Kuvert befinden sich achthundert Kronen. Ein glattes Geschäft. Sie sehen, die Verlegenheit, die Ihr Chef für sich ausnützen wollte, war nur eine augenblickliche,« sagte er stolz.
Stanislaus Demba hatte keine Ahnung, von welchem Chef, welcher Verlegenheit und welchem Geschäfte die Rede war. Er liebäugelte nur mit seinem Kuvert und blickte Herrn Skuludis von der Seite an. Daß in dem Kuvert jetzt achthundert Kronen sein sollten, erfüllte ihn jedoch mit Verwunderung.
»Achthundert Kronen? Ein glattes Geschäft,« wiederholte Herr Skuludis.
»Achthundert Kronen?« rief Demba. »In diesem Kuvert sind siebzig Kronen. Nicht mehr und nicht weniger.«
Diese Feststellung überraschte Herrn Skuludis aufs höchste. Er war zwar abergläubisch, aber daß dem Angestellten eines Hehlers aus der Praterstraße übernatürliche Kräfte zu Gebote standen – diese Erfahrung warf ihn aus seinem seelischen Gleichgewicht.
»Es sind achthundert Kronen darin,« sagte er in ziemlich unsicherem Ton.
»Drei zwanzig- und eine Zehnkronennote, das werd' ich doch wissen,« zischte Demba über den Tisch hinüber. »Und jetzt werden Sie die Güte haben, mir das Geld zurückzugeben.«
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Skuludis.
»Sie verstehen mich nicht?« brach Demba los. »Nun, Sie werden mich gleich verstehen. Sie haben dieses Geld, das Ihnen nicht gehörte, von einem Wachmann übernommen, der irrtümlich annahm, Sie hätten es verloren. Verstehen Sie mich jetzt?«
Herr Kallisthenes Skuludis besaß die Gabe rascher Auffassungskraft in hohem Grade. Blitzschnell fand er sich in die geänderte Situation. Er erkannte mit Schrecken, daß er fast daran gewesen war, einen Unberufenen Einblick in seine Geschäftsverbindungen nehmen zu lassen, stellte aber im gleichen Augenblick mit Genugtuung fest, daß er vorsichtig genug gewesen war, keinen Namen zu nennen und von der Art seiner Geschäfte nur in ganz allgemeinen Wendungen zu sprechen. Das gab ihm seine Sicherheit wieder. Vor allem galt es festzustellen, ob sein Gegenüber nicht doch ein Detektiv, ein Lockspitzel war, der ihm eine Falle gestellt hatte. Darüber mußte er sich Klarheit verschaffen, ehe er über seine weitere Taktik schlüssig wurde.
»Wollen wir nicht lieber mit offenen Karten spielen?« fragte er und nickte Demba vertraulich zu. »Zeigen Sie doch gleich die Legitimation und die Situation ist klar.«
»Wassoll ich Ihnen zeigen?« fragte Demba.
Statt zu antworten, beugte sich Herr KallisthenesSkuludis über den Tisch und begann, überlegen lächelnd, Dembas Pelerine aufzuknöpfen. Er suchte Dembas Brusttasche, in der er die blaugebundene LegitimationskartedesDetektivs vermutete.
Demba erschrak heftig. »Sie! Lassen Sie meinen Mantel in Ruhe!« rief er drohend.
»So machen Sie ihn doch auf. Wozu die Umschweife?« riet Herr Skuludis und arbeitete an dem obersten von Dembas Mantelknöpfen.
»Ich wollte, Sie ließen Ihre Scherze,« sagte Demba und rückte von Herrn Skuludis fort.
Skuludis wurde wieder unsicher. So benahm sich kein Polizeiagent.
»Was wollen Sie eigentlich von mir?« fragte er.
»Mein Geld, das Sie sich angeeignet haben, will ich zurück. Seit einer Stunde gehe ich Ihnen auf Schritt und Tritt nach, um mein Geld zurückzubekommen. Oder glauben Sie, daß es mich interessiert hat, zu erfahren, bei wem Sie Ihre Einkäufe machen, wo Sie sich rasieren lassen, und mit welchen Kokotten Sie verkehren?«
Jetzt sah Skuludis klar. Ein armseliger, kleiner Betrüger, der zufällig Zeuge jenes Vorfalles gewesen war und dies ausnützen wollte, um einen Anteil an der Beute zu erlangen. Skuludis überlegte, wie er ihn loswerden könnte.
