Dr. Rübsam war als erster gekommen. Er hatte nicht lang' warten müssen. Es regnete in Strömen, und früher als sonst fanden sich die andern zu der allabendlichen Bukidominopartie ein. In dem kleinen reservierten Zimmer des Café Turf, in das man durch eine sorgfältig verhängte und von einem Pikkolo bewachte Tür eintrat, saßen heute elf Personen.
Der rothaarige Postbeamte war wieder da, der tags zuvor geschworen hatte, daß er sich heute zum letztenmal mit dieser Bande von Bauernfängern an einen Tisch gesetzt habe. Dann der Geschäftsreisende, der immer bei Geld und doch seit zwei Jahren stellungslos war. Der Kellner aus dem Praterwirtshaus, der die Trinkgelder, die er die Woche über eingenommen hatte, an seinem dienstfreien Abend hier verspielte. Die Frau Suschitzky, die ehemalige Heiratsvermittlerin, die in der Gegend zwischen der Augartenbrücke und dem Praterstern überall bekannt und jetzt zur Vermietung ungenierter Absteigequartiere übergegangen war, aber auch der Vermittlung kurzfristigerer Gelegenheiten nicht durchaus ablehnend gegenüberstand. Der Häuseragent, der »Durchlaucht« genannt wurde – ohne ersichtlichen Grund übrigens, denn er bezahlte seine Spielverluste durchaus nicht in der Haltung eines Großfürsten. Der Rechnungsfeldwebel, derin tschechischer Sprache lasterhaft fluchte, wenn statt seiner ein anderer gewann. Der »Herr Redakteur«, der auf die Frage, für welches Blatt er arbeite, immer mit wegwerfender Gebärde zur Antwort gab: »Für alle«. Der Sparkassenbeamte, der mit seinem Hund und seiner Freundin erschien, dem Hund vom Pikkolo Wursthäute, der Freundin ein paar zerlesene Zeitschriften bringen ließ, um sie dann beide im Eifer des Spieles gänzlich zu vergessen; und schließlich Hübel, der halbverbummelte Mediziner, der noch nicht, und Dr. Rübsam, der schon lange nicht mehr Doktor war.
Dr. Rübsam hielt die Bank und gewann natürlich wieder einmal. Zu Beginn des Spieles hatte er drei zerknitterte Zehnkronennoten aus der Brieftasche genommen und als Betriebskapital vor sich auf den Tisch gelegt, eine lächerlich geringe Summe für eine Partie, in der er dem Gewinner dreifaches Geld auszahlen mußte. »Mit dem Geld will ich heut sechshundert Kronen gewinnen,« hatte er zu Beginn der Partie mit aufreizender Offenheit gesagt. »Ich geb's nicht billiger. Genau soviel hab' ich gestern beim Rennen verspielt. Das muß ich wieder hereinbringen.« Und jetzt, während des Spiels, fragte er, so oft er den Einsatz der anderen einstrich: »Hab' ich schon gesagt, daß ich heut sechshundert Kronen gewinnen will? Setzen Sie, meine Herren! Setzen! Setzen! In dem Tempo komm' ich heut nicht zu meinem Geld!«
Der Postbeamte, der Feldwebel und die Suschitzky kochten vor Wut, denn Dr. Rübsam gewann wirklich. Auf seinem Platz häufte sich das Geld. Hie und da nahm er ein paar Banknoten vom Tisch weg und brachte sie in seiner Tasche in Sicherheit.Auf dem Stuhl neben ihm lagen seine Aktentasche, ein Paar abgenutzte Manschetten, die er der Bequemlichkeit halber abgelegt hatte, seine Zigarre und eine goldene Uhr, auf die er hin und wieder einen Blick warf. Bis acht Uhr abends wollte er spielen, nicht eine Minute länger. Um acht Uhr abends mußte er »zur Sitzung«, hatte er gesagt. Niemals versäumte Dr. Rübsam, sich solch einen Termin zu setzen. Er entging auf diese Art dem Drängen nach Revanche, bei der er das gewonnene Geld hätte höchst überflüssiger- und unnützerweise nochmals aufs Spiel setzen müssen, und entzog sich gleichzeitig den Herzenstönen der Frau Suschitzky, die ihm immer nach der Partie mit beweglichen Klagen einen Teil der Beute abzunehmen versuchte.
An die »Sitzung« glaubte natürlich niemand. Seit seiner Verurteilung, die ihn den Doktorgrad und das Recht auf Ausübung der Advokatur gekostet hatte – er hatte an einem seiner Klienten Erpressungen begangen –, lebte er von seinen und anderer Leute Renten, und die Aktentasche trug er nur aus alter Gewohnheit mit sich herum. Zu den Kosten seiner Lebenshaltung trugen nun Staat und Gesellschaft in vielerlei Formen bei: der Sparkassenbeamte lieferte ihm pünktlich seine Gehaltsvorschüsse ab; die Unterstützungen, die der Reisende von der Mutter seiner Frau erhielt, fanden auf dem Umweg über das Bukidomino gleichfalls den Weg in Dr. Rübsams Taschen, ebenso wie die zahlreichen Nebeneinkünfte des Rechnungsfeldwebels und die Steuern, die Frau Suschitzky der genußfrohenJeunessedoréeder Leopoldstadt auferlegte. Staat und Ärar, Kommerz und Lebeweltwirkten einträchtig zusammen, um Dr. Rübsam eine standesgemäße Lebensführung zu ermöglichen.
Die Dominosteine klapperten, die wütend auf den Tisch geschleuderten Silbergulden klirrten, der Regen schlug an die Scheiben, und von den Überziehern und Schirmen an der Wand floß das Regenwasser in dünnen Bächen, die sich auf dem Fußboden zu kleinen Teichen vereinigten. Dr. Rübsam machte trotz des Aufruhrs der Elemente ein höchst zufriedenes Gesicht. Die Stimmung gegen ihn wurde immer gereizter, aber zu den sechshundert Kronen fehlte nicht mehr viel, und er blickte immer häufiger auf seine goldene Uhr.
Der Pikkolo steckte den Kopf zur Tür herein.
»Herr Doktor werden verlangt.«
»Wer? Ich?« Dem Doktor, der gerade die Dominosteine austeilte, waren Störungen während seiner Geschäftsstunden sehr unwillkommen.
»Nein. Herr Doktor Hübel.«
Der lange Mediziner stand auf. Er hielt einen Zehnkronenschein zwischen den Fingern, und überlegte gerade, ob er diesen letzten Rest seiner Barschaft auf einmal riskieren sollte.
»Mich will jemand sprechen?« fragte er zerstreut.
»Ja. Der Herr wartet draußen.«
»Sagen Sie ihm, ich sei gerade fortgegangen,« entschied er auf alle Fälle.
»Ich hab' aber schon gesagt, daß Herr Doktor hier sind!«
»Esel!« schrie Hübel und ging voll böser Ahnungen hinaus.
Richtig. Da stand Stanislaus Demba.
»Servus, Demba,« begrüßte ihn Hübel ohnegroßen Enthusiasmus. »Woher weißt du, daß ich hier bin?«
»Ich war bei dir zu Hause, aber du warst fort. Ich dachte mir, daß ich dich hier finden werde.«
»Dein Scharfsinn ist bewunderungswürdig. Aber gib dich um Gottes willen keinen übertriebenen Hoffnungen hin.« Er zeigte die zerknitterte Zehnkronennote. »Siehst du, so seh' ich aus. Das ist alles, was ich habe.«
Demba wurde blaß. »Aber du hast mir doch für heute das Geld versprochen!«
»Du hättest eine Stunde früher kommen müssen, eh' ich mich zum Spielen niedersetzte. Jetzt hat mich schon der Dr. Rübsam in Kost und Quartier gehabt. Das kommt von deiner Unpünktlichkeit,« erklärte Hübel mit einem schwachen Versuch, die Sache ins Scherzhafte zu ziehen.
»Ich hab' auf das Geld gerechnet!« sagte Demba und bekam einen starren Blick.
»Wieviel bin ich dir denn eigentlich schuldig?« fragte Hübel zerknirscht.
»Vierzig Kronen,« sagte Demba.
»Es tut mir leid!« sagte Hübel. »Ich habe Pech gehabt. Nimm auf jeden Fall diese zehn Kronen, sonst frißt sie der Dr. Rübsam, dieser schwere Granat, auch oder ein anderer von den Galeristen drin.«
Soweit verstand Demba das Rotwelsch der Bukispieler, um zu wissen, daß unter »Granat« ein Halsabschneider und unter den »Galeristen« Spielratten von Beruf zu verstehen waren.
Er nickte mit dem Kopf, nahm aber das Geld nicht. »Was mach' ich mit zehn Kronen!« sagte er bekümmert. »Zehn Kronen! Ich brauch' viel mehr!«
Hübel wußte keinen Rat.
»Kannst du dir nicht von deinen Freunden etwas ausleihen?« fragte Demba mit einem Blick auf die Tür.
»Von denen?« Hübel winkte abwehrend mit der Hand. »Da kennst du diese Leute schlecht. Hier borgt keiner dem andern.«
»Was jetzt?« fragte Demba ratlos.