»Sie behaupten also, daß ich auf unrechtmäßige Weise in den Besitz dieses Geldes gekommen bin?« fragte er in scharfem Ton.
Demba ließ sich nicht einschüchtern. »Jawohl, das behaupte ich,« gab er ebenso scharf zurück.
»Und Sie behaupten weiters, daß das Geld Ihnen gehört.«
»Jawohl. Es gehört mir.«
»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als den ungeklärten Fall dem nächsten Wachmann vorzutragen,« sagte Herr Skuludis mit verbindlichem Lächeln und erhob sich, um anzudeuten, daß die Verhandlungen an einem toten Punkt angelangt seien.
»Das wird das beste sein,« sagte Demba, sehr gegen seine Überzeugung.
Also doch ein Detektiv – dachte Herr Skuludis. Mit seiner Drohung war es ihm keineswegs ernst. Er legte, um die Wahrheit zu sagen, nur geringen Wert auf die Heranziehung der Sicherheitswache zu schiedsrichterlicher Tätigkeit. Er hatte unter den Funktionären der Polizei etliche gute Bekannte – das brachte sein Beruf mit sich –, denen seine Anwesenheit in Wien vorläufig noch ein streng gehütetes Geheimnis bleiben sollte. Auch trug er in seiner Rocktasche zwei goldene Uhren, ein Anhängsel, zwei Kravattennadeln und vier Brillantringe – kleine Ergebnisse seiner letzten Fahrt im Speisewagen des Eilzugs Wien-Budapest – bei sich, deren Verwertung ihm sehr am Herzen lag. Eine Mitwirkung der Polizei bei dieser Transaktion wäre ihm im höchsten Grade ungelegen gekommen.
»Zahlen!« rief Herr Skuludis, und beglich seine Zeche boshafterweise mit einer der Banknoten aus dem Kuvert, auf die Demba seine Ansprüche erhoben hatte. Dieses Vorgehen machte auf Demba den denkbar schlechtesten Eindruck und versetzte ihn in hellen Ärger.
»Das Geld scheint Ihnen wahrhaftig gelegen gekommen zu sein,« bemerkte er bissig.
Herr Skuludis sah an dieser unzarten Bemerkungmit Schmerz, daß Demba nicht die Umgangsformen der großen Welt besaß. Aber Ruhe und Selbstbeherrschung gehörten zu seinem Berufe, und er begnügte sich, seinen Gegner mit einem verächtlichen Blick zu messen.
Gegenüber der Oper stand ein Polizist. Aber beide Herren schlugen ganz von selbst eine Richtung ein, in der auf tausend Schritte Entfernung weit und breit kein Wachmann zu sehen war. Und beide spähten, gänzlich unabhängig voneinander, nach einer Gelegenheit aus, der verfahrenen Situation eine neue Wendung zu geben. Herr Skuludis studierte mit Aufmerksamkeit die vielfachen Möglichkeiten des Wiener Verkehrswesens, während Demba, um sich einen guten Abgang zu sichern, die Vorteile erwog, die ein dem Gegner unerwartetes Umdieeckebiegen bieten konnte.
Herr Skuludis war es, der auch hier wieder seine Entschlossenheit und seine Neigung zu rascher Initiative erwies. Ehe Demba sich dessen versah, hatte er sich auf eine eben abfahrende elektrische Tramway geschwungen. Er befand sich bereits in voller Fahrt, als Demba sein Verschwinden bemerkte.
Nur eine Sekunde lang war Demba verblüfft. Dann begriff er: Herr Skuludis gab seine Sache verloren, und diese Flucht bedeutete den moralischen Zusammenbruch des Gegners. Und die Chance, die siebzig Kronen zurückzuerlangen, stieg.
Sofort war er hinter der Elektrischen her. Eine triumphierend-höhnische Grimasse, zu der sich Herr Skuludis unüberlegterweise hinreißen ließ, spornte Demba, indem sie seine Gefühle aufs tiefste verletzte, zu höchster Kraftleistung an. Wütend keuchteer hinter dem Wagen her. Er kam ihm näher. Er verdoppelte seine Anstrengungen und kam bis auf Armlänge an ihn heran. Er stieß mit zwei Passanten zusammen, rannte weiter und holte den Wagen ein. Er hielt keuchend ein paar Sekunden lang mit ihm Schritt, und dann sprang er, als der Wagen in einer Kurve sein Tempo verlangsamte, mit einem kühnen Satz auf das Trittbrett und stand oben – erschöpft, mit pfeifendem Atem, nach Luft schnappend, und dennoch siegreich und triumphierend.