»Weißt du was?« rief Hübel. »Versuch's einmal mit dem Buki. Vielleicht hast du mehr Glück als ich.«
Demba schüttelte heftig den Kopf.
»Beim Buki ist alles nur Glück,« versicherte Hübel. »Da können aus zehn Kronen leicht hundert werden und auch noch mehr.«
»Nein,« sagte Demba, »ich rühre keine Karten an.«
»Es sind gar keine Karten. Buki wird mit Dominosteinen gespielt, du Ignorant.«
»Ich verstehe das Spiel ja gar nicht,« sagte Demba.
»Da gibt's nichts zu verstehen,« erklärte ihm Hübel eifrig. »Gewöhnliches Domino. Das kennst du doch. Nur daß man auf die vier Spieler setzen kann, wie auf Rennpferde. Du mußt gar nicht mitspielen, du brauchst bloß zu setzen.«
Demba war unentschlossen.
»Hundert Kronen hat gestern die Suschitzky gewonnen, ohne einen Finger zu rühren,« erzählte Hübel.
Ohne einen Finger zu rühren! Das gab den Ausschlag.
»Eigentlich hab' ich mir schon immer einmal das Spiel anschauen wollen,« meinte Demba.
»Also komm!« sagte Hübel und schob ihn zur Tür hinein.
Dembas Erscheinen im Spielzimmer fand anfänglich wenig Beachtung. Fremde Gesichter wurden zwar beim »Buki«spiel höchst ungern gesehen, da aber Demba von Hübel eingeführt wurde, gab es keine Schwierigkeiten. Die Aufnahmeformalitäten waren von sehr einfacher Art und vollzogen sich glatt:
»Hat er Marie?« erkundigte sich Dr. Rübsam.
Hübel machte mit der hohlen Hand ein Zeichen, daß Demba Geld genug habe. »Wie Mist,« setzte er hinzu.
»Dann ist's gut,« sagte Dr. Rübsam, und die Sache war erledigt.
»Pech! Pech! Verfluchtes, elendes Pech!« schrie in diesem Augenblick der Postbeamte, der zum viertenmal seinen Einsatz verloren hatte und nun, da er kein Geld mehr besaß, außer Gefecht gesetzt war.
»Das ist Musik in meinen Ohren,« sagte Dr. Rübsam vergnügt und strich das Geld ein. »Setzen, meine Herren, setzen, setzen! Das Geschäft geht flau.« Er rieb sich die Hände, zwinkerte Demba zu und fragte: »Haben Sie schon eingekocht, junger Mann?«
Demba sah ihn an. Er bemerkte mit einer Art Unbehagen, daß Zeige- und Mittelfinger an des Doktors behaarter Hand verkrüppelt waren.
»Ob du schon gesetzt hast, Demba, fragt der Herr Doktor,« erklärte Hübel. »Auf wen soll ich setzen?«
»Auf wen du willst,« sagte Demba, und sah noch immer voll Schauer auf des Doktors Finger, die ihn ängstigten und erschreckten.
»Alles auf einmal?«
»Ja. Setz' alles auf einmal.«
Vier Reihen Dominosteine lagen auf dem Tisch. Die nahmen am Spiel nicht teil. Jede Reihe repräsentierte einen der Spieler. Hübel schob den Zehnkronenschein in den Spalt zwischen die zweite und dritte Reihe, und hatte damit auf den Sieg »Semmelbrösels« gewettet, des Kellners, der diesen Spitznamen einer Unzahl gelblicher Gesichtspickel verdankte, die ihm auf den Wangen und auf dem Kinn standen. Das Spiel nahm seinen Anfang, und der »Herr Redakteur« startete unter allgemeiner Spannung mit dem ersten Stein.
Demba wandte sich ab. Er wollte nicht wissen, was mit seinem Geld geschah. Er suchte irgend etwas, worin er lesen konnte, um nicht sehen und nicht hören zu müssen, eine Zeitung oder ein illustriertes Blatt. Aber nur eine Nummer der »Österreichischen Kaffeesiederzeitung« hing an der Wand. Und die begann Demba zu lesen.
Annoncen. Gleich auf der ersten Seite. Hundertfünfzig grüne Stühle für einen Gasthausgarten bot einer an. Schnäpse, prima Qualität, wollte ein zweiter liefern. Ein Orchestrion hatte ein anderer zu vergeben. Kristalleis! Hunderttausend Papierservietten! Zigarrenanzünder! Praktisch! Modern! gellte es durch die Spalten. Geld wollte ein jeder verdienen, alles schrie, alles drängte sich vor, die Welt war ein großer, runder, grünüberzogener Spieltisch, von Schnäpsen befleckt, von Zigarrenasche beschmutzt, Silber klirrte, Papiergeld flatterte, hinter jedem Gulden, der durch die Welt rollte, waren schon tausend gierige Hände her, Hände, behaarte Hände mit verkrüppeltenFingern, die dennoch zu greifen verstanden, wie Polypenarme, – und in all dem Wirrsal von Hast, Schacher, Gewinnsucht, Wucher und Betrug hatte er, Demba, sich unterfangen, seine Hände schüchtern nach seinem Teil auszustrecken, nach einer armseligen Handvoll Geld, um die sich tausend andere geballte Fäuste rauften, die ihn fortstießen und beiseite drängten. Und Demba wurde plötzlich mutlos und verzagt und gab seine Sache auf, und wollte sich voll Scham über seinen kläglichen Versuch heimlich zur Tür hinausschleichen.
Da kam vom Spieltisch her mit einem Male Lärm und Geschrei. Die Suschitzky nannte einen von den Spielern einen ordinären Gauner, der dem Rübsam einen »Zund gegeben« habe. Der Redakteur rief: »Jetzt versteh' ich alles!« »Semmelbrösel« zeterte unausgesetzt: »Mein Geld will ich endlich haben!« Und neben Demba stand der Mediziner, hielt Geld in der Hand und sagte:
»Siehst du, Demba. Was hab' ich gesagt? Du hast gewonnen.«
»Wieviel?« fragte Demba ohne aufzusehen.
»Dreißig Kronen. Dreifaches Geld.«
Demba schwieg.
»Was jetzt?« fragte Hübel.
»Weiter setzen,« sagte Demba.
»Alles?«
»Ja.«
»Herrschaften, Ruhe!« schrie jetzt Dr. Rübsam. »Ruhe!« sekundierte ihm Hübel. Der Lärm verstummte nach und nach, nur Frau Suschitzky erging sich noch eine Weile in Anklagen und Verdächtigungen, aber das Spiel nahm seinen Fortgang.
Noch immer zwang sich Demba, nicht hinzusehen.Er starrte in die Zeitung, las Worte und Zeilen, ohne sie zu verstehen, und horchte nach dem Spieltisch hin. Die Dominosteine klapperten, der Reisende schlürfte geräuschvoll seinen schwarzen Kaffee, und die Frau Suschitzky sagte plötzlich ernst und feierlich wie ein Gebet:
»Hallum-Drallum.«
»Wieso denn Hallum-Drallum?« protestierte der Postbeamte. »Sind denn auf beiden Seiten acht? Rechts ist doch sieben!«
Wer ist das: Hallum-Drallum? – fragte sich Demba seltsam erregt. Wer ist das: Hallum-Drallum? – bohrte es ihm quälend im Hirn. Und plötzlich wußte er es: Der Kriegsgott der Tataren. Und das Bild eines kleinen, dickbäuchigen Mannes formte sich vor seinem Auge, eines Mannes mit fahlem Gesicht, das über und über mit gelben Pickeln übersäet war, mit wulstigen Lippen und glotzenden Augen. Mit bunten Fetzen behängt stand er da, mit haarigen Händen, ein dicker, geflochtener Zopf hing ihm in den Nacken – Hallum-Drallum, der Kriegsgott der Tataren – nein! Der Gott des Geldes selbst, zu dem sie alle beteten, die andern dort, da stand er, und blickte ihn grinsend an und gröhlte: Du willst mein Geld, du Narr? Was hast du anzubieten? Kristalleis? Gartenstühle? Papierservietten? Nichts? Gar nichts? Dann bücke dich vor mir, bücke dich, du Zwerg! Tiefer! Tiefer!
Und Stanislaus Demba bückte sich um des Geldes willen gehorsam, tief und demütig, vor der leeren Wand, auf der nichts zu sehen war, als sein eigener Schatten und der Fetzen eines abgerissenen gelblich-fahlen Stücks Tapete.
»Ich bin fertig!« rief der Kellner in diesem Augenblick, und sofort brach ein Lärm los, alles schrie durcheinander, die Suschitzky rief mit gellender Stimme: »Das gibt's nicht! Sie kommen nicht an die Reihe!«
»Schwindel!« brüllte der Postbeamte und schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Aber der Doktor hat doch ›weiter‹ gesagt,« jammerte der Kellner.
»Betrug! Betrug!« heulte der Postbeamte.
»Ruhe!« überschrie ihn Dr. Rübsam. »Wer sagt: Betrug? Ich verliere doch auch mein Geld!«
Wieder stand Hübel neben Demba, zupfte ihn am Ärmel und sagte:
»Du hast zum zweitenmal gewonnen.«
»So?« – Demba war nicht überrascht und nicht erstaunt.