Er hatte erwartet, seinen Gegner zerknirscht, gebrochen, beschämt und grenzenlos verlegen anzutreffen. Aber jetzt, da er ihm gegenüberstand, sah er, daß das Gesicht des Gegners einen seltsamen Ausdruck angenommen hatte. Nicht Angst, nicht Ärger, nicht Zerknirschung war in ihm zu lesen, sondern maßlose Verblüffung, fassungslose Verwunderung malte sich in Herrn Skuludis Zügen. Mit offenem Mund sah er Demba an, und mit der ausgestreckten Rechten wies er, unbeweglich wie ein steinerner Apoll, starr vor Staunen auf Dembas Hände.
Auf die Hände! Auf Dembas Hände!
Denn Dembas Mantel hatte sich an der Griffstange des Tramwaywagens verfangen, seine Hände waren aller Welt sichtbar, seine Schmach allen Blicken preisgegeben, sein furchtbares Geheimnis lag offen.
Aber nur einen Augenblick lang. Und von all den Menschen, die dichtgedrängt den Wagen füllten, hatte nur Herr Skuludis Dembas Hände gesehen.
Und im nächsten Augenblick waren beide, Demba und Skuludis, vom Wagen abgesprungen.
Demba zuerst. Jetzt war er der Verfolgte. Einer wußte sein Geheimnis, und diesem einen galt es zu entkommen.
Er rannte um sein Leben, blind und verzweiflungsvoll, ohne sich umzusehen. Und Herr Skuludis, eifrig winkend, gestikulierend und rufend, hinter ihm her.
Dann gelang es Demba, sich der Verfolgung durch einen Sprung auf einen Autoomnibus zu entziehen.
Herr Skuludis blieb stehen und sah ihm kopfschüttelnd und mit Bedauern nach. Auf einen Wettlauf mit dem Omnibus konnte er sich nicht einlassen. Er mißbilligte diese kopf- und sinnlose, überstürzte Flucht. Seine anfängliche Abneigung gegen Demba war einer starken Sympathie gewichen. Jeder Groll war aus seiner Seele geschwunden. Wie gerne wäre er ihm mit Rat und Tat beigestanden. Denn er hatte in Demba den begabten, jungen Anfänger in seiner Zunft erkannt, der, weiß Gott auf welche Art in eine mißliche Situation geraten war.
Stanislaus Demba verließ den Omnibus und ging langsam die Mariahilferstraße hinunter. Er überlegte. Steinbüchlers? Nein. Das geht nicht. Bei Steinbüchlers geb' ich erst seit drei Monaten Stunden. Da kann ich doch nicht gut schon jetzt um einen Vorschuß bitten. Außerdem, sie sind kleinliche Menschen, der Herr Steinbüchler ebenso wie seine Frau. Von dem Honorar, das ich verlangt hab', – es waren ohnehin nur fünfundfünfzig Kronen für sechs Stunden in der Woche –, haben sie mir fünf Kronen heruntergehandelt. Wenn einmal an einem Feiertag eine Lektion ausfällt, oder wenn der Bub krank ist, ziehen sie mir's ab. Und dabei sind es vermögende Leute. Er ist Prokurist in einer Regenschirmfabrik und sie hat einen Kleidersalon. Aber nach dem Ersten muß ich sie immer drei oder viermal mahnen, ehe sie so um den Sechsten herum mit dem Geld herausrücken. Auch ihrem Stubenmädchen bleiben sie schuldig. Nein, mit Steinbüchlers ist's nichts.
Bleibt noch Dr. Becker. Da bekomm' ich das Geld ohne weiteres. Das sind vornehme und feine Leute, da brauch' ich nur ein Wort zu sagen, nur eine Andeutung zu machen, und ich hab' das Geld. Freilich, wenn ich sag', daß ich jetzt vierzehn Tage ausbleiben werde, das wird ihnen nicht recht sein. Der Junge steht miserabel in Geographie undPhysik. Da muß ich einen zwingenden Grund für mein Ausbleiben angeben, einen Grund, der den Leuten sofort einleuchtet. Nun, es wird mir schon einer einfallen, ich hab' ja noch fünf Minuten zu gehen.