»Neunzig Kronen. Soll ich weitersetzen?«
»Ja,« nickte Demba.
»Wieviel?«
»Alles.«
»Bist du toll?« fragte Hübel.
»Ja.«
»Du hasardierst!«
»Das tu' ich heute schon den ganzen Tag.«
»Mir kann's recht sein. Aber dreimal hintereinander wirst du nicht gewinnen.«
Er trat an den Spieltisch. Die Orgie der Tobsucht und der Enttäuschung war vorüber. Ein neues Spiel hatte begonnen, neue Einsätze wurden gemacht, und Dr. Rübsam fuhr sich nervös mit der Hand über den kahlen Schädel: Er hatte in der letzten Partie mehr als die Hälfte seiner Barschaft verloren.
»Was ist damit?« fragte er und wies auf Dembas Geld.
»Bleibt liegen,« sagte Demba.
»Also: Geld auf Geld!« sagte Dr. Rübsam. »Sprechen Sie gefälligst deutsch!«
»Ja. Geld auf Geld,« bestätigte Hübel.
»Dann ist's gut,« sagte der Ex-Advokat. »Ich wollt' nur wissen –« Er legte einen Stein in die Mitte des Tisches und das Spiel begann.
»Fort mit Schaden,« sagte die Suschitzky und schob ihren Stein an.
»Ich hab' alles,« erklärte der Redakteur mit Bezug auf seinen Vorrat an Dominosteinen.
Das Spiel ging weiter. Diesmal sah Demba gespannt und voll Erregung zu.
Da lagen seine neunzig Kronen, eingeklemmt in den Spalt zwischen zwei Reihen Dominosteinen. Und wenn er jetzt gewann, dann besaß er zweihundertundsiebzig Kronen. Abgegriffenes, zerknittertes Papier, das durch hundert schmutziger Hände gegangen war, und dennoch – Proteus Geld! – jedem der Menschen da, die über den Tisch gebeugt standen und es gierig mit den Augen verschlangen, erschien es in einer anderen lockenden Gestalt. Dem einen als durchjubelte, durchzechte Nacht, für den zweiten war es die längst schon fällige Wohnungsmiete. Für den dort hieß es: Sich satt essen können, einen ganzen Monat hindurch. Der wieder wird es Nacht für Nacht in die Winkelgassen der Dirnen tragen, dieser da wird es verspielen, beim Rennen oder an der Börse, die vergräbt es unter dem Strohsack ihres Bettes – und für ihn, für Demba, was war es für ihn? Er gab sich Mühe, sich das auszumalen.An altersgraue Türme wollte er denken, an Domportale und steinerne Engel, die Geige oder Laute spielten, an schmale, winkelige Gassen einer italienischen Stadt, durch die er Arm in Arm mit Sonja ging. Aber seltsam: Keines dieser Bilder wollte ihm erscheinen. Nicht die Stadt, nicht die Türme, nicht die Geige spielenden Engel. Alles blieb farblos und verschwommen und zerfloß in nichts. Dafür kamen andere Visionen, – die Gespenster der Wünsche, der Begierden, der Hoffnungen der Anderen nahmen in seinem Gehirn Gestalt an. Dr. Rübsam saß lachend bei Zigeunermusik mit zwei dicken Weibern vor Champagnerflaschen. Ein leeres Zimmer war plötzlich da, kein Stück Möbel stand darin, nur ein Bett, ein riesengroßes Bett, in dem Raum war für die Lust der ganzen Stadt, und die Suschitzky holte verstohlen unter der Matratze Geld hervor und liebkoste es. Der Postbeamte hatte Teller aus Steingut mit Brot, Wurst und Käse vor sich auf einem ungedeckten Tisch und schlang mit vollen Backen und hungrigen Augen Stück auf Stück hinunter. Und als die Wünsche und Begierden der anderen vor Dembas Augen grelles Leben gewannen und die seinen nicht, da begann er um sein Geld zu zittern und zu bangen, und es wurde ihm zur trostlosen Gewißheit, daß es verspielt war und daß es in diesem Augenblicke schon nicht mehr ihm gehörte, sondern dem Rübsam oder der Suschitzky.
»Gesperrt!« rief plötzlich der Redakteur, und die Suschitzky stieß im gleichen Moment ein Wehgeschrei aus:
»Gesperrt! Jetzt sitz' ich da, eingefroren mit drei Steinen.«
»Gesperrt? Wer sagt Ihnen das?« schrie der Kellner triumphierend und setzte seine zwei Steine an, einen rechts und einen links. »Den für Sonntag und den für Montag! Ich bin aus!«
»Mensch! Glückspilz! Du hast wieder gewonnen. Zweihundertsiebzig Kronen!« schrie Hübel Demba in die Ohren.
Der Advokat erhob sich. Es wurde still im Zimmer.
»Bitte. Ich zahl' alles aus,« sagte er mit belegter Stimme und griff in die Tasche.
»Ich bekomm' sechzig Kronen,« rief der Feldwebel.
»Ich fünfundvierzig!« schrie der Häuseragent.
»Ich auch fünfundvierzig. Ich wollt', ich hätt' sie schon,« sagte der Reisende.
»Ich zahl' alles aus,« rief Dr. Rübsam und fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel. »Aber die Bank wird dann ein anderer übernehmen müssen. Ich kann nicht mehr Buki sein. Ich bin total abgebrannt.«
Er zog die Brieftasche und begann auszuzahlen.
»Die Bank soll jetzt ein anderer halten. Ich bin fertig mit meinem Geld. Außer, einer der Herren ist so gut und leiht mir hundert Kronen.«
Ein Hohngelächter war die Antwort auf diese Zumutung.
»Ich bitte, ich gebe Deckung. Meine Uhr,« sagte Dr. Rübsam, der jetzt unbedingt weiterspielen wollte, aufgeregt. »Meine Uhr ist unter Brüdern –«
Er wollte nach der Uhr greifen, fand sie aber nicht auf dem Sessel, auf den er sie gelegt hatte.
»Wo ist meine Uhr?« fragte er, fuhr sich nervös in alle Taschen und rückte den Sessel zur Seite.
»Meine Herren! Das hab' ich nicht gerne,«sagte er dann, indem er gewaltsam seine Unruhe zu verbergen suchte. »Mit meiner Uhr, bitte, keine Scherze.«
Er blickte sich um und sah erregt von einem zum andern.
»Also, da hört sich jeder Spaß auf,« rief er, als er keine Antwort bekam. »Da vertrag' ich keine Witze. Die Uhr will ich sofort wieder haben.«
»Ich hab' sie nicht,« versicherte der Postbeamte.
»Ich auch nicht. Ich mache keine solchen Scherze,« erklärte der Redakteur.
»Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie eine Uhr haben,« rief der Feldwebel.
»Wo ist sie zuletzt gelegen?« fragte Semmelbrösel.
»Suchen Sie in Ihren Taschen, Doktor. Sie werden sie eingesteckt haben,« riet der Häuseragent.
Dr. Rübsam kehrte noch einmal, ganz gelb im Gesicht vor Angst, alle seine Taschen um, leuchtete dann mit einem Zündhölzchen unter den Tisch, fand auch da nichts und gab das Suchen auf.
»Es ist ein Skandal!« rief die Suschitzky.
Dr. Rübsam stellte sich jetzt in die Türe und erklärte:
»Kein Mensch geht zur Tür hinaus, bevor nicht meine Uhr wieder da ist. Das möcht' ich doch sehen, ob es möglich ist, daß einem am hellichten Tag –«
»Ich bin von meinem Platz nicht aufgestanden!« rief der Redakteur. »Das haben Sie doch gesehen, Doktor?«
»Gar nichts hab' ich gesehen!« rief Dr. Rübsam wütend. »Jetzt geht mir keiner hinaus!«
»Ich muß doch um acht in meiner Redaktion sein.«
»Das geht mich gar nichts an. Alles bleibt hier, so lange, bis ich meine Uhr wieder hab'.«
»Wollen Sie sagen, daß ich sie Ihnen gestohlen hab'?« protestierte der Sparkassenbeamte.
»Meine Herren! Einen Vorschlag!« rief Hübel. »Es liegt ja allen daran, festzustellen, daß unter uns kein Dieb ist. Ich schlage vor, daß wir uns einer nach dem anderen von Dr. Rübsam untersuchen lassen. Ich bitte,« schrie er laut in das Gewirr streitender Stimmen hinein, »das soll für niemanden eine Beleidigung bedeuten. Ich selbst will den Anfang machen.«
Er zog den Rock aus und kehrte die Taschen um. Dr. Rübsam untersuchte ihn. Nicht allzu sorgfältig. Er hatte einen bestimmten Verdacht: Die Suschitzky war einmal während des Spieles längere Zeit hinter ihm gestanden.
All das, was im Zimmer vorging, hatte Demba nicht beachtet und nicht gehört. Auf dem Spieltisch, auf dem sein Einsatz gelegen war, war jetzt eine ganze Anzahl Banknoten verstreut und Silbergeld dazu, zweihundertsiebzig Kronen, und die gehörten ihm. Wie eine Katze strich Demba um den Tisch herum. Wie mußte er es anstellen, daß das Geld in seine Hände und in seine Tasche kam! Den günstigen Augenblick abpassen und blitzschnell danach langen – es sah so leicht aus und dennoch! Demba wagte es nicht.
Der Sparkassenbeamte war jetzt an der Reihe, und die Untersuchung seiner Taschen förderte ein Taschenmesser, ein Zigarettenetui aus Karlsbader Sprudelstein, zwei Pariser Gummispezialitäten und eine Broschüre: »Die Kunst zu plaudern und ein Gespräch anzuknüpfen« zutage. Dann kam »Semmelbrösel«,der Kellner, daran, aber nur ein halbes Dutzend Photographien in Kabinettformat, die ihn selbst Arm in Arm mit einer ältlichen, sehr verliebt dreinsehenden Dame darstellten, kam ans Licht. Und jetzt wandte sich Dr. Rübsam an Stanislaus Demba.
»Darf ich bitten?« fragte er höflich.
Demba fuhr zusammen. »Was wollenSie?«
»Nur eine Formalität natürlich,« sagte Dr. Rübsam. »Ich bin selbstverständlich vollkommen überzeugt – aber –«
»Was wollen Sie denn?« fragte Demba, ärgerlich über die Störung. Ihm war gerade in diesem Augenblick ein Mittel, das Geld in Sicherheit zu bringen, eingefallen. Er wollte Hübel bitten, das Geld vorläufig zu sich zu stecken, und das Weitere würde sich dann leicht finden.
»Bitte, also vielleicht zuerst den Mantel abzulegen,« sagte Dr. Rübsam. »Wie gesagt, es liegt mir fern, irgendwie – aber –«
Demba starrte ihn an und glaubte schlecht verstanden zu haben.
»Was sagen Sie da? Was reden Sie da von meinem Mantel –?«
»Ja. Ich bitte, ihn abzulegen.« Dr. Rübsam wurde ungeduldig.
»Ausgeschlossen,« sagte Demba.
»Was soll das heißen?« fragte Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht?«
»Unsinn,« sagte Demba. »Lassen Sie mich in Ruhe.«
»Sehr verdächtig!« schrie der Postbeamte.
»Aha!« ließ sich Frau Suschitzky vernehmen.
»Wirklich, sehr merkwürdig,« stellte der Reisende fest.
»So also ist die Sache,« sagte Dr. Rübsam.
»Demba!« rief Hübel. »Du hast die Uhr?«
»Welche Uhr?« fragte Demba verwirrt.
»Die Uhr des Herrn Doktor.«
»Sie meinen doch nicht, daß ich Ihnen Ihre Uhr genommen habe?« rief Demba entsetzt.
»Nicht?« fragte Dr. Rübsam erstaunt und in nicht sehr überzeugtem Ton. »Ein Scherz vielleicht, dachte ich –«
»Aber das ist ja Unsinn!« beteuerte Demba.
»Aber dann lassen Sie sich doch untersuchen.«
»Nein,« stieß Demba hervor.
»Aber Demba. Es ist doch nur eine Formalität. Alle Herren werden sich –«
»Nein!« brüllte Demba und sah den Mediziner hilfeflehend an.
»So,« sagte da Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht. Dann weiß ich, was ich zu tun habe.«
Er drehte Demba den Rücken und näherte sich dem Tisch.
»Ich werde mich nicht streiten,« sagte er ganz ruhig. »Wozu?«
Und mit einem plötzlichen Griff hatte er sich des Geldes, das auf dem Tisch lag, versichert.
Demba wurde aschfahl, als er sein Geld in Dr. Rübsams Händen sah. Die Wut der Verzweiflung kam mit einem Mal über ihn. Nein. Es durfte nicht sein! Es konnte nicht sein, daß der Mensch dort das Geld behielt. Jetzt – sich auf ihn stürzen, die Hände frei bekommen, ihm das Geld entreißen! Die Ketten mußten zerrissen werden! Auch Eisen ist nicht unbezwingbar, auch Stahl kann brechen. Und mit einer gewaltigen Anstrengung rebellierte er gegen seine Ketten,die Muskeln dehnten sich, die Adern schwollen, in höchster Not wurden seine Hände zu zwei Giganten, die sich empörten, die Kette knirschte –
Das Eisen hielt.
»Ich muß doch meine Uhr wiederbekommen. Helf', was helfen kann,« sagte Dr. Rübsam und schob mit nicht ganz reinem Gewissen Dembas Geld in seine Tasche. »Ich kann nicht anders. Not bricht Eisen.«
Und nun stand Demba auf der Straße, genarrt, gestrandet, um das Geld geprellt und um die letzte Hoffnung betrogen.
Es regnete. Er verspürte brennenden Durst und die Hände schmerzten ihn, die Knöchel vor allem und die Finger. Er war mutlos und so müde, daß er keinen anderen Wunsch mehr hatte, als endlich zu Hause zu sein, um den Kopf unter der Bettdecke zu verbergen, an nichts zu denken und zu schlafen.
Er hatte sich seinen gefesselten Händen zum Trotz um des Geldes willen in den Wirbel des Alltags gewagt. Und der tollgewordene Tag hatte ihn ohne Erbarmen durch die Stunden gehetzt, ihn wie eine hilflose Nußschale hin und her geschleudert, und jetzt war Stanislaus Demba müde, gab den Kampf auf und wollte schlafen.
»Wenn ich dir heute abend das Geld nicht auf den Tisch lege, dann magst du in Gottes Namen mit dem Georg Weiner fahren,« hatte er am Morgen gesagt. Und so weit war es nun. Er hatte das Geld nicht, und er wollte keinen Versuch mehr machen, es zu erlangen.
»Sie mag fahren,« sagte er im Gehen zu sich selbst und zuckte die Achseln. »Ich halte sie nicht. Bis heute abend um acht Uhr ist sie verpflichtet, auf mich zu warten. Länger nicht.Fair play.Ich habe getan, was ich konnte, aber ich habe keinen Erfolg gehabt. Eine straffe Organisation tückischer Zufälle stand gegen mich, ein Trust bösartiger Ereignisse. Jetzt ist Sonja frei. So ist es ausgemacht und ich halte mein Wort.Fair play.«
Ein Gefühl der Genugtuung überkam Demba bei dem Worte ›fair play‹ und er nahm im Gehen die Haltung eines Mitgliedes des Jokeyklubs an, der eben im Begriffe ist, ohne seine Miene zu verziehen, Ehrenschulden von beträchtlicher Höhe zu begleichen.
»An der weiteren Entwicklung der Dinge bin ich ja glücklicherweise desinteressiert,« sagte Demba leise und beflügelte seine Schritte. »Völlig desinteressiert.« Das Wort gefiel ihm und er gebrauchte es nochmals. »Ich erkläre hiemit mein Desinteressement,« sagte er und bekam den Gesichtsausdruck eines gewiegten Diplomaten, der eine bedeutsame Erklärung von großer Tragweite abgibt. Er blieb stehen und brachte durch eine leichte Verbeugung einem unsichtbaren Gegner zur Kenntnis, daß er an dem weiteren Verlauf der Dinge völlig desinteressiert sei.
»Jawohl. Völlig desinteressiert,« wiederholte er nochmals, denn er konnte sich von diesem Worte nicht losreißen, das die merkwürdige Fähigkeit zu besitzen schien, alles in einem tröstenden und beruhigenden Licht erscheinen zu lassen. Er brachte es beinahe zustande, ohne eine Spur von Haß, Zorn und Schmerz daran zu denken, daß Sonja Hartmann morgen mit einem Anderen fortfahren und daß er selbst allein zurückbleiben werde.
»Ich habe mein Wort nicht einlösen können, und nun heißt es eben die Konsequenzen ziehen,« versicherteer sich selbst. Er blieb an einer Auslage stehen und suchte sein Spiegelbild, denn er mußte sich unbedingt dabei beobachten, wie er kühl, unbewegt und zu Allem entschlossen die Konsequenzen zog.
»Das läßt sich nicht mehr ändern. Es war so ausgemacht,« sagte er und suchte sich selbst die Überzeugung von der zwingenden Natur der Umstände beizubringen. Und der Dienstmann an der Straßenecke, der Geschäftsdiener, der eben den Rolladen herunterließ und das Dienstmädchen, das mit dem vollen Bierkrug im Haustore stand, sie alle blickten verwundert der seltsamen Figur nach, die mit gesenktem Kopf, achselzuckend und sich selbst eifrig zuredend durch die Straßen eilte.
»Und jetzt nach Hause!« sagte Demba und blieb stehen. »Wohin geh ich denn? Es ist Zeit, nach Hause zu kommen! Miksch wird schon fort sein. Ich kann ruhig nach Hause. Es ist halb acht Uhr. Steffi wird bald kommen, und ich werde endlich die Handschellen los.«
Er bog in die Liechtensteinstraße ein, denn er sah wirklich nicht ein, warum er sich durch diesen Herrn Weiner abhalten lassen sollte, auf dem kürzesten Weg nach Hause zu gehen. Daß dieser Herr Weiner gerade in der Liechtensteinstraße wohnte, das konnte kein Grund sein, um einen Umweg zu machen. Jede Minute war kostbar.