Dr. Becker wohnte am Kohlmarkt im vierten Stock eines neuen Hauses. Neben dem Haustor über der Glocke hing seine Tafel: Dozent Dr. R. Becker, ordiniert von zwei bis fünf.
Stanislaus Demba benützte den Lift nicht, sondern stieg langsam die Treppe hinauf. Als er das zweite Stockwerk erreicht hatte, blieb er stehen. Ein Gedanke war ihm gekommen.
Er blickte sich um. Das Treppenhaus war leer. Kein Mensch war zu sehen.
Jetzt fuhr Demba mit den Händen in seine Rocktasche und zog ein Taschentuch hervor. Dabei fiel ihm der Wohnungsschlüssel aus der Tasche, und er bückte sich ärgerlich, um ihn aufzuheben. In diesem Augenblick stieg der Lift lautlos an ihm vorbei in die Höhe.
Sofort fuhren Dembas Hände zurück unter den Mantel. Erschrocken blickte er dem Aufzug nach. Aber die Tür des Aufzugs war von Milchglas, sah er zu seiner Befriedigung. Der Insasse konnte unmöglich die Handschellen gesehen haben.
Jetzt läutete es oben. Der Aufzug fuhr leer wieder hinunter. Demba wartete, bis die Wohnungstür im dritten Stock geöffnet und wieder geschlossen wurde. Man kann nicht vorsichtig genug sein. So, und nun –
Zum Kuckuck! Gerade jetzt muß jemand die Treppe herunterkommen. Wieder verbarg Demba die Hände. Und wie langsam das ging! Einealte Dame, die sich auf den Arm ihres Stubenmädchens stützte. Und just neben Demba blieb sie stehen und ruhte aus. – Jetzt ging sie wieder. Endlich. Aber da kam schon wieder wer anderer die Treppe herauf!
Die Zeitungsausträgerin, die das Abendblatt brachte. Sie legte eine Zeitung vor die Tür des zweiten Stockwerks und ging dann in den dritten Stock hinauf.
Bevor sie nicht wieder unten ist, darf ich nichts machen, da heißt's einfach warten –, dachte Demba. Gelangweilt blickte er auf die Zeitung hinunter, die auf der Strohmatte zu seinen Füßen lag, las gleichgültig eine in großen Lettern gedruckte Aufschrift: ›Rücktritt des ungarischen Ministerpräsidenten‹, und plötzlich durchfuhr es ihn, ob nicht schon –. Wie, wenn schon etwas in den Abendblättern steht von meiner Flucht durchs Fenster. Vielleicht steht schon ein langer Bericht darin, alles ganz genau, ›der Täter entzog sich der Verhaftung durch einen verwegenen Sprung aus dem Dachbodenfenster in den Hof‹, steht vielleicht drinn, und ›anscheinend blieb er unverletzt, die Polizei ist dem Flüchtling auf der Spur.‹ – Oder vielleicht steht gar dort: ›Der Verdacht der Täterschaft lenkt sich auf einen gewissen Stanislaus D., Universitätshörer. Seine Verhaftung steht unmittelbar bevor.‹
Voll Ungeduld und in maßloser Aufregung wartete Demba, bis die Zeitungsausträgerin die Treppe wieder hinunterging. Jetzt erst konnte er die Zeitung vom Boden aufnehmen. Hastig durchflog er sie.
Lokalnotizen. Wo sind die Lokalnotizen? Unterden Lokalnotizen muß es stehen. Da sind sie. Kleine Chronik. Sein Auge flog über die Spalte.
Musikalischer Zapfenstreich. – Die Generalversammlung des niederösterreichischen Jagdverbands auf Dienstag, den einundzwanzigsten, verschoben. – Filmbrand auf der Straße. – Oberinspektor Hlawatschek gestorben. – Ein seltenes Jubiläum. – Ein Selbstmordversuch, halt. Was ist das?DieGattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W., hat gestern in ihrer in der Babenbergerstraße gelegenen Wohnung Veronal –, nichts! Weiter. Unfall in der Hauptwerkstätte der städtischen Straßenbahnen. – Die Tat einer Mutter. – Schluß.
Nichts steht noch in der Zeitung. Natürlich. Das hätt' ich mir gleich denken können. Wenn die Polizei sich blamiert, dann beeilt sie sich nicht mit der Veröffentlichung. Lustig. – Demba faltete die Zeitung zusammen und legte sie vorsichtig zurück auf die Türschwelle.