Der Regen war stärker geworden. Demba hüllte sich fest in seinen Mantel. Es dunkelte und die flackernden Gasflammen spiegelten sich in den Regenlachen.
»Ich habe mich doch ein wenig zu stark engagiert in dieser Sache,« erzählte sich Demba und trat in Gedanken in eine Pfütze. »Es ist Zeit,daß ich meine Engagements löse.« Und auch diese Redewendung tat ihm auf seltsame Weise wohl. Sie klang so geschäftsmäßig kühl, so kaufmännisch berechnend und log die Gefühle weg, die schlecht verborgen hinter all den tönenden Worten lagen: Schmerz, Eifersucht und brennendes Verlangen.
Vor dem Hause, in dem Georg Weiners Wohnung lag, blieb er stehen und stellte fest, daß das Fenster im zweiten Stock neben dem Balkon erleuchtet war.
»Nun ja,« sagte er und ging nicht weiter. »Er ist zu Hause, und sie ist bei ihm. Was ist weiter dabei? Keine Ursache stehen zu bleiben und Zeit zu verlieren. Es kümmert mich nicht; ich bin anderweitig präokkupiert.«
Er seufzte und fühlte einen Augenblick lang das Aufflammen eines hilflosen Zornes und dann einen leise bohrenden Schmerz. Mit starren Augen blickte er auf das erleuchtete Fenster. Aber er überwand dieses Gefühl und flüchtete sich in den Schutz der schön klingenden Worte, die seinen Schmerz betäuben sollten.
»Die Sache wird in durchaus amikaler Weise geordnet,« murmelte er. »Wir werden im besten Einvernehmen auseinander gehen.«
Er setzte seinen Weg fort, blieb aber bald wieder stehen.
»Nun ja,« sagte er. »Weiner wohnt recht hübsch. Morgensonne, Ausblick auf den Liechtensteinpark. Das ist alles, was über den Fall zu sagen wäre. Sonst ist ja nichts festzustellen. Also – Allons!«
Er ging aber nicht, sondern blickte weiter zum Fenster hinauf.
»Übrigens habe ich Zeit. Es ist noch nicht halbacht. Steffi kann noch nicht bei mir sein. Ob ich zu Hause sitze oder hier noch ein bißchen stehe, ist wohl irrelevant. Irrelevant,« wiederholte er nochmals mit Nachdruck, und der Klang dieses Wortes gab ihm bei sich das Air eines kühlen Beurteilers, der die Dinge mit den Augen des Außenstehenden zu betrachten vermochte. »Sie ist bei ihm, was weiter? Wenn ich mich dafür interessiere, so ist es nicht viel anders, als wenn ich im Theater auf die Bühne sehe. Eine Angelegenheit zwischen fremden Menschen. Es mag amüsant sein oder auch langweilig, – keinesfalls ist es sehr wichtig. Man könnte beinahe –«
Er fuhr zusammen. Sein Herz stand einen Augenblick lang still und begann dann wild und ungestüm zu pochen. In seinen Ohren sauste und brauste es und ein würgender Schreck nahm ihm den Atem.
Dort oben im Fenster war mit einem Male das Licht erloschen.
In Georg Weiners Zimmer war das Licht erloschen.
Was ging dort vor! Was hatte das zu bedeuten!
Der mühselig errichtete Bau kühlen Gleichmutes brach in Scherben zusammen.
Dort oben in jenem Zimmer lag jetzt Sonja in den Armen Georg Weiners. Sie war es, die das Licht ausgelöscht hatte, und jetzt gehörte sie ihm. Eine Stunde begann jetzt für die beiden oben, von der die Welt nichts wissen sollte. Stummes Einverständnis, Gewährung und Erfüllung, das war es, was das Erlöschen des Lichtes bedeutete. Und Demba stand unten kläglich im Stich gelassen von den glatten Worten, mit denen er sich widerSchmerz und Zorn gerüstet hatte und die nun zu Boden fielen, wie welkes Laub. Verzweifelt, tief unglücklich, zitternd vor Leid und Haß, von Neid geschüttelt und dem Weinen nahe stand Demba auf der Straße.
Aber sie durften nicht allein bleiben! Sie sollte nicht in seinen Armen liegen! Sie sollten nicht glauben, die beiden, daß sie sich vor Demba und der ganzen Welt verbergen könnten.
Er mußte hinauf. Er wußte nicht, was er oben tun und was er sagen würde. Die Türe aufreißen wollte er und plötzlich wie ein Vorwurf, wie eine Anklage, wie eine Drohung, wie ein Alarmruf im Zimmer stehen.
Und er ging mit keuchendem Atem mit geballten Fäusten und dennoch: das Herz voll Angst – so ging er auf das Haustor los.
Aber da trat plötzlich ein junger Mann aus dem Haustor auf die Straße. Es war Georg Weiner, und er war allein.
Er trat an den Rand des Trottoirs, spähte nach rechts und nach links, die Straße hinauf und hinab, und winkte einen Wagen herbei.
Einen Augenblick lang sah Demba den Rivalen in höchster Verwunderung an. Dann atmete er sehr erleichtert auf.
Georg Weiner war ganz allein zu Hause gewesen. Nein. Sonja war nicht bei ihm gewesen. Sie hatten einander nicht umarmt und nicht geküßt im Dunkeln. Nur weil er weggegangen war, hatte Weiner das Licht in seinem Zimmer ausgelöscht.
Mag sie gestern bei ihm gewesen sein, mag sie morgen wieder kommen! Daran war nichts gelegen.Aber daß Sonja jetzt, gerade jetzt, da Demba in hilflosem Zorn auf das Fenster gestarrt hatte, nicht oben gewesen war, das machte Demba glücklich. Daß das plötzliche Erlöschen des Lichts nichts anderes zu bedeuten gehabt hatte, als daß Georg Weiner seine Wohnung verließ, das machte Demba dankbar und zufrieden.
Und jetzt, da er seine Ruhe wieder hatte, versuchte er nochmals, sich hinter das Rüstzeug der schönen Redensarten zu flüchten. Aber die glatten Worte hatten ihre tröstende und täuschende Kraft verloren.
Nein. Es half nichts. Er konnte jetzt nicht nach Hause gehen. Einmal mußte er sie noch sehen, bevor sie fort fuhr. Einmal noch ihr gegenübersitzen, sie ansehen, sie sprechen und lachen hören und stummen Abschied von ihr nehmen.
Georg Weiner hatte einen Wagen herbeigerufen und stieg ein. Er schien es eilig zu haben.
– Wahrscheinlich fährt er zu ihr, – dachte Demba. – Und jetzt wird er mir sagen müssen, wo sie zu finden ist. –
»Guten Abend, Herr Kollege!« sagte Demba und trat aus dem Dunkel hervor.
Georg Weiner wandte sich um.
»Guten Abend, Demba!« sagte er kühl.
»Wohin?« fragte Demba mit klopfendem Herzen.
»In den Residenzkeller!« sagte Weiner.
»In den Residenzkeller? Man ißt gut dort, nicht wahr?«
»Passabel.«
»Vorzüglich ißt man im Residenzkeller!« sagte Demba eifrig. »Es ist möglich, daß ich auch hin komme.«
Stanislaus Demba war in gereizter Stimmung, als er die Türe öffnete. Er hatte sich in dem dunkeln Vorraum, durch den man gehen mußte, um in das Extrazimmer zu gelangen, das Schienbein schmerzhaft an einem Stuhle angestoßen. Er trat nicht sogleich ein, sondern blieb in der offenen Türe, halb verdeckt durch einen mit Hüten und Überröcken beladenen Kleiderständer, stehen.
Das kleine Zimmer war überheizt. Das Licht blendete ihn, dennoch sah Demba sofort, daß Sonja nicht da war. Aber ihre Freunde und Freundinnen saßen da, die Menschen, mit denen sie in den letzten Wochen fast immer beisammen gewesen war. Die beiden jungen Mädchen waren Schauspielschülerinnen. Der Tür gegenüber saß Dr. Fuhrmann, ein vierschrötiger Mensch mit dem Gesicht einer verdrossenen Bulldogge und einem Durchzieher auf der linken Wange. Er hatte ein scharfes, durchdringendes Organ, das wie die Hupe eines Automobils klang, man war versucht, eilig beiseite zu springen, so oft er zu reden anfing. An der andern Seite des Tisches, Georg Weiner gegenüber, saß, in eine Wolke von Zigarettenrauch gehüllt und sein ewiges, nichtssagendes Lächeln auf den Lippen, zu Dembas großem Ärger Emil Horvath.
Demba wurde wütend, wenn er nur an Horvath dachte. Manchmal, wenn er bei Beckers seine Lektionengab, kam Horvath, der im Hause verkehrte, ins Zimmer, grüßte nicht, hörte nachsichtig lächelnd zu, wie Demba den Buben die unregelmäßigen Verba erklärte und ging dann mit überlegenem Lächeln wieder hinaus. Unverschämt! Er kam herein, reichte den Buben, ohne Demba zu beachten, die Hand, zog den einen am Ohr, gab dem andern einen Klaps, fragte, ob »die Ella« zu Hause sei – »die Ella!« Einfach »die Ella« nannte er Fräulein Becker. Aber dem Hauslehrer – dem wird Herr Horvath doch nicht die Hand geben! Der gehört zum Dienstpersonal, siebzig Kronen monatlich und die Jause, der ist Luft für Herrn Horvath. Was ist der Herr Horvath eigentlich so Besonderes! Disponent. Disponent in der Ölindustrie-Aktiengesellschaft, weiter nichts. Kein Hochschulstudium, keine Staatsprüfung, nun also! Und reicht mir nicht die Hand, woher denn. Unter seiner Würde! Demba spürte, wie ihm vor Ärger das Blut zu Kopf stieg.
Nein, nein! Nur ruhig bleiben. Liebenswürdig, freundlich, zuvorkommend sein, sich nichts anmerken lassen von seinem Ärger. Was ging ihn Horvath an? Nichts. Demba hatte sich seinen Plan zurecht gelegt. Er wollte sich zu den jungen Leuten da setzen, so tun, als säße er alle Tage mit ihnen. Wollte an der Unterhaltung teilnehmen, witzige Anekdoten erzählen, amüsant sein, den jungen Mädchen geistvolle Liebenswürdigkeiten sagen; und wenn dann Sonja kam, so sollte sie ihn als gern gesehenen Gast in angeregter Unterhaltung im Kreise ihrer Freunde finden.
Er öffnete vollends die Türe, trat hinter demKleiderständer hervor und verbeugte sich nach allen Seiten.
»Guten Abend die Herren! Küss' die Hand den Damen!« Er näherte sich dem Tisch in der Haltung eines geschmeidigen Weltmannes und unwiderstehlichen Charmeurs. »Wünsch' guten Abend den Herrschaften, ich habe die Ehre.«
Die drei Herren unterbrachen ihr Gespräch und sahen verwundert Demba an, der in kotbespritzten Hosen und durchnäßter Pelerine von Regenwasser triefend im Zimmer stand. Er störte. Man war nicht mehr unter sich. Die beiden Damen blickten von der Speisekarte auf und betrachteten Demba mit neugierigen Augen.
»Guten Abend!« sagte Horvath endlich. »Wie kommen Sie her?«
»Ein wenig ausgegangen, ein bißchen Zerstreuung gesucht,« sagte Demba leichthin. »Ein bißchen unter Menschen nach des Tages Arbeit. Ist es erlaubt, Platz zu nehmen oder störe ich vielleicht?«
»Bitte,« sagte Georg Weiner sehr kühl und Demba ließ sich, nachdem er eine Weile unschlüssig umhergeblickt hatte, schüchtern und ungeschickt am Nachbartisch nieder. Dr. Fuhrmann hustete, räusperte sich und drehte sich dann mit seinem Sessel geräuschvoll nach Georg Weiner hin.
»Sag' mir, wer ist der Mensch da?« fragte er ungeniert.
»Einer von Sonjas unmöglichen Bekannten,« gab Weiner leise zurück.
»Genau so sieht er aus,« sagte Dr. Fuhrmann und trank sein Bierglas leer.
Demba hatte die beiden flüstern gehört und wurde blutrot. Er wußte ganz genau, wovon jetztdie Rede gewesen war. Daß er Sonja nachlaufe und daß sie nichts von ihm wissen wolle, hatte der Weiner dem andern natürlich anvertraut und darüber moquierten sich jetzt die Beiden. Nein, diese Meinung, daß er Sonjas wegen hergekommen sei, durfte er keinesfalls aufkommen lassen. Dieser lügenhaften Behauptung mußte sofort auf das Entschiedenste entgegengetreten werden. Sonjas wegen? Lächerlich! Davon kann doch wirklich keine Rede sein. Zufall, verehrter Herr Weiner! Reiner Zufall, lieber Horvath! Bin übrigens erfreut, Sie hier zu treffen, lieber Horvath –
Demba erhob sich.
»Bin erfreut, hier Gesellschaft zu treffen. Habe viel von diesem Gasthaus gehört, es soll ja eine ausgezeichnete Küche führen,« sagte er zu Georg Weiner gewendet in jenen wohltönenden Redewendungen, deren er sich zu bedienen pflegte, wenn er mit den Eltern seiner Zöglinge sprach. »Bin nämlich gezwungen, häufig außer Haus zu speisen. Jawohl, beruflich gezwungen,« erklärte er mit Nachdruck und blickte dabei kampfbereit Horvath an, als befürchtete er von dieser Seite Widerspruch. »Küche und Keller dieses Etablissements werden allerorts gelobt. Genießt in der Tat ein vorzüglichesRenommee,« versicherte er dem Dr. Fuhrmann.
Dr. Fuhrmann sah zuerst seine beiden Freunde, dann Demba an, schüttelte den Kopf und vertiefte sich achselzuckend in sein Abendblatt. Weiner und Horvath wußten nicht, was sie auf diesen Erguß erwidern sollten und lächelten verlegen. Die Theaterelevinnen kicherten in ihre Teller hinein.
Demba aber hatte es sich in den Kopf gesetzt, alle Anwesenden davon zu überzeugen, daß er durchaus nicht Sonjas wegen, sondern nur des guten Essens halber hergekommen sei. Er bestand darauf, die Sache allen klarzumachen und redete eigensinnig weiter.
»Die vorzügliche Qualität der Speisen, die der Wirt bietet, bildet seit Wochen überall das Tagesgespräch. Von allen Seiten hört man nur Lob über –«
Er brach jäh ab. Der Kellner stand vor ihm und hielt ihm die Speisekarte hin.
»Speisen gefällig?«
»Später! Später!« stotterte Demba in höchster Verlegenheit und warf einen erschrockenen Blick auf Georg Weiner. »Kommen Sie später. Ich pflege doch nie vor neun Uhr abends zu nachtmahlen.«
Er starrte in die Luft und dachte angelegentlich über die Dringlichkeit der Erfindung eines elektrischen Hebekrans nach, der die Speisen unter völliger Ausschaltung der Hände direkt vom Teller in den Mund befördern sollte.
»Zu trinken gefällig? Bier oder Wein?« fragte der Kellner.
Trinken! Ja, bei Gott, trinken mußte er endlich. Die Zunge klebte ihm am Gaumen und die Kehle brannte ihm wie Feuer. Lieber Gott, nur einen Schluck Bier, nur einen einzigen, kleinen Schluck! Aber es ging ja nicht, die Leute dort sahen alle her. Ein Knockabout fiel ihm ein, den er einmal in einem Varieté gesehen hatte. Der hatte ein volles Bierglas mit den Zähnen erfaßt und in die Höhe gehoben, und es geleert, ohne einen Tropfen zu vergießen. Er sah ihn ganzdeutlich vor Augen, er erinnerte sich sogar an den Applaus. Händeklatschen in allen Rängen, bravo, bravo, bravo! Ob er es nicht auch so versuchen sollte. Vielleicht einen Scherz vorgeben, eine Wette – »erlauben Sie, daß ich ihnen ein kleines Kunststück vorführe, meine Herrschaften, – ein Kunststück mit einem vollen Bierglas – sehen Sie: so.« – Bravo, bravo, bravo! Alles applaudiert.
Nein. Es ging nicht. Er wagte es nicht. Und der Durst war unerträglich. Hilfesuchend blickte er umher. Dort führte gerade Dr. Fuhrmann sein Glas zum Mund. Auf einen Zug trank er es leer. Wie gut es ihm schmeckte. Ein alter Couleur. Und er, Demba, mußte dasitzen und zusehen mit ausgetrockneter Kehle.
Mit einem Mal kam ihm die Erleuchtung.
Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen! Ein so einfacher Gedanke! Und den ganzen Tag hatte er sich vom Durst quälen lassen!
»Kellner!« rief Demba. »Bringen Sie mir ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin.«
»Wie, bitte?«
»Ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin!« rief Demba und wurde ganz erbost, weil der Kellner nicht gleich begriff, was er wollte. »Gehen Sie und bringen Sie mir es doch endlich! Sie tun ja, als ob noch nie zuvor jemand ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin bestellt hätte!«
Kopfschüttelnd ging der Kellner und brachte das Bier mit der resignierten Miene eines Mannes, der an die absonderlichsten Launen seiner Mitmenschen gewöhnt ist und den nichts mehr wundert.
Demba sah das Bier vor sich, setzte sich feierlich zurecht und begann an dem Strohhalm zu saugen.Es ging! Das Bier stieg in die Höhe und feuchtete ihm die Kehle an. Er trank in kurzen, hastigen Zügen, setzte ab und trank wieder. Bravo, bravo, bravo! Er applaudierte sich selbst, als wäre er der Knockabout im Varieté und das Publikum zugleich.
»Bringen Sie mir gleich noch ein Bier!« befahl er dem Kellner ganz heiser vor Durst und vor Erregung.
Drüben an Weiners Tisch waren sie auf Dembas sonderbare Art zu trinken aufmerksam geworden. Die beiden Mädchen flüsterten miteinander, kicherten, stießen ihre Nachbarn an und wiesen heimlich auf den seltsamen Zecher.
Horvath klemmte sein Monokel ins Auge, blickte Demba spöttisch lächelnd an und fragte:
»Demba! Was treiben Sie da?«
»Sehr originell! Sehr originell!« sagte Dr. Fuhrmann ironisch.