Dann breitete er sein Taschentuch aus. Er glättete es, faltete es zusammen, daß es aussah, wie eine Kompresse und schlang es dann viermal um seine rechte Hand, daß nur die Fingerspitzen sichtbar blieben. Er fand zwei Sicherheitsnadeln in seiner Pelerine, mit denen er den Notverband befestigte, eine durchaus nicht einfache Arbeit, wenn man die Knöchel aneinandergefesselt hat. – So, jetzt war er fertig.
Eine vorzügliche Idee, dieser Verband an der Hand. Ein ausgezeichneter Einfall. – Demba beglückwünschte sich selbst zu dem ausgezeichneten Einfall. »Wirklich eine vortreffliche Idee,« sagte er, trat vor die Fensterscheibe und machte Verbeugungengegen sein Spiegelbild. »Meine Anerkennung! Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Hand drücke. Wie? Sie wünschen es nicht? Ich soll acht geben? Sie fürchten, der Verband könnte sich verschieben? Natürlich! Natürlich! Schade! Hätte Ihnen gern die Hand geschüttelt für die wirklich vorzügliche Idee!«
Demba verbeugte sich nochmals und lachte in sich hinein. Ein Messenger Boy, der mit einem Telegramm in der Faust die Treppe hinaufrannte, blieb stehen und blickte Demba verwundert an.
»Zwei Fliegen auf einen Schlag,« dachte Demba und stieg die Treppe hinauf. – »Jetzt sieht jeder sofort, daß ich die Hände nicht gebrauchen kann. Jetzt hab' ich endlich Ruhe. Und gleichzeitig hab' ich eine Entschuldigung, wenn ich ein paar Tage lang nicht komme. Mit schweren Brandwunden an den Händen kann ich keine Stunden geben. Das kann niemand von mir verlangen. Die Frau eines Arztes wird das wohl einsehen, sollte man meinen. Aber nun vorwärts! Keine Zeit verlieren!«
Im vierten Stock läutete Demba. Das Dienstmädchen öffnete.
»Ist die gnädige Frau zu Hause?«
»Nein.«
»Und der Herr Dozent?«
»Der ordiniert.«
Demba warf einen Blick in das Wartezimmer.
Zwei Damen und ein Herr saßen dort und lasen die Zeitschriften.
»Wann kommt die gnädige Frau zurück?«
»Ich werde das Fräulein fragen, die wird es wissen.« Das Stubenmädchen ging in Elly BeckersZimmer. Demba hörte ein paar Walzertakte und die hellen Stimmen lachender Mädchen.
Gleich darauf kam Elly Becker selbst heraus. Sie war stark kurzsichtig und beguckte Demba durch ihr Lorgnon.
»Guten Tag, Herr Demba! Sie suchen die Mama? Sie ist Besorgungen machen gegangen.«
»Das ist unangenehm,« sagte Demba. »Ich hätte dringend mit ihr zu sprechen. Wird die Frau Mama lange ausbleiben?«
»Regnet es schon draußen?« fragte Elly.
»Ja.«
»Dann wird sie gleich da sein, wie ich sie kenne. Wollen Sie nicht inzwischen zu uns hereinkommen?«
»Sie haben Gäste, Fräulein Elly.«
»Nur zwei Freundinnen. Ich mache Sie bekannt.«
»Ich bin gar nicht danach angezogen.«
»Aber keine Umstände!« Elly öffnete die Zimmertür. »Noch ein Besuch!« rief sie hinein.
»Ein Tänzer?« fragte das eine der beiden jungen Mädchen.
»Leider nein,« sagte Demba in der Tür.
»Tänzer ist er keiner. Aber deklamieren wird er uns etwas,« sagte Elly und stellte vor. »Doktor Stanislaus Demba. – Meine Freundin Viky, meine Freundin Anny.«
Weder Fräulein Viky noch Fräulein Anny schienen entzückt zu sein, Stanislaus Demba kennen gelernt zu haben, der allerdings in seiner alten, vom Regen durchnäßten Pelerine, die er nicht abgelegt hatte, eine unmögliche Figur machte. Viky, ein hochaufgeschossener Backfisch mit kurzem, in der Mitte gescheitelten blondem Haar, nickte zur Begrüßungnur nachlässig mit dem Kopf. Anny, ein kleines, mageres Mädchen mit Sommersprossen und einer Brille, unterbrach gar nicht erst ihr Klavierspiel. Demba nahm auf dem Sofa Platz, und schien das abweisende Benehmen der beiden jungen Mädchen nicht zu merken oder nicht zu beachten.
Die Tochter des Hauses hingegen empfand die Notwendigkeit, die Stimmung zugunsten Dembas zu verbessern. Sie stieß zu diesem Zweck ihre Freundin Viky mit dem Ellbogen an und flüsterte: »Wenn er deklamiert, ficht er mit beiden Armen herum. Gib acht, das wird ein Spaß.«
Demba hörte sie flüstern und wurde unruhig. Sein Unbehagen erhöhte sich, als das Stubenmädchen Sandwiches, Bäckereien und eine Tasse Tee vor ihn hinstellte. Er blickte bald den Tee, bald den Sandwichesteller an und wußte nicht, was mit den Dingen beginnen. Zudem begann jetzt Elly ihn zum Zugreifen aufzumuntern.
»Bitte, bedienen Sie sich doch, Herr Demba. Und warum legen Sie nicht ab?«
Jetzt entschloß sich Demba, die erste Probe auf die Tragfähigkeit seines ausgezeichneten Einfalles zu machen.
»Ich lege lieber nicht ab, Fräulein Elly. Es wäre kein angenehmer Anblick für Sie.«
»Warum denn?«
»Meine Arme sind bis zu den Schultern hinauf bandagiert. Ich habe Brandwunden auf beiden Armen und muß einen Rock ohne Ärmel tragen.«
»Lieber Gott! Was ist Ihnen denn zugestoßen?«
»Mein Zimmerkollege ist gestern abend dem Fenstervorhang mit der Kerze zu nahe gekommen, und das Zeug hat gleich Feuer gefangen. Wirhaben die brennenden Stücke mit den Händen losgerissen, und dabei hab' ich mir die Brandwunden zugezogen. Sehen Sie!« Demba steckte die mit dem Taschentuch umwickelte Hand vorsichtig unter dem Mantel hervor.
»Lassen Sie die Hand! Bewegen Sie sie nicht!« rief Elly ängstlich. »Warten Sie, ich werde Sie bedienen. Bleiben Sie nur ganz ruhig.«
Sie nahm eines der belegten Brötchen, hielt es Demba vor den Mund und ließ ihn abbeißen.
Demba, der tagsüber nur zweimal Gelegenheit gefunden hatte, etwas zu sich zu nehmen, und das nur in aller Hast und bedrückt und behindert durch das Gefühl, beobachtet zu werden, aß jetzt mit Appetit und empfand lebhafte Genugtuung über den Erfolg seines Experiments. Als ihm die Tochter des Hauses auch eine Zigarette in den Mund steckte, fühlte er sich geradezu wohl. Er hatte, ein starker Raucher, den gewohnten Genuß den ganzen Tag über schwer entbehrt.
»Haben Sie Schmerzen?« fragte Elly.
»O ja,« sagte er. Die Knöchel taten ihm weh. Sie mußten durch den Druck der Stahlringe wundgerieben sein. Auch in den geschwollenen Fingern fühlte er ein Brennen und Stechen, als wühlten hundert Nadelspitzen in seinem Fleisch. Ein dumpfer Schmerz in seinem Oberarm zog sich bis an die Schultern.
Anny und Viky waren nähergekommen und betrachteten Demba mit Interesse. Auch das Stubenmädchen, das den Tisch abräumte, warf mitleidige Blicke auf die verbundene Hand.
Anny näherte ihre Brille dem Verband.
»Das sind keine Brandwunden,« sagte sie plötzlich.
Demba ließ die Zigarette aus dem Mund fallen und verzog das Gesicht, als wäre ihm eine Mücke ins Auge geflogen.
»Mir machen Sie nichts vor,« sagte Anny und rückte ihre Brille zurecht.
Demba warf einen Blick auf die Tür und berechnete, daß er im Notfall in zwei Sätzen draußen sein konnte.
»Sie haben ein Duell gehabt,« erklärte Anny mit Bestimmtheit.
»Ach so,« sagte Demba mit merklicher Erleichterung.
»Hab' ich recht oder nicht?« fragte Anny. »Mir müssen Sie keine Märchen erzählen. Mein Bruder ist nämlich grüner Alemane.«
»Aber Sie irren sich. Es sind wirklich nur Brandwunden,« versicherte Demba.