Demba ließ den Strohhalm aus dem Mund fallen. Jetzt war es Zeit, für seine Sache einzustehen. Er erhob sich. Auf den Lippen hatte er Schaum, den er nicht wegwischen konnte.
»Ich bitte,« sagte er in sehr bestimmtem Ton. »Das ist durchaus nicht originell. Die Herren haben das noch niemals gesehen? Dann muß ich wohl annehmen, daß keiner der Herren jemals in Paris war.« Er verzog hochmütig und indigniert das Gesicht, weil er es leider mit Leuten zu tun hatte, die noch niemals in Paris gewesen waren.
»Oho!« protestierte Horvath. »Ich habe zwei Jahre in Paris gelebt, aber das habe ich noch niemals gesehen, daß man Bier durch einen Strohhalm trinkt.«
Demba fand es für geraten, den Schauplatz dieses sonderbaren Brauches schleunigst zu wechseln.
»In Petersburg!« rief er heftig. »Da kämen Sie schön an, wenn Sie dort versuchen wollten, Ihr Bier ohne einen Strohhalm zu trinken. Es verstößt geradezu gegen den guten Ton, das Glas direkt an den Mund zu setzen!«
Petersburg schien ihm jedoch noch nicht entlegen genug zu sein. Es konnte ja ganz gut einer von den Leuten dort gewesen sein. Das eine von den Mädchen, das sah mit ihren kurzgeschnittenen Haaren beinahe aus, wie eine Russin. Kurz entschlossen verlegte er die seltsame Zeremonie des Strohhalms ein Stück weiter und diesmal in eine Gegend, die ganz sicher außerhalb des Bereiches einer Kontrolle lag.
»Eigentlich stammt der Brauch aus Bagdad,« erklärte er. »In Bagdad und Damaskus können Sie an jeder Straßenecke und vor den Moscheen Araber dutzendweis' sehen, die ihr Bier durch einen Strohhalm trinken.«
Er war in diesem Augenblick völlig durchdrungen von der Wahrheit seiner Behauptung. Kampflustig blickte er von einem zum andern, bereit, mit jedem anzubinden, der etwa einen Zweifel zu äußern wagen sollte. In seinem Geiste sah er wahrhaftig einen Türken, der den Turban auf dem Kopfe in seinem Laden, zwischen Warenballen hockend, statt des Tschibuks beschaulich einen Strohhalm schmauchte.
»Also die Araber trinken Bier? Sehr gut!« sagte Horvath lachend. »Ethnographie: Nicht genügend.«
Diese Anspielung auf seinen Hauslehrerberuf brachte Demba aufs äußerste in Harnisch. Erblickte Horvath aus zusammengekniffenen Augen feindselig an und sagte giftig:
»Überhaupt. Man grüßt, wenn man in ein fremdes Zimmer kommt. Verstanden? Merken Sie sich das.«
»He? Wie meinen Sie?« fragte Horvath erstaunt.
Demba erschrak! Was hatte er denn schon wieder angestellt. Er hatte doch den Vorsatz gefaßt gehabt, bescheiden, höflich und liebenswürdig zu sein, um die Sympathien aller Anwesenden für sich zu gewinnen. Und jetzt hatte er Horvath gegen sich aufgebracht, und wenn Sonja kam, würde sie ihn mit allen zerstritten, in den Hintergrund gedrängt und aus jedem Gespräche ausgeschaltet vorfinden. Nein. Er mußte seine Unüberlegtheit wieder gut machen, mußte aufstehen, sich entschuldigen.
Er stand auf.
»Ich bitte um Verzeihung, Herr Horvath, ich muß Sie um Entschuldigung bitten. Meine Bemerkung hat nämlich nicht Ihnen gegolten. An den Kellner war sie gerichtet.«
Demba schwieg, ein wenig in Verwirrung gebracht durch Horvaths suffisantes Lächeln. Die Hitze in dem kleinen Raum wurde unerträglich. Die Gasflammen summten auf quälende Art. Der Zigarettenrauch reizte zum Husten. Demba drehte sich in nervöser Hast um und suchte den Kellner; aber der war nicht mehr im Zimmer.
»Es ist unglaublich, was für Manieren dieser Kellner hat!« ereiferte sich Demba. »Es wundert mich, daß Sie sich das gefallen lassen! Er grüßt niemals, wenn er ins Zimmer kommt. Wo ist er überhaupt, eben war er ja noch da.«
Das Bier, das Demba durch den Strohhalm eingesogen hatte, begann zu wirken. Das Blut pochte ihm in den Schläfen und er verspürte einen leichten Schwindel, Ohrensausen und Übelkeit im Magen. Er mußte sich setzen.
Horvath schwieg noch immer und lächelte, Demba sprach in seiner Verwirrung unaufhaltsam weiter.
»Ich hoffe, Sie haben die Rüge nicht auf sich bezogen, Herr Horvath. Ein Mißverständnis. Sie waren nicht gemeint. Es liegt mir fern –«
»Schon gut,« sagte Horvath endlich und Demba verstummte sofort.
»Der spinnt,« sagte Dr. Fuhrmann ganz laut und deutete mit seinem Zeigefinger auf die Stirn.
»Er ist betrunken,« erklärte Georg Weiner.
»Wollen wir nicht gehen?« fragte das eine der beiden Mädchen ängstlich.
»Wir müssen auf Sonja warten,« meinte Weiner.
»Wo bleibt denn Sonja heute so lange?« fragte Horvath.
»Sie muß jeden Augenblick kommen,« sagte Weiner.
Demba horchte auf. Natürlich! Das war wieder auf ihn gemünzt. »Muß jeden Augenblick kommen,« hatte Weiner gesagt und ihn dabei angesehen. Ich bitte, was kümmert denn das mich, wenn Sonja kommt? Bin ich ihretwegen hier? Sehr gut! Muß jeden Augenblick kommen. Eine kleine bissige Bemerkung, was? Auf mich gezielt, nicht? Aber Sie sind im Irrtum, Herr Weiner. Sie befinden sich in einem großen Irrtum. Ganz andere Gründe führen mich hierher. Triftige Gründe. Eine ganze Reihe triftiger Gründe. Muß den Herren doch sagen, was für wichtige Gründe –
Demba räusperte sich.
»Ein Zufall eigentlich, daß mich die Herren hier treffen,« sagte er. »Komme sonst selten hierher. Muß Ihnen doch eigentlich auffallen, wieso ich heute hier bin.«
Dr. Fuhrmann blickte von der Zeitung auf. Weiner nahm die Zigarre aus dem Mund und sah Demba an. Horvath lächelte.
»Nun, die Sache erklärt sich auf die einfachste Weise. Ich hatte besondere Gründe, gerade heute hierher zu kommen. Wichtige Gründe. Eine ganze Reihe sehr wichtiger Gründe.«
»So,« sagte Dr. Fuhrmann und begann, weiterzulesen.
»Gründe verschiedener Art,« sagte Demba, hustete, um Zeit zu gewinnen, und dachte nach. Aber nicht ein einziger der Gründe verschiedener Art wollte ihm in seiner Bedrängnis einfallen.
»Die Sache ist die, daß ein anderes Lokal einfach nicht in Betracht kommen konnte. Dieses da empfahl sich sozusagen von selbst, schon wegen seiner außergewöhnlich günstigen Lage. Für alle Beteiligten leicht zu erreichen.« – Demba atmete auf. Jetzt war ihm endlich etwas eingefallen.
»Ich erwarte nämlich hier zwei Herren in einer sehr delikaten Angelegenheit,« flüsterte er geheimnisvoll. »Eine Ehrenaffäre, Sie werden es ja schon erraten haben. Eine sehr ernste Sache. Verflucht ernst! Die Herren sollten eigentlich schon da sein. Offiziere von den Einundzwanziger-Jägern.«
Er stand auf und ging unsicheren Schritts zur Türe.
»Kellner!« schrie er. »Haben nicht zwei Herrennach mir gefragt? Nach Herrn Demba. Stanislaus Demba. Ein Leutnant und ein Oberleutnant mit grünen Aufschlägen.«
Der Kellner wußte von nichts.
»Noch nicht?« fragte Demba und war wirklich erstaunt, enttäuscht und verdrießlich, weil die Herren noch nicht da waren. »Das wundert mich. Offiziere pflegen in solchen Dingen pünktlich zu sein.«
Er begann ungeduldig zu werden, sah nach der Tür und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Die beiden Offiziere kamen nicht. Demba entschloß sich, Dr. Fuhrmann in dieser heikeln Angelegenheit zu Rate zu ziehen.
»Wie lange bin ich eigentlich verpflichtet, auf die Herren zu warten?« fragte er.
»Lassen Sie mich in Ruhe!« sagte Dr. Fuhrmann grob und las in seiner Zeitung weiter.