»Kann schon sein, daß Sie sich die Finger verbrannt haben,« meinte Viky ironisch.
»Prim oder Terz?« fragte Elly mit der sachverständigen Miene eines Fechtmeisters.
»Eine Sext,« erklärte Demba.
»Also gestehen Sie's doch ein!« riefen alle drei wie aus einem Mund.
»Aber nein!« sagte Demba. »Es sind nur Brandwunden. Ich bin ein Opfer des Leichtsinns meines Zimmerkollegen.«
»Ist er blond oder brünett?« wollte Viky wissen.
»Wer denn? Miksch?«
»DerLeichtsinnIhres Zimmerkollegen.«
Alle drei begannen zu lachen.
»Ist er alt oder jung, der Leichtsinn?« fragte Elly.
»Hast du denn nicht gehört?« rief Viky. »Der ›jugendliche Leichtsinn‹ hat er doch gesagt.«
»Also, wie war es, Herr Demba,« drängte Elly. »Erzählen Sie! Fangen Sie an. Wir hören alle zu. Also: So stand ich und so führt ich meine Klinge –«
Demba fand, daß man sich mehr, als es gut tat, mit seiner Person beschäftigte. Er versuchte das Gespräch auf das Duell im allgemeinen hinüberzulenken. Viky gab die Erklärung ab, daß das Duell vom Standpunkt eines Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts aus betrachtet eine ganz, aber schon ganz sinnlose Einrichtung sei. Elly gab das zu, meinte aber, man müsse die Mensuren als Sport nehmen, und da erfüllten sie ihren Zweck. Anny erzählte eine längere Geschichte von einem Bekannten, der an einem einzigen Tag drei Gegner abgeführt hätte, und ließ durchblicken, daß sie selbst der unschuldige Anlaß dieser Affäre gewesen sei. Sie nannte den Namen dieses verwegenen Kämpfers und wollte wissen, ob Demba ihn kenne.
Demba hatte nicht zugehört. Er hatte mit Ellys Hilfe die Sandwichesschüssel geleert, und zuletzt ein paar Bissen von einem mit stark gewürzten Fleisch belegtem Brot gegessen. Jetzt verspürte er plötzlich heftigen Durst. Er benützte die Gelegenheit, daß die Aufmerksamkeit aller drei Mädchen durch einen Fächer mit zahllosen Unterschriften, Widmungen und Versen, den Elly Becker herzeigte, in Anspruch genommen war, um sich vorsichtig mit den Händen an ein Wasserglas heranzupürschen, als die Türe aufgestoßen wurde und ein Bernhardiner ins Zimmer trottete, der sein regendurchnäßtes Fell schüttelte und von Anny, Viky und Elly stürmisch begrüßt wurde. Gleich darauf kam das Stubenmädchen und teilte Herrn Demba mit, daß die gnädige Frau nach Hause gekommen sei.
Frau Dr. Becker war eine Dame von ausgeprägtem Wohltätigkeitssinn. Sie war teils Vorstandsdame, teils Mitglied verschiedener Wohlfahrtsvereine, versammelte mehrmals im Monat eine Anzahl Damen zu Ausschußberatungen, Vorbesprechungen und Komiteesitzungen in ihrer Wohnung und hatte die Gewohnheit, von jedem ihrer Spaziergänge kleine Straßenhausierer und bettelnde Kinder mit nach Hause zu bringen, die vorerst durch eine mit Gründlichkeit vorgenommene Reinigung eingeschüchtert und dann durch Kaffee, Obst und Semmeln teilweise entschädigt wurden. Auch heute standen zwei kleine Buben mit ängstlichen Gesichtern im Vorzimmer in der Nähe der Tür. Ihre Schuhriemen und Englischpflaster hielten sie noch in den Händen. Ein drittes Kind wurde offenbar gerade gesäubert, denn aus der Küche kamen durchdringende Schreie und das laute Schelten der Köchin.
Frau Dr. Becker hatte sich bereits umgezogen, saß in ihrem Zimmer und trank Tee, als Demba eintrat.
»Ja, was sind das für Sachen!« rief die kleine, bewegliche Dame Demba entgegen. »Das Stubenmädchen hat mir schon erzählt – was ist denn eigentlich geschehen?«
»Ein kleiner Unfall, weiter nichts, gnädige Frau.« Demba erzählte seinen Roman von der Kerze und dem brennenden Fenstervorhang, erfand noch ein paar infolge der Hitze gesprungene Fensterscheiben hinzu und lieferte die genaue Beschreibung eines Strohsessels, der gleichfalls Feuer gefangen hatte. Er dachte daran, einen Kanarienvogel, den er mit Gefahr des Lebens samt dem Käfig aus dem Bereichdes Feuers in Sicherheit gebracht hätte, hinzuzudichten, sah aber schließlich davon ab, um seiner Erzählung nicht einen sentimentalen und romantischen Einschlag zu geben.
»Sollte man denken, daß solche Unvorsichtigkeit möglich ist?« sagte Frau Dr. Becker. »Sie können wirklich Gott danken, daß Sie so davongekommen sind. Lassen Sie die Hand einmal anschauen.«
Das war Demba nicht recht. Mißtrauisch brachte er seine Hand zur Hälfte aus dem Mantel hervor.
Die Doktorsgattin schlug entsetzt die Hände zusammen. »Aber ist denn das ein Verband?« rief sie. »Das kann Ihnen doch unmöglich ein Arzt gemacht haben!«
»Mein Zimmerkollege hat mir den Verband angelegt. Er ist Mediziner.« Demba sah mit Verdruß, daß seine Idee, sich Verletzungen an den Händen anzudichten, keineswegs eine sehr glückliche gewesen war. Alle Welt beschäftigte sich jetzt ausschließlich mit seinen Händen, denen er doch ein gewisses Maß von Ruhe und stiller Abgeschiedenheit hatte verschaffen wollen.
»Ich will Ihnen etwas sagen. Sie gehen jetzt zu meinem Mann hinüber und lassen sich einen anständigen Verband machen,« entschied Frau Dr. Becker.
Demba wurde bleich wie Käse.
»Das geht nicht,« stotterte er. »Ich kann doch nicht –«
»Glauben Sie nicht, daß mein Mann das besser machen wird, als Ihr Herr Kollege?«
Demba wand sich auf seinem Sessel.
»Das schon,« sagte er. »Ich möchte nur nicht die Zeit des Herrn Dozenten –«
»Ach, Unsinn!« unterbrach ihn die Frau desArztes. »In zwei Minuten ist mein Mann damit fertig. Er wird Sie gleich vornehmen.«
Sie nahm das Hörrohr des Haustelephons, das ihr Zimmer mit dem Ordinationsraum ihres Mannes und mit der Küche verband.
»Rudolf!« sagte sie. »Ich schick' dir jetzt den Herrn Demba. Bitte, nimm ihn gleich vor. Er hat sich Brandwunden an den Händen zugezogen. – Ja. – Also er kommt gleich.« – Sie legte das Hörrohr fort. »So, Herr Demba.«
»Ich bin eigentlich nur gekommen –«; Demba schluckte und suchte nach Worten. »Ich wollte Sie bitten, gnädige Frau, ob ich nicht mein Monatssalär schon heute, trotzdem noch nicht der Erste ist, weil ja –«
Er hielt verlegen inne. Frau Dr. Becker dachte ein wenig nach, und griff dann wieder nach dem Hörrohr.
»Du, Rudolf! Geh bitte, gib dem Herrn Demba seinen Monatsgehalt, wenn er kommt. Achtzig Kronen. Sei so gut, ja? Ich hab' mein Portemonnaie nicht bei der Hand.«
Geschlagen auf der ganzen Linie verließ Demba das Zimmer.
Im Vorzimmer standen noch zwei von den Kindern. Das eine hatte die Vorhölle des Gewaschenwerdens bereits hinter sich, hielt ein Butterbrot in der einen, einen Apfel in der andern Hand. Der kleine Bub neben ihm horchte unruhig nach der Küche hin. Jetzt sollte offenbar die Reihe an ihn kommen. Mit einem Male raffte er seine beiden Bündel Schuhriemen vom Fußboden auf, öffnete rasch die Wohnungstür und machte sich aus dem Staub.
Hinter ihm schlich Demba lautlos zur Tür hinaus.
Beide rannten die Treppe hinunter. Im ersten Stockwerk blieb Demba stehen, riß das Taschentuch von der Hand herunter und versuchte, es in die Tasche zu stopfen. Als ihm dies nicht gleich gelang, schleuderte er es mit einem Fluch zu Boden.