»Wie meinen Sie?« fragte Demba scharf. Jetzt, da er sich plötzlich und höchst unerwarteterweise im Mittelpunkt einer Ehrenaffäre sah, war er nicht gesonnen, auch nur die geringste Beleidigung auf sich sitzen zu lassen. Er trat an Dr. Fuhrmann heran, fixierte ihn und stellte ihn zur Rede:
»Ich bin genötigt, Sie um sofortige Aufklärung zu ersuchen.«
»Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus!« brüllte ihn Dr. Fuhrmann an. »Sie sind ja betrunken! Den Trottel möcht' ich sehen, der sich durch Sie vertreten läßt.«
Vernichtet zog sich Demba auf seinen Platz zurück. Betäubt, müde und mit schwerem Kopf brütete er vor sich hin.
Betrunken. Der Mensch dort hielt ihn für betrunken.Hatte es ihm gerade heraus ins Gesicht gesagt. Demba lachte bitter auf. Sieht mich kaum an und sagt, ich bin betrunken. Hat gar nicht erst aufgeschaut von der Zeitung, sagt einfach, ich bin betrunken. Müßte erst bewiesen werden, verehrter Herr. Wenn ich da auch mitzureden habe, wenn mir ein Urteil in dieser Sache gütigst gestattet ist – bin bei Gott noch niemals so nüchtern gewesen, wie jetzt. Weiß alles, was vorgeht, seh' alles ganz genau, nichts entgeht mir. Werde Ihnen sofort beweisen. Eine Fliege hat sich auf Ihren Teller gesetzt, verehrter Herr. Sehen Sie, nichts entgeht mir. Beobachte alles haarscharf. Das dort ist Weiners Überzieher, aus der Tasche schaut die Zeitung heraus, – zweimal gefaltet – sehe alles. Belieben den untersten Westenknopf offen zu haben, Herr Horvath – paßt sich nicht in Damengesellschaft – sehe alles. Müßte doch erst wohl bewiesen werden. Muß die Herren doch drüber aufklären. Betrunken! Werde einmal rückhaltlos meine Meinung sagen. Was glauben Sie, verehrter Herr! Was reden Sie da, verehrter Herr! Betrunken! Da muß ich denn doch –
Demba stand auf und ging auf den Nebentisch zu. Er zielte haarscharf auf die rechte Tischecke, setzte sorgfältig Schritt auf Schritt und landete wirklich ohne Zwischenfall neben Dr. Fuhrmann.
»Bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie in der Lektüre störe,« begann er und beugte sich zu Dr. Fuhrmann hinab. »Steht ohnedies nichts in der Zeitung. Generalversammlung des Jagdverbandes. Militärischer Zapfenstreich. Ein seltenes Jubiläum. Ein Selbstmord in der Babenbergerstraße. – Weiß alles. Muß gar nicht hineinsehen.Steht aber doch nicht alles in der Zeitung.« – Demba lachte gut gelaunt in sich hinein. Der Gedanke, daß nicht immer alles in der Zeitung stand, machte ihm großen Spaß.
»Was wollen Sie schon wieder?« fragte Dr. Fuhrmann.
»Möchte Ihnen nur sagen –,« erklärte Demba. Er räusperte sich und begann von neuem: »Ich lege Wert auf die Feststellung –.« – Die Übelkeit im Magen machte sich wieder fühlbar. Er verspürte ein Sausen in den Ohren, einen Druck in den Schläfen und die Gasrohre schwankten auf beängstigende Art über seinem Kopf. Er fand, daß er nicht sicher genug stand und lehnte sich kräftig mit dem Rücken an einen Sessel. So. Jetzt war ihm besser.
»Möchte nurfeststellen–,« begann Demba nochmals, aber da gab der Sessel nach und stürzte um. Das Handtäschchen der Schauspielerin fiel zu Boden und hundert Kleinigkeiten, Geldmünzen, ein Notizbuch, eine Spule Zwirn, ein kleiner Spiegel, Zigaretten, ein Schildpattkamm, zwei Bleistifte und ein kleiner Teddybär verliefen sich über den Fußboden.
Demba gelang es, sich auf den Beinen zu erhalten. Er fand einen Rückhalt an dermassivenTischplatte. – Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er beobachtete alles. Dort lag das Notizbuch. Das Fünfkronenstück war hinter den Kleiderständer gerollt.
»Sie Tölpel!« schrie Weiner. »Sie werden noch das ganze Zimmer demolieren.«
»Gehn Sie nach Hause, schlafen Sie Ihren Rausch aus, hab' ich Ihnen gesagt!« rief Dr. Fuhrmann.
»Der Spiegel ist zerbrochen!« klagte die Schauspielerin.
Weiner und Horvath waren aufgesprungen und begannen die Dinge auf dem Fußboden aufzulesen. Demba beteiligte sich an dieser Bergungsarbeit nicht. Aber er sah aufmerksam und interessiert zu und steuerte unaufhörlich nützliche Winke bei.
»Das Fünfkronenstück ist hinter den Kleiderständer gerollt,« sagte er. »Und dort liegt der Bleistift. Rechts! Rechts, Herr Weiner!« – Betrunken? Lächerlich. Er hatte alles gesehen, nichts war ihm entgangen.
Horvath richtete sich auf und sah Demba verblüfft an.
»Also das ist doch die höhere Frechheit,« schrie er wütend. »Schmeißt alles auf die Erde und steht ruhig dabei, schaut zu, wie ich mich plage.«
Er trat hart an Demba heran.
»Vielleicht haben Sie die Güte, die Sachen aufzuheben, die Sie hinuntergeworfen haben. Aber rasch!«
Demba bückte sich nach dem Teddybären, überlegte sich die Sache jedoch und richtete sich wieder auf.
»Also wird's oder wird's nicht?« rief Horvath.
Demba schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er. »Lieber nicht.« Er fand es höchst unbillig, solche Dinge von ihm zu verlangen.
Jetzt mischte sich Dr. Fuhrmann ein.
»Das ist doch – das geht denn doch über die Hutschnur. Emil, worauf wartest du? Hau' ihm doch das Glas an den Schädel.«
Demba wurde rot und sah Dr. Fuhrmann vorwurfsvoll an.
Weiner lächelte amüsiert.
»Sie! Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen,« sagte Horvath. »Provozieren lassen wir uns nicht. Ich zähle jetzt bis drei. Wenn Sie bei drei die Sachen nicht alle aufgehoben haben, so –! Das Weitere werden Sie sehen.«
»Lassen Sie doch, Georg. Ich hebe es schon selbst auf,« bat das junge Mädchen, dem die Sachen gehörten, ängstlich.
»Eins,« sagte Horvath.
Demba runzelte die Stirne, drehte sich um und ging unsicheren Schritts an seinen Tisch zurück.
»Zwei,« zählte Horvath.
»Was wollen Sie denn von mir!« rief Demba. »Lassen Sie mich doch in Ruhe.«
»Drei!« rief Horvath. Seine Geduld war zu Ende. Er griff nach seinem Weinglas und schüttete den Inhalt Demba ins Gesicht. »So. Da haben Sie.«
Die Mädchen schrieen auf.
Demba fuhr in die Höhe. Er war totenblaß, der Wein strömte über sein Gesicht und blendete ihm die Augen. Er sah kläglich aus und lächerlich und furchtbar zugleich.
Der kalte Guß hatte ihn mit einem Male nüchtern gemacht. Er sah alles ganz klar. Eine brennende Scham stieg in ihm auf. Was hatte er getan, was hatte er geschwätzt! Wie war ihm das geschehen! Wie hatte er denen dort den Narren abgeben können und den Hanswurst den ganzen Abend hindurch! Sie hatten ihn verhöhnt, gereizt, wie einen Hund behandelt, und er hatte es geduldet, um Sonja sehen zu können, und jetzt stand er da, allen zum Gelächter.
Aber jetzt war's genug. Aller Groll, alle Wut, alle Enttäuschung, die er den ganzen Tag hindurch stumm hinunter gewürgt hatte, – das alles kam jetzt zum Ausbruch. Jetzt wollte er den dreien dort an die Gurgel.
Sie lachten! Sie lachten über ihn! Alle lachten sie. Nun sollten sie seine Fäuste spüren. Weiner zuerst mit seiner kinnlosen Fratze. Und dann der andere mit seinem Bulldoggengesicht und dann Horvath.
Er ging auf sie los, konnte nicht sprechen vor Zorn und Scham und Reue und hatte nur den einen Gedanken, sie alle drei mit bloßen Händen zu erwürgen.
Aber plötzlich blieb er stehen und biß stöhnend die Zähne zusammen. Seine Hände waren gefesselt! Seine Hände waren wertlos. Seine Hände mußten versteckt und verborgen bleiben.
Und er schrie zu Gott verzweifelt nach einer Waffe.
Gott gab sie ihm.
Demba stand vor den Dreien, keuchend vor Zorn, zitternd vor Rachgier, knirschend vor Mordlust und dennoch wehrlos, ohnmächtig, allen zum Gespött. Sie lachten über ihn, lachten aus vollem Hals, schüttelten sich vor Lachen über seinen hilflosen Zorn.
Und Weiner hatte, um nicht bei dem Spaß zurückzustehen, sein Weinglas in die Hand genommen und rief:
»Noch ein Glas gefällig? Zur Abkühlung!«
Da erklang plötzlich von der Türe her Sonjas helle Stimme:
»Um Gottes willen! Georg! Nimm dich in acht! Er hat einen Revolver in der Hand!